Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 13 - Opa Scholten

Anna und Frank hatten sich in ihrer neuen Schule gut eingelebt und sich mit einigen ihrer neuen Klassenkameraden angefreundet. Sie fanden, dass ihre neuen Lehrerinnen und Lehrer viel netter waren, als die aus ihrer alten Schule. Toll war auch, dass sie zur Schule laufen konnten, denn diese war in einer Viertelstunde bequem zu erreichen. Früher, in ihrer alten Heimat, waren sie auf den Bus angewiesen, weil die Schule ein paar Kilometer von Ihrer Wohnung entfernt war. Da mussten sie immer sehr früh aufstehen, um den Bus nicht zu verpassen.

Die Ferien lagen schon drei Wochen zurück und die beiden Kinder waren nachmittags oft lange mit ihren Hausarbeiten beschäftigt. Die Oma Dorfhexe würde sie bestimmt schon vermissen, denn diese hatten sie nach der Ferienzeit nur ein einziges Mal besucht.

„Wir waren schon eine ganze Weile nicht mehr bei der Frau Baltasar. Hoffentlich ist sie nicht traurig und denkt, wir haben sie vergessen“, sagte Anna eines Nachmittags zu ihrem Bruder. „Stimmt“, entgegnete Frank. „Morgen ist Sonntag, da haben wir frei. Nach dem Frühstück könnten wir dann die Omi besuchen, hast du Lust?“

„Oh ja!“ rief Anna und tanzte vor Freude durch das Kinderzimmer.

Beim Abendbrot erzählten sie den Eltern von ihrem Vorhaben. Die sahen sich an und lächelten. „Wisst ihr Kinder, ich war in den letzten Wochen ein paar Mal bei der alten Dame“, sagte die Mutter. “Ihr geht es gut und immer hat sie nach euch gefragt. Wenn ich dann ging, sagte sie stets: Grüßen sie Anna und Frank von mir.“

„Und warum hast du uns diese Grüße nicht ausgerichtet?“ fragte Anna empört. Auch Frank stand vom Tisch auf und rief: „Das finde ich gemein! Die arme Omi denkt bestimmt wir hätten sie vergessen. Sie richtet uns Grüße aus und hat bestimmt gehofft, dass du ihr beim nächsten Besuch Grüße von uns mitbringst.“

„Nun setzt euch mal hin und hört mir zu. Ich habe ihr bei meinem letzten Besuch erzählt, dass ich die Grüße an euch nicht ausgerichtet habe. Sie hat mich ganz erstaunt angesehen doch ich habe ich ihr erklärt, warum ich es nicht getan habe.

„Liebe Frau Baltasar, ich habe den Kindern die Grüße nicht bestellt. Ich wollte sie gar nicht an Sie erinnern, denn sie sollten schon von selbst darauf kommen, sich mal wieder bei ihnen zu melden. Bei den vielen Hausaufgaben blieb immer noch genügend Zeit sie zu besuchen und da waren ja auch noch die Wochenenden.“

„Das ist gemein!“ riefen die Kinder. „Wir haben unsere liebe Omi nicht vergessen. Morgen gehen wir sie besuchen und werden ihr erzählen, dass wir ganz oft an sie gedacht haben und dass wir unseren neuen Schulkameraden von den Abenteuern in der Natur berichtet haben.“

„Nun beruhigt euch mal. Setzt euch an den Tisch und esst euer Abendbrot.“ mischte sich der Vater jetzt ein. „Ob es nun falsch oder richtig war, was eure Mutter da gemacht hat, will ich nicht beurteilen aber darüber gewundert, dass ihr die Frau Baltasar nur einmal während der letzten drei Wochen besucht habt, habe ich mich schon. Während der Ferienzeit drehte sich doch alles nur um die Oma Dorfhexe. Keinen Tag habt ihr ausgelassen um sie zu besuchen und um mit ihr spannende Abenteuer in der Natur zu erleben.“ Nachdenklich und mit langen Gesichtern saßen Anna und Frank noch eine Weile am Tisch. „Nun lacht mal wieder und grübelt nicht. Morgen besucht ihr die Omi und das wird bestimmt ein herzliches Wiedersehen“, tröstete die Mutter. „So aber nun ab ins Bett aber wascht euch noch und putzt eure Zähne. Du Anna, mir ist letztens aufgefallen, dass du mit der Zahnbürste immer noch falsch über deine Zähne fährst. Du musst sie von oben nach unten bewegen, so wie es auf der Abbildung dargestellt ist, die der Schulzahnarzt euch mitgegeben hat.“

„Heute ist wohl Meckertag“, flüsterte Anna ihrem Bruder zu.

„Lass sie nur“, sagte Frank. „Morgen gehen wir zur Oma Dorfhexe und da wird nicht gemeckert.“

Der Morgen kam und mit ihm ein strahlend blauer Himmel, den die aufgehende Sonne mit einem orangeroten Schleier schmückte. Die Temperatur ließ zu wünschen übrig, denn das Thermometer zeigte nur zwölf Grad an. Es war auch bald Herbst und der hatte in der letzten Woche, mit stürmischem Wind und Regen, sein baldiges Erwachen angekündigt.

Beim Frühstück sagte die Mutter: „Zieht euch warm an Kinder. Der Tag verspricht zwar schön zu werden aber das kann sich auch schnell ändern.“

Gestärkt von dem köstlichen Frühstück, das die Mutter ihnen serviert hatte, machten sie sich nun auf den Weg zur Oma. Frank hatte seine Schwester an die Hand genommen, ließ sie aber nach ein paar Minuten wieder los.

„Du zappelst herum wie ein Wackelpudding. Kannst du nicht vernünftig laufen?“ Anna steckte ihm die Zunge raus und sagte dann: „Ich lauf so wie ich will. Habe eben Spaß und freue mich auf die Oma Dorfhexe.“

Immer noch schmückten einige Wildblumen die saftigen Weiden und die milden Sonnenstrahlen ließen ihre Blüten wunderbar leuchten. Begleitet von dem Gesang zahlreicher Waldvögel erreichten Anna und Frank schon bald das Häuschen der Frau Baltasar. „Hallo, guten Morgen!“ rief Anna schon von weitem. „Das hört die Oma nicht, Anna. Wir sind noch zu weit entfernt.“

Doch da hatte er sich geirrt, denn die Oma hatte gute Ohren und so hatte sie natürlich auch die Stimme ihrer kleinen Freundin Anna vernommen. Die Türe ging auf und die alte Dame winkte den Kindern zu. Das war eine Wiedersehensfreude! „So, jetzt kommt mal rein, ihr zwei, setzt euch an den Tisch. Ich habe den Kohleofen schon in Betrieb, denn die Nächte sind kalt und Kälte tut meinen alten Knochen gar nicht gut.“ Kurz darauf klapperte es in der Küche. Die Kinder ahnten schon, dass die Frau Baltasar gleich mit drei Gläsern Beerensaft wiederkommen würde. „Hier habt ihr mal warmen Beerensaft. Kalt habt ihr ihn ja schon oft getrunken“, sagte die Oma Dorfhexe. Der Saft schien den Kindern zu schmecken, denn im Nu hatten sie ihre Gläser geleert. „Wir haben uns ja nun eine lange Zeit nicht gesehen. Hattet bestimmt genug mit euren Hausaufgaben zu tun, oder?“

„Ja, und dann hatten wir uns auch manchmal mit Maria und Michael verabredet.“

„Maria und Michael? Die Zwillinge vom Pferdehof Scholten?“ fragte die Oma Dorfhexe erstaunt. „Ja, kennen sie die etwa?“ Frank blickte die Oma fragend an. „Na klar kenne ich Maria und Michael. Ihre Eltern bekommen einmal im Monat Fisch von mir und meine leckeren Säfte und Tees mögen sie auch besonders gerne. Oma und Opa Scholten, die Eltern von Michael und Marias Vater, waren schon Kunden bei meiner Mutter. Ich erinnere mich da an ein Jahr, es war kurz vor Weihnachten und meine Mutter hatte gerade einige Portionen Aale geräuchert, die die Familie Scholten bestellt hatte, da nahm sie mich mit zu dem großen Pferdehof. Wie ihr euch vorstellen könnt, waren wir zu Fuß eine ganze Weile unterwegs, denn es sind bestimmt sechs km bis zu dem Hof. Dann kam noch der Schnee hinzu und wir mussten gut aufpassen, dass wir nicht ausrutschten. Sonst erledigte meine Mutter die Lieferungen immer mit dem Fahrrad und einem kleinen Anhänger, doch bei diesem Wetter war das zu gefährlich. Der Opa Scholten schimpfte, als er uns kommen sah. „Liebe Frau Baltasar, warum haben sie denn nicht angerufen? Wir hätten uns die leckeren Sachen schon abgeholt.“

„Ich hab doch gar kein Telefon“, erwiderte meine Mutter und lächelte.

„Kein Telefon? Ach ja, haben sie ja gar nicht, stimmt.“ erinnerte sich Opa Scholten. „Nun kommen sie erst einmal in die Stube. Ich mach uns eine Tasse Tee. Die Kleine sieht auch ganz durchgefroren aus, ein heißer Kakao wird ihr gut tun.“

Er führte uns in einen großen Raum in dem uralte, bestimmt wertvolle Möbel standen. Gegenüber dem Tisch, an dem wir Platz genommen hatten, knisterte, in einem mächtig großen Kamin trockenes Birkenholz. Das flackernde Licht ließ die zahlreichen Jagdtrophäen, die an den Wänden hingen, ganz schön gespenstisch erscheinen.

„So, was bekommen sie denn nun für all die köstlichen Sachen, die sie uns mitgebracht haben?“ fragte Opa Scholten, der gerade dabei war Kakao und Tee zu servieren. „Ist das hier genug?“ Er legte einen Fünfzigmarkschein auf den Tisch und schaute meine Mutter an. „Viel zu viel, zweiundvierzig Mark bekomme ich von Ihnen.“

„Lassen Sie`s mal gut sein, Frau Baltasar. Schließlich haben sie sich ja auch bei diesem kalten Wetter die Mühe gemacht uns zu beliefern. Außerdem war ich in der letzten Woche in der Stadt und habe den Markt besucht. Da habe ich aber gestaunt, wie teuer der Fischhändler die geräucherten Aale verkaufte. Da sind ihre doch wesentlich günstiger und auch frischer.“

Nachdem die zwei sich eine Weile unterhalten hatten, ging Opa Scholten auf den Hof hinaus, holte sein Auto aus der Scheune und parkte es direkt vor der Haustüre. Da ich dies alles von meinem Platz aus durch das großes Fenster beobachtet hatte, sagte ich zu meiner Mutter: „Der Opa hat sein Auto geholt und es vor der Tür geparkt.“

„Dann wird er bestimmt noch etwas zu erledigen haben.“ Zieh deinen Mantel an, wir gehen dann lieber.“ Als ich die Haustüre öffnete, stand Opa Scholten am offenen Kofferraum seines Autos und sagte: „Lege die Körbe hier hinein, ich werde euch nach Hause fahren.“

„Das ist aber nett von Ihnen. Da wird sich meine Tochter bestimmt freuen.“ Und wie ich mich freute. Noch nie hatte ich in einem Auto gesessen und hier durfte ich sogar vorne sitzen. Während der Fahrt kam es mir vor, als ob Häuser, Bäume und Sträucher an uns vorbei flögen und die am Himmel ziehenden Wolken es heute besonders eilig hätten. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber für mich war sie ein wunderbares Erlebnis. „So, alles aussteigen, wir sind am Hexenhaus angekommen.“ Es war die Stimme von Opa Scholten, der lachend die Körbe aus dem Kofferraum holte. „Macht es gut, ihr Zwei und vielen Dank noch mal.“

Da kennen sie die Familie Scholten schon ganz schön lange“, sagte Anna. „Ja“, die Scholtens gehören schon seit langer Zeit zu unserem festen Kundenstamm. Grüßt bitte Maria und Michael von mir, wenn ihr die Beiden seht und sagt Ihnen, dass ich ihre Eltern in der nächsten Woche besuchen werde.“

„Machen wir“, sagte Frank und Anna nickte zustimmend.

„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr gleich mit mir zum Rhein gehen. Ich lege meine Reusen jetzt an einer anderen Stelle aus. Ist zwar ein Stückchen weiter zu laufen aber die Stelle ist gut für den Aalfang. In der letzten Woche habe ich dort ganz schön dicke Exemplare gefangen. Mal sehen ob heute auch so stattliche Kameraden dabei sind.“

„Sonst haben Sie doch schon immer ganz früh am Morgen nach den Reusen geschaut“, sagte Frank erstaunt. „Ach weißt du, das geht alles nicht mehr so wie früher. Ich mache es jetzt so, wie ich es gerade schaffe. Die alten Knochen sind müde geworden und wollen manchmal nicht so wie ich es gerne möchte. Das es jetzt schon mal eine oder zwei Stunden später wird, weil ich meine Arbeiten ein wenig langsamer verrichte, ist nicht so tragisch. Ich danke dem lieben Herrgott dafür, dass ich es überhaupt noch schaffe. Anderen Leuten in meinem Alter geht es da wesentlich schlechter. Noch spüre ich den Willen der Natur, erlebe den Regen, die Stürme, die Schönheit der Jahreszeiten und das wilde Rauschen des Flusses. Was gibt es denn schon Schöneres, als das Erwachen des neuen Tages hier inmitten von Wald und Weiden zu erleben, oder des Abends die Sonne in den Fluten des Stromes ertrinken zu sehen. Das hier ist mein Leben und ich werde es so fortführen bis mich der liebe Gott eines Tages zu sich ruft.“ Anna und Frank waren bei diesen Worten ganz still geworden und ganz nah aneinander gerückt. „Sie müssen aber noch ganz lange bei uns bleiben, uns noch viele Dinge zeigen und noch viele von Ihren schönen Geschichten erzählen“, sagte Anna mit trauriger Mine.“

„Ein paar Jährchen werde ich euch bestimmt noch begleiten. Nun lach mal wieder, kleine Anna, sonst gibt es gleich Regen. Die Sonne mag keine traurigen Gesichter.“

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Scholmanns).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Scholmanns auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Wolfgang Scholmanns:

cover

Gedankenreisen (Anthologie) von Wolfgang Scholmanns



von Mona Seifert, Markus P. Baumeler und 16 weiteren Autorinnen und Autoren,

Worte rund um das Leben und die Liebe mit wunderschönen handgezeichneten Skizzen zu Texten, Gedichten und Gedanken. Werke von 18 Autoren und Künstlern des Forums Gedankenreisen (http://31693.rapidforum.com) in einer zauberhaften Anthologie.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Kinder- und Jugendliteratur" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Scholmanns

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Wolf steigt aus Teil IV von Wolfgang Scholmanns (Wie das Leben so spielt)
Abschied unterm Regenbogen von Michael Reißig (Kinder- und Jugendliteratur)
....Die kleine verlorene Seele..... von Stephanie Grewer (Trauriges / Verzweiflung)