Hans Fritz

Die Unterquerung des Atlantik

Die Zukunft wird uns so manches bescheren was heute noch unvorstellbar ist.

So um 2074 ist der Transatlantiktunnel (TAT), der Westeuropa mit Nordamerika verbindet, samt seiner doppelspurigen Bahntrasse fertiggestellt. Das bisher grösste Bauwerk aller Zeiten, verwirklicht in dreieinhalb Jahren!

Die Jungfernfahrt mit vierzig nicht ganz Freiwilligen verlief problemlos. Mitglieder des Europaparlaments bestiegen irgendwo an der Westküste Frankreichs den Prototyp eines mit viel Luxus ausgestatteten hochmodernen Zugs. Sie kamen irgendwo an der Ostküste der USA wieder ans Tageslicht. Ganze zwei Tage dauerte die Nonstop-Fahrt im Okzidentexpress. Der kühle Empfang drüben soll die fast unerträgliche Hitze im Ankunftsgelände einigermassen ausgeglichen haben. Auch die Rückreise ging völlig pannenlos vonstatten. Das bedeutet sattgrünes Licht für die folgenden Fahrten.

Das berichtet die total digitalisierte Boulevardpresse mit dem ominösen Namen Taúropicks (TaPi), die sich weltweiter Verbreitung in allen erdenklichen Sprachen erfreut.

Nun möchte das Institut für Irrealitätsforschung (IFIF) in enger Zusammenarbeit mit der TaPi und der Überseebahngesellschaft eine Fahrt durch den TAT für den Normalbürger organisieren. Aus mehreren hundert Interessenten aus 23 Staaten werden 50 Leute ausgelost, die die Transatlantikreise im Salonwagen geniessen sollen. Schliesslich werden 46 ‘Auserwählte’ teilnehmen, vier haben abgesagt. Salonwagen – das klingt ein wenig nach Nostalgie, nach einem Orientexpress längst vergangener Tage.

Die Flugreise nach Westfrankreich, zum Terminal Nord der kürzlich eingeweihten Stadt Otazville, erfolgt auf eigene Kosten.

Ein Bus der oberen Luxusklasse mit 20 Sitz- und 52 Stehplätzen bringt die Passagiere zur Station beim Tunneleingang, der einem gigantischen Tor gleicht. Im Bus hat sich IFIF-Chef und Reiseleiter Possibili unter die Fahrgäste gemischt. Mit kargen Worten begrüsst er die Gruppe und wünscht viel Spass. Auf dem Bahnsteig auf und ab spazierend, werden die Passagiere bald vom Herannahen des Zugs aus ihrer Ungeduld erlöst. Der spitzschnäuzige führerlose Triebwagen ist der Salonwagen. Es folgen zwei weitere, zunächst nicht näher definierbare Waggons. Alle ohne Fenster! Der enttäuschte Herr Tschuggenthaler spricht Possibili darauf an: «Keine Fenster, da sehen wir ja nicht was draussen geschieht». «Im Tunnel gibt es nichts zu sehen, ausser aschgrauen Wänden, worauf wir doch gerne verzichten können», bekommt er zur Antwort.

Alle haben es sich im Salonwagen bequem gemacht, als sich der Zug mit einem heftigen Ruck in Bewegung setzt. Jetzt wäre eine offizielle Begrüssung von Seiten Posibillis fällig. Das denken die meisten. Doch der Mann schweigt. Das mit Sorgfalt und viel Liebe zum Detail aufgebaute Kalte Buffet mit seinen verlockenden, weitgehend alkoholfreien Getränken tröstet über fehlende Worte hinweg. Ein siebenstimmiger deutschsprachiger Chor singt unter belgischer Akkordeonbegleitung: «Kannst du mir wohl sagen, wohin die Reise geht …»

Die keinem Abenteuer abgeneigte Frau Frischbanck arbeitet sich über die bedenklich schwankende Plattform in den nächsten Wagen vor, der im ersten Drittel die sanitären Anlagen birgt, dann mehrere Abteile mit rot verplüschten Sitzen. Bis jetzt ist hier noch kein Mensch, stellt die Wagemutige fest. Im nächsten Wagen befinden sich mehrere Reihen zurückklappbarer Sitze sowie Gestelle für die Gepäckablage. Wieder kein Mensch – doch da! Ein einsamer Passagier mit einer Fotoausrüstung. «Sie kommen wohl aus dem Salonwagen?» fragt er ruhig. «Ja, stimmt», antwortet Frau Frischbanck. «Mutig, mutig», meint der Mann. Zurück im Salon hat Frau Frischbanck ein Aha-Erlebnis, indem sie erfährt, dass demnächst ein Journalist auftauchen und über den Verlauf der Fahrt berichten soll.

Alle sind von der ausgeklügelten Technik der Luftzufuhr begeistert. «Vor ein paar Minuten glaubte ich den Duft von frisch gemähtem Gras zu atmen», meint eine sehr junge Passagierin. «War wohl Seegras», spöttelt ein älterer Herr. «Mir ist aufgefallen, dass wir uns völlig eben fortbewegen», sinniert er dann. «Es wäre doch ein gewisses Gefälle zu erwarten, unterqueren wir doch den Atlantik mindestens 50 Meter unter dem atlantischen Rücken». Niemand weiss darauf eine Antwort. Noch etwas Geplauder bis kurz vor Mitternacht. Dann geht es unter Possibilis Führung in den Wagen mit den Liegesitzen.

Nach zwei Tagen höchst unterhaltsamer Reise verkündet Possibili nach dem üppigen Frühstück im Salon: «So, da wären wir. Otazville erwartet uns». «Aber – aber, da waren wir doch eingestiegen, wie - wo haben wir gewendet? Wir sind doch nicht etwa im Kreis gefahren? Oder gibt es ein amerikanisches New Otazville, so wie New Orleans?» Das alles möchte Herr Grenvilé, der Kriminalist, wissen. «Habe doch gleich gewusst, dass da etwas nicht stimmt», mischt sich Frau Frischbanck ein. «Wo ist eigentlich der Reporter verblieben?»

Mittlerweile haben sich alle vor der Station in einem Halbkreis aufgestellt. Herr Posibilli hält nun seine längst fällige Rede in der Variante eines auferstandenen Esperanto. «Tja, liebe Gäste. Ich bin euch eine Erklärung schuldig. Herr Grenvilé hat im Prinzip recht. Wir sind tatsächlich im Kreis gefahren, auf der neuen Versuchsstrecke, im Prototyp einer neuen Zugkomposition – wenigstens in einem Teil davon – der eigens für die vor Jahren geplante aber bis jetzt nicht verwirklichte Transatlantikunterquerung im Atlantis-Tunnel konzipiert wurde». Ein paar deftige Buhrufe übertönen die Ahs und Ohs toleranter Zuhörer. «Ich habe einen als Reporter ausgestatteten Techniker gebeten den Fahrtverlauf so wirklichkeitsnah wie möglich zu steuern, was, wie er mir gebeichtet hat, leider nicht immer ganz gelingen konnte. Im Übrigen hoffe ich, dass eure Enttäuschung nicht allzu gross ist. Alles in allem hatten wir ein schönes Erlebnis, vor allem die Illusion einer Reise mit verheissungsvollem Ziel, das tatsächlich einmal, wenigstens inoffiziell, den Namen New Otazville tragen soll. Betrachtet das Ganze als gelungene Probe für eine in wenigen Jahren realistische Atlantikunterquerung». «Alles schön und gut», meldet der sich der plötzlich wie aus dem Nichts aufgetauchte ‘Reporter’ Tom Raily. «Wir hoffen das Projekt Atlantis-Tunnel sobald wie möglich in die Tat umsetzen zu können. Bis dahin gibt es ein paar Probleme zu lösen. Besonders die Installation des Belüftungssystems macht uns noch zu schaffen. Bei unserer gerade beendeten Pionierfahrt, wie ich sie einmal nennen möchte, spielte das ja keine Rolle, denn auf den Strecken im freien Gelände konnten wir genügend Frischluft einpumpen». Auf die Frage eines besonders Wissbegierigen: «Womit sind wir gefahren, mit einem neu entdeckten Diesel?» antwortet er: «Nein, mit Wasserstoff. Der Tank befindet sich am hinteren Ende des Triebwagens, im Anschluss an den Salon».

Das Possibili’sche Schlusswort lautet: «Ich möchte jedem von euch zur Belohnung oder Entschädigung, wie es beliebt, einen Bon für einen verbilligten Transatlantikflug mit einem Luftschiff der modernsten Bauart überreichen». Der Beifall hält sich in Grenzen. Nach lebhaftem allgemeinem Wortwechsel zerstreut sich die Reisegruppe. Am Rande des Geschehens möchte Raily von Possibili wissen, warum er nicht die Aktion ehrlicherweise als Probefahrt angekündigt habe. «Da wäre doch keiner gekommen», ist die vielleicht sogar berechtigte Antwort.

 

SCHLUSSWORTE

Ein im Auftrag der Überseebahngesellschaft handelndes Institut wartete also mit einem ebenso üblen wie neckischen Streich auf, wobei 46 ‘Auserwählten’ die unerwünschte Rundreise beinahe zum Ärgernis gereichte. Dabei ist es schon höchst erstaunlich, dass europaweit viele Menschen glaubten, der Transatlantiktunnel sei schon Realität.

Übrigens - die transatlantische Jungfernfahrt der Parlamentarier fand nicht einmal auf der Versuchsstrecke, sondern gar nicht statt, gehört also eindeutig zur Kategorie ‘Fake-News’.
 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hans Fritz).
Der Beitrag wurde von Hans Fritz auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Geschichte von Ella und Paul von Christina Dittwald



Der Schutzengel Paul verliebt sich in Ella, seine junge Schutzbefohlene. Schwierig, schwierig, denn verliebte Schutzengel verlieren ihren Status. Ella hat Schutz bitter nötig... und so müssen die beiden sich etwas einfallen lassen. Eine große Rolle spielt dabei ein Liebesschloss mit den Namen der beiden an einer Brücke über einen großen Fluss. Die reale Welt mischt sich mit Fantasy und Traumsequenzen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Skurriles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hans Fritz

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Pandorismus von Hans Fritz (Glossen)
Der Erste Kuß von Rita Bremm-Heffels (Skurriles)
Das Gespenst von Christiane Mielck-Retzdorff (Lebensgeschichten & Schicksale)