Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 14 - Die Heilkräfte des Holunders

Sei so lieb Frank und hole die Karre aus dem Schuppen. Die Körbe hab ich schon draufgestellt. Nimm noch ein paar von den großen Eimern mit, die hinter der Türe stehen. Dort an der Kuhtränke wo ich meine Reusen ausgelegt habe, steht ein großer Holunderbusch, der voller reifer Beeren hängt. Ich wollte sie gestern schon pflücken aber die Dolden hängen so hoch, dass ich Mühe hatte sie zu erreichen. Heute könnt ihr mir dabei helfen.“

„Dolden, was sind denn Dolden?“ fragte Anna die Oma Dorfhexe. „Ach so, das wisst ihr nicht? Doldenblütler oder Doldengewächse, gibt es ganz viele. Darunter sind Gewürzpflanzen und andere Nahrungspflanzen aber auch einige sehr giftige Arten. Die Doldengewächse haben alle einen Stängel der hohl und knotig ist. Als Dolden bezeichnet man die Auswüchse, an denen im Frühjahr die Blüte sprießt und im Spätsommer die Beerenfrucht leuchtet. Der Holunder gilt als bekannte Heilpflanze, aber seine Früchte und Blüten müssen vor dem Genuss tüchtig erhitzt werden, damit die Giftstoffe zerstört werden, die bei rohem Genuss zu Durchfall und Erbrechen führen können. Aus seinen im Frühjahr erscheinenden weißen Blüten, kann man Tee zubereiten, der eine schweißtreibende Wirkung hat und bei Erkältungskrankheiten gern getrunken wird. Die rotschwarzen Beeren, die im Sommer die Zweige der Holundersträucher schmücken, sind reich an Vitamin C. Aus ihnen kann man leckere Marmelade, Saft und auch Likör herstellen. Aber ihr dürft diese Beeren niemals roh essen, denn dann bekommt ihr Durchfall oder müsst erbrechen.“

Anna und Frank standen mit offenen Mündern da und staunten über die Kenntnisse der Oma Dorfhexe. „Was sie alles wissen“, sagte Frank.“

„Na, jetzt wisst ihr ja auch schon wieder etwas mehr über die heilenden Kräfte der hiesigen Pflanzen.“ Die Omi schmunzelte. Frank zog die alte Karre, was manchmal ganz schön schwierig war, denn der Weg war holperig und sandig. „So, da haben wir unser Ziel bald erreicht“, sagte die Oma und blieb vor einem Zaun stehen, dessen Weideneingang mit einem Draht zugebunden war. Sie knotete den Draht auseinander und öffnete das aus Holzpfählen und Stacheldraht hergestellte Tor. „Ein paar Schritte noch und wir sind bei meinen Reusen. Da vorn ist die Kuhtränke. Der Bauer Friedhelm hat die Weidensträucher beseitigt, damit seine Kühe ans Wasser kommen.“

„Diese Weide gehört auch dem Bauern Friedhelm?“ fragte Anna erstaunt. Der muss aber reich sein.“ Die Omi lachte. „Bei so vielen Kühen, wie der Bauer Friedhelm sie hat, genügt eine Weide nicht. Wenn die eine abgegrast ist, treibt er seine Kühe auf die andere Weide, und das immer im Wechsel. So bekommen seine Viecher immer wieder saftiges Gras und frische Pflanzen und geben besonders viel Milch.“

„Ach so“, sagte Anna. „Das verstehe ich.“

„Seht mal, hier rechts von der Tränke steht der Holunderbusch mit seinen prall gefüllten Beeren. Die könnt ihr mir pflücken und sie in die Eimer geben. Ihr seit noch beweglicher als ich alte Frau und kommt auch an die oberen Äste. Aber passt auf, dass ihr nicht ins Wasser fallt, sonst landet ihr noch in einer meiner Fischreusen, die ich dort unter dem Strauch ausgelegt habe.“ Anna und Frank mussten lachen und auch die Oma Dorfhexe kicherte vergnügt. Es dauerte eine Weile, bis die Kinder den Holunderstrauch abgeerntet hatten. Drei Eimer waren bis zum Rand voll geworden. Die alte Dame hatte die Beiden während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen. „Da ward ihr aber fleißig. Vielen Dank meine Lieben. Nun wollen wir mal schauen, was heute Nacht alles in die Reusen geschwommen ist.“ Am Ufer standen mehrere Pfähle, an denen die Oma die Taue der Reusen befestigt hatte. Mit einem kräftigen „Hau Ruck“, wie es die Oma Dorfhexe beim Reuseneinholen immer zu sagen pflegte, wurde die erste Reuse ans Ufer gezogen. Die beiden anderen folgten und schon bald wimmelte es in den großen Körben, die Frank von der Karre geholt und schon bereitgestellt hatte, von Aalen und anderem Flussgetier. „Pfui“, rief Anna, „da sind ja wieder diese Wollkrabben dabei.“

„Die heißen Wollhandkrabben“, verbesserte sie Frank.

„Ist mir egal wie die heißen. Ich will sie erst gar nicht sehen.“ Die Omi lachte. „Hab sie schon wieder in den Fluss zurückgesetzt mein Kind. Du kannst dich ruhig wieder umdrehen. Sie mal was für große Aale und dann noch so viele. Die sind ja so dick wie ein Kinderarm. Da könnt ihr heute welche mit nach Hause nehmen und eure Mutter kann ein leckeres Abendbrot davon zubereiten. Drei Karpfen sind auch noch dabei, wie schön. Bauer Friedhelm hat vor einiger Zeit noch nach Karpfen gefragt. Ich werde sie ihm morgen bringen. Da wird er sich bestimmt freuen.“ Schnell hatte die Oma die guten Fische aussortiert und die kleineren wieder in den Fluss zurückgesetzt. Die Reusen wurden wieder an der gleichen Stelle ausgelegt und die Taue fest an den Pfählen verknotet. „Da haben wir viel geschafft. Ihr habt die Holunderbeeren gepflückt, der Fischfang war erfolgreich und wie ich sehe, habt ihr während ich die Reusen ausgelegt habe schon alles wieder auf die Handkarre gestellt. Dann wollen wir mal den Heimweg antreten. Ich muss die Fische gleich ausnehmen und ihr könnt, wenn ihr möchtet, die Holunderbeeren von den Strünken abstreifen.“

„Oh ja, dass machen wir gerne!“ rief Anna. „Machen sie dann auch Saft?“

„Mal sehen, ob ich das heute noch schaffe. Wenn`s nicht zu spät wird, könnt ihr mir dabei zusehen.“

Die Sonne schien und hatte die Temperatur auf angenehme 18 Grad steigen lassen. Das gefiel wohl auch den beiden Kätzchen, Peter und Paul. Sie sonnten sich auf der alten Holzbank. Als sie jetzt jedoch das Rappeln der Karre und die Stimmen der Kinder hörten, die der Oma gerade ein Lied vorsangen, sprangen sie auf und liefen den Dreien entgegen. „Ich weiß schon was diese beiden Racker wollen“, sagte die Oma Dorfhexe. „Wenn sie die Karre hören wissen sie genau, dass dort wieder Fisch drauf ist. Gleich, beim Ausnehmen der Fische, betteln sie wieder solange, bis ich ihnen etwas von den Fischresten gebe. Sie sind ganz verrückt danach.“

„Sind eben auch Feinschmecker.“ sagte Frank und grinste.

„Geh mal in die Küche Anna und hol aus dem Schrank zwei Schüsseln. Da könnt ihr die Beeren hinein geben. Achtet bitte darauf, dass keine ausgetrockneten dabei sind. Die sind manchmal sehr bitter und können den Saft verderben. Setzt euch hier auf die Bank und fangt schon mal an. Ich gehe hinten zum Schuppen. Die Anna mag ja nicht sehen wenn Fische ausgenommen werden.“

„Sie mal unsere Hände.“ Anna lachte, als sie letzten Beeren in die Schüssel gab und danach ihre Hände betrachtete. „Die sind so dunkelrot wie der Saft der Holunderbeeren.“

„Ihr könnt sie gleich, dort am Brunnen, waschen. Nehmt ein wenig von dem Sand, der dort unten am Brunnen in einem Eimer steht. Damit wascht eure Hände. Der Sand scheuert gut und so werden sie wieder ganz sauber“, sagte die Oma, die gerade aus der Küche kam. Sie hatte die Fische ausgewaschen und Annas Worte gehört. Heimlich schmunzelte sie denn sie wusste, dass es eine ganze Weile dauern würde bis die Hände wieder richtig sauber sein würden. „Kommt wenn ihr fertig seid in die Küche, meine Lieben.“

Als Anna und Frank das Häuschen der Frau Baltasar betraten, rümpften sie die Nasen, denn es roch hier sehr seltsam. „Das sind die Beeren, die so riechen. Ich habe sie mit etwas Wasser aufgesetzt und sie aufgekocht. Jetzt wo sie weich sind, gebe ich sie hier in das Tuch.“ Die Oma hatte ein Tuch über ein Steintopf befestigt und gab die Beeren dort hinein. Der reine Saft tropfte jetzt in den Krug und der Rest der Beeren blieb in diesem Tuch hängen. Dieser Vorgang dauerte eine ganze Weile und währenddessen packte die Oma die gesäuberten Fische zu Portionen zusammen und wickelte diese in Papier ein. „So, die kommen jetzt über Nacht in den Kühlschrank. Morgen werden sie abgeholt.“ Nach einer Weile war der Saft fast vollständig durch das Tuch gelaufen. Die Omi nahm jetzt das Tuch, drehte es zusammen und presste so die letzten Tröpfchen des Saftes aus den Beeren heraus. „ Der noch ungesüßte Saft muss jetzt in einem Einmachtopf bei achtzig Grad zwanzig Minuten lang sterilisiert werden“, erklärte die Oma Baltasar. „Dann muss man unter Rühren dreihundert Gramm Zucker pro Liter Saft in die kochende Flüssigkeit geben und alles fünf Minuten kochen lassen.“ Nachdem dies alles geschehen war, fügte sie dem Saft noch ein wenig Zimt und Zitronensaft bei und füllte ihn in Flaschen, die sie zuvor mit heißem Wasser ausgespült hatte. „Ich habe vor einiger Zeit, in einer Zeitung die bei dem Doktor in der Praxis lag, gelesen, dass wenn man vierzehn Tage lang zwei Mal täglich je zwanzig Gramm frischen Holundersaft gemischt mit fünfzehn Gramm Portwein trinkt, diese Mischung bei Rheuma und Ischias helfen soll.“

„Das können sie doch mal ausprobieren, Frau Baltasar“, sagte Frank. „Sie haben doch auch manchmal Rückenschmerzen. Vielleicht hilft dieses Mittel ja.“

„Habe ich sofort gemacht, mein Junge. Hat auch ein wenig geholfen. Zusätzlich mache ich auch immer diese Turnübungen und nehme Lavendelbäder, so wie es Doktor Köhler verordnet hat. Mir geht es auch schon besser. Hier und da zwickt es schon mal, aber ich bin halt eine alte Frau und da muss ich schon ein wenig kürzer treten. Jetzt habt ihr gelernt, wie man Holundersaft herstellt. Ich finde es gut, dass ich meine alten Hausrezepte und Weisheiten an euch weitergeben kann, liebe Kinder. Da bleiben sie der Nachwelt wenigstens erhalten. Viele Leute belächeln die Heilkräfte der Natur, nennen mich eine alte, wunderliche Dame, die sie nicht alle beisammen hat aber es gibt auch Dorfbewohner, die die Wirkung dieser Heilkräfte schon erfahren haben. Die kommen immer wieder zu mir und holen sich Rat. Es sind meistens die Alteingesessenen und ihre Nachkommen. Neuhinzugezogene halten nichts von so einem „Hexenzauber“ und rennen lieber wegen jedem Wehwehchen zum Onkel Doktor, hi hi hi.“, lachte die Omi. Sie versiegelte die Flaschen noch mit Kerzenwachs und bat anschließend Frank, diese in den Keller zu bringen. „Wir müssen jetzt aber nach Hause, Frau Baltasar“, sagte Anna. Das Läuten der Kirchturmuhr hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass Abendbrotzeit ist und sie mussten ja auch noch ihre Hausaufgaben machen. Die Oma Dorfhexe bekam noch ein Küsschen auf die Wange und mit einem „Es war wieder total schön heute“, verabschiedeten sich Anna und Frank von ihrer alten Freundin.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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