Istvan Hidy

Ich-AG

Arbeit schändet nicht, und wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Nach diesem Motto gründete ich zeitgemäß meine Ich-AG. So lebe ich jetzt auf eigene Rechnung und bin Unternehmer und Arbeitnehmer zugleich. Ich bin mein eigener Sekretär und Dienstbote, meine eigene Produktions- und Verkaufsabteilung. Schließlich bin ich natürlich auch mein eigener Manager.

Diese Situation hat gewisse Vorteile, da man sich schlechtere Beziehungen zwischen Chef und Untergebenen vorstellen kann, als ich sie zu mir selbst habe. Zugleich bringt sie aber auch einige Schwierigkeiten.

Erstens bin ich ein schlechter Chef. Ich bin nicht streng und konsequent genug, ich kann nicht befehlen und die Ausführung der Anordnungen kontrollieren. Ich mache meistens die ganze Arbeit selbst, statt sie an mich zu delegieren. Dazu kommt noch, dass ich gewissermaßen mit mir selbst verwandt bin und bei mir selbst Protektion genieße.

Genauso wie ich als Chef nicht energisch genug bin, bin ich mir als mein eigener Angestellter zu selbstbewusst. Als meine eigene Sekretärin bin ich ziemlich unqualifiziert. Abgesehen davon, dass ich keine repräsentative Figur, zwar lange, aber keine besonders schönen Beine habe, kann ich nicht mit zehn Fingern tippen. Das Einzige, was zu meinem Gunsten spricht, ist, dass ich einen besseren Kaffee als die meisten Sekretärinnen mache und dass ich nicht die Absicht hege, mich selbst als meinen Chef zu heiraten. Als mein eigener Dienstbote bin ich faul und unzuverlässig. Meine Post liegt manchmal wochenlang herum, bis sie bei mir ankommt.

Als Einmannproduzent bin ich der Kern und zugleich der schwächste Punkt meines Unternehmens. Durch das Leben meist abgelenkt und überfordert, produziere ich unregelmäßig und nur unter dem Druck der Zwangstermine. Durch Nichtstandardisierung der Vielfalt meiner Produktion erschwere ich mir als meiner Verkaufsabteilung die Arbeit und verbaue viele Absatzmöglichkeiten.

Als Verkaufsabteilung habe ich - wie es auch in vielen anderen Betrieben der Fall ist - darunter zu leiden, dass ich als Produzent nicht immer imstande bin, die Termine einzuhalten. Ich überflute mich mit interessanten, aber mäßig lohnenden Aufgaben, die meine Zeitrahmen sprengen, zumal ich die produktive Körperschaft der eigenen Ich-AG kaum erweitern kann.

Keine der von mir besetzten Abteilungen meines Unternehmens arbeitet gut genug. Es ist ja verständlich, da ich mir nicht kündigen kann, ich kann mir nicht einmal verbieten, meine Zeit auf aufgabenfremde Tätigkeiten zu verschwenden. Andererseits habe ich auch in meiner Firma keine Aufstiegsmöglichkeiten, weil alle leitenden Posten von mir schon besetzt sind. Da hilft auch keine Protektion.

Als Manager funktioniere ich aber fast perfekt. Ich habe für mich als Angestellten nie Zeit, bin mit mir selten zufrieden, und ich habe schon alle Versuche aufgegeben, mir einen besseren Arbeitsstil beizubringen. Als Unternehmer bin ich recht sozial, ich beteilige meine ganze Belegschaft gerecht am Gewinn. Das Einkommen ist zwar schäbig, immerhin halte ich mich bei den heutigen Zeiten selbstständig über Wasser. Ich möchte den Manager sehen, der mit solchen Arbeitskräften, wie ich sie zur Verfügung habe, mehr schafft!

Istvan Hidy, 2003

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