Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Tei 15 - Apfelernte

Die Apfelbäume hingen in diesem Jahr so voll, wie sonst selten. Mutter hatte Frank und Anna gebeten die Äpfel bald zu pflücken, denn sie hatte vor Apfelkompott zu machen. Die Kinder wollten sich heute an die Arbeit begeben, machten aber vorher noch ihre Hausaufgaben. Viel hatten sie nicht auf bekommen. Die Lehrer waren, wegen des wunderschönen Herbstwetters mal so nett, ihren Schülern ein bisschen mehr Freizeit zu gönnen. 

„Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, sagte Lehrer Hansen noch, womit er wohl meinte, dass die nächsten Hausaufgaben ein wenig umfangreicher ausfallen könnten. Mutter hatte schon zwei Weidenkörbe aus dem Keller geholt und auch den Apfelpflücker mitgebracht. „So, meine Lieben, jetzt zeige ich euch noch, wie man mit so einem Apfelpflücker umgeht. Kommt mal mit.“

„Das ist ja total einfach“, sagte Frank, als er seiner Mutter eine Weile zugesehen hatte. Er nahm den Apfelpflücker und strahlte, als sein erster Apfel im Korb landete. Dann trommelte er mit beiden Fäusten auf seine Brust und rief: „Ich bin Frank, der beste Apfelpflücker des Dorfes!“ Er tanzte um Anna und die Mutter herum und gab Geräusche von sich, die an Tarzanschreie erinnern ließen. „Ich will auch mal!“ rief Anna, die ihrem Bruder jetzt den Pflücker aus der Hand nahm.

So ein Obstpflücker ist eine tolle Sache. Oben, an einer langen Stange, ist ein kleines Säckchen befestigt, an dessen oberen Rand sich eine Art Gabel befindet, die die Form eines Hufeisens hat. Oben drauf sind Zacken, wo die dünnen Zweiglein, an denen die Äpfel hängen, durchgleiten können. Damit kann man die Äpfel schonend von den Ästen streifen. Sie fallen dann in dieses kleine Säckchen und landen nicht auf dem Boden wobei sie sonst, durch den harten Aufprall, Druckstellen bekommen würden. So braucht man auch nicht in den Baum zu klettern, was ja unter Umständen auch ganz schön gefährlich ist. 

„Hurra, ich hab einen.“ Anna freute sich, als sie ihr erstes Äpfelchen vom Baum holte. Sie hatte den Apfelpflücker nicht mehr aus der Hand gegeben, soviel Spaß machte ihr das Pflücken. Frank, der die noch gut erhaltenen Äpfel auflas die der Wind vom Baum geschüttelt hatte, wollte seiner Schwester den Spaß nicht verderben und ließ sie fleißig weiterpflücken. Die Mutter, die ab und zu aus dem Fenster schaute, musste manchmal lachen. „Da lässt der Junge die Anna pflücken. Wie lieb von dem großen Bruder. Da hat die Kleine großen Spaß.“ Nach und nach füllten sich die Körbe. „Da passt nun aber wirklich nichts mehr rein, Anna. Die Körbe sind randvoll und bestimmt total schwer.“ Frank hob einen der Körbe an. „Puuh, gut dass da zwei Griffe dran sind. Fass mal an, alleine schaffe ich das nicht.“ Schon bald hatten die Kinder der Mutter zwei Körbe, voll mit leckeren Äpfeln, in die Küche gestellt. „Das ist aber lieb von euch. Ich werde gleich damit beginnen die Äpfel zu schälen.“

„Die musst du alle schälen? Das ist ja eine Menge Arbeit. Sollen wir dir dabei helfen?“

„Geht ihr nur spielen. Ihr habt schließlich schon eure Hausarbeiten gemacht und die Äpfel gepflückt. Den Rest schaffe ich schon alleine.“

Eigentlich waren Frank und Anna ganz froh, dass sie jetzt ihre Freizeit genießen konnten und doch tat ihnen ihre Mutter leid, die jetzt noch so eine Menge Arbeit vor sich hatte. „Das dauert doch bestimmt eine Ewigkeit, bis alle Äpfel geschält sind. Da ist die Mutter bestimmt Stunden mit beschäftigt, die Arme“, sagte Anna.

„Ach was“, entgegnete Frank. „Mütter können so etwas viel besser als Kinder. Sie ist bestimmt schon damit fertig, wenn Vater von der Arbeit zurück ist.“

„Und was machen wir jetzt? Sollen wir die Frau Baltasar besuchen, was meinst du Frank.“

„Oh ja, dann erzählen wir ihr von unserem Apfelpflückerlebnis. Die Oma kennt bestimmt so ein Gerät, sie hat doch selbst Obstbäume in ihrem Garten.“

Auf dem Weg zu der Oma Dorfhexe fiel Frank auf, dass die Weide, wo sonst Bauer Friedhelms Kühe grasten, leer war. Das Tor stand auf und weit und breit war keines von den Rindviechern zu sehen. „Anna, die Kühe sind nicht mehr da. Die hat bestimmt jemand gestohlen.“ „Anna bekam einen gewaltigen Schrecken. „Oder, oder….. .“, stammelte sie.

„Was oder, was meinst du denn?“

„Ja, oder sie sind einfach abgehauen.“

„Na klar, kleines Schwesterchen, Kühe können ja auch ganz toll Tore öffnen, den Schlüssel haben sie ja bestimmt immer bei sich.“

„Du Blödmann, vielleicht hat der Bauer Friedhelm vergessen das Tor abzuschließen. Der hat doch immer so viel zu tun, da kann man doch auch schon mal etwas vergessen.“

„Komm Anna, wir sagen der Omi bescheid, die weiß bestimmt Rat.“

Den Weg durch den Wald hatten die Zwei im Nu zurückgelegt und schon bald standen sie vor dem Häuschen der Oma Dorfhexe. „Frau Baltasar, Frau Baltasar!“ riefen die Zwei, wie aus einem Munde. „Die Kuhweide ist leer und das Tor steht ganz weit auf. Vielleicht hat jemand die Kühe gestohlen oder sie sind einfach weggelaufen.“

Die Oma lachte. „Guten Tag, meine Lieben. Nur keine Aufregung, setzt euch erst einmal hin. Ich mache uns schnell einen Kakao und dann reden wir weiter. Das Thermometer zeigt achtzehn Grad an, da können wir noch draußen auf der Bank sitzen. Ist doch viel schöner als in der Stube zu hocken, das müssen wir noch den ganzen langen Winter.“ Es dauerte gar nicht lange, da kam die alte Dame mit drei Tassen Kakao und ein paar Plätzchen zurück. „Nun noch einmal von vorne, liebe Kinder. Die Kühe sind also verschwunden.“ Die Omi schmunzelte. „Na wo können die wohl nur sein? Ob sich das wohl einer traut, mit einem großen Viehhänger und einem Traktor einfach auf eine fremde Weide zu fahren und die Kühe aufzuladen? Würden die Kühe sich denn überhaupt von fremden Menschen zum Viehhänger treiben lassen? Oder glaubt ihr, dass der Bauer Friedhelm vergisst das Tor abzuschließen, wo er doch schon genug Ärger mit seiner Ausreißerkuh Lisa hat. Ihr wisst ja, sie kommt dann meistens zu mir und frisst sich in meinem Garten satt. Das habt ihr ja schon mitbekommen. Aber was meint ihr denn, wo die Kühe sonst noch sein könnten? Der Spätherbst steht vor der Türe und dann ist es nicht mehr weit bis zum Winter. Da wächst das Gras nicht mehr und die Kühe hätten nichts zu fressen. Na, kommt ihr der Sache jetzt etwas näher?“

„Ach sooo…, ich weiß, ich weiß!“ rief Anna und sprang von der Bank auf. „Der Bauer Friedhelm hat die Kühe bestimmt in den Stall gebracht.“

„Oh Mann“, sagte jetzt auch Frank. Das hätte uns auch eher einfallen können. Daran habe ich gar nicht gedacht.“

„Macht doch nichts, meine Lieben. Jetzt seid ihr ja darauf gekommen.“

„Wir?“ ruft Anna empört, ich bin darauf gekommen.“

„Na nun sei mal nicht so, mein Schatz. Ohne meine Hilfe hättest du es ja auch nicht erraten. Dein Bruder hat halt ein wenig länger gebraucht, aber deshalb muss man doch nicht so kleinlich sein. Anna gab der Omi und dann auch ihrem Bruder ein Küsschen auf die Wangen und sagte: „Hab ich ja auch nicht so gemeint. Wir sind beide zusammen darauf gekommen, einverstanden?“

Frank hatte sich schnell wieder eingekriegt und den dumme Kuhstreit bald vergessen. „Wir haben heute ganz viele Äpfel gepflückt, Frau Baltasar, zwei große Weidenkörbe voll. Unsere Mutter ist gerade dabei sie zu schälen. Sie will Apfelkompott machen.“

„Oh, da ward ihr aber schon fleißig. Da wird eure Mutter wohl einige Gläser Kompott einwecken. Bei so einer Menge Äpfel.“

„Ja, bestimmt, dann haben wir bis zur Ernte im nächsten Jahr, noch immer eine Beilage zu Reibekuchen. Wir mögen total gerne Reibekuchen mit Apfelkompott, mmh.“

„So etwas Leckeres mag ich wohl auch“, sagte die Oma Dorfhexe und schmunzelte wieder.

Frank fiel auf, dass die Apfelbäume von Frau Baltasar leer gepflückt waren. „Haben sie die Äpfel geerntet?“ fragte er erstaunt. „Nein, mein Junge, das mache ich schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Der Bauer Friedhelm erntet sie jedes Jahr und bringt sie dann zur Apfelsaftfabrik. Die ist unten im Dorf, wie ihr bestimmt wisst. Ich bekomme dann immer ein paar Kisten Apfelsaft dafür, ist doch nett, oder?“

„Dann brauchen sie den schon mal nicht selbst zu machen.“

„Nee, Anna. So lecker wie die ihren Apfelsaft herstellen, kann ich es auch nicht. Die Firma hat sogar schon eine Auszeichnung für den besten Apfelsaft des Landes bekommen. Der schmeckt aber auch wirklich besonders gut.“

„Das tut er bestimmt nur, weil ihre Äpfel dabei sind.“

Die Omi lachte. „Ja bestimmt liegt das allein an meinen Äpfeln. Sonst würde der Saft nur wie Zuckerwasser schmecken.“ Jetzt mussten auch Anna und Frank lachen, hatten sie doch schon mal gehört, dass bei der Saftherstellung noch ganz andere Dinge eine Rolle spielten.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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