Max Leonhard

Viktor Rosellis Fall

 

 

1

An sich war er selbst schuld an dem, was am Ende geschah. Er trug die Konsequenzen aus seinen Handlungen, Handlungen, die er allerdings, hätte man ihn dazu befragt, als unausweichlich bezeichnet haben würde. Nun, jeder ist seines Glückes Schmied, sagt man, und dies mag wohl in vielen Fällen auch zutreffen. Was Viktor Rosellis Fall betraf, so lag die Sache aber doch ein wenig anders. Komplizierter könnte man sagen.

Wenn ich seine Geschichte einen Fall nenne, so tue ich dies nicht so sehr in kriminalistischer Hinsicht, denn im Grunde wurde die kriminelle Dimension der Vorfälle nicht ausreichend untersucht und damit auch nie offiziell bestätigt. Dabei gab es Gerüchte über eigenartige Vorkommnisse, denen die Presse kaum, und die Behörden halbherzig nachgingen. Stichhaltige Beweise für ein Fehlverhalten der Akteure oder gar für ein Verbrechen wurden nicht gefunden.

Viktor Roselli, Sohn eines Gastarbeiters aus dem Süden Italiens, hatte in seiner Jugend die Gelegenheit ergriffen, aus dem strikten Familienklan auszubrechen. Sein Lebensweg schien von Anfang an vorgezeichnet und das störte ihn. Über seine Zukunft wollte er selbst entscheiden, frei sein und das Leben nach seinen Vorstellungen gestalten. Er hatte nicht vor, wie seine Verwandten in einer Pizzeria oder gar als Lohnsklave in einer Fabrik zu arbeiten. Seine schulischen Leistungen waren glänzend und so beschloss er zu studieren. Er nannte sich von nun an Viktor und nicht mehr Vittorio, wie er eigentlich getauft war. Viktor Roselli, das wollte er sein, Viktor, der Sieger, ein bisschen weniger italienisch und dafür sehr viel mehr deutsch, was ihm ohnehin lag, das deutsche, da er besonnen war und eher ernst. Er studierte Jurisprudenz in Heidelberg, ein Fach, das seinem analytischen Verstand entgegenkam, und schloss sein Studium in Mindestzeit ab, absolvierte die Staatsexamina mit Bestnoten und suchte Arbeit.

Da er weder über die nötigen Kontakte noch über ausreichende Mittel verfügte, um eine Anwaltskanzlei eröffnen zu können oder sich an einer bestehenden zu beteiligen, arbeitete er anfangs als Jurist bei einer großen Versicherung und wechselte daraufhin mehrfach den Arbeitgeber, wobei er die Karriereleiter stetig hochstieg, mit langsamen Schritten zwar, aber kontinuierlich, ohne je Rückschläge hinnehmen zu müssen. Man hätte ihn etwas Erfolgsverwöhnt nennen können, dabei verdankte er sein Fortkommen in den Unternehmen nicht so sehr seinem Durchsetzungsvermögen oder herausragenden Leistungen, sondern eher dem Umstand, dass er freundlich und überaus hilfsbereit war, eine Eigenschaft, die ihm letztendlich, wie wir sehen werden, zum Verhängnis werden sollte.

Er heiratete und durchbrach auch hier die Regeln des Klans indem er eine Deutsche zur Frau nahm und nicht dem traditionellen Motto folgte, das besagte,“donne e buoi, dai paesi tuoi“, was so viel hieß: nimm eine Frau aus deiner Gegend. In einem übertragenen Sinn folgte er im Grunde durchaus dem angestammten Motto, denn er fühlte sich, wie wir bereits gesehen haben, viel mehr der deutschen Kultur verbunden, als seinen neapolitanischen Wurzeln, die ihm, der in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen war, etwas fremd erschienen.

Er heiratete Emanuela Ritter, Tochter aus gutem Hause, die er in Heidelberg kennen gelernt hatte. Sie wurde die Liebe seines Lebens. Mit ihr hatte er zwei Kinder, Mädchen, die eine blond, die andere schwarz, ein deutsch-italienisches Duo, das nicht nur in der Haarfarbe, sondern auch im Temperament nicht unterschiedlicher hätte sein können. Nur dass, ganz entgegen allen Vorurteilen, die Blonde quirlig und sehr emotional, die Schwarzhaarige dagegen ruhig und besonnen war, wie ihr Vater übrigens, dessen Temperament zu seinem Beruf passte.

Mit fünfundvierzig eröffnete sich Viktor Roselli die Chance seines Lebens. Er lernte einen Unternehmer kennen, einen Franzosen, Jaques Brunault, der ein Büro in Brüssel hatte und der ihm eine Stelle in seiner Firma anbot. Sein Tätigkeitsbereich sollte alle Arten von Kontakten und Vermittlungen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft umfassen. Brüssel war das Zentrum der Europäischen Union. Dort wurden die wichtigen Entscheidungen getroffen, dort, so sagte Brunault, würde Viktor Roselli gebraucht, seine Kompetenz in juristischen Fragen und seine Überzeugungskraft. Das schmeichelte ihm und es war darüber hinaus eine ganz neue Herausforderung für Viktor, den das Tagesgeschäft des Juristen, nach langjähriger Praxis, zu langweilen begann.

Die Möglichkeit, eines Neuanfangs, die Chance sich noch einmal beweisen zu können, reizte ihn sehr. Die nötigen Verbindungen zur Politik und Wirtschaft seien vorhanden, sagte Brunault. Er suche lediglich einen weiteren Mitarbeiter, der ihm selbst etwas Arbeit abnehmen könne, schließlich sei auch seine Zeit begrenzt und er könne nicht überall gleichzeitig sein. Seine Firma, sechs Mitarbeiter und eine Sekretärin, betreue Unternehmen bei ihrer Lobbyarbeit, stelle Kontakte zu diversen Parlamentariern her, entwickle Strategien und ernte dafür eine Menge Geld. Das klang vielversprechend. Die Sache hatte nur einen Haken: Viktor musste für drei Tage in der Woche in Brüssel sein, Dienstag bis Donnerstag, den Rest der Zeit konnte er zu Hause verbringen. Am Montag seien die Parlamentarier meist noch nicht, am Freitag ganz gewiss nicht mehr ansprechbar, da seien sie meist gar nicht mehr in der Stadt.

Viktor besprach sich mit seiner Frau und sie beschlossen, vorerst nicht nach Brüssel zu ziehen, sondern weiterhin in ihrem Häuschen in der Nähe von Frankfurt wohnen zu bleiben, schließlich hatten sie sich ein kleines Paradies, einen Garten mit Swimmingpool und wundervoller Terrasse im italienischen Stil, geschaffen, das sie nicht so einfach aufgeben wollten. Brüssel war gewiss eine schöne Stadt, eine Stadt mit internationalem Flair, die zudem noch alle möglichen kulturellen Annehmlichkeiten bot, aber Emanuelas Französisch war nicht gut genug, jedenfalls nicht einwandfrei und so beschlossen sie, Viktor solle die Bürde allein schultern und hin und zurück pendeln.

Eine aufregende Zeit brach an, Viktor hatte in seiner neuen Arbeit Erfolg, da seine sympathische Art Vertrauen einflößte und er hatte Erfolg, da er den wirklich krummen Touren aus dem Weg ging, was man von seinem Chef nicht unbedingt sagen konnte. Brunault setzte Viktor gezielt dort ein, wo Seriosität gefragt war und sein eigener nicht ganz lupenreiner Leumund dem Geschäft hinderlich gewesen wäre. So verging die Zeit wie im Flug und Viktor war mit seinem Leben rundum zufrieden. Drei Tage Arbeit und vier Tage frei, das war ganz nach seinem Geschmack.

Wenn er in Brüssel war, traf er sich mit seinen Kunden und Geschäftspartnern gern in den Restaurants, welche die EU-Gebäude umgaben, dem Costa D’amalfi zum Beispiel oder der Rosticceria Fiorentina, manchmal auch im Le Parioli, je nachdem, ob er sich sattessen oder nur einen Snack zu sich nehmen wollte. Das Leben in Brüssel war teuer, aber sein Verdienst übertraf alle seine Erwartungen. Da die meisten Geschäftspartner und Kollegen nur tageweise in der Stadt waren und daher froh um ein wenig Abwechslung und ein nettes Gespräch, hatte er nach kurzer Zeit eine Menge Freunde, die ihm seinen Aufenthalt in Brüssel leicht machten und gleichzeitig oft beruflich von Vorteil waren. Man half sich gegenseitig und machte nebenbei Geschäfte.

Unter diesen Bekanntschaften war auch Daniel Franta, ein Mitarbeiter der Deutschen Bank, etwa in seinem Alter, sehr aufgeschlossen und gesellig, ein Mann ganz nach seinem Geschmack, der stets auf der Suche nach einer netten Unterhaltung war und der vielleicht sogar einmal von Nutzen sein konnte. Franta war Anlageberater oder hatte mit internationalen Geldgeschäften zu tun. Jedenfalls sagte er so etwas. Was er genau tat, sagte er nicht und Viktor respektierte das. Mit seiner verbindlichen Art war er ein angenehmer Gesellschafter und er sah irgendwie lustig aus. Wenn Viktor ihn ansah, wurde ihm auf seltsame Weise warm ums Herz. Es lag vielleicht an Daniels Augen, in denen immer ein Lächeln aufblitzte, wenn er zuhörte, vielleicht war es auch die Art, wie er den Kopf zur Seite legte, um seinem Gegenüber zu signalisieren, dass er ihm aufmerksam ein Ohr lieh. Etwas jedenfalls war an Daniel Franta, was vertrauen erweckte und so war Viktor ohne Arg, als ihn dieser eines Abends bat, einen Umschlag nach Frankfurt mitzunehmen. Es war Donnerstag-Abend und sie waren im Le Parioli, wo sie schnell noch etwas aßen, bevor Viktor nach Hause fahren wollte. In dem Umschlag sei eine Computerfestplatte, die schnellstmöglich nach Frankfurt befördert werden sollte, sagte Daniel, sie würde in Frankfurt benötigt und seine Frau würde sie noch an diesem Abend bei ihm zu Hause abholen. Daniel notierte sich Viktors Adresse in Frankfurt, speicherte noch einmal zur Sicherheit Viktors Telefonnummer in seinem Handy. Dann verabschiedeten sie sich und gingen auseinander.

Auf diese Weise kam Viktor zu dem Kuvert, das allerdings zu seinem Erstaunen nicht abgeholt wurde, weder an jenem Abend noch an den darauffolgenden. Als er am Montag darauf nach Brüssel fuhr, hörte er im Radio die Nachricht vom Daniel Frantas Tod.

 

 

 

 

 

 

2

 

Kommissar Wagner saß an seinem Schreibtisch und wunderte sich.

Er hatte schon vieles gesehen. Manchmal geschahen seltsame Dinge, die nur schwer zu erklären waren. Damit war er schon häufiger in seiner Laufbahn konfrontiert worden und meist hatte seine Intuition und nicht zuletzt seine langjährige Erfahrung bei der Klärung der Sachlage helfen können. Manches, was auf den ersten Blick ungewöhnlich aussah, war letztlich leicht zu erklären, wenn man nur den richtigen Ansatz wählte. Doch diesmal war die Lage irgendwie anders, denn bei dem, was er hier zu sehen bekam, war entweder die Logik oder die Physik außer Kraft gesetzt oder beides.

Die Aufnahmen aus einer Überwachungskamera, die er vor und zurückspulte, vor und zurück, immer wieder, kopfschüttelnd, da er nicht glauben wollte, was er sah, zeigten zuerst einen menschenleeren Bürgersteig in nächtlicher Beleuchtung. Das Licht, orange und einigermaßen hell, leuchtete die Szene gut aus. Alles war ruhig und friedlich, der Bürgersteig leer. Keine Menschenseele zu sehen. Dann erschien ein dunkler Klumpen am oberen Rand des Bildes, der sich rasch nach unten bewegte. Die Auflösung der Kamera war zu schwach, die Bildfolge zu langsam, um einzelne Aufnahmen analysieren zu können. Es handelte sich um einen Menschen im freien Fall. Daniel Franta, Mitarbeiter der Deutschen Bank, der sich letzte Nacht in selbstmörderischer Absicht aus dem Fenster des dritten Stockes der Filiale Friedrichstraße gestürzt hatte. So die offizielle Version, die von drei Zeugen mit unbescholtenem Leumund zu Protokoll gegeben worden war.

Der Körper schlug mit der unteren Rückenpartie zuerst auf und in diesem Augenblick konnte man im Standbild die Position des Körpers gut sehen. Er war gekrümmt und die Arme hatte Daniel Franta weit nach vorn gestreckt. Dies war ziemlich seltsam, fand Wagner, sehr sogar. Seltsam für einen Selbstmörder, der einen schnellen und sicheren Tod wünschte. Was bedeutete die verkrampfte Stellung, die den Eindruck erweckte, als wolle sich Franta irgendwo festhalten? Auch die Art des Aufpralls war ungewöhnlich. Wer, fragte er sich, sprang schon rückwärts aus einem Fenster? Denn er musste rückwärts gesprungen sein, schließlich zeigte der Kopf Richtung Straße. Bei einem Sprung nach vorn hätte er mit dem Gesicht nach unten oder nach einem Purzelbaum andersherum aufschlagen müssen. Es gab allerdings noch eine andere Möglichkeit. Konnte sich der Körper während des Flugs in diese Position gedreht haben? Hatte Franta seinem Körper beim Absprung einen so starken Drall gegeben, dass er sich bei dieser Fallhöhe so weit drehen konnte? Immerhin hätte der Körper eine halbe Schraube vollführen müssen. Bei einem Sprung aus dem dritten Stock? Bei einer normalen Etagenhöhe ergab sich eine Fallhöhe von acht Metern. Kommissar Wagner hatte sich die Fallzeit errechnet. Der Körper hätte gerade einmal 1,277 Sekunden Zeit gehabt, um sich in die richtige Position zu drehen. Und da war noch etwas. Wagner hatte nicht den Eindruck, als habe sich die Position des Körpers auf den letzten Metern verändert. Es blieben also weniger als eine Sekunde für eine halbe Schraube. War das realistisch? Die Frage war nicht leicht zu beantworten, die Zeitspanne erschien ihm aber extrem kurz.

Der Körper rollte über den Rücken ab und der Kopf schlug hart auf der Pflasterung des Bürgersteigs auf. Der noch immer stark gekrümmte Körper entspannte sich, die Arme sanken seitlich zu Boden und die Beine streckten sich. In dieser Position, Füße zur Wand des Hauses gestreckt, Kopf Richtung Straße, blieb der Körper liegen. Und dann passierte vorerst nichts.

Sechs Minuten und 45 Sekunden nach dem Aufprall erschien ein Schatten am unteren Bildrand. Ein doppelter Schatten, einmal dunkler, einmal etwas heller, da er von zwei unterschiedlichen Lichtquellen herrührte. Da stand jemand und beobachtete die Szene. Etwa eine Minute später verschwand er wieder.

Elf Minuten nach dem Aufprall bewegte sich der Körper von Franta kurz und man hatte den Eindruck, als wolle er den Kopf heben, was allerdings nicht gelang. Nach diesem missglückten Versuch blieb der Körper ruhig liegen und bewegte sich nicht mehr. Dann erschien eine Figur am äußeren Bildrand rechts außen. Sie war zu weit entfernt, um etwaige Details erkennen zu können. Bei zu geringer Aufnahmequalität hat schließlich auch die Bildbearbeitung ihre Grenzen. Die Figur, ein Mann oder eine Frau, dunkel gekleidet, betrat sehr zögerlich die Szene, so als ob sie wüsste, was sie erwartete. Dies war allerdings lediglich eine Interpretation Wagners, eine seiner Intuitionen. Als Rationalist konnte er sehr gut zwischen subjektivem Eindruck und objektiver Wahrheit unterscheiden. Trotzdem, seinen Intuitionen vertraute er. Sie hatten ihm schon oft zum Erfolg verholfen.

Die Person, wer immer es gewesen sein mag, beobachtete für einige Sekunden den liegenden Körper und zog sich daraufhin zurück. Ob es ein Passant war, der nicht in eine unerfreuliche Sache hineingezogen werden wollte oder ein Täter, der zu sehen versuchte, ob Daniel Franta tot oder nur verletzt war, blieb unklar. Kommissar Wagner tendierte mehr zur zweiten Version. Als Kriminalkommissar dachte er von den Menschen nur das Schlechteste, und seine langjährige Erfahrung bestätigte seine Meinung. Da er sich beruflich nur mit den negativen Seiten der menschlichen Natur beschäftigte, hatte er sich eine etwas einseitige Sichtweise zugelegt. Für ihn jedenfalls konnte die Figur durchaus ein Täter gewesen sein, Frantas Mörder. Wenn dies so war, dann war der Selbstmord nur vorgetäuscht und das Video ein wichtiges Beweisstück.

Dagegen sprachen allerdings die Zeugenaussagen und die Personen, von den sie abgegeben worden waren. Dr. Markus Stadler, Chef der Abteilung Vermögensverwaltung und Risikobewertung der Deutschen Bank, Horst Hofstätter, Mitglied des Vorstandes und Dr. Gregor von Eppstein, graue Eminenz mit weitreichenden Kompetenzen in der Bank, soweit Wagner wusste. Alle waren über jeden Zweifel erhaben und ihre Verwicklung in ein Mordgeschehen konnte ausgeschlossen werden. Jedenfalls für jemanden, der mit einer gehörigen Portion Realismus und Respekt an die Sache heranging. Nicht für Wagner, der im Grunde jeden für einen potenziellen Mörder hielt, da nach seiner Erfahrung, niemand von einem derartigen Verdacht ausgeschlossen werden sollte. Daniel Franta, so lautete ihre einstimmige Aussage, habe sich während einer hitzigen Diskussion, bei der es um Unregelmäßigkeiten in seinen Anlagegeschäften gegangen sei, plötzlich und unerwartet aus dem Fenster gestürzt. Die Tat sei so überraschend gewesen, dass niemand ihn hätte aufhalten können. Sie seien einfach sprachlos gewesen, erschüttert und daher hätten sie auch die Einsatzkräfte erst verspätet gerufen. Der Schock habe ihre Entschlusskraft für etliche Minuten völlig gelähmt.

Kommissar Wagner saß in seinem kleinen Büro, das längst renoviert werden sollte und spulte weiterhin die Videoaufnahmen vor und zurück. Rund um den Arbeitsplatz türmten sich Akten. Der Schreibtisch war abgeschabt, der Bürosessel ein wenig beschädigt. Das alles passte zu seinem etwas schütterem Haar, den Geheimratsecken, dem verwitterten Gesicht. Er war Polizist, Kriminalkommissar, und wer interessierte sich schon dafür, wie sein Arbeitsplatz aussah und was er in seinem langweiligen Beruf tat, der meist in stundenlanger Akteneinsicht und Schreibarbeit bestand. Wer interessierte sich für das, was er dachte? Er war ein Befehlsempfänger, hatte zu recherchieren, was Staatsanwälte und Untersuchungsrichter für richtig und notwendig hielten. Was er davon hielt, durfte er manchmal sagen, meist wurde er nicht gefragt und zu entscheiden hatte er nicht viel. Er hatte lediglich die Aufgabe, Personen aufzuspüren, die gegen gängige Konventionen verstoßen hatten, um sie den Gerichten zuzuführen, die sie dann mit den dafür vorgesehenen Sanktionen belegten.

Seinem Beruf ging Wagner nun schon ziemlich lange nach, zu lange, wie er fand, und er zog nur selten wirkliche Befriedigung daraus. Wenn er jemanden einer Tat überführte, war das Spiel gewonnen, und er konnte sich als Sieger fühlen. Manchmal klopfte man ihm dann anerkennend auf die Schulter und wenn er etwas vermasselt hatte, ließ man ihn das spüren. Da er diesbezüglich empfindlich war, versuchte er Erfolg zu haben. Recht oder Gerechtigkeit spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Was war schon Gerechtigkeit anderes als Rache einer Gesellschaft gegenüber Falschspielern, sagte er gerne und stieß dabei nicht selten auf Unverständnis. Falschspieler mussten aus dem Verkehr gezogen werden, das war klar, so waren die Spielregeln, und dazu war er da, er, Wagner, der den Ruf hatte, ein scharfer Hund zu sein, ein Unbeugsamer, einer, der nicht lockerlässt, da er akribisch und ohne Vorurteile Analysen erstellte und seine Schlüsse daraus zog.

Aus dem, was er in den aktuellen Aufzeichnungen sah, zog er Schlüsse, die ihm nicht gefielen. Da gab es Anzeichen für gravierende Unregelmäßigkeiten, die man sich näher ansehen sollte. Gleichzeitig war ihm klar, dass er niemals einen Auftrag für die Untersuchung des angeblichen Selbstmordes von Daniel Franta erhalten würde. Sein Vorgesetzter, Hauptkommissar Gerstner, wäre entsetzt, würde an ihn eine derartige Anfrage herangetragen werden, das wusste er, weshalb er beschloss, auf eigene Faust, und lediglich zur Befriedigung seiner persönlichen Neugier, die möglichen Hintergründe ein wenig zu durchleuchten, soweit dies ohne größeres Aufsehen möglich war. Größere Recherchen konnte er selbstverständlich nicht anstellen, schließlich hatte er eine ganze Menge Arbeit auf seinem Schreibtisch liegen, die erledigt werden musste, langweilige Kleinarbeit, die meist zu nichts führte. Wie immer waren Taschendiebe, Dealer und Kleinkriminelle in den letzten Tagen verhaftet worden. Protokolle mussten geschrieben, Unterlagen für einen Prozess vorbereitet werden, alles Arbeit, die bestenfalls dazu führte, dass die Täter für ein paar Tage in den Bau mussten, um kurz darauf - wieder auf freien Fuß gesetzt - ihrem Beruf als Dealer, Taschendieb oder Einbrecher nachzugehen, bis sie erneut erwischt wurden, worauf das ganze Theater von vorn beginnen konnte. Sehr befriedigend fand er das nicht.

Kommissar Wagner hörte sich also in den darauffolgenden Tagen ein wenig um. Vorerst interessierte ihn das persönliche Umfeld Frantas, seine finanzielle Situation, Freunde, Eheprobleme, Freizeitbeschäftigung. Auf den ersten Blick schien im Leben von Daniel Franta alles bestens zu sein. Er hatte keine Schulden, alle seine Freunde waren unbescholten und führten ein gutbürgerliches Leben und seine Ehe schien glücklich.

Frantas berufliche Tätigkeit war schwerer zu beurteilen. Da stieß Wagner an seine Grenzen. Er hatte keine tragfähigen Kontakte zur Deutschen Bank und so verliefen seine Recherchen im Sande. Dass er mit Anlagegeschäften zu tun hatte, war kein Geheimnis, darüber hinaus hätte Wagner aber Insiderinformationen benötigt und diese waren nicht zu beschaffen.

Seine Neugier blieb allerdings nicht verborgen, nicht seinen Kollegen und auch seinem Chef nicht, der ihn nach wenigen Tagen zu sich rief und fragte, ob er unterbeschäftigt sei. Auf die Frage Wagners, wie er darauf komme, sagte Gerstner nur: „Weil Sie sich mit Dingen beschäftigen, die bereits zu den Akten gelegt wurden, Herr Wagner. Ihre Recherchen haben wichtige Leute in der Deutschen Bank aufgeschreckt. Man fürchtet um die Reputation der Einrichtung. Wie sie wissen hat ihr Kollege Strassek den Akt längst geschlossen. Es handelt sich eindeutig um Selbstmord. Motiv und Hintergründe sind belegt. Herr Dr. von Epstein hat bei mir angerufen und sein Kommen für diesen Vormittag angekündigt. Er will mit Ihnen sprechen. Er wird zwischen elf und elf Uhr dreißig bei Ihnen sein. Halten sie sich bereit. Vielleicht wäre auch eine plausible Erklärung oder Entschuldigung angebracht. Sehen Sie jedenfalls zu, dass Sie die Situation wieder in Ordnung bringen!“

Wagner ging also in sein Büro und wartete gespannt auf seinen Besucher.

Was konnte Herr von und zu Epstein schon von ihm wollen, fragte er sich? Welchen Zweck verfolgte er mit diesem persönlichen Gespräch? Nach seiner Intervention bei Gerstner machte das doch keinen Sinn? Wagner hatte bereits seinen Rüffel bekommen und würde seine Recherchen einstellen müssen. Was wollte Epstein also?

Ziemlich pünktlich um elf klopfte es an der Tür und Wagner öffnete persönlich, eine Geste der Höflichkeit und natürlich auch ein Zeichen dafür, dass er sich darüber im Klaren war, wen er da empfing.

Von Epstein war groß, schlank und weißhaarig, etwas über sechzig vermutlich, und er verfügte über eine starke Persönlichkeit. Er war gewissermaßen Raumfüllend, dominant ohne unangenehm zu wirken, gleichzeitig jovial auf eine sympathische Art und er vermittelte den Eindruck, als sei er nicht gewöhnt, Widerspruch hinzunehmen. Er setzte sich auf den bereitgestellten Sessel, auf denen normalerweise Verdächtige platznehmen mussten und saß darauf, als säße er auf einem Fauteuil. Wagner verschanzte sich hinter seinem Schreibtisch, bot seinem Gast einen Kaffee an, den dieser gerne annahm. Von Epstein saß anfangs einfach nur da und betrachtete den Kommissar. Seine Gesichtszüge waren freundlich und er schien ein wenig amüsiert zu sein über die augenblickliche Situation.

„Nun, mein lieber Kommissar Wagner“, sagte von Epstein, „Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich mir die Mühe gemacht habe, Sie hier aufzusuchen.“

„Offen gesagt, ja“, sagte Wagner. „Sie haben bereits mit meinem Vorgesetzten telefoniert und Ihre Position klargelegt.“

Obwohl er an sich ein guter Beobachter war und aus langjähriger Gewohnheit sein Gegenüber stets aufmerksam beobachtete, bemerkte er nicht, dass Epstein sich in seinem Redefluss unterbrochen fühlte und irritiert war.

„Meine Recherchen zum Selbstmord von Herrn Franta, waren mehr persönlicher Natur“, fuhr Kommissar Wagner fort. „Der Fall wurde offiziell ad Acta gelegt. Mich hat der Vorfall lediglich erstaunt und daher interessiert, das ist alles. “

„Nun gut“, sagte Epstein, „in diesem Punkt scheinen wir uns ja einig zu sein. Dies ist erfreulich, möchte ich sagen. Es gab Ihrerseits auch Versuche, etwas über die berufliche Tätigkeit von Herrn Franta zu erfahren. Natürlich stoßen Recherchen dieser Art bald an ihre Grenzen. Das Bankgeheimnis und selbstverständlich innerbetriebliche Hürden machen es schwer, Details über die Tätigkeit eines Mitarbeiters zu erfahren, insbesondere dann, wenn er oder sie natürlich, im gehobenen Dienst rangiert und mit sensiblen Daten zu tun hat.“

„Das habe ich bemerkt“, sagte Kommissar Wagner.

„Ich bin hier, um Ihnen ein paar Informationen zukommen zu lassen, die Sie, sagen wie einmal, als privat einstufen sollten. Es sind Dinge, die ich Ihnen anvertraue und die Sie, nachdem ich den Raum verlassen habe, für sich behalten werden. Haben Sie verstanden?“

Wagner hatte nicht verstanden. Er nickte aber, wirkte jedoch ein wenig verwirrt. Um was ging es in diesem Gespräch und was wollte Epstein wirklich? Ganz offensichtlich war er nicht gekommen, weil er ihn an weiteren Recherchen hindern wollte, das war nicht der wirkliche Grund seines Besuchs.

„Ich sehe, Sie begreifen schnell“, sagte von Epstein, das verblüffte Gesicht Wagners ignorierend. „Die Informationen, die ich Ihnen gebe, sind also vertraulich, sehr vertraulich sogar. Sie betreffen Vorkommnisse, die im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Herrn Franta stehen. Unerfreuliche Vorkommnisse, möchte ich sagen, die uns Sorgen bereiten.“

„Der Akt ist abgeschlossen“, sagte Kommissar Wagner, dem die Sache ein wenig unheimlich wurde. „Ich war selbst nicht mit den Ermittlungen betraut. Ich habe lediglich die Aufnahmen der Überwachungskamera gesichtet, das ist alles. Herr Strassek war für diesen Fall zuständig. Wenn Sie also eine weitergehende Untersuchung wünschen, sollten Sie sich an den zuständigen Kollegen wenden. Er kann sicher etwas für Sie tun.“

„Ich wende mich mit meinem Anliegen jedoch an Sie, Herr Wagner, da ich weiß, dass Sie diskret arbeiten werden, im Hintergrund sozusagen und ohne offiziellen Auftrag, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich beabsichtige, Ihre polizeilichen Fähigkeiten und die Ihnen zur Verfügung stehenden Strukturen zu nutzen, um ein Problem in den Griff zu bekommen, das uns als Bank in größte Verlegenheit bringen könnte.“

„Dazu, Herr von Epstein, bin ich doch gar nicht berechtigt“, sagte Kommissar Wagner, „damit würde ich grob gegen alle Vorschriften verstoßen. Sollte das publik werden, riskiere ich meine Entlassung. Ich glaube nicht, dass ich Ihr inoffizielles Ansuchen annehmen kann. Haben Sie darüber mit meinem Vorgesetzen gesprochen?“

 

„Nein“, sagte von Epstein. „Natürlich nicht und die Sache muss unter uns bleiben. Ist das klar?“

 

„Warum, um Himmels Willen, sollte ich so etwas für Sie riskieren“, fragte Kommissar Wagner?

 

„Da gibt es einige Argumente, die dafürsprechen“, sagte von Epstein.

 

„Und was könnte das sein“, fragte Kommissar Wagner?

 

„Der Fall Jowick zum Beispiel, Sie erinnern sich, an den Fall Jowick, Herr Wagner, oder etwa nicht? Oder Ihr Kredit in Höhe von 350 000 Euro bei unserer Bank, oder ein kleiner Anreiz in Höhe der doppelten Summe Ihrer Schulden bei uns. Alles Argumente, die ihren Reiz nicht verhehlen können, denke ich. Einer allein würde wahrscheinlich ausreichen, um sie nachdenklich werden zu lassen.“

Kommissar Wagner atmete tief durch und schloss die Augen. Wie konnte die Deutsche Bank etwas über den Fall Jowick wissen? Eigentlich wusste niemand, was damals gelaufen war, niemand, außer er selbst und einer seiner Mitarbeiter. Einer, nur ein einziger, und der steckte selbst bis zum Hals in der Affäre und hatte ganz sicher keinen Grund gehabt, etwas auszuplaudern. Woher wusste die Bank davon und was wusste sie? Alles? Alle peinlichen Details, die Pannen und die Versuche, das Debakel zurechtzubiegen unter Verwendung ziemlich illegaler Methoden, Methoden, die ihn, sollten sie je ans Tageslicht kommen, mächtig in Schwierigkeiten bringen würden? Das also war des Pudels Kern. Epstein hatte ihn in der Hand und kam deshalb zu ihm. Das war der Grund, warum er hier war. Epstein brauchte seine Hilfe und erpresste ihn völlig ungeniert.

„Worum geht es im Einzelnen“, fragte Kommissar Wagner?

„Freut mich, Sie im Team begrüßen zu dürfen, Herr Wagner“, sagte von Epstein. „Ich darf voraussetzen, dass Diskretion kein fremdes Wort für Sie ist. Ab dem Moment, in dem Sie in Interna der Bank eingeführt wurden, sind Sie uns Rechenschaft über alles schuldig, was an Informationen über die Sache nach außen dringt. Ich gehe also davon aus, dass Sie sich bei Ihren Recherchen stets darüber im Klaren sind, dass sie so vorgehen müssen, dass nichts, aber wirklich nichts über die Hintergründe ans Tageslicht kommt. Es versteht sich, dass Sie nur die Informationen erhalten, die unbedingt nötig sind. Je weniger Sie wissen, umso geringer ist die Gefahr für Sie, ungewollt etwas preiszugeben.“

„Verstehe“, sagte Wagner.“

„Vielleicht sollte ich nicht unerwähnt lassen, dass wir bei Verstößen nicht lange fackeln.“

Kommissar Wagner sah von Epstein an und fragte sich, was er von dessen Worten halten sollte. War dies eine unverhohlene Drohung, oder nur so dahingesagt? Von Epstein machte nicht den Eindruck, als meine er nicht, was er sagte.

„Wie soll ich das verstehen“, fragte Kommissar Wagner, der wissen wollte, woran er war?

„Lassen Sie mich es so sagen“, erwiderte von Epstein und warf Kommissar Wagner einen Blick zu, der eine gewisse Zufriedenheit oder sogar einen Anflug von Humor beinhaltete, „der letzte, der versucht hat, ein falsches Spiel zu spielen, sprang aus dem Fenster und ich denke nicht, dass ich zu viel preisgebe, wenn ich sage, es brauchte eine Menge an Überzeugungsarbeit, um ihn dazu zu bringen.“

„Was wollen Sie damit andeuten, Herr von Epstein?“

„Nun, genau das, was Sie verstanden haben, Kommissar. Sie haben schon verstanden, nicht wahr?“

„Bei einer solchen Aussage, müsste ich sie eigentlich festnehmen lassen, Herr von Epstein, das wissen Sie. Sie gestehen gerade eine Straftat. Ein Kapitalverbrechen, einen Mord, um genau zu sein. Das ist keine Kleinigkeit.“

„Tun Sie sich keinen Zwang an, Kommissar, sie werden ja sehen, was Sie davon haben, oder besser gesagt, wie weit sie damit kommen werden. Nur zu!“

Von Epstein saß entspannt auf seinem Sessel, lächelte Kommissar Wagner an und um seine Bereitschaft sich festnehmen zu lassen zu unterstreichen, hielt er ihm seine Hände entgegen, wie um sich Handschellen anlegen zu lassen. „Man wird mir nicht glauben und höchstens annehmen, ich sei zum Scherzen aufgelegt gewesen, als ich mich Ihnen ausgeliefert habe“, sagte er. „Man wird mich für einen Scherzbold halten und Sie, Herr Wagner wird man einen Narren nennen, einen Dummkopf, der auf einen plumpen Scherz hereingefallen ist, das ist alles.“

Kommissar Wagner senkte den Kopf.

„Nun, lassen Sie uns zur Sache kommen: Herr Franta hat sich etwas angeeignet, was nicht ihm gehörte und für uns von unschätzbarem Wert war und ist. Es handelt sich um eine Computerfestplatte aus unserem Zentralrechner. Wir haben derzeit keine Ahnung, wo sich das Teil befindet. Er hatte es leider nicht bei sich, als wir ihn befragten. Er könnte es irgendwo deponiert haben. Wohnung, Arbeitsplatz. Es könnte Komplizen geben. Allerdings hatte er nicht viel Zeit. Der Diebstahl wurde am Morgen des 27. September begangen, es war ein Donnerstag. Wir haben ihn am selben Abend zur Rede gestellt. Zwischen Donnerstagmorgen und Abend fuhr er mit dem Zug nach Brüssel, verbrachte seinen Tag dort mit Tätigkeiten, die wir in Substanz gut rekonstruieren können, da er ja in unserem Auftrag dorthin gefahren ist, also Termine abgearbeitet hat, die wir gut kontrollieren können. Auf dem Weg zurück haben wir ihn abgefangen und sorgsam befragt. Er leugnete alles und sagte, er wisse von nichts. Wir hatten sichere Beweise und unglücklicherweise ist einem von uns der Faden gerissen und es kam zu dem Zwischenfall, dessen Ende Sie gesehen haben. Es war dumm, denn so haben wir die einzige Person, die uns zu dem Objekt führen konnte, unbedachterweise verloren. Wir haben zu früh gehandelt, zu impulsiv. Das war sehr ungeschickt und nun versuchen wir unseren Fehler wiedergutzumachen. Und da kommen Sie ins Spiel, Ihre Verbindungen, Ihr professionelles Knowhow, Ihre Intuition und Erfahrung.“

„Recherchen dieser Größenordnung bleiben aber nicht unentdeckt, Herr von Epstein. Wenn ich, wie Sie fordern, der Sache nachgehe, wird mein Chef Wind davon bekommen, das kann ich kaum verhindern und auch den Kollegen gegenüber ist so etwas kaum zu verheimlichen. Wie Sie sehen, bin ich mit Arbeit eingedeckt, mir fehlt einfach auch die Zeit für eingehende Untersuchungen. Herr Franta könnte das Kuvert hier in Frankfurt oder irgendwo in Brüssel deponiert haben und Brüssel liegt weit außerhalb meiner Reichweite. Ein internationales Amtshilfeansuchen wäre nötig, um dort recherchieren zu dürfen. Also, ich sehe nicht, wie ich Ihrem Wunsch nachkommen könnte.“

„Kein Amtshilfeansuchen, kein Aufsehen. Um Ihre Freistellung kümmere ich mich, seien Sie unbesorgt. Man wird Ihnen keine Fragen stellen, auch Ihr Chef nicht. Sie bekommen freie Hand, dafür garantiere ich persönlich, Herr Wagner. Alles, was Sie zu tun haben ist, dafür zu sorgen, dass die entwendete Festplatte wieder in unseren Besitz gelangt. Wie, ist Ihre Sache. Auch da haben Sie freie Hand, bedenken Sie aber, dass Sie es mit skrupellosen Verbrechern zu tun haben.“

Kommissar Wagner schwieg und schien in Gedanken, dann nickte er kurz, da er langsam begriff, dass von Epstein diesmal völlig recht haben dürfte und Vorsicht geboten war.

Von Epstein stand auf. „Vielen Dank für den Kaffee und ihre Bereitschaft uns zu helfen Kommissar“, sagte er, „finden Sie heraus, wo Daniel Franta an jenem Tag war, mit wem er sich getroffen hat. Unsere Liste lassen wir Ihnen noch heute zukommen. Darauf sind alle offiziellen Termine verzeichnet, die Franta an jenem Tag wahrgenommen hat. Personen, die er bei diesen Meetings getroffen hat, sind über jeden Zweifel erhaben. An einem Diebstahl dieser Größenordnung waren sie gewiss nicht beteiligt. Recherchieren sie und versuchen Sie rasch zu einem Ergebnis zu kommen. Sollten Sie Fragen an uns haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.“


verabschiedete er sich und ging.


 

 

 

 

3

 

Die Nachricht von Frantas Selbstmord hatte Viktor Roselli aufgeschreckt. Am Abend saß er in seiner kleinen Wohnung in der Rue de la Paix und war zutiefst schockiert. Daniel hatte sich, wenn er den Nachrichtensprecher richtig verstanden hatte, in Frankfurt aus einem Fenster gestürzt. Noch in derselben Nacht, in Frankfurt, nachdem sie in Brüssel im Le Parioli gemeinsam zu Abend gegessen hatten. Daniel! Der am Abend noch bester Dinge war und zu allerlei Scherzen aufgelegt. Daniel und Selbstmord. Was mochte ihn dazu veranlasst haben? Und wieso war er in Frankfurt? Er hatte doch gesagt, es wolle an diesem Wochenende in Brüssel bleiben? Weshalb hatte er gelogen? Wenn er ohnehin vorhatte, nach Frankfurt zu fahren, warum hatte er ihm dann den Umschlag anvertraut und ihn nicht selbst mitgenommen? Alles Fragen, auf die Viktor keine Antworten wusste. Das verunsicherte ihn.

Anfangs war er noch von einer Namensgleichheit ausgegangen. Es konnte sich nicht um denselben Mann gehandelt haben, sagte er sich. Ein anderer selben Namens hatte sich aus einem Fenster in Frankfurt gestürzt, während der richtige Daniel Franta, der, den er kannte, in Brüssel in seinem Bett schlief. Aber die Onlineausgeben der FAZ und der Frankfurter Neuen Presse brachten schnell Gewissheit. Der Selbstmörder war aus dem dritten Stock des Gebäudes der Deutschen Bank in der Friedrichsstraße gesprungen. Damit war eine Verwechslung ausgeschlossen, es sei denn, in der Bank hätten zwei Mitarbeiter mit demselben Namen gearbeitet. Das war Unfug! Daniel hatte sich also tatsächlich umgebracht und das war für Viktor völlig unverständlich. Irgendetwas war daran nicht in Ordnung, das fühlte er. Daniel hatte er gut gekannt. Er war zwar kein enger Freund gewesen, aber er hatte doch so viel Zeit mit ihm verbracht, dass er ihn wenigstens als sehr guten Bekannten bezeichnet hätte. Sorgen schien er nie gehabt zu haben und depressiv war er gewiss nicht gewesen, da war sich Viktor sicher. Daniel sprühte nur so von Lebenslust. In seinem Leben musste plötzlich etwas Schreckliches geschehen sein, was, war völlig unklar.

Das Kuvert, das ihm Daniel gegeben hatte, war immer noch in seiner Brusttasche. Konnte es etwas mit dem Selbstmord zu tun haben? Er zögerte lange, es zu öffnen, schließlich war es nicht für ihn bestimmt und als Rechtsanwalt hatte er Hemmungen, das Briefgeheimnis einfach zu ignorieren. Andererseits, sagte er sich, ist das Briefgeheimnis ohnehin nicht mehr viel wert. Überall schnüffelten ungebetene Nasen in den privaten Angelegenheiten der Bürger herum, durchbrachen mehr und mehr völlig legal, manchmal auch illegal, angestammte und ehemals selbstverständliche Rechte. Warum hatte er Skrupel, einen Brief zu öffnen, der wahrscheinlich ohnehin nur ein elektronisches Bauteil enthielt, mit dem er nichts anfangen konnte? Vielleicht gab es aber darin eine Anweisung, an wen das Kuvert übergeben werden sollte, sagte er sich, möglicherweise konnte er sich dann des Auftrags entledigen. Daniel hatte gesagt, das Teil werde in Frankfurt gebraucht. Er konnte am nächsten Freitag das Kuvert in der Frankfurter Zentrale der Deutsche Bank abgeben. Wahrscheinlich sollte es ohnehin dorthin gebracht werden. Es würde dann verspätet ankommen, aber besser spät als nie, sagte er sich. Aber dann kamen ihm Zweifel. Warum hatte Daniel ihn nicht gebeten, den Umschlag in die Bank zu bringen? Das wäre gewiss nicht zu viel verlangt gewesen, schließlich kannte ihn Daniel ganz gut und wusste, dass er nicht ungefällig war. Was, wenn er einen Fehler machte und der Adressat gar nicht die Bank war?

Viktor beschloss die ganze Sache zu überschlafen. Die Entscheidung, was mit dem Kuvert geschehen sollte, verschob er auf den nächsten Morgen.

Er schlief tief und fest und nur einmal wachte er auf, da sich Daniels Selbstmord in seine Träume gemischt hatte. Morgens ging er zur Arbeit und verschob die Entscheidung auf den Abend.

Daniels Selbstmord war Tagesgespräch bei allen Bekannten, die Viktor traf. Jeder hatte davon gehört und jeder hatte eine andere Version parat. Manche munkelten, er sei finanziell in Schwierigkeiten gewesen und habe keinen Ausweg mehr gesehen, andere hatten gehört, er habe in Brüssel eine Geliebte gehabt und seine Ehe sei darüber in die Brüche gegangen. Viel Unsinn wurde erzählt. Auch eine schwere Depression wurde immer wieder in Erwägung gezogen. Viktor widersprach all diesen Spekulationen und sagte stets, er habe mit Daniel noch am Abend vor dem Selbstmord im Le Parioli gegessen und da sei er gewesen wie immer, heiter, entspannt und sogar ein wenig übermütig. Nur einmal habe er ein wenig müde ausgesehen, so als habe er zu viel gearbeitet oder in den letzten Tagen zu wenig geschlafen. Den Brief erwähnte er nicht. Warum auch.

Am Abend saß er erneut vor dem Kuvert und fragte sich, ob er es öffnen sollte. Er besprach sich mit seiner Frau, die ihm jedoch davon abriet. „Wer weiß, was in dem Briefumschlag ist“, sagte sie, „halte Dich doch einfach an die Abmachungen. Schlimmsten Falls kannst Du immer noch Daniels Frau anrufen. Schließlich sollte sie den Umschlag abholen. Nachdem sich ihr Mann an jenem Abend umgebracht hat, kam es nicht dazu, das ist verständlich. Vielleicht ist die Sache auch nicht so wichtig oder hat sich erübrigt. Wenn sich niemand meldet, kannst Du den Umschlag einfach in den Müll werfen und die Sache ist erledigt.“

In dieser Nacht schlief Viktor schlecht. Daniel geisterte durch seine Träume und am Morgen hatte er das Gefühl, die ganze Nacht nicht geschlafen zu haben, was natürlich übertrieben war.

Am Mittwoch war Daniels Schicksal im Bekanntenkreis schon nicht mehr Gesprächsstoff Nummer eins. Man ging zur Tagesordnung über und nur ab und zu sagte einer etwas über den seltsamen Selbstmord, der selbstverständlich immer noch nicht genügend abgearbeitet worden war. Er wird uns fehlen, sagte dann jemand oder, er war ein netter Kerl, das war alles. Das Interesse verebbte, die Lücke schloss sich, andere Themen rückten in den Vordergrund und bis zum Wochenende war Daniel Franta mehr oder weniger vergessen. Nur Viktor vergaß ihn nicht. Er konnte es einfach nicht fassen, dass Daniel sich umgebracht hatte. Diese unmittelbare Begegnung mit dem Tod, und sei es auch nur mit dem eines Bekannten, machte ihm zu schaffen. So schnell konnte es also gehen, sagte er sich, so schnell und so überraschend konnte eine Katastrophe über einen Menschen hereinbrechen und ihn zu einer Verzweiflungstat verleiten. Was für eine seltsame Welt!

Das Wochenende verlief ereignislos. Viktor genoss die Zeit mit seiner Frau und den Kindern, das Wetter war schön, die Stimmung glänzend und Viktor rundum zufrieden.

Mittwoch, Viktor saß an seinem Schreibtisch in Brüssel, bereitete sich auf ein Treffen mit einem einflussreichen Abgeordneten vor, den er von der Wichtigkeit einer Gesetzesnovelle überzeugen sollte, die angeblich helfen würde, eine große Zahl an Arbeitsplätzen in der Industrie zu erhalten. Wenn man etwas optimistisch in die Zukunft schauen wolle, schrieb Viktor auf seinen Spickzettel, könne die Maßnahme sogar in der Lage sein könnte, eine ganze Menge neuer Arbeitsplätze zu schaffen.

Es ging immer um dasselbe. Das Schlagwort Arbeitsplätze war geeignet, die Türen zu öffnen. Arbeitsplätze hier, Arbeitsplätze dort. Dabei ging der Trend doch in die andere Richtung. Rationalisierung, Mechanisierung, Robotik. Ich versuche es noch einmal mit dem Arbeitsplätze-Trick, dachte Viktor. Mal sehen, wie weit ich diesmal damit komme.

Es war Mittag. Um 12:10 klingelte Viktors Telefon. Seine Frau war in der Leitung und sie war in höchster Aufregung und völlig außer sich. Jemand habe am Vormittag, also bei helllichtem Tag in ihr Haus eingebrochen, alles sei durchwühlt, der Safe geöffnet, Bilder von den Wänden gerissen. Sie sei gerade eben nach Hause gekommen, habe die Kinder von der Schule abgeholt. Es sehe schrecklich aus und sie habe Angst. Ob etwas fehle, könne sie noch nicht sagen. Geld und Wertsachen im Safe seien seltsamerweise nicht verschwunden, nach ihrem Schmuck im Schlafzimmer habe sie noch nicht gesehen. Die Polizei sei verständigt, sagte sie, die müsse in wenigen Minuten eintreffen.

Viktor war beunruhigt. Wer brach schon bei Tag in ein Einfamilienhaus ein und nahm keine Beute mit? Im Safe lagen etwas mehr als dreitausend Euro, das wusste er. Waren die Einbrecher gestört worden? Oder suchten sie etwas anderes?

Das Treffen mit dem Abgeordneten, das um 13 Uhr angesetzt war, drückte er einem Kollegen aufs Auge und fuhr in seine kleine Wohnung, um sich nun doch den Umschlag näher anzusehen, der ihm in zunehmendem Maße verdächtig vorkam. Steckte hinter der Bitte, die Festplatte nach Frankfurt zu transportieren, mehr als nur ein Freundschaftsdienst? Wusste er einfach zu wenig über Daniels Tätigkeit und könnte dieser in irgendeine Geheimdienstgeschichte verwickelt gewesen sein? War das der Grund für seinen plötzlichen Selbstmord, sofern es denn einer war? Hatten die Einbrecher die Festplatte gesucht? Alles Fragen, auf die es derzeit keine Antworten gab.

Nach längerem Zögern öffnete er den Umschlag und fand darin neben einem elektronischen Bauteil, das irgendwie seltsam aussah, ein kurzes Schreiben an Rechtsanwalt Dr. Markus Ziegler.

Viktor kannte Ziegler. Juristen kennen sich. Sie waren etwa im selben Alter. Ziegler war einer von jenen Kollegen, die ihre Finger überall hatten, auch dort, wo es nicht immer ganz sauber zuging. Sein Ruf war in Kollegenkreisen nicht unumstritten. Ziegler hatte die Grenze des in der Branche tolerablen ein wenig zu sehr strapaziert und wurde deshalb von manchen Kollegen ein wenig von oben herab behandelt. Da er sehr viel Geld verdiente, war er allerdings über diese Art der Kritik erhaben und kümmerte sich nicht darum.

Lieber Herr Dr. Ziegler, stand auf dem Schreiben, verwahren sie das Teil gut. Sollte mir etwas zustoßen, übergeben sie es Lionell Fraiser. Nur dort ist es sicher. Bei deutschen Behörden würde es einfach verschwinden. Ich setze mich mit Ihnen am Wochenende in Verbindung. D.F.

Viktor Roselli begann langsam seine Lage zu begreifen. Was in dem Schreiben stand, sprach für sich. Irgendetwas musste sich auf dieser Festplatte befinden, das nicht ganz lupenrein war. Daniel hatte ihm den Umschlag gegeben, weil er nicht sicher sein konnte, ihn selbst unbeschadet nach Frankfurt bringen zu können.

Die Situation war brisant. Er war in eine Geschichte hineingeraten, die ihn nichts anging und die offenbar brandheiß war. Was gespielt wurde, wusste er nicht, dass er aber die Festplatte seinem Besitzer zurückzugeben oder sie Dr. Ziegler zukommen lassen musste, war klar. Nur so konnte er sich aus der Schusslinie bringen. Daniels Schicksal sprach für sich. Eines hatte er nun begriffen und die Erkenntnis fuhr ihm in die Knochen: Daniels Selbstmord war inszeniert und das bedeutete, er hatte es mit skrupellosen Typen zu tun, die vor nichts zurückschreckten, auch nicht vor einem Mord. Wer aber war der rechtmäßige Besitzer? Ziegler jedenfalls nicht. Vielleicht aber wusste er näheres darüber.

Viktor beschloss Ziegler anzurufen.

Ihr Chef sei außer Haus, sagte seine Sekretärin, ob er zurückrufen könne? Er sei spätestens in zwei Stunden wieder in seinem Büro.

„Ich melde mich in zwei Stunden wieder“, sagte Viktor. „Sagen Sie Ziegler einfach, Rechtsanwalt Roselli habe angerufen.“

Die zwei Stunden verbrachte er mit Grübeln. Einmal rief seine Frau an und sagte, es würden tatsächlich keine Wertsachen fehlen und die Polizei habe nach Spuren gesucht und nur wenig gefunden. Fingerabdrücke gebe es jedenfalls keine und angesichts der Tatsache, dass kein Eigentumsdelikt vorliege, würde die Polizei nach eigener Aussage, keine großen Anstrengungen unternehmen. Einbrüche gebe es viele, der Schaden sei meist erheblich. Da würden sich die Ermittlungen lohnen. In ihrem Fall sei aber sogar der Safe fachgerecht geöffnet worden, ohne den Sicherheitsmechanismus zu beschädigen. Da seien echte Profis am Werk gewesen. Anstatt zu helfen hätten sich die Beamten beeindruckt gezeigt und gemeint, so schnell sei auch ein einfacher Safe nicht zu knacken. Aus ihren Augen habe man die Bewunderung ablesen können. Eine Hilfe seien sie nicht gewesen, die Polizeibeamten, eher unsensibel, grob oder einigermaßen dämlich, und sie hätten lediglich ihre Pflicht getan, und seien dann in guter Stimmung abgezogen.

Viktor war nun in echter Sorge. Profis, die nichts stahlen, einen Safe öffnen konnten, ohne ihn zu beschädigen, einfach so, als sei dies ein Kinderspiel, und die so gut wie keine Spuren hinterließen, waren gefährlich. Er hoffte von Ziegler eine Antwort auf seine Fragen zu erhalten.

Als er anrief, hatte er Ziegler direkt am Apparat.

„Du wolltest mich sprechen“, sagte dieser zur Begrüßung, „was kann ich für Dich tun Viktor. Lange nichts mehr von Dir gehört.“

„Nun, ich möchte ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, Markus, darf ich trotzdem gleich zur Sache kommen? Die Zeit drängt.“

„Nur zu, schieß los.“

„Du kennst Daniel Franta.“

Ziegler schwieg.

„Kennst Du ihn?“

„Hängt davon ab“, sagte Ziegler.

„Wovon?“

„Na, von den Umständen.“

„Von welchen?“

„Nun, je nach dem, was Du so am Herzen hast“, sagte Ziegler etwas zögerlich.

„Ich möchte vorerst einfach nur wissen, ob Du ihn kennst“, sagte Viktor, „nichts weiter.“

„Wie ich gehört habe, hat er Selbstmord begangen.“

„Richtig. Und in was für eine Geschichte war er verwickelt, Markus? Sag mir einfach was Du weißt.“

„Ich weiß nichts, Viktor, wieso kommst Du zu mir?“

„Ich habe da etwas, was Du für ihn aufbewahren solltest. Da ist ein kleiner Brief für Dich dabei. Deshalb komme ich zu Dir.“

Es entstand eine Pause.

„Ich möchte wissen, was ich mit dem Teil anfangen soll! Wem gehört es, was ist auf der Festplatte?“

„Wie kommt das Teil in Deine Hände?“

„Er hat es mir gegeben. Ich sollte es nach Frankfurt bringen. Was mache ich damit?“

„Ich an Deiner Stelle, würde versuchen keine Fragen zu stellen, nicht aufzufallen und alle Spuren zu verwischen. Etwas ist schiefgelaufen und Daniel hat es erwischt. Ich habe kurzfristig beschlossen, Urlaub zu machen. Für drei Wochen bin ich nicht zu erreichen. Du solltest Dich raushalten. Das ist ein gutgemeinter Rat. Versuche nicht in ihr Radar zu geraten.“

„Mein Haus ist gerade verwüstet worden“, sagte Viktor, „ich muss annehmen, dass ich längst schon knietief in der Sache stecke.“

„Dann sieh Dich vor. Die spaßen nicht.“

„Wer sind sie?“

„Was tut das zur Sache, Viktor. Warum musst Du das wissen?“

„Ich muss doch wissen, mit wem ich es zu tun habe, Markus!“

„Musst Du?“

„Wie soll ich mich schützen, wenn ich nicht weiß, wovor?“

„Du machst es mir nicht leicht“, sagte Ziegler. „Aber gut. Du bist ein anständiger Kerl, da will ich nicht so sein. Aber von mir hast Du die Informationen nicht, verstehen wir uns da recht? Von mir nicht!“

„Natürlich.“

„Also: Daniel arbeitete bei der Deutschen Bank. Das weißt Du natürlich“, sagte Ziegler, „Die Bank ist in dunkle Machenschaften verwickelt. Soweit ich verstanden habe, geht es um regelmäßigen Geldtransfer ins Ausland über eine extra Festplatte, die um Mitternacht vorübergehend in den Zentralrechner eingebaut wird. Während dieser Zeit wird automatisch der tägliche Backup des Systems durchgeführt. Und genau in dieser Zeitspanne werden über die zusätzliche Festplatte Operationen abgewickelt, die durch nichts und niemand nachverfolgbar sind. Diese Transaktionen hat es nie gegeben, verstehst Du. Irgendwelche Gelder werden spurlos durch das System geschleust. So jedenfalls habe ich das verstanden. Ich bin weder Computerfachmann noch verstehe ich etwas von Bankgeschäften. Wenn Du mich fragst, sind das üble Geschäfte, Drogengelder, Geldwäsche, Schmiergelder. Was weiß ich! Ich verstehe nicht viel davon. Jedenfalls war Daniel Franta bereit seinen Kopf zu riskieren, um diese Praktiken aufzudecken. Welch ein Träumer. Seinen Lohn hat er dafür erhalten, denke ich. Mehr kann ich Dir über die Sache nicht sagen. Ich habe ohnehin schon zu viel geredet. Wenn Du aber einen guten Rat haben willst: Zieh Deinen Kopf ein, mach es wie ich: hau ab, verschwinde ins Ausland und bleibe so lange dort, bis Gras über die Sache gewachsen ist.“

„Danke für Deinen Rat, Markus, und schönen Urlaub.“

„Nichts zu Danken und pass gut auf Dich auf.“

 

 

4

 

Nachdem von Epstein das Büro verlassen hatte, saß Kommissar Wagner wie erschlagen hinter seinem Schreibtisch und versuchte das soeben erlebte in sein Weltbild einzuordnen. Da hatte gerade jemand ein volles Geständnis abgelegt und war daraufhin einfach aus seinem Büro spaziert, so als gebe es für ihn keine Justiz. Das war neu. Normalerweise leugneten die Täter hartnäckig, selbst wenn die Beweise gegen sie erdrückend waren. Diesmal war es anders. Da gestand jemand einen Mord, ohne dass ein Verdacht geäußert worden wäre. Und dann: von Epsteins Haltung war ungemein provokant gewesen. Hatte er ihn nicht mit einem frechen Lächeln auf den Lippen aufgefordert, ihm Handschellen anzulegen? Da gab es also Personen, die offenbar sicher waren, dass sie nicht verfolgt werden konnten, weshalb auch immer. Aber, war es nicht tatsächlich so? Warum hatte er nicht reagiert, wie er es eigentlich hätte tun müssen? Hatte er Angst, sich in Unannehmlichkeiten zu stürzen? Die einfache Antwort war: ja! Er hatte Angst! Und er ahnte, dass er allen Grund dazu hatte.

Konnte von Epstein nur geblufft haben und war dies lediglich ein Teil einer Überrumpelungstaktik, mit der er sein Gegenüber für obskure Zwecke instrumentalisieren wollte. Waren von Epstein und seine Komplizen wirklich immun? Wagner wusste nicht, was er von der Geschichte halten sollte. Den ersten Impuls, seinen Vorgesetzten Gerstner ins Vertrauen zu ziehen, verwarf er. Solange er seine Situation nicht genau einschätzen konnte, wollte er nichts überstürzen.

Grundsätzlich hatte er zwei Möglichkeiten, auf den Besuch zu reagieren. Er konnte von Epstein, Stadler und Hofstätter einbestellen, sie getrennt zum Fall Daniel Franta befragen, sie mit Widersprüchen in ihren Aussagen konfrontieren und eine offizielle Untersuchung einleiten, gesetzt den Fall, er wäre in der Lage, einen Staatsanwalt dazu zu überreden. Und da begannen die Zweifel bei Wagner. Kein Staatsanwalt wäre dazu bereit, das ahnte er. Keiner! Zu riskant, würde jeder sagen, der Akt sei bereits geschlossen, die Herren seien über jeden Zweifel erhaben.

Die Alternative dazu bedeutete: Er würde für die Deutsche Bank recherchieren müssen, illegal, innerhalb seiner regulären Arbeitszeit, aber für einen anderen Auftraggeber. Eigentlich undenkbar.

Während er so in seine Gedanken versunken war, kam Strassek in sein Büro und forderte die Herausgabe mehrerer Akten, die auf seinem Schreibtisch zur weiteren Bearbeitung lagen. Er habe soeben diese Fälle zugeteilt bekommen, sagte er und verschwand. Kurz darauf erschienen auch Nemski und etwas später Müller und jeder nahm ein paar Akten mit. Nach einer Stunde war Wagners Schreibtisch leer.

Entnervt suchte er daraufhin Gerstner auf.

Dieser hatte nur wenig Zeit für ihn, sagte aber, er solle sich keine Gedanken machen, und ein wenig Entlastung von der täglichen Kleinarbeit sei doch ganz angenehm, oder etwa nicht? „Durchaus“, sagte Wagner, „aber…“ „Kein aber, mein Lieber. Konzentrieren Sie sich auf die wichtigen Fälle.“

Damit wollte sich Wagner nicht abspeisen lassen. Er hatte nicht nur keinen wichtigen Fall auf seinem Schreibtisch, er hatte schlichtweg gar keinen Fall mehr. Er wollte auf von Epsteins Besuch zu sprechen kommen, wollte vielleicht auch dessen Forderung erwähnen, wenn es die Situation erlaubte, aber Gerstner unterbrach ihn nach wenigen Worten und sagte nur, er sei froh, dass von Epstein sich mit ihm einigen konnte und entließ ihn dann, da er, wie er sagte, gerade in Eile sei und zu einer wichtigen Besprechung müsse.

Hier also kam Kommissar Wagner nicht weiter. Nach dem Gespräch war ihm immer noch nicht völlig klar, wie er sich in der Sache verhalten sollte. Allerdings: Die Art, wie ihn Gerstner abgewimmelt hatte, sprach dafür, dass dieser genau Bescheid wusste. Er hatte ihn von aller Routinearbeit entbunden und freigestellt. Wenn er es recht bedachte, war die Situation ziemlich unmissverständlich.

Seine Kollegen wollte Wagner nicht ins Vertrauen ziehen, schließlich hatte ihn von Epstein gewarnt und angesichts der Ereignisse um Daniel Franta, war er gewillt, große Vorsicht walten zu lassen.

Wie sollte er also vorgehen? Offenbar erwartete man von ihm, dass er sich tatsächlich auf die Suche nach dem Elektronikteil machte, das Daniel Franta entwendet hatte. Und wahrscheinlich hatte er die Arbeit allein und ohne Hilfe zu erledigen. Das brisante an der Angelegenheit war, dass es sich, wenn man Zieglers Worten Glauben schenken wollte, um ein Beweisstück handelte, ein Beweisstück für kriminelle Machenschaften. Tat er also, was man von ihm verlangte, stellte er sich in den Dienst von Kriminellen und dies missfiel ihm. Irgendwie war er nicht abgebrüht genug, um einen derartigen Tabubruch widerstandslos hinzunehmen. Aber was blieb ihm schon anderes übrig? Mit dem Fall Jowick hatte man ihn in der Hand und er war gewiss nicht gewillt, seine Karriere knapp vor der Pensionierung auf unehrenhafte Weise zu beenden.

Damit war die Entscheidung gefallen.

Am nächsten Morgen, es war Dienstag, ließ sich Kommissar Wagner vom Dienst freistellen und fuhr mit der Bahn nach Brüssel.

Zuerst nahm er sich alle Gesprächspartner vor, mit denen sich Daniel Franta an jenem Donnerstag offiziell getroffen hatte. Die entsprechenden Adressen hatte er sich von der Sekretärin Epsteins besorgt. Das erste Treffen erwies sich als ziemlicher Fehlschlag.

Keiner der Teilnehmer hatte näheren Kontakt zu Franta gehabt. Eine Dame, die der Europäischen Volkspartei zugerechnet werden konnte, kannte Franta zwar von mehreren Besprechungen, hatte auch schon einmal mit ihm auf einer größeren Veranstaltung persönlich für längere Zeit geredet, wie sie sagte, wusste jedoch nicht mehr über ihn, als dass er ein angenehmer Gesprächspartner war und sie seine Kompetenz in Bankangelegenheiten geschätzt hatte.

Am Nachmittag jedoch gelang Kommissar Wagner dann der Durchbruch. Diesmal war das Meeting weniger formell gewesen. Die Teilnehmer kannten sich und sie trafen sich in regelmäßigen Abständen zu einem Gedankenaustausch. Franta war einer von ihnen. Manche hatten ihn sogar näher gekannt und zeigten sich betroffen von dessen Selbstmord, sagten, sie wüssten nicht, was ihn, der doch so lebensfroh gewesen war und voller Zukunftspläne, zu so einer Verzweiflungstat hatte treiben können. Kommissar Wagner hörte interessiert zu und nickte an den passenden Stellen mitfühlend. Die Betroffenheitsrhetorik dauerte meist nur wenige Minuten, dann konnte Wagner das Gespräch in die richtige Richtung lenken.

Ihn interessierte das persönliche Umfeld, das Daniel Franta privat frequentiert hatte. Es dauerte nicht lange, bis er ein paar Namen und Adressen notieren konnte, die erfolgversprechend schienen. Und bereits am späten Nachmittag stieß er auf den Namen Viktor Roselli.

Roselli, sagte man, habe jedermann erzählt, er sei wahrscheinlich der letzte gewesen, der Daniel lebend gesehen hatte. Das war interessant. Den Mann musste er sprechen. Auf Nachfrage erfuhr er, Roselli sei nicht selten um 18 Uhr im Costa D’amalfi zu finden. Er nehme meist einen Espresso an der Theke und plaudere mit dem Barmann. Paolo oder Pietro. Dort sei er am ehesten zu finden.

Kurz nach 18 Uhr traf Kommissar Wagner im Costa D’amalfi ein und tatsächlich stand an der Bar ein Mann, auf den die Beschreibung Rosellis passte. Wagner gesellte sich dazu, bestellte seinerseits einen Espresso macchiato und wandte sich wie zufällig an Viktor Roselli und sagte: „Deutsch?“

„Viktor lächelte und sagte: „Wie kommen Sie darauf?“

„Sie sehen so aus.“

„Da sind Sie der erste, der das findet“, sagte Viktor, und dann zum Barmann hinter der Theke gewandt: „Paolo, fammi un‘ altro, per favore.“

„Ach“, sagte Wagner, „ich habe mich also getäuscht.“

„Nicht wirklich“, sagte Viktor. „Mehr Deutsch als Italienisch.“

Nun, ein Einstieg war geschafft, dachte Wagner. Wie weiter? Er versuchte es mit allgemeinem Geplauder über Tagespolitik und Europa. Sein Gegenüber hörte höflich zu, war aber irgendwie abwesend. Der Barmann hinter dem Tresen hantierte mit der Kaffeemaschine, der Milchaufschäumer zischte und Wagner versuchte verzweifelt dem Gespräch die richtige Richtung zu geben. Da er nahezu einen Monolog hielt, war es zu einfach und gerade deshalb enorm schwer, das Thema auf den Selbstmord von Daniel Franta zu lenken. Wagners Redefluss ging zunehmend ins Leere. Der Kontakt zu Viktor Roselli entglitt ihm. Roselli hörte bestenfalls mit einem Ohr zu und nickte freundlich, wenn die Situation es erforderte. Als dann Kommissar Wagner etwas unvermittelt auf Daniel Franta zu sprechen kam, ging in Viktor Roselli eine abrupte Veränderung vor. Wagner spürte, wie sein Gegenüber sich schlagartig zurückzog. Eine gewisse Nervosität war zu spüren. Roselli sagte etwas zu Paolo, das Wagner nicht verstand, legte einen Geldschein auf den Tresen und ging grußlos aus dem Lokal.

 

Mit so viel Glück hatte Kommissar Wagner nicht gerechnet. Innerhalb eines Tages hatte er eine heiße Spur. Die Dummen haben Glück, sagt man. Nicht sehr schmeichelhaft, dachte Kommissar Wagner. Aber was solls. Herr Roselli musste etwas mit der Sache zu tun haben, da war er sich sicher. Vielleicht war er nur ein Mitwisser oder Mittelsmann. Er hatte sich sehr auffällig benommen. Ihn würde man sich näher ansehen müssen.

 

Er rief von Epstein an, um genauere Direktiven über sein weiteres Vorgehen zu erhalten.

 

Von Epstein war am Telefon kurz angebunden. „Vielen Dank“, sagte er, „Ihr Auftrag ist damit vorerst erledigt. Wir werden uns um Roselli kümmern. Sollten wir Ihre Hilfe nochmals benötigen, werden wir uns bei Ihnen melden.“

 

Am Mittwoch zeigte Kommissar Wagners Konto ein beachtliches Plus.

 

 

 

 

 

 

 

 

5

 

 

Viktor Roselli beschloss zu handeln. Nun, da seine Verbindung zu David Franta entdeckt worden war, hatte er nur noch ein Ziel: Er musste sich und seine Familie schützen. Er hatte es offenbar mit skrupellosen Verbrechern zu tun. Es galt also vorerst seine Frau und die Kinder in Sicherheit zu bringen. Nach Abwägung aller Möglichkeiten beschloss er seinen Vater anzurufen.

 

Die Familie bot auf alle Fälle sicheren Schutz vor Angriffen, wenn schon nicht die eigentliche engere Verwandtschaft, so doch die Familie im erweiterten Sinn. In diesem Punkt war Viktor immer noch Neapolitaner. Sein Deutschsein hatte Grenzen, und so fiel er, nun, da sein Leben und das seiner Lieben in Gefahr war, in alte Schemata zurück. Sein Vater hatte gewiss noch Verbindungen nach Hause. Onkel Sebastiano lebte in Salerno und Salerno war nicht weit entfernt von Neapel. Auch Ferdinando Roselli, der Cousin seines Vaters lebte in der Nähe von Neapel, war aber nur ein kleiner Geschäftsmann, während Sebastiano im Baugewerbe war und damit ganz sicher über Verbindungen zum Klan der Casalesi verfügte. Wo war man sicherer als im Zentrum des organisierten Verbrechens? Dorthin würde er seine Frau schicken. Niemand würde ihr dort ein Haar krümmen. Was den Ehrenkodex anging, war die Camorra von alttestamentarischer Strenge. Dort herrschte noch Auge um Auge, Zahn um Zahn und Freundschaft und Familie hatte einen bindenden Wert.

 

Viktor hatte ein wenig Mühe seinem Vater die Situation zu erklären, der zuerst glaubte, sein Sohn übertreibe maßlos, denn Deutschland sei schließlich nicht Sizilien, sagte er, und das, was Vittorio da erzähle, sei doch einigermaßen unglaubwürdig. So etwas gebe in Deutschland nicht. Er sei nun schon so lange hier und kenne das Land recht gut. Ja, zu Hause in Neapel, in Calabrien, wo die N‘drageta herrsche oder in Sizilien, da gebe es Bereiche der Rechtlosigkeit und Anarchie, aber hierzulande?

Papa`, ich bitte Dich um Hilfe, sagte Viktor. Rufe Sebastiano an und kündige ihm das Kommen meiner Familie an. Spätestens Morgenabend ist sie bei ihm. Frag, ob sie bei ihm wohnen kann, wenn nicht, soll er eine Wohnung organisieren, hörst Du!

 

Viktors Vater begriff langsam, dass es seinem Sohn wirklich ernst war und von da an ging alles schnell. Sebastiano war informiert und versicherte, er werde Vittorios Frau und Kinder bei sich aufnehmen. Das sei doch selbstverständlich. Wir sind doch eine Familie, sagte er am Telefon, wo kämen wir da hin, wenn wir uns nicht gegenseitig helfen würden.

 

Viktors Frau war schwerer von der Notwendigkeit dieser Maßnahme zu überzeugen, insbesondere deshalb, da Viktor ihr nicht sagen wollte, welche Gefahren ihr von welcher Seite drohten. „Je weniger Du weißt, Liebste, sagte Viktor, desto besser und sicherer. Glaube mir. Ich habe nur noch etwas zu erledigen und dann komme ich nach und wir verbringen ein paar Wochen in Italien. Eine schöne Gegend. Salerno und Umgebung werden Dir gefallen und Onkel Sebastiano ist ein netter Kerl und überdies spricht er ein bisschen Deutsch, denn er war für fünf Jahre als Gastarbeiter in Stuttgart. Nun, Deutsch ist vielleicht übertrieben, fehlerfreies Schwäbisch ist vielleicht treffender. Das aber kann er glaube ich noch ganz gut. Letzten Endes willigte sie ein und versprach noch am selben Abend mit den Kindern zu Viktors Eltern zu ziehen und am nächsten Morgen nach Italien aufzubrechen.

 

Für Viktor begann eine schwere Zeit. Eine zentrale Frage beschäftigte ihn: „Würde er sich seines Lebens sicher sein können, wenn er die Festplatte an die Deutsche Bank zurückgab? Niemand wusste, dass er in der Geschichte nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. Die Gegenseite musste vielmehr davon ausgehen, dass er aktiv involviert und damit ein Mitwisser war, einer, der über ihre illegalen Machenschaften Bescheid wusste.

 

Gut, er würde keine Beweise mehr in der Hand haben. Aber würden sie sich damit begnügen und ihn laufenlassen, wenn sie annehmen mussten, er sei ein aktiver Komplize Davids gewesen. Wenn er die Hintergründe kannte, dann musste ihm klar sein, dass David ermordet worden war und sollte er ihn gemocht haben, wäre eine Racheaktion nicht undenkbar. Konnte er also kooperieren und das Teil abliefern oder war es klüger, es zu behalten, in der Vorstellung, dass man ihn zumindest nicht umbringen würde, solange sie die Festplatte nicht in Händen halten würden. Dass sie David eliminiert hatten, war gewiss ein Fehler gewesen, den sie nicht noch einmal machen würden. Davon ging Viktor aus. Zurückgeben oder irgendwo sicher deponieren, das war die Frage. Er entschied sich für letzteres.

 

Brunault sagte er, er müssen ein paar Tage frei haben. Es gebe familiäre Probleme, die es zu lösen gelte. Dann fuhr er nach Frankfurt und nahm die dreitausens Euro aus dem Safe, vergewisserte sich, dass seine Frau mit den Kindern abgereist und in Sicherheit war und machte sich daraufhin auf den Weg in die Schweiz. Bei der Credit Suisse in Bern nahm er ein Schließfach, deponierte das Kuvert mit der Festplatte darin und fuhr erleichtert nach Brüssel zurück.

 

Das Wochenende verbrachte er in seiner kleinen Wohnung in der Rue de la Paix, telefonierte mit seiner Frau, die sich nicht glücklich darüber zeigte, bei Verwandten ihres Mannes in Salerno sein zu müssen. Ob er mit der Mafia zu tun habe, fragte sie ihn mehrfach und ob sie deshalb Hals über Kopf habe fliehen müssen? Viktor sagte lediglich darauf, es sei im Gegenteil die Mafia, die derzeit ihren Schutz gewährleiste. Im Augenblick sei gewiss nicht die Mafia das Problem. Wenn man es recht bedenke, sei es eine andere Form derselben, eine, die harmloser aussehe und die eine einwandfreie Reputation genieße, aber nichtdestotrotz sein eigenes und auch ihr Leben bedrohen würde. Er versprach vorsichtig zu sein und bald nachzukommen. „Sei unbesorgt“, sagte er, „in wenigen Tagen bin ich bei Dir mein Schatz.“

 

 

 

 

 

 

 

6

 

 

Bereits am Samstag hatte er das Gefühl beschattet zu werden. Am Abend war er ausgegangen, zu Fuß, um im Restaurant Da Vincenzo, wo er Stammgast war, eine Kleinigkeit zu essen und war den Eindruck nicht losgeworden, als folge ihm jemand. An einem der Tische im Lokal fielen ihm zwei Männer auf. Behielten sie ihn im Auge? Sie sahen verdächtig aus, fand er und ihr Verhalten war irgendwie ungewöhnlich. Diese Anfälle von Paranoia nahm er anfangs nicht ernst. Sicher bin ich nur sensibilisiert, überempfindlich und sehe nun überall Gefahren, wo gar keine sind, aber die Männer sahen wirklich von Zeit zu Zeit zu ihm herüber und dies kam ihm seltsam vor.

 

Auf dem Weg nach Hause hatte er das Gefühl, dass ihm jemand folgte und er ging schnell und immer schneller bis er atemlos, fast im Laufschritt bei der Haustür ankam, aufschloss und hastig darin verschwand, nicht ohne sich vergewissert zu haben, dass die Tür hinter ihm auch wirklich ins Schloss gefallen war.

 

Am nächsten Morgen beobachtete er nach einem Blick aus dem Fenster, für einige Zeit einen hellen BMW, er auf der Gegenseite der Straße geparkt war. Auf der Fahrerseite saß ein Mann in dunklem Sakko, die Beifahrertür war geöffnet und davor stand ein verwegen aussehender Typ mit Halbglatze und rauchte. Viktor zuckte die Schultern und sagte sich, dass die Szene nichts mit ihm zu tun haben musste. Trotzdem sah er ab und zu aus dem Fenster und stellte fest, dass das Fahrzeug weiterhin dort geparkt stand und immer einer der Männer zu sehen war, meist aber beide entweder im Auto saßen oder irgendwo standen. Es war so, als ob sie gesehen und bemerkt werden wollten und nun nahm Viktor die Situation ernst.

 

Die Gegenseite hatte offenbar beschlossen ihn zu hetzen.

 

Viktor hatte keine Lust, diesen Psychoterror über sich ergehen zu lassen, der auf Dauer seine Entscheidungen beeinträchtigen musste. Gerade jetzt war es wichtig, kühlen Kopf zu bewahren. Gerade jetzt durfte er sich keinen Fehler erlauben. Er musste also handeln.

 

Kurz entschlossen verließ er mit einem kleinen Handkoffer das Haus und wandte sich nach rechts, ging schnellen Schrittes Richtung Chaussée D’Ixelles. In einiger Entfernung hörte er Autotüren zuklappen und schnelle Schritte. Ein kurzer Blick zurück bestätigte seinen Verdacht. Einer der beiden Typen, die er vom Fenster aus beobachtet hatte, der mir der Glatze, verfolgte ihn im gestreckten Lauf, wobei er einen dunklen Gegenstand in einer Hand hielt. Der andere versuchte mit quietschenden Reifen den Wagen zu wenden. Viktor bog nach links in die nächste Straße ein und für einen Augenblick war er den Blicken der Verfolger entzogen. Was sollte er tun? Es war nur eine Frage von Sekunden, bis er direkt mit zwei Schlägertypen konfrontiert sein würde. Er konnte es niemals mit ihnen aufnehmen, das war klar. Nicht einmal mit einem hätte er eine Chance. Er war Jurist, kein Boxer! Er lief und war bereits nach wenigen Metern außer Atem. Das konnte nichts werden. Unter diesen Umständen konnte er auch gleich stehen bleiben und sich niederschlagen lassen. Gab es eine Fluchtmöglichkeit? Er sah keine.

 

Der Zufall kam ihm zu Hilfe. Rechts vor ihm trat ein älterer Herr aus einem Haus auf die Straße. Viktor rannte auf den Eingang zu. Die automatische Tür war noch einen Spaltbreit offen. Viktor stieß sie auf und stemmte sich augenblicklich von innen dagegen. Nur wenige Sekunden später sprang der Glatzkopf mit seiner Schulter dagegen, so dass die Glastür als Ganzes krachend erzitterte. Zu spät. Das Schloss war eingerastet. Viktor hastete vorwärts. Bei einem Blick nach hinten sah er, wie der Glatzkopf alle Klingelknöpfe drückte, in der Hoffnung, jemand würde die Tür öffnen. Viktor lief den Flur entlang, riss geistesgegenwärtig eine Brandschutztür auf, in der Annahme, sie könne in eine Tiefgarage des Hauses führen und tatsächlich schlug ihm der Geruch nach Gummi und Abgasen entgegen. Die Treppe nach unten nahm er im Laufschritt, eine weitere Brandschutztür, dann war er in der Garage. Die Ausfahrt war offen. Er befand sich in der Rue de Venise, durchschritt sie zügig Richtung Süden, nahm an der Kreuzung Rue Jean van Volsem ein Taxi, und ließ sich in das wenige Straßenzüge entfernte Le Berger Hotel bringen, ein Haus, in dem er schon einmal für ein paar Tage gewohnt hatte.

 

Er war verschwitzt und völlig außer Atem, als er dort ankam. Und er war glücklich, den Verfolgern entkommen zu sein. Das war knapp, sagte er zu sich, sehr knapp. Einen derartigen Fehler wollte er nicht mehr begehen. Er musste vorsichtiger sein, durfte die Gegner nicht unterschätzen. Es sah so aus, als wolle man seiner habhaft werden, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Einen Angriff auf seine Wohnung hatte man nicht gewagt. Ihr Plan aber, ihn zu provozieren und damit zu einem Leichtsinn zu verleiten, war fast aufgegangen.

 

In dem kleinen Zimmer mit Minibar, TV und einem Einbauschrank ohne Kleiderbügel saß er und überlegte, wie er die Festplatte an die Bank zurückgeben konnte, ohne ein Risiko für Leib und Leben auf sich zu nehmen. Würde man seinen Beteuerungen, er wüsste von nichts, Glauben schenken? Allein die Beteuerung an sich war doch schon Zeichen genug dafür, dass er etwas wusste. Wie aber sollte er sich sonst aus der Schusslinie bringen? An Ziegler konnte er das Computerteil nicht mehr übergeben, der war nicht mehr in Frankfurt und hätte unter den gegebenen Umständen das Kuvert auch nicht genommen. Und sonst? Blieb nur noch die Hoffnung, ein Journalist könne den Mut haben, die Sache zu veröffentlichen. Einmal veröffentlicht, gäbe es keinen Grund mehr ihn zu eliminieren, im Gegenteil, würde ihm etwas zustoßen, wäre die Verbindung zur Deutschen Bank schnell gefunden. Dies würde das Desaster nur noch verschlimmern.

 

Die Presse war die Lösung. Die Presse und nur die Presse. Sie sollte an so einer Sache eigentlich Interesse haben. War er sich sicher? Jedenfalls musste er versuchen, mit einem Aufdeckungsjournalisten Kontakt aufzunehmen. Aber mit welchem? Und dann, welche Zeitung oder Zeitschrift würde so etwas veröffentlichen? Der Spiegel? Früher wäre die Zeitschrift eine sichere Anlaufstelle gewesen. Heute war sie einigermaßen weit davon entfernt, ein unabhängiges Blatt zu sein! Die Zeit? Unwahrscheinlich, zu konservativ, staatstragend. TAZ? Kaum! Süddeutsche, ebenfalls Fehlanzeige. Bild? Undenkbar! Schweinezeitung ohne Rückgrat. Also doch Der Spiegel. Ihm blieb keine Wahl.

 

Am Montagmorgen rief er in der Spiegel-Zentrale an und fragte nach einem Aufdeckungsjournalisten. Worum es denn ginge, fragte die Sekretärin? Das wollte Viktor nicht sagen. Er bräuchte einen verschwiegenen Mann oder natürlich auch Frau für eine Skandalgeschichte.

Dies sei nicht so einfach, erwiderte die Sekretärin, ob er denn sagen könne, um welchen Sektor im weitesten Sinne es sich handle, es geben im Haus Spezialisten für Wirtschaftskriminalität, Soziales, Politik, Gesundheit.

Wirtschaft im weitesten Sinne und Kriminalität im engeren, beides, sagte Viktor, das eine wie das andere.

 

Ob er denn unter der Handynummer zurückgerufen werden könne, fragte sie weiter?

 

Natürlich, sagte er und er erwarte einen Anruf in den nächsten Minuten. Die Zeit dränge ein wenig.

 

So verblieben sie und es dauerte drei Stunden, bis jemand zurückrief. Ein Herr Stankowski von der Wirtschaftsredaktion war am Telefon und erkundigte sich, um was es denn gehe. Und nun begannen erst die Schwierigkeiten, denn Viktor wollte am Telefon nicht mehr sagen, als dass es um Unregelmäßigkeiten in Zusammenhang mit Bankgeschäften ginge und um einen Mord, der damit in Zusammenhang stünde. Dies wiederum war Herrn Stankowski zu wenig. Er wollte mehr wissen, Details, die Viktor nur in einem persönlichen Gespräch preisgeben wollte. Die Diskussion, die sich daraus entwickelte, zog sich hin. Viktor war entnervt und Stankowski sagte ein ums andere Mal er bräuchte mehr Informationen, um entscheiden zu können, ob es sich lohne, der Sache nachzugehen. Es würden täglich Leute anrufen und allerlei Geschichten anbieten, hinter denen sich nichts befinde, als heiße Luft.

Es ginge hier nicht um heiße Luft, sagte Viktor, sondern um eine heiße Geschichte, bei der er gerade seinen Kopf riskiere.

 

„Sie sind ein Whistleblower, wenn ich recht verstehe, arbeiten in einer Bank und haben brisante Informationen über Unregelmäßigkeiten, die uns interessieren könnten“, fragte Stankowski? „Ist das korrekt?“

 

„Nein“, sagte Viktor, „der eigentliche Whistleblower ist bereits tot. Er hat sich aus einem Fenster gestürzt und es weist alles darauf hin, dass er nicht ganz freiwillig gesprungen ist. Beweisen kann ich dies natürlich nicht, aber ich bin im Besitz von Unterlagen, die für die Bank brisant zu sein scheinen. Brisant genug für einen Mord jedenfalls.“

 

„Sie sind also nur ein Überbringer von Unterlagen, die ein Verbrechen belegen, von dem Sie aber nicht aus erster Hand wissen“, fragte Stankowski?

 

„Das ist richtig“, sagte Viktor, „ich weiß nur in sehr groben Zügen, worum es geht und dies auch nur aus zweiter Hand. Ich bin durch Zufall in den Besitz dieser Unterlagen gekommen und bin derzeit unter massivem Druck. Ich werde gehetzt, bin mit knapper Not meinen Verfolgern entwischt und rechne damit, entdeckt und gefangengenommen zu werden. Was dann geschieht, weiß ich nicht und ich möchte mir das auch nicht vorstellen, Herr Stankowski. Ich möchte aber nicht so enden, wie der Whistleblower.“

 

„Verstehe“, sagte Stankowski und nun schien er die Geschichte ernst zu nehmen. „Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: schalten Sie Ihr Handy aus, damit man Ihren Standort nicht feststellen kann. Dann wechseln sie den Stadtteil, den Ort oder den Bezirk. Sofort! Es besteht nämlich die Möglichkeit, dass Sie bereits geortet wurden. Dann kaufen sie sich ein Seniorentelefon, eines, bei dem man noch die Batterie entfernen kann und werfen Ihr eigenes Handy weg. So können Sie telefonieren und Sie sind auf keinen Fall zu orten. Ich frage Sie nicht, wo Sie sind. Telefongespräche sind nicht sicher und die Presse wird bevorzugt abgehört. Um Pressefreiheit und Informantenschutz kümmert sich heute ohnehin niemand mehr. Ist ein Treffen in der Nähe von Hamburg für Sie schwierig zu realisieren?“

 

„Lässt sich machen“, sagte Viktor.

 

„Morgen um 16 Uhr?“

 

„OK“.

 

„Ich gebe Ihnen meine Nummer und sie rufen mich etwa um 15 Uhr an. Ich gebe Ihnen dann den Treffpunkt bekannt.“

 

„Das ist perfekt“, sagte Viktor.

 

Damit war dieser Punkt erledigt. Nun musste er nur noch das Hotel verlassen, sich zu seinem Auto bringen lassen, oder dorthin zu Fuß gehen, der Weg war ja nicht weit, hoffen, dass der Wagen nicht beobachtet wurde, dann in Richtung Hamburg fahren, irgendwo auf dem Weg dorthin übernachten und sich mit Stankowski treffen, und das alles, ohne gesehen oder verfolgt zu werden. Kein einfaches Unterfangen.

 

Es war Elf Uhr morgens als er aus dem Hotel auscheckte. Die Abbuchung über die Kreditkarte funktionierte nicht und das Fräulein an der Rezeption sagte, der Apparat nehme die Karte nicht. Viktor gab ihr entnervt die Bankomatkarte seiner Hausbank, aber auch die wurde nicht angenommen. Viktor bezahlte die Rechnung des Hotels bar und rief seine Bank an. Die Telefonzentrale verband ihn mit Frau Wiedehorn, die seine Bankangelegenheiten betreute. Seltsamerweise, sagte sie, sei kein Guthaben auf seinem Konto und ein Überziehungskredit sei nicht eingeräumt. Sie könne das nicht verstehen. Aus den Unterlagen gehe hervor, dass das Konto seit drei Monaten ohne Guthaben sei. Das könne gar nicht sein, sagte sie, sie habe doch erst vor wenigen Tagen eine Operation durchgeführt, davon gebe es aber keine Spur mehr. Sie werde versuchen herauszufinden, wie es zu dem Fehler kommen konnte, sagte sie, das habe sie noch nie erlebt.

 

Viktor begriff langsam, in welch ernsten Schwierigkeiten er war. Offenbar konnte die Deutsche Bank, seine Konten bei der Commerzbank annullieren. Wie das möglich war, verstand er nicht. Er checkte online in sein Konto bei der Deka Bank ein. Auch hier war der Kontostand Null. Viktor schäumte vor Wut. Er hatte nur noch sein Bargeld, abgesehen davon aber war er pleite.

 

Mit seinem kleinen Koffer ging er zu Fuß in die Rue de la Paix, kaufte auf dem Weg dorthin ein einfaches Handy, wie Herr Stankowski empfohlen hatte und warf seines in einen Mülleimer, dann ging er vorsichtig weiter, beobachtete seine Straße für einige Minuten und nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand auf ihn wartete, ging er zu seinem Wagen und fuhr los. Soweit hatte bisher alles funktioniert. Viktors Zuversicht stieg ein wenig.

 

Auf der Strecke Richtung Leuven-Louvain hielt er an und inspizierte sein Auto von allen Seiten. Bereits ein einfaches Handy zwischen Kotflügel und Karosserie geschoben, würde ausreichen, um sein Auto zu orten, sagte er sich. Er musste vorsichtig sein. So sehr er sich auch bemühte, finden konnte er nichts, kein Handy, keine Wanze, nichts. Das beruhigte ihn keinesfalls. Er hatte die Wanze nur nicht gefunden, das aber hieß nicht, dass da keine war. An einer Autobahnraststation aß er eine Kleinigkeit. Schlangenfraß, fett, versalzen, eigentlich ungenießbar. Um 15 Uhr rief er Stankowski an.

 

Dieser sagte lediglich: A1, Autohof Sittensen und legte auf.

 

Stankowski, jung, groß gewachsen, salopp gekleidet, helle Lederjacke, Jeans, wartete vor dem Restaurant auf ihn. Sie holten sich einen Kaffee und setzten sich an einen Tisch, der etwas abseits stand. Der Raum war fast leer. An einem der Tische saß eine Familie mit Kindern, die Eltern saßen, während die Kinder versuchten, das Lokal zu verwüsten. Leise Schlagermusik füllte den Raum.

 

Viktor versuchte in kurzen Worten zu erklären, was er wusste und das war nicht gerade viel, wie er zugeben musste. Aber er war in der Lage, Stankowski klarzumachen, dass sein Leben akut bedroht war und die Informationen, die sich auf der Festplatte befanden, brandheiß sein mussten. Sonst, sagte Viktor, hätte man Daniel Franta sicher nicht einfach kaltgemacht. Auch dies sei natürlich nicht sicher, sagte er, aber er habe Franta gekannt und ein Selbstmord sei eigentlich auszuschließen. Was immer sich auf der Festplatte befinde, es müsse hochbrisant sein. Keine Sache, die man auf einen beliebigen Mitarbeiter schieben konnte und sich damit seiner Verantwortung entledigen. Es müsse sich um eine Bombe handeln, und er, Stankowski könne sie hochgehen lassen. Das sei doch schon einmal etwas, oder etwa nicht?

 

Stankowski war bereit sich der Sache anzunehmen und war enttäuscht, dass Viktor die Festplatte nicht bei sich hatte. Sie vereinbarten eine Übergabe am nächsten Tag in Friedrichshafen. Von der Schweiz kommend, wollte Viktor das Teil zum Flughafen bringen. Stankowski würde sich von einem Bekannten mit einer Cessna dorthin fliegen lassen und sofort nach Übernahme nach Hamburg zurückkehren. Die Auswertung der Festplatte durch Experten könne einige Tage in Anspruch nehmen, sagte er, Rechtsexperten müssten dazu gezogen werden, um die juristische Seite zu beleuchten, dann aber stünde einer Veröffentlichung nichts im Wege. In der Zwischenzeit könne ja ein Kollege die Selbstmordgeschichte von Daniel Franta durchleuchten. Das sei eine Riesenstory. Die müsse richtig aufgezogen werden, dann sei sie wahrscheinlich Reif für den Deutschen Reporterpreis, wenn nicht noch für Höheres. Die Besprechung dauerte nur zwanzig Minuten.

 

Viktor fuhr gegen Süden und hoffte sich innerhalb eines Tages der Gefahr entledigen zu können. Offenbar, sagte er sich, war die Gegenseite doch nicht ganz so effizient, wie er anfangs angenommen hatte. Gut, seine Konten waren annulliert, das war ein Job innerhalb ihres ureigensten Metiers. Über Tricks auf diesem Gebiet verfügten sie, das war nicht verwunderlich. Wie sie in eine fremde Bank eindringen konnten und den Kontostand verändern, war zwar nicht klar, aber es gab da offenbar Lücken, die sie sich zunutze machen konnten.

Zwei Typen waren auf ihn angesetzt worden, aber sie hatten ihn prompt verloren, was nicht sehr professionell wirkte. Die Chancen standen also nicht so schlecht, dass die Übergabe in Friedrichshafen funktionieren würde und er sich daraufhin nach Salerno absetzen konnte, wo seine Frau und die Kinder auf ihn warteten. Er würde allwöchentlich den Spiegel kaufen und erst zurückkehren, wenn die Geschichte aufgedeckt war. So konnte es funktionieren. Es musste funktionieren, denn eine Alternative dazu gab es nicht.

 

Die Fahrt nach Bern war lang und er war hundemüde, als er ankam. Er übernachtete im Bristol, ging nach dem Frühstück zu Fuß zur Credit Suisse, wo er sein Bankfach auflöste.

 

Das Kuvert mit dem Computerteil verstaute er in einer kleinen Aktenmappe mit rotem Ledereinband, ging dann zu seinem Wagen, die Aktenmappe legte er auf den Beifahrersitz und machte sich auf den Weg nach Friedrichshafen. Der Tag war sonnig, die Landschaft abwechslungsreich und Viktor in guter Stimmung. Gleich würde er es geschafft haben. Er schaltete sein Handy ein und rief Stankowski an. Er sei schon in Friedrichshafen gelandet, sagte dieser. Er würde vor dem Flughafen auf ihn warten. In zwei Stunden? Gut, sagte Stankowski, er werde warten.

 

Nach passieren der deutschen Grenze bei Schaffhausen fuhr er auf der A81. Er kam zügig voran. Es war wenig Verkehr auf der Autobahn. Ab und zu überholte er einen Lastwagen, ein Sportwagen zog mit überhöhter Geschwindigkeit an ihm vorbei, hinter ihm fuhr ein dunkelgrauer Kleintransporter mit einer Aufschrift, die er im Spiegel nicht lesen konnte. Auf der Gegenseite herrschte zähfließender Verkehr. Stop and go. Unfall hatte er keinen gesehen. Warum also dieser Stau. Wollten alle nach Schaffhausen? Wenn ja, warum?

 

Der Kleintransporter rückte auf und setzte zum Überholen an. Viktor dachte an Stankowski und sah auf die Uhr. Er hatte Zeit. Der Reporter würde auf Ihn warten. Vielleicht eine Stunde noch, dann war er das Kuvert los und dann konnte er aufatmen. Salerno würde für einige Zeit sein Zuhause werden. Warum nicht? Ein bisschen italienisches Blut hatte er doch in seinen Adern. Bella Vita. Auf das gute Essen freute er sich. Der Transporter war nur wenig schneller als er. Warum musste er überholen, wenn er ohnehin nicht wesentlich schneller fahren konnte? Idiot! Die Musik im Radio nervte ein wenig. Viktor sah in den Seitenspiegel. Der Kleintransporter zog langsam an ihm vorbei. Dann kam er ruckartig näher.

 

Viktors Wagen prallte an den Eingang des Hohentwiel-Tunnels, bäumte sich auf, drehte sich leicht zur Seite und blieb völlig zerbeult und rauchend liegen. Der Wagen wurde völlig zerstört und Viktor Roselli in den Trümmern eingeklemmt. Innerhalb von zehn Minuten war die Polizei und eine Minute später die Feuerwehr am Unfallort. Die Türen ließen sich nicht öffnen. Die Feuerwehr musste Viktor mit dem Schneidbrenner befreien. Er konnte nur noch tot geborgen werden. Die Rettungssanitäter versuchten ihn zwar zu reanimieren, mussten aber nach wenigen Minuten einsehen, dass ihre Bemühungen umsonst waren und beendeten daraufhin die Maßnahmen.

 

Stankowski wartete vergeblich am Flughafen. Innerhalb von Stunden erfuhr er, dass Viktor tot war. Er beschloss in Friedrichshafen zu bleiben und in der Sache zu recherchieren. Da gab es schließlich die Aktenmappe. Die wollte er haben. Den Reporterpreis wollte er nicht kampflos preisgeben. Eine rote Aktenmappe, so musste er allerdings erfahren, wurde im Wagen von Viktor Roselli nicht gefunden.

 

Nach mehrfachem Nachfragen bei den Behörden, und nachdem er der Polizei unterstellt hatte, sie habe die Mappe verschwinden lassen, bekam Stankowski großen Ärger in der Redaktion und beschloss die Zeitung zu wechseln.

 

Als Kommissar Wagner von dem Unfall erfuhr, war seine Neugier geweckt, doch ein kurzer Blick auf seinen Kontostand und die Tatsache, dass er für eine Beförderung anstand, dämpfte sein Interesse beachtlich.

 

Durch einen Zufall war die Videoanlage am Tunneleingang gerade an jenem Tag ausgefallen, so dass der Unfallhergang nicht direkt beobachtet werden konnte.

 

Ein Zeuge, der eine Berührung des Transporters mit dem PKW gesehen haben wollte, wurde eines Besseren belehrt.

 


Roselli wurde drei Tage später auf dem Friedhof Eckenheim in Frankfurt beerdigt und der gesamte deutsche Zweig des Clans der Casalesi erwies ihm die letzte Ehre.


 

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Max Leonhard).
Der Beitrag wurde von Max Leonhard auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Historische Plätze zur Hansezeit in Halle an der Saale - Mittelalterlicher Stadtrundgang von Michael Waldow



Mittelalterlicher Stadtrundgang durch die Altstadt von Halle an der Saale in historischen Gewändern.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Max Leonhard

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Das Verhör von Klaus-D. Heid (Krimi)
Zähne von Norbert Wittke (Satire)