Simone Krüttli

Erdbeermarmelade


Es war Sommer in Jahre 1998. Ich stand auf einem Feld voller reifer, süsser, roter wunderbar duftender Erdbeeren. Die Sonne brannte auf mich hinunter. Überall lag Stroh, dass die Erdbeeren besser wachsen konnten und nicht, wenn es regnete von dem Dreck feucht und faul wurden oder von den Schnecken gefressen würden. Es war heute so ein schöner heisser Tag, dass es fast eine Schande war nicht aus dem Haus zu gehen. Es blies mir eine kühlende Briese um den Kopf und die Sonne brannte stark. Obschon es eigentlich, laut den Meteorologen regnen sollte. Welch eine wunderbare Überraschung, dass es daher so schön geworden war. Heute hatte ich mir fest vorgenommen Marmelade zu kochen. Es war auch kein Wunder. Denn um mich herum duftete es wirklich sehr verführerisch. Zu sehen waren viele Frauen mit Ihren Kindern, die allesamt das gleiche taten wie ich. Erdbeeren pflücken. Manchmal ertappte ich mich, wie eine Erdbeere in meinen Mund anstatt in meinen Korb wanderte. Dieses Jahr, waren sie auch ziemlich gross. Letztes Jahr waren sie bedeutend kleiner und somit war auch meine Ernte magerer ausgefallen. Das würde sich heute jedoch ändern. Darum freute ich mich umso mehr darüber, dass es diesmal anders war. Als ich den Korb gefüllt hatte begab ich mich zu dem Bus, in dem im Schatten eine kleine ältere Frau sass. Der Bus war mit einem gelb aufgespannten Sonnenschirm mit orangen Streifen ausgestattet, der den Bus von der Sonne schützte. Er war mit einer dicken fetten Schrift angeschrieben: BIO Erdbeeren zum Selberpflücken. Beeren-und Gemüseanbau Weidemann. Nur ganz klein und unscheinbar daneben konnte ich noch lesen, dass es von dem Hof aus der Nachbarschaft stammte. Kemmental TG. Gut. Ich stutzte. Komisch. Irgendwie kommt mir dieser Name bekannt vor. Ich komme jetzt nicht drauf. Egal. Immerhin aus demselben Dorf, aus dem auch mein Mann ursprünglich stammte und zur Schule ging. Das war doch schon mal was. Letztes Jahr waren es andere ! Päc hter gewesen. Irgendwo aus dem Ausland. Aber das hatte mich nun nicht mehr zu interessieren. Bio. Wunderbar. 500 Gramm: 3 Franken. Auch vom Preis her voll in Ordnung. Vor allem wenn man bedenken musste, dass wie eben schon erwähnt, die Früchte dieses Jahr sehr gross waren. 12 Franken bitte, hörte ich die Frau mit ihrer zitternden zarten Stimme sagen. Ich blickte auf die Waage. 2090g. Ja in meinen Weidehenkelkorb passten eben eine Menge Erdbeeren. Ich gab ihr 15 Franken. Passt so. Die Frau bedankte sich und wünschte mir noch einen schönen Tag. Neben der Waage lag eine Schuhschachtel auf der stand: Wettbewerb. Daneben lagen Zettel darauf stand: Wettbewerb: Zu gewinnen gibt es 500g frische Erdbeeren. Warum nicht? Ich füllte den Zettel aus und steckte ihn in den Schlitz in der Schuhschachtel. Ich nahm meine Erdbeeren und begab mich langsam zu meinem Auto, dass ich nicht weit vor dem Bus weg geparkt hatte.
Zuhause angekommen, konnte ich es kaum erwarten mit dem Marmeladenkochen anzufangen. Mein Auto roch nach Erdbeeren, ich roch nach Erdbeeren, alles roch nach Erdbeeren. Einfach wunderbar! Ich packte meinen Korb und begab mich unverzüglich in die Küche. Als ich die Erdbeeren wusch, hörte ich meinen Mann, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen war. Hallo Schatz, ich bin wieder zuhause, hörte ich es laut aus der Garage rufen. Hallo mein Liebling, ich bin in der Küche antwortete ich ihm zugleich. Mmmm, jammi lecker Erdbeeren. Jim schnappte sich eine und setzte sich auf den Stuhl, der direkt neben der Küche am Küchentisch stand. Mmm die sind dieses Jahr aber lecker. Viel besser als die Letzten des vergangenen Jahres. Immer noch vom selben? Nein. Die Pächter haben gewechselt. Es sind neue… ach wie heissen sie schon wieder? Ich habe es vergessen. Irgendetwas mit W.  Warte… Auf jeden Fall stammen sie aus Kemmental. Kemmental? Heissen sie nicht zufällig Weidemann? Ja. Ja genau Weidemann. Nein, antwortete Jim. Warum? Was ist los? Nichts. Es ist nichts, alles in Ordnung. Ich wusste, dass er mir etwas verschwieg, ich wusste in diesem Moment nur nicht was es sein konnte. So bleich hatte ich meinen Mann das letzte Mal gesehen, als Ihm auf offener Strasse die Brieftasche aus der Hose gestohlen worden war und er es mir am Abend beichten musste. Was war da bloss los? Keine Sorge, ich werde es schon herausfinden.
Am nächsten Morgen roch es immer noch nach Erdbeeren. Kemmental, Kemmental… es wollte mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich konnte mich erinnern, dass ich irgendwann mal einen Bericht las, in dem etwas über Kemmental stand. Ich glaube so vor knapp 23 Jahren ungefähr. Es handelte sich um ein verschwundenes Mädchen, die später tot in einem Strassengraben gefunden worden war. Die Situation war für die Eltern des Kindes sehr schrecklich. Ich konnte mich noch sehr gut an das Fernsehinterview erinnern, dass damals ausgestrahlt worden war. So etwas muss unfassbar schrecklich sein. Niemand hatte so etwas verdient und schon gar nicht die Weidemanns. Weidemann! Genau! Ach, ich wusste es. Ich wusste, dass ich den Namen schon irgendwo einmal gehört hatte. Mein Mann betrat die Küche. Guten Morgen Schatz. Guten Morgen. Na, wie geht es dir? Etwas besser? Du hast ja gestern ganz schlimm ausgesehen. Die weisse Wand war nichts dagegen. Es geht, danke. Ich musste gestern an Sophie denken. Sophie, deine Ex? Warum an Sophie? Ich bemerkte, dass er meiner Frage aus dem Weg ging. Er bewegte sich Richtung Kühlschrank öffnete Ihn und schenkte sich ein Glas Orangensaft ein. Warum an Sophie, fragte ich Ihn erneut. Wieder bekam ich keine Antwort. Schaatz.? Was denn, grantig schnalzte er zurück. Lass mich jetzt bitte einfach in Ruhe. Und frag mich nicht ständig aus. Ich hasse das. Ist ja gut. Ich gehe in den Garten. Ich lass dich ja schon in Ruhe. Gekränkt verliess ich den Raum und ging in das Schlafzimmer. Umgezogen verliess ich wortlos das Haus. Am Abend war die Situation immer noch nicht besser. Wir redeten kaum ein Wort miteinander. Es war totenstille. Es tut mir leid, hörte ich ihn plötzlich vor dem Teller sitzend aus seinem Bart hervor murmeln. Was tut dir leid? Es tut mir leid, dass ich meine Ex erwähnt habe. Ist schon ok. Aber nur, wenn du mir verrätst was los ist. Also gut. Ich sage es dir. Du hörst sonst sowieso nicht auf mic! h zu dur chlöchern. Stimmt genau. Also los, erzähl. Sophie und ich waren ein Paar. Ach was echt? Das hätte ich nieee gedacht. Hör schon auf! Soll ich nun erzählen oder nicht? Erzähl erzähl, es tut mir leid. Mach weiter. Sophie und ich waren ein Paar. Damals waren wir noch fast Kinder. Knapp volljährig. Wir waren sehr verliebt. Ich verdrehte die Augen. Musste das wirklich sein? Muss ich mir jetzt wirklich anhören wie verliebt er war? Nicht wirklich, oder? Jim schaute mich an. Du willst ja, dass ich von Ihr erzähle. Ich habe ja gar nichts gesagt. Mach weiter. Aber dann unterbrich mich nicht ständig. Ist ja gut ich sag kein Wort mehr. Er erzählte mir alles. Einfach alles, bis in das kleinste Detail. Sogar, dass sie fischten, shoppten, tanzten. Dass sie viel zusammen unternahmen und stehts lachten und glücklich waren. Plötzlich wurde Sophie schwanger und bekam ein kleines Mädchen. Andrea. Jim war Vater.  Er war Vater? Von dem hatte er nie ein Sterbenswörtchen gesagt. Und was ist mit Sophie und Andrea jetzt? Hast du noch Kontakt zu Ihnen? Jim schwieg. Nein. Nicht mehr, kam nach einer Weile. Er sah sehr traurig aus und eine Träne kullerte Ihm aus seinem rechten Auge. Oh neeein. Schaaatz , es tut mir leid. Schon ok. Lass uns jetzt aber bitte von etwas anderem reden ok? Ja ok. Ist gut. Wie geht es deinem Garten? Blüht denn schon alles? Ja danke alles schön danke. Vor allem die Margeriten gefallen mir gut. Die ersten Köpfchen sind schon zu sehen.
Ein paar Tage vergingen. Plötzlich lag ein Brief an mich adressiert in der Post. Es war ein Brief, der von Hand geschrieben war. Absender Weidemann. Ein Brief von Weidemanns? Hastig machte ich Ihn auf. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen! 500g frische Erdbeeren. Abholung erwünscht. Herzliche Grüsse Sophie Weidemann. Ich konnte nicht glauben was ich da grade las. Sophie Weidemann? Was für ein Zufall. Ich konnte es wirklich kaum glauben. Am nächsten Tag nach der Arbeit, fuhr ich erneut zum Bus der Weidemanns, um meinen Gewinn abzuholen. Aber was ich antraf war alles andere als ich mir vorgestellt hatte. Es hing ein Schild vor dem Bus auf dem stand: Heute geschlossen. Ou nein. Ausgerechnet. Na gut, dann versuche ich es morgen noch einmal. Am nächsten Tag versuchte ich erneut mein Glück. Es regnete in Strömen. Suchend suchte ich Schutz unter dem schon völlig durchnässten Sonnenschirm. Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen? Ein junges Mädchen knapp 15 Jahre alt blickte mir entgegen. Frische Erdbeeren? Em, ja.. Entschuldigung. Guten Tag junges Fräulein. Ja bitte? Ich habe gewonnen. Ich hatte vor ein paar Tagen bei Ihrem Wettbewerb mitgemacht und nun 500g Erdbeeren gewonnen. Herzlichen Glückwunsch. Es hat noch welche da. Bedienen sie sich. Vielen Dank. Entschuldigung darf ich sie etwas fragen, sagte ich zu dem jungen Fräulein, dass ein sehr schüchterner Eindruck auf mich machte. Ja selbstverständlich, antwortet mir das freundliche Wesen. Dürfte ich ihren Namen erfahren? Mein Name? Lilli. Lilli Brunner. Warum meinen Sie? Ach, nur so. Entschuldigung, dass ich gefragt habe. Ich gehe jetzt. Danke. Tschüüüs. Auf wiedersehen. Ich bedankte mich nahm die Erdbeeren und ging. Im Auto dachte ich nur, nein sie hiess Lilli nicht Andrea. Hätte ja sein können. Völlig durchnässt zuhause angekommen fragte mich Jim: was, schon wieder Erdbeeren?

Noch ein paar weitere Tage vergingen. Nichts Aufregendes passierte. Eine ganz normale Woche neigte sich dem Ende zu. Mäggi, wollen wir an diesem Wochenende in die Berge fahren? Nur wir zwei allein? Du und ich? Jim, was ist los, bist du krank? Wir fahren nie in die Berge? Ach, ich dachte nur, dass wir wieder einmal etwas zusammen Unternehmen könnten. Gute Idee. Warum nicht? Ich freu mich schon sehr. Wunderbar, ich werde sofort ein Hotelzimmer buchen. Der Tag war angebrochen und wir fuhren los Richtung Zermatt. Wie ich mich freute. Wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Wir verbrachten ein wunderschönes Wochenende in Zermatt. Es war so schön. Schade, dass wir dies nicht öfters taten. Es würde uns nämlich guttun. Als ich zusammen mit meinem Mann zuhause im Bett lag, erzählte ich ihm von meinem vergangenem Wettbewerbsgewinn. Dass es so geregnet hatte und von dem Mädchen und …bitte hör auf. Was hast du Jim. Was ist, habe ich etwas Falsches gesagt? Ach Mäggi, ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Was meinst du damit? Andrea. Was ist mit Andrea. Ich merkte, dass Jim grosse Mühe hatte, um die richtigen Worte zu finden. Andrea, er stockte erneut. Andrea ist tot. Wie bitte? Andrea ist tot? Ja, Andrea ist gestorben. Sie ist das Mädchen, er stockte. Sie war das Mädchen aus dem Strassengraben. Der Mord aus dem Jahr 1975. Jetzt wurde mir alles klar. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Die vermisste umgebrachte war Jim und Sophies Kind! Schrecklich! Mir fielen die Worte. Ich wusste nicht, was ich in diesem Moment antworten, tun oder lassen sollte. Ich war regelrecht geschockt. Wie geht es weiter? Was meinst du damit? Na, wie es weiter gehen soll Mäggi. Wie was weiter gehen soll? Ich weiss es auch nicht. Ich stand auf, zog mir mein Nachthemd aus und stellte mich unter die Dusche. Das heisse Wasser prasselte auf meine nackte Haut nieder. Plötzlich hörte ich Jim. Er kahm zu mir in die Dusche. Wir umarmten und liebten uns zärtl! ich. Von diesem Tag an war alles anders. Jedes Mal, wenn ich Erdbeermarmelade ass, musste ich an Andrea, Sophie und Jim denken. Wie schrecklich alles war und einfach an all das Schreckliche was geschehen war.
Als auch das letzte Marmeladenglas aufgebraucht war beschloss ich, nicht mehr so schnell wieder Erdbeermarmelade zu kochen. Ich versuchte es stattdessen mit Aprikose. Ich hoffte nur, dass Jim nicht noch weitere Leichen im Keller versteckt hatte. Dies war jetzt vielleicht etwas makaber. Aber ich hatte einfach nicht Lust auf weitere Überraschungen. Doch die nächste Überraschung lies nicht lange auf sich warten. Eines Tages musste ich Jim auch etwas beichten. Ich war schwanger und Jim freute sich sehr darüber. Als der kleine Prinz geboren war, starteten wir durch ihn in ein völlig neues Leben. Diesmal zu dritt. Wir starteten einfach neu. Reset, bitte alles von Anfang. Der kleine hielt uns schön auf Trab. Erdbeeren mag er besonders gerne. Wie sein Vater. Das war auch gut so. Als Philipp etwas grösser war versuchte ich mein Glück erneut und machte Marmelade. Dreimal dürft ihr raten welche. Genau, die mit Erdbeeren.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Simone Krüttli).
Der Beitrag wurde von Simone Krüttli auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Hosentaschenfrau: Historisch-biografischer Roman von Helga Eberle



Das kleine Mädchen Katie klettert die drei Stockwerke hoch und schaut erstaunt zu dem großen Küchenfenster hoch. Ihre Mutter schilt sie: Du rennst mir immer weg, man sollte dich anbinden!
Mutter und Kind haben ein gespanntes Verhältnis. Das Mädchen wehrt sich schon früh und will so oft wie möglich weg von daheim. In den Schulferien hat es bei Onkel und Tante Freiheiten, die es zu Hause vermisst. [...]

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Simone Krüttli

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Pilgerweg...letzte Episode von Rüdiger Nazar (Sonstige)
unbekannter Kamerad... von Rüdiger Nazar (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)