Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe Teil 16 - Walnüsse und ein alter Angler

 

Nicht nur Äpfel gab es in dem Garten von Anna und Frank, auch ein alter, knorriger Walnussbaum prahlte zur Herbstzeit mit seinen leckeren Früchten. In diesem Jahr hing er besonders voll und bis zur Ernte der Nüsse würde es nicht mehr lange dauern. In der nächsten Woche schon, so sagte der Vater, werden sie soweit sein. Er hatte Recht. Zur Wochenmitte hin hatten mehrere Sturmböen den alten Baum so heftig geschüttelt, dass der größte Teil seiner Früchte heruntergeweht war. Nun warteten die Nüsse drauf, eingesammelt zu werden und das hatten Anna und Frank wohl bemerkt. Nach dem Mittagessen nahmen sie sich die zwei Körbe, in denen sie vor einiger Zeit noch Äpfel gesammelt hatten und schlichen sich in den Garten. „Ganz voll werden die Körbe wohl nicht“, sagte Frank. „Wenn wir sie zusammenschütten wird aber auf jeden Fall einer voll“, erwiderte Anna. Es waren große Körbe, und da passte natürlich auch eine Menge dieser Walnüsse rein. Natürlich sind Walnüsse kleiner als Äpfel und so war es auch mühsamer, die Körbe voll zu bekommen als bei der Apfelernte. „Da habt ihr aber anständig gesammelt“, sagte die Mutter als Anna und Frank sie mit ihrer Beute überraschten. „Ich erinnere mich da an meine Kindheit. Meine Freundin Moni und ich haben um diese Zeit auch immer Walnüsse gesammelt. Hier am Niederrhein gibt es so viele Walnussbäume, dass man auf den Dörfern, auf Wiesen und an Wegesrändern, alle Nase lang welche findet. Sogar in der alten Lindenallee am alten Rheinarm standen früher ein paar Walnussbäume. Wenn wir dann mit unserer Nussernte nach Hause kamen, mussten wir die Nüsse immer mit einer Wurzelbürste sauber machen. Das war vielleicht eine blöde Arbeit. Danach wurde Zeitungspapier auf dem Dachboden ausgebreitet und die Nüsse zum trocknen dort draufgelegt.“

„Dann müssen wir uns jetzt wohl auch an die Arbeit machen und die Nüsse reinigen, oder?“ fragte Anna.

„Ja, dass werde ich euch dann auch gleich mal zeigen. Bringt die Nüsse schon mal in den Keller und schüttet sie in den Waschtrog.“ Bald kam die Mutter mit zwei Wurzelbürsten nach und zeigte den Kindern, wie sie früher, mit ihrer Freundin Moni, die Nüsse gereinigt hatte. Das war total einfach, jedoch bei der Menge an Nüssen eine zeitaufwändige Arbeit. Sie fuhren ein paar Mal mit der Bürste über jede Walnuss, spülte sie kurz unter kaltem Wasser ab und legte sie in einen großen Korb. „Ich lass euch jetzt mal alleine“, sagte die Mutter. „Ihr wisst ja jetzt wie`s geht.“ Fast zwei Stunden waren die Kinder mit dieser Reinigungsaktion beschäftigt und froh darüber, als auch die letzte Nuss in dem großen Weidenkorb landete. „So, das war die letzte Walnuss. Meine Finger sind schon ganz taub von dem kalten Wasser und dem ewigen bürsten“, sagte Frank. Anna erinnerte ihn daran, dass sie die Nüsse noch auf den Dachboden bringen und sie zum Trocknen auf ausgebreitetes Zeitungspapier legen müssten. Frank trug den Korb hinauf und Anna das Zeitungspapier. Nachdem sie es sorgfältig ausgelegt hatte, schüttete er die Nüsse aus. „Jetzt trocknet mal schnell, damit wir euch bald essen können“, sagte Anna noch, bevor sie hinunter in die Küche ging. Frank musste lachen. „Die hören bestimmt auf dich, kleine Schwester.“ Beim Abendbrot wollte Frank von seiner Mutter wissen wo die Walnussbäume gestanden hätten. „Ziemlich am Ende der Allee standen sie, mein Junge. Ob es die wohl noch gibt?“ „Warum nicht?“ mischte sich jetzt der Vater ins Gespräch ein. „Die Lindenbäume stehen doch auch noch dort!“

„Wir gehen morgen mal hin und dann werden wir ja sehen ob sie noch da sind“, sagte Frank. „Oh ja!“ Anna tanzte schon wieder, so, wie sie es ja immer machte, wenn sie sich freute. „Das ist bestimmt spannend. Ich glaube die stehen noch da, und du Frank?“

„Glaube ich auch, aber dass sehen wir dann Morgen.“

Als die Kinder am Nachmittag auf dem Weg zu dem alten Rheinarm waren, fiel Anna plötzlich auf, dass sie ja gar keinen Behälter mitgenommen hatten. Worin sollte sie die Nüsse, falls sie welche finden würden, dann nur transportieren? „Ich hab doch an alles gedacht, Schwesterlein.“ Frank holte zwei Stoffbeutel aus seiner Manteltasche und grinste. „Wenn die voll werden, haben wir genug zu schleppen.“ Anna nickte. „Stimmt, ist ja auch ein weites Stück das wir laufen müssen. Wenn ich mir vorstelle, dass wir auf dem Rückweg so einen großen Beutel voll mit Nüssen an der Hand haben, puuh.“ „Warten wir es mal ab, Anna. Zunächst einmal müssen die Walnussbäume gefunden werden.“ Diese fanden sie dann ziemlich schnell, denn das Ende der kleinen Allee hatten sie bald erreicht. Auf dem Baum sind gar keine Nüsse und auf dem Boden liegen auch keine“, sagte Anna enttäuscht. „Versteh ich auch nicht, Anna.“ Frank steckte die beiden Beutel wieder in die Tasche. „Vielleicht war schon jemand da, der die gleiche Idee hatte wie wir.“

Von der Allee aus hatte man eine wunderschöne Aussicht auf den alten Rheinarm. Am Ufer sahen die Kinder einen Angler sitzen und beschlossen, ihn zu besuchen. „Wir müssen uns leise verhalten Anna, sonst beißen die Fische nicht an.“

„Ja, ich weiß“, flüsterte Anna jetzt schon, obwohl der Angler noch in weiter Ferne war. „Guten Tag ihr zwei. Wollt mir wohl ein wenig beim Angeln zusehen, oder?“

„Ja gerne“, flüsterte Frank. „Haben sie schon einen Fisch gefangen?“ „Ein paar kleine Rotaugen. Die schwimmen dort in dem Eimer. Ich benötige sie als Köder.“

„Als Köder?“ Frank guckte erstaunt.

„Ja, das sind gute Hechtköder. Der Hecht ist ein Raubfisch und verspeist am liebsten kleine Fische. Passt mal auf, ich zeige euch mal wie so eine Hechtangel zusammengestellt wird. Man muss schon eine stabile Angelrute auswählen, denn so ein Hecht ist ganz schön kräftig und wenn er am Haken sitzt und flüchten will, wird so eine Angel schon stark belastet. Hier am unteren Teil der Angel ist die Rolle befestigt auf der die Angelschnur aufgespult ist. Diese Schnur zieht man durch die Ösen, die hier an den Teleskopteilen der Rute befestigt sind. Danach wird eine Pose, manche nennen dieses Ding auch Schwimmer, auf der Schnur montiert, die anzeigt wenn ein Fisch unten an dem Köder zupft. Unter der Pose wird ein Gewicht aus Blei an der Angelschnur befestigt. Das sorgt dafür, dass der größere Teil der Pose nach unten gezogen wird und nur noch der obere aus dem Wasser ragt. Das macht ein Angler deshalb, damit der Fisch, wenn er den Köder probiert und ihn ein Stückchen mit sich zieht, nicht einen so großen Widerstand durch den auftreibenden Schwimmkörper spürt. Sonst würden die Fische misstrauisch und würden den Köder schon vorzeitig loslassen.“ Jetzt holte der Angler einen Haken aus seiner Tasche und zeigte ihn den Kindern. „Das hier, ist ein einfacher Haken. Man benutzt ihn zum Fang von Karpfen, Schleien und anderen Weißfischen. Zum Hechtangeln nimmt man allerdings einen anderen und zwar diesen hier.“ Er holte etwas aus seiner Tasche, das aussah wie drei zusammengeklebte Haken. “Das hier ist ein Drilling. Den benutzt man zum Fang von Raubfischen. Er ist stabiler als so ein Einzelhaken und löst sich auch nicht so schnell aus dem Raubfischmaul, wenn der Fisch kräftig zieht.“

„Machen sie den kleinen Fisch da etwa lebendig dran?“, rief Anna entsetzt.

„Nein, nein“, lachte der Opa. „Einige Angler machen das so. Mir tun diese kleinen Fischchen leid, wenn sie so auf einen Haken gespießt im Wasser herumpaddeln. Ich töte sie vorher und befestige sie dann auf dem Drillingshaken.“ Anna wurde schlecht. Sie wollte sich diese Tierquälergeschichten nicht mehr weiter anhören und zog Frank am Ärmel. „Komm wir müssen nach Hause.“

„Wieso?“ entgegnete Frank. „Es ist doch noch früh.“

„Komm schon, ich will, dass wir jetzt gehen.“ Frank ging ein Licht auf. Er begriff warum seine Schwester nach Hause wollte und gab ihrem Wunsch nach. Die Kinder verabschiedeten sich von dem alten Angler und Frank wünschte ihm noch „Petri Heil“.

„Das ist glaube ich der Gruß der Angler“, sagte er zu Anna, die ihn ganz merkwürdig anschaute. Er bedeutet, ich wünsche ihnen einen guten Fang.“

„Wünsche ich ihm aber nicht und auch keinem anderen Angler, so!“ „Aber“, sagte Frank, „die Frau Baltasar fängt doch auch Fische und da meckerst du auch nicht rum.“

„Die werden ja auch nicht mit so komischen Haken gefangen, die sie verletzen.“

„Ist schon gut, lass uns aufhören darüber zu sprechen. Ich finde, wir sollten am Samstag die liebe Omi besuchen und ihr von den Walnüssen und dem Angler erzählen.“

„Vielleicht kennt sie den Angler sogar“, meinte seine Schwester.

„Ach Anna, wir wissen doch gar nicht wie der Opa heißt und Angler gibt es doch viele.“ Anna entgegnete nichts mehr, hatte aber für sich beschlossen, der Oma Dorfhexe von der Begegnung mit dem Angler zu erzählen.

Die Mutter war erstaunt darüber, dass ihre Kinder mit leeren Taschen nach Hause kamen. „Na ihr zwei, habt ihr keine Nüsse gefunden?“ „Nicht eine einzige!“ rief Anna. “Ist ja auch nicht so tragisch, meine Lieben. Ich war vorhin auf dem Dachboden und habe mir eure Arbeit angesehen. Ihr habt das alles sehr ordentlich gemacht. Von den Nüssen könnt ihr der Frau Baltasar welche mitnehmen, wenn ihr sie das nächste Mal besucht.“

„Da haben wir auch schon dran gedacht“, sagte Frank. „Darüber wird sie sich bestimmt freuen.“

Der Samstagmorgen begrüßte die Kinder mit einem sonnigen Lachen und auch der starke, manchmal sogar stürmische Wind, der in der Nacht um das Haus gefegt war, hatte sich gelegt. Heute Morgen klang sein Lied nur leise, wenn er die herbstlich bunten Blätter der Bäume bewegte. Die hellen Stimmen verschiedener Vogelarten gesellten sich zu seinem säuselnden Gesang, und es gab ein Naturerwachen, wie manchmal in den jungen Frühlingstagen. Anna und Frank waren schon früh auf den Dachboden gestiegen und hatten für die Oma Dorfhexe ein Körbchen mit Walnüssen fertig gemacht. Danach hatten sie den Frühstückstisch gedeckt und Frank war mit seinem Fahrrad zum Bäcker gefahren um Brötchen zu holen. Die Eltern waren mittlerweile auch aufgestanden und freuten sich darüber, sich heute mal an den gedeckten Frühstückstisch setzen zu dürfen. „Finde ich total nett von euch, dass ihr eure Mutter und mich heute mal mit einem Frühstück überrascht. Die ganze Woche über müssen wir früh aufstehen und heute haben unsere lieben Kinder uns mal ausschlafen lassen und uns sogar noch frische Brötchen besorgt.“ Die Mutter streichelte Anna und Frank über den Kopf, gab jedem ein Küsschen und holte noch schnell ein Glas Brombeergelee aus dem Keller. „Den habe ich vor ein paar Wochen gemacht. Auf frischen Brötchen schmeckt er besonders gut.“

„Wo hast du denn die Beeren gesucht?“ fragte Frank.

„Am Waldrand, wo es zur Frau Baltasar geht. Dort steht doch eine Brombeerhecke. Das ihr die noch nicht entdeckt habt, seid doch schon so oft daran vorbeigekommen.“ Anna und Frank sahen sich an und zuckten mit den Schultern. „Na dann esst mal jetzt eure Brötchen und trinkt euren Kakao, damit ihr zur Oma kommt. Vater und ich wollen gleich in die Stadt.“ Den Kindern schmeckte dieser Brombeergelee total gut und Anna fragte, nachdem sie zwei Brötchen verspeist hatte, ihre Mutter: „Wie macht man Gelee?“

„Das ist gar nicht so schwierig. Man braucht für die Zubereitung Zucker und Wasser und kocht diese Mischung unter ständigem Rühren zu einem klaren Sirup. Dann nimmt man die gereinigten Brombeeren und gibt sie für ein Weilchen in diesen Sirup. Achten muss man noch darauf, dass der Sirup mit den Brombeeren nicht mehr zum Kochen kommen. Dann nimmt man ein Sieb, so wie ich es hier auf dem Schrank liegen habe, seht ihr, und presst die mittlerweile brombeerfarbene Masse da durch. Diesen Vorgang nennt man passieren. Den ausgepressten Saft, der in einem Gefäß aufgefangen wurde, wird auf dem Herd noch mal aufgekocht, bis er ziemlich dick geworden ist und dann in vorgewärmte, saubere Gefäße abgefüllt. Die Gefäße müssen dann schnell verschlossen werden, solange der Saft noch heiß ist. Na ja, dann gibt’s noch so einige Tricks, wie man so einen Gelee noch geschmacklich verfeinern kann. Wichtig zu wissen ist aber erst einmal, wie man das Grundrezept anwendet. Alles andere bringt die Erfahrung und das immer wieder neugierige Ausprobieren von neuen Ideen mit sich. Es gibt heutzutage so viele Geleerezepte, wie Blätter auf den Bäumen. Ich mach ihn so, wie ich es von meiner Mutter gelernt habe, denn so schmeckt er doch am Besten, oder?“

„Ganz bestimmt!“ rief der Vater, dem der Gelee den Bart rot gefärbt hatte, und Anna und Frank stimmten ihm lachend zu. „Was gibt’s denn da zu lachen?“ fragte er. „Du siehst lustig aus, hast dir wohl noch etwas Gelee in deinem Bart versteckt, damit du später noch was zu naschen hast.“ Jetzt musste auch die Mutter herzhaft lachen. Der Vater ging, begleitet von Anna und Frank, denen vor lauter Lachen schon die Tränen herunter liefen, ins Badezimmer, sah in den Spiegel und fing nun auch laut an zu lachen. „Ja, ich muss zugeben, dass sieht wirklich lustig aus. Aber, meine Lieben, versteckt habe ich es doch gar nicht. Dann könntet ihr es doch nicht sehen. Außerdem brauch ich das auch gar nicht, denn du hast doch bestimmt noch mehr von dem leckeren Gelee im Keller und wenn dein lieber Mann Appetit darauf hat, kann er sich doch ein Gläschen holen.“

„Da lasst ihr mal alle schön die Finger von. Es sind nur acht Gläschen, und die müssen bis zur nächsten Brombeerernte reichen. Die Vier alberten noch ein wenig herum und räumten dann den Tisch ab. Anna half der Mutter noch beim Spülen. „Viele Hände schnelles Ende“, hatte ihnen die Mutter beigebracht, was soviel bedeutet wie: Wenn man gemeinsam eine Arbeit erledigt, ist man schneller damit fertig."

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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