Wolfgang Scholmanns

Oma Dorfhexe letzter Teil - Mummel und Bummel

 

 

„Dann sind sie wohl wirklich eine Hexe und können sogar Tiere wieder gesund zaubern“, lachte Frank. Auch Anna und der Bauer mussten jetzt lachen. „Sage ich doch immer. Die Oma Baltasar ist unser Dorfhexchen, ha, ha, ha.“ Der Bauer Friedhelm lachte so feste, dass er sich den Bauch festhalten musste. „Passt nur auf“, sagte die Omi, „dass ich euch nicht gleich alle in Bullen verwandele. Dann müsst ihr auch hier in den Stall und bekommt Heu und Stroh zu fressen.“

Die Vier lachten und alberten noch eine Weile herum, bis Friedhelm sie in die gute Stube einlud. „Kommt, wir trinken erst einmal etwas. Ich habe heute Morgen schon den Tisch für uns gedeckt. Plätzchen habe auch hingestellt. Die hat meine Schwester mir geschickt.“

Das Haus steckte, soweit die Kinder es überblicken konnten, voller alter Möbel. Truhen, Vitrinen und Jagdtrophäen, die, wie Bauer Friedhelm später erzählte, noch von seinen Großeltern stammten. Die Küche, in der Friedhelm den Tisch gedeckt hatte, war riesig groß. In der Mitte stand ein runder Tisch mit acht Stühlen und an zwei der Wände waren alte Schränke aufgebaut. Auf ihren Türen waren bunten Bilder gemalt. Die Farben waren schon ein wenig blass, aber man konnte auf dem einen Bild fünf Hühner und einen Hahn erkennen, die auf einer Weide liefen. Ringsherum standen Obstbäume und am äußeren Bildrand war auch noch ein Stall zu erkennen. Das andere Bild zeigte ein Feld, das mit Pferd und Pflug bearbeitet wurde. Auf den Türen des anderen Schrankes waren Jagdmotive gemalt. Einmal waren es Wildschweine und auf der anderen Tür sah man einen Hirsch mit riesigem Geweih. Auf der Ablage saßen zwei Bärchen, die Friedhelms Großmutter noch angefertigt hatte. Die Kuscheltiere hatte sie aus braunem Stoff hergestellt, sie von innen mit Stroh gefüllt und sauber vernäht. Was den Kindern noch auffiel war, dass einem von ihnen das rechte Ohr und dem anderen ein Auge fehlte. Der Bauer Friedhelm bemerkte wohl, dass die Kinder gefallen an den Bären fanden und lachte. „Das sind Mummel und Bummel. Die hat uns die Großmutter einst zu Weihnachten geschenkt. Eigentlich waren es vier aber der Hennes, mein Bruder und auch die Emma, meine Schwester, haben ihre mitgenommen. Der Mummel gehört mir und der Bummel dem Jan, meinem anderen Bruder. Er hat ihn damals hiergelassen, als er sich aufmachte die Welt zu entdecken. Zur See ist er gefahren oder macht das immer noch. Ich weiß es nicht genau, der alte Seebär hat schon ein paar Jahre nichts mehr von sich hören lassen.“

„Mummel und Bummel, das sind ja lustige Namen.“ Anna lachte und auch Frank, der staunend vor dem alten Herd stand, verzog seinen Mund zu einem Grinsen. „Der ist ja riesig. So einen großen Ofen habe ich noch nie gesehen.“

„Der musste auch so groß sein, denn wir waren damals eine große Familie und ein paar Knechte hatten wir auch immer. Da wurde viel gekocht und gebacken und im Winter diente er uns als hervorragender Wärmespender, was er auch heute noch tut. Auch Obst wurde in Mengen eingekocht.“ Die Oma Dorfhexe hatte inzwischen die Gläser mit Saft gefüllt und bat die Drei, sich an den Tisch zu setzen. „Die Plätzchen schmecken gut, sind noch nach altem Rezept hergestellt.“

„Ja, ja“, sagte Friedhelm. „Wenn sie auch sonst nichts auf die Reihe kriegt, backen und kochen kann sie. Sie hat, schon als kleines Kind, meiner Mutter immer in der Küche zugesehen und sie später auch fleißig unterstützt. Da war sie ihr eine große Hilfe und Mutter konnte sich anderen Arbeiten widmen. Es musste ja auch ganz viel gestopft, genäht, gewaschen und gebügelt werden. Strümpfe, Handschuhe und Schals strickte meine Mutter selbst, und das für uns alle. Da könnt ihr euch ja denken, wie beschäftigt sie immer war.“

„Den Saft kenne ich, den Saft kenne ich“, sagte Frank, als er einen Schluck aus seinem Glas getrunken hatte. Das ist der Saft von Frau Baltasar, stimmt`s?“

„Das hast du aber gut herausgeschmeckt, mein Junge. Ja, der Saft ist von mir. Friedhelm mag ihn so gerne, und da bringe ich ihm manchmal ein paar Flaschen.“

„Kann ich gut verstehen“, sagte Anna. Uns schmeckt ihr Saft auch so gut.“

Als die vier eine Weile in der großen Küche zusammengesessen hatten, meinte die Oma, dass sie den Kindern nun noch den Kuhstall zeigen müsste. Anna und Frank freuten sich schon darauf. Besonders auf Lisa, die Ausreißerin, die sie hier bestimmt wiedersehen würden. Um den Kuhstall zu erreichen, mussten sie durch einen langen Flur laufen. Nur eine Zwischentür trennte das Wohngebäude und den Kuhstall voneinander. Da standen sie nun. Vierzehn Milchkühe, die ein wenig traurig aussahen, weil der Sommer vorbei war. Jetzt konnten sie nicht mehr im weichen Gras liegen oder auf duftenden Weiden herumlaufen und leckere Pflanzen und Wiesenblumen fressen. „Eigentlich müssten die Kühe froh sein, dass sie in der kalten Jahreszeit ein Dach über dem Kopf haben.“ sagte Anna. Und diem Oma Dorfhexe fügte noch hinzu: „Ja, und leckeres Essen bekommen sie auch zweimal am Tag serviert.“

„Lisa, Lisa!“ rief Frank plötzlich. Er hatte die Lisa am Ende des Stalles entdeckt, wo sie genüsslich an einem Heuballen knabberte, der neben zwei anderen auf einer kleinen Karre lag. Das Heu sollten die Kühe erst nach dem Melken bekommen aber Lisa hatte einen langen Hals gemacht, war mit den Vorderbeinen in den Futtertrog gestiegen und hatte so die Möglichkeit, sich etwas von dem leckeren Heu zu stibitzen. Anna lachte. „Die Lisa ist eine ganz listige Kuh.“

„Ja“, stimmte die Omi zu. „Besonders dann, wenn es ums Fressen geht. Die Kühe werden morgens und abends gemolken. Das macht der Friedhelm seit ein paar Jahren mit einer modernen Melkmaschine. Die Milch kommt anschließend ins Kühlhaus, damit sie auch frisch bleibt. Einmal am Tag kommt dann der große Milchwagen mit dem glänzenden Tank und holt die Milch ab. Das machte er auf allen umliegenden Höfen, die Milchkühe haben. Nach seiner Tour bringt er die Milch zur Molkerei, wo sie zu Milchprodukten wie Butter, Buttermilch, Käse und Quark verarbeitet wird. Früher haben wir hier noch mit der Hand gemolken. Das war viel anstrengender. Heute, mit der neuen Technik, ist vieles einfacher. Das Melken kann eine Person alleine verrichten. So ist es ja in den großen Betrieben auch. Da ersetzen heute, in vielen Bereichen, Maschinen die Arbeitskraft des Menschen. Maschinen sind in der Anschaffung zwar teuer, aber man hat ja dann das Geld für die Arbeiter gespart. So hat sich so eine Maschine im Nu bezahlt gemacht und bringt den Unternehmern dann große Gewinne ein. Die Arbeiter werden entlassen und müssen sehen, dass sie eine neue Beschäftigung bekommen.“

„Find ich blöd“, sagte Frank. „Dann braucht man ja bald keine Arbeiter mehr, wenn die Maschinen alles machen.“

„Ich find`s auch blöd“, stimmte die Oma zu. „Der Fortschritt ist allerdings nicht aufzuhalten und die Entwicklung hat auch ihr Gutes. So, jetzt müssen wir aber los. Ich habe euch fast alles gezeigt, nur die Ackergeräte noch nicht. Die schauen wir uns mal an, wenn sie im Einsatz sind. Im nächsten Frühjahr geht es wieder los. Dann könnt ihr mal auf dem Traktor mitfahren.“

„Oh ja!“ riefen die Kinder. „Das macht bestimmt großen Spaß.“ Sie bedankten sich noch beim Bauern Friedhelm für die Plätzchen und den Saft, und versprachen ihm, ihn im Frühjahr wieder zu besuchen. „Das macht mal. Dann treiben wir zusammen das Vieh auf die Weiden und auf dem Traktor könnt ihr auch mitfahren. Vorher sehen wir uns aber bestimmt noch einige Male. In einem Dorf läuft man sich nämlich alle Nase lang über den Weg.“

„Von den Plätzchen werdet ihr ja wohl nicht satt geworden sein“, lachte die Oma und streichelte Anna und Frank über den Kopf. Ich habe gestern schon Kartoffeln gekocht. Davon mache ich uns gleich Bratkartoffeln. Ein Spiegelei dazu und einen leckeren Salat mögt ihr doch wohl auch, oder?“

„Oh ja, gerne!“ riefen Anna und Frank, was sich eigentlich mehr gesungen als gerufen angehört hatte. Danach machen wir ein kleines Päuschen und dann könnt ihr, wenn ihr wollt und es noch nicht zu spät ist, mit mir zum Rhein kommen. Frank könnte dann wieder die Karre ziehen, das wäre mir eine große Hilfe.“

„Mach ich gerne“, sagte Frank. „Wir müssen aber noch im Hellen nach Hause gehen. Wenn es dunkel ist habe ich Angst.“

„Angsthase, Pfeffernase“, lachte Frank, woraufhin ihm die Anna wieder einmal die Zunge raus steckte. „Nun ärgere sie mal nicht, mein Junge. Ich hatte als kleines Mädchen auch Angst davor, im Dunkeln durch den Wald zu gehen.“

„Das sind doch nur ein paar Minuten, dann ist man doch schon wieder raus aus dem dunklen Gespensterwald, huihuihui.“ Frank machte komische Geräusche, zog sich seine Kapuze tief ins Gesicht. „Lass ihn nur“, sagte die Omi zur Anna. „Wir werden rechtzeitig wieder zurück sein. Es ist jetzt halbeins und bis zum Einsetzen der Dunkelheit sind es noch fünf Stunden. Das schaffen wir ganz bequem.“ Das Mittagessen schmeckte mal wieder köstlich und die Drei waren rundherum satt geworden. Ein Viertelstündchen saßen sie noch beieinander, wollten dann aber auch los. Frank holte die Karre aus dem Schuppen, stellte die Körbe drauf und los ging es, in Richtung Rhein. Der Eingang zur Weide war offen. „Friedhelm lässt die Weiden um diese Zeit immer offen. Das Vieh ist, wie ihr ja gesehen habt, im Stall und da ist es auch nicht nötig das Gatter zu schließen.“

„Wie kahl die Holundersträucher jetzt aussehen“, sagte Anna.

„Sag bloß“, grinste Frank. „Dann hat sie bestimmt jemand leer gepflückt.“

„Jetzt ist es aber gut“, schimpfte die Omi. „Du musst deine Schwester nicht immer ärgern. Das hast du doch sonst auch nicht gemacht. Vertragt euch und seid lieb zueinander, dann ist das Leben viel schöner. Streitereien bringen nur Ärger, manchmal sogar Tränen und Traurigkeit. Das wollen wir doch nicht, oder?“

„War doch nur ein Scherz“, entschuldigte sich Frank. „Ja, aber ein Scherz auf Annas kosten. Möchte mal sehen wenn dich solche Scherze betreffen würden. Da wärst du doch bestimmt auch beleidigt oder traurig.“

„Na gut, mache ich nicht mehr, versprochen.“ Frank gab Anna und der Oma die Hand drauf und schon bald waren alle Gesichter wieder fröhlich und heiter. Das Wasser war schon ganz schön kalt geworden und die Omi rieb sich, als sie die erste Fischreuse an Land gezogen hatte die Hände. „Der Fluss gibt nicht mehr viel her. Das Wasser ist schon zu kalt und da sind die Fische nicht mehr so mobil. Ein paar kleine Hechte und acht gute Barsche sind drin. Mal sehen was in die andere geschwommen ist.“ In der zweiten Reuse waren drei gute Hechte und fünf Barsche. „Na, das geht doch. Da gab es auch Jahre, wo ich zu dieser Zeit mit fast leeren Körben nach Hause gegangen bin. Da darf ich mich nicht beklagen, der alte Vater Rhein hat es gut mit mir gemeint.“

„Warum sind die Fische im kalten Wasser denn nicht mehr so mobil?“ fragte Anna. Die Oma Dorfhexe, die die Reusen gerade wieder ins Wasser befördert hatte, setzte sich auf den Rand der Karre und holte tief Luft. „Hui, war das anstrengend. Früher fiel mir die Arbeit nicht so schwer. Also das mit den Fischen ist so: In der kalten Jahreszeit finden die Fische nur wenig Nahrung, die sie für ihre Energie benötigen. Sie können bei kalten Wassertemperaturen ihren Herzschlag auf ein Minimum herunterfahren. Wenn das Herz langsam schlägt und die Fische ruhig im Wasser stehen, brauchen sie kaum Energie und kommen mit ganz wenig Nahrung aus. Das hat der leibe Herrgott oder wer auch immer so eingerichtet. Die Natur ist ein wahres Wunderwerk.“

Die Kinder sahen die Oma wieder einmal staunend an. „Was sie alles wissen“, sagte Frank und Anna meinte noch: „Das ist wohl so wie bei uns Menschen. Wenn ich nichts esse fühle ich mich auch schlapp.“

„Genau, Anna“, sagte die Omi. „Nur das wir den Herzschlag nicht herunterfahren können, so wie es die Fische tun. Wir benötigen zu jeder Jahreszeit unser Essen. Der Eine mehr, der Andere weniger. So Leute wie der Bauer Friedhelm, die den ganzen Tag schwer arbeiten müssen, oder auch die Fabrikarbeiter, benötigen mehr Energie als zum Beispiel ein Mensch der den ganzen Tag im Büro sitzt. Körperliche Anstrengung kann man nur mit viel Energie leisten, und die holt unser Körper sich aus der Nahrung.“

„Dann muss unser Lehrer aber sehr viel Energie haben“, sagte Frank. Der ist ja so dick wie ein fetter Pfannkuchen.“

„Das kommt nicht immer vom Essen, liebe Kinder. Manchmal sind Menschen auch durch eine Krankheit so dick geworden. Es gibt eben Dicke und Dünne. Ob es jetzt an falscher Ernährung, an Krankheiten oder was auch immer liegt, steht ihnen nicht auf die Stirn geschrieben.“

„Ist mir auch egal“, sagte Frank. Die Hauptsache ist, dass sie alle nett zu Kindern sind, so wie unser Lehrer.“

Noch lange bevor die Dunkelheit einsetzte, hatten die Drei das Häuschen der Frau Baltasar erreicht. Sie halfen der Oma noch ein wenig, machten sich dann aber auch bald auf den Nachhauseweg. Es war noch hell, und erst als sie am Küchentisch saßen und der Mutter von ihrem erlebnisreichen Tag erzählten, setzte langsam die Dunkelheit ein.

 

***Ende, das war der letzte Teil***

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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