Wolfgang Scholmanns

Machtpositionen

„Sie müssen noch warten, wir haben Dienstbesprechung. Wird circa eine halbe Stunde dauern.“

Klaus ist sauer. Er hatte, von seiner Bearbeiterin, einen Termin für halb zehn bekommen. Es ist mittlerweile zehn Uhr und seit neun Uhr fünfzehn sitzt er schon hier.

„Das haben die doch bestimmt schon länger gewusst, dass heute Dienstbesprechung ist. Da hätte man uns doch wenigstens benachrichtigen können.“, meckert eine junge Frau.

„Von wegen Dienstbesprechung. Seht mal, da kommt einer nach dem anderen aus der Kaffeeküche gelatscht. Kaffee trinken, Zeitung lesen und sich über uns lustig machen, das können die.“, mischt sich ein älterer Herr ein.

„Ich bin schon zwei Jahre Kunde hier. Mir braucht niemand mehr was von diesen Typen erzählen. Faules Pack ist das. Gucken von oben auf uns herab. Ich war vierzig Jahre im Pflegedienst tätig. Da wurde anders malocht. Da konnte man nicht einfach sagen – wir haben Dienstbesprechung -.“

Klaus steht auf, er muss zur Toilette. „Nanu, warum ist die Türe abgeschlossen?“ Die Dame an der Info schüttelt den Kopf.

„Die Toilette ist defekt. Da müssen Sie eine Etage höher gehen. Da finden Sie die nächste Gästetoilette.“

„Vielen Dank.“

Auf dem Weg zum Treppenhaus sieht Klaus einen Angestellten aus der Toilette kommen, die doch gerade noch verschlossen war.

„Komisch, die Dame sagte doch, dass die Toilette defekt sei.“ Vor dem Gäste WC, eine Etage höher, stehen zwei Herren, im Anzug. Sie sind noch sehr jung, wahrscheinlich Auszubildende. Ihm, einem Kunden, wird keinerlei Beachtung geschenkt. Die haben gute Vorbilder. Lernen am Modell nennt man so etwas.

„Die Personaltoilette im Erdgeschoss wird erneuert.“ sagt der Größere der beiden zu seinem Kollegen.

„Ich weiß“, antwortet der. „Da haben die kurzerhand die Gästetoilette zur Personaltoilette umfunktioniert. Die Reinigungsfrau sollte alles ordentlich desinfizieren, damit man sich dort nichts wegholt. Soll das Volk doch zu Hause zur Toilette gehen. Die haben doch Zeit genug.“

Lachend gehen die Zwei weiter. Klaus ist traurig, traurig darüber, dass schon so junge Menschen derart klassifizieren. „Wo soll das noch hinführen?“, fragt er sich. „Wie kann man nur so über seine Mitmenschen denken. Hier sieht man uns wohl als Menschen zweiter Klasse an.“

Klaus hatte viele Jahre im Bergbau gearbeitet, als Ingenieur. Die Zeche war geschlossen worden und er seit einem halben Jahr arbeitslos. Mit sechsundfünfzig war es nicht leicht, einen neuen Job zu bekommen. Es gab genügend junge Leute, denen man noch Richtung und Form geben konnte.

Mittlerweile sitzen zwölf Leute vor den Türen der Kundenbüros. Ein alkoholisierter, junger Mann tritt vor einen Stuhl.

„Scheißladen, ich geh da jetzt rein. Mit mir machen die das nicht.“

Er öffnet die Tür und schreit: „Hau rein Alter, Tim hat einen Termin.“

Die offene Tür gewährt Klaus und dem Herrn neben ihm einen Blick in das Großraumbüro. Brötchentabletts, Getränke und Knabberzeugs stehen auf den Tischen. Von der Decke baumelt ein Schild mit dem Aufdruck „Happy Birthday“ und darunter ist die Zahl Vierzig zu erkennen. Ein kräftiger Herr schiebt den Betrunkenen auf den Flur zurück und schließt die Tür. Klaus hat jetzt die Schnauze voll. Er klopft heftig an und verlangt den Team- oder Abteilungsleiter zu sprechen. „Es wird, in den nächsten Tagen, gegen Sie, meine Damen und Herren, eine Dienstaufsichtbeschwerde zu Händen Ihrer Geschäftsführung eingehen. Außerdem habe ich mich dazu entschlossen, die Öffentlichkeit über das kundenunfreundliche Verhalten in Ihrem Hause in Kenntnis zu setzen. Die hier Anwesenden, werde ich als Zeugen benennen dürfen und diese bitten, mit mir zusammen, die Dienstaufsichtsbeschwerde zu unterzeichenen und gegebenenfalls auch meine Erläuterungen gegenüber den Medien zu unterstützen.“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“, sagt eine junge, aufgetakelte Angestellte, die eine Tasse in der Hand hält, deren Rand mit rotem Lippenstift verschmiert ist.

 

***

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Scholmanns).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Scholmanns auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Wolfgang Scholmanns:

cover

Oma Dorfhexe - Eine kleine Geschichte vom Niederrhein von Wolfgang Scholmanns



Anna und Frank ziehen mit ihren Eltern in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sie die alte Dame kennen lernen, die die Dorfkinder oftmals mit dem Namen "Oma Dorfhexe" betiteln.

Bei ihr lernen sie, wie man mit Reusen fischt und die Fische räuchert, sie gehen mit ihr Pilze sammeln und lernen sogar, wie man mit Heilkräutern umgeht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Scholmanns

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein Mensch? - Ein Schwein!!! von Wolfgang Scholmanns (Zwischenmenschliches)
Ein Tag der besonderen Art von Susanne Kobrow (Wie das Leben so spielt)
Gibt es zu viele oder zu wenige Seelen? von Norbert Wittke (Fragen)