Wolfgang Küssner

Brief oder Briefchen

Brief oder Briefchen; das ist hier die Frage. Die Worte werden dem Leser sicherlich bekannt vorkommen. Klar. Hamlet, Prinz von Dänemark, 3. Aufzug, 1. Szene. Aber Moment mal  - hat es Shakespeare nicht ein wenig anders formuliert? Natürlich. Logo. Was sollte Hamlet in seinem Monolog auch mit Brief oder Briefchen anfangen. Bei ihm ging es um Leben und Tod. Er, also Hamlet, dachte über entschlossenes Handeln nach. Hatte aber Scheu davor. Todessehnsüchte in seinen Gedanken. Trotz des ganzen Weltschmerzes war die Angst vor dem Tod da. Be or ot to be, that is the question, oder auf gut Deutsch Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage. Brief oder Briefchen – so etwas kann sich nur ein Wortsetzer ausdenken. Obwohl, ganz so abwegig ist diese Idee keineswegs. Da gibt es schon Parallelen.

Zunächst werden wir bei der Antwort eingangs formulierter Frage, Brief oder Briefchen, feststellen, aus einer vermutet homogenen Leserschaft kristallisieren sich plötzlich zwei Altersgruppen heraus. Da sind die jüngeren Leser zu nennen, denen das eine Wort deutlich stärker vertraut erscheint, fantasie- und erwartungsvolle Assoziationen auslöst. Mit dem anderen Begriff verbinden eher ältere Menschen Erinnerungen. Ja, da war doch was, eine Zeit, in der wir noch Briefe zu schreiben wussten.

Ein Briefchen: Kleinere Mengen pulverförmiger Arzneimittel wurden früher von den Apotheken in kleinen Papiertütchen für Transport und Aufbewahrung verpackt. Es war Bestandteil der Ausbildung des Apothekers, dieses Verpackungsmaterial sachkundig formen zu können. Terminus technicus: Apothekerbriefchen. Findet heute keine Verwendung mehr, längst Vergangenheit. Diese Art von Briefchen wurden in unseren Regionen zu Geschichte. Schnee von gestern. Wie Bitte? Schnee? Komisch. Und doch sind es nicht die älteren Mitbürger, sondern gerade die jüngeren, die bei dem Wort Briefchen in Träume, Blüten und Fantasien geraten. Denn das, was die Apotheker einst kreierten, lebt heute weiter und wird als szenetypisches Verpackungsmaterial bezeichnet. Von Polizeibeamten und Juristen. Für Heroin, Amphetamin, Kokain und andere Betäubungsmittel in Pulverform. Auch konkreter Koksbriefchen genannt. Und wer nicht genug bekommen kann, mehr benötigt, das Zeug kann bekanntlich süchtig machen, spricht gar vom Päckchen. Dürfen`s ein paar Gramm mehr sein? Und schon sind wir bei Hamlet und Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage. Der Konsum kann ins Nichtsein führen. Nebenbei bemerkt: Es nicht die Post, nicht der Briefträger, der diese Briefchen zustellt. Dieser eigene Berufsstand wird in der Regel Dealer genannt. Es handelt sich dabei um zugleich abhängig als auch freiberuflich Tätige. An dieser Stelle sei versichert, der Autor dieser Zeilen hat vor dem Schreiben weder Briefchen noch Päckchen in den Händen gehabt.

Ein Brief: Ein Steckbrief wurde keineswegs in der Brieftasche übersehen, blieb dort auch nicht kleben; ist nicht auf erster Teil-Strecke stecken geblieben. Außerdem sind Brieftaschen zum Transport von Briefen ausgesprochen ungeeignet. Wurde ein Gehilfenbrief mit Hilfe, Wissen und Ideen einer assistierenden Person zu Papier gebracht? Dann müsste ein Meisterbrief Formulierungskunst in Vollendung sein. Kettenbriefe sind übrigens kein ideales Mittel zur Versendung von Ketten, egal ob aus Plastik, Metall oder gar Edelmetall. Man müsste sie in einem solchen Fall wohl treffender Briefbeschwerer nennen. Und an einer Kette werden diese Briefe nicht gehalten, obwohl sie Zuschnappen sollen. Den letzten beißen bekanntlich die Hunde. Gerade beim Kettenbrief. Und außerdem: Ein Initiator dieser Briefform gilt keineswegs als Briefkopf, mag er sich als ein noch so schlaues Köpfchen wähnen..

Mitarbeiter von Briefkastenfirmen stellen in der Regel keine Postboxen her; sind sehr selten in Briefkästen anzutreffen. Um einem Irrtum vorzubeugen: Hirtenbriefe sind keine Tagebücher eines Schäfers, werden in der Regel auch nicht auf Alm, Weide oder Heide von Viehzüchtern, gar Cowboys, geschrieben. Sie richten sich aber meistens an Schäfchen. Die Verwendung von Papier einer Stärke von 150g/qm, vielleicht noch schwerer, läßt aus einem Brief noch lange keinen Frachtbrief werden. Wie nennt man ein unbeschriebenes Blatt? Freibrief? Keineswegs. Baut jemand, der erhaltene Schreiben nicht beantwortet, damit Briefschulden auf? So viele Sichtweisen, Interpretationen, Fragen. Wortspielerei. Ein Rat: Streichholzbriefchen eignen sich nicht besonder gut für den Versand. Das Thema könnte ein heißes werden. Kommt irgendwie bekannt vor, oder? Aber das Thema Briefchen hatten wir ja bereits.

Ein Brief: Da werden vermutlich Erinnerungen geweckt. An Brieffreunde und Liebesbriefe. An Trauer- und Beileidsbriefe. An Protestbriefe. Abschiedsbriefe. Kündigungsbriefe. An Leser- und Drohbriefe. Briefwahl. Briefgeheimnis. Fahrzeugbriefe. An Bütten- und anderes Briefpapier. Briefbomben. An Briefbögen, Briefumschlägen und Briefklammern. Vielleicht sogar an den Briefboten, der – wenn Vati nicht Zuhause war - dreimal klingelte.

Nun haben die jüngeren Leser unter Umständen immer noch keine Vorstellung von dem, was denn ein Brief war bzw. auch heute noch ist und sein kann. Hier die Zutaten, Bestandteile, auf Neudeutsch – die things to do list: Tisch und Stuhl, alternativ wäre ein Stehpult denkbar, eine Schreibunterlage, einen Stift (Füllfederhalter, Kugelschreiber, Bleistift etc. – TouchScreen Pens sind nicht unbedingt dafür geeignet), einen Bogen Papier im Format DIN A4 wäre ideal, es dürfen natürlich auch mehrere sein, aber alles nicht zwingend. Etwas Muße, also nach dem Chillen, eine relaxte Situation, ein klarer Kopf und einige Ideen, die nun mittels Schreibutensil mit der rechten oder linken Hand zu Papier gebracht werden. Emojis bleiben der eigenen Kreativität überlassen, sind allerdings nicht per Klick abrufbar. Ort und Datum sollten nicht vergessen werden. Eine Anrede macht sich gut; angemessen zur Beziehung zum Empfänger. Vielleicht mehr als ein Ey! oder Hi!. Zugegeben, Hallo! wäre schon etwas mehr, aber vielleicht gibt es ja noch andere Ausdrucksmöglichkeiten. Wünsche, Grüße und eine Unterschrift sollten einen Brief beenden, vollenden.

Kleiner Einschub: So ein Brief wird auch als Kulturprodukt bezeichnet. Kultur – also wie der ganze Mensch lebt. Die so ausgeübte Kommunikation (diesmal per Handschrift statt Chatten und Posten), setzt allerdings Grundlagen in der verwendeten, der geschriebenen Sprache, in der Interpunktion etc. voraus. Selbst ein Komma kann recht bedeutungsvoll sein. Beispiel? Nimm ein Gummibärchen. Oder: Nimm ein Gummi, Bärchen. Hier liegt ein bescheidener und entscheidender Unterschied zum schnellen Chatten, Posten. Es werden in der Regel auch ein paar mehr Worte zu Papier gebracht.

Seinerzeit wurden handgeschriebene Dokumente dieser Art noch gefaltet und in einen Briefumschlag verstaut. Es war sinnvoll, diesen mit Empfänger- und Absenderadressen zu versehen, ausreichend zu frankieren (d.h. eine gültige Briefmarke auf die Frontseite zu kleben), dann zum nächsten Briefkasten zu bringen und dort einzuwerfen. Natürlich nicht den Kasten. Ein Mitarbeiter der Post wird diesen Briefkasten dann zu den angekündigten Zeiten leeren und den Brief vom Postamt aus auf den Weg bringen. Vielleicht mit dem Zug, eventuell mit dem Flugzeug; denkbar wäre auch ein LKW oder in ganz besonderen Fällen geht es mit der Lorenbahn rüber zur Hallig. Nach Ankunft am Bestimmungsort wird so ein Brief dann vom Briefträger dem Empfänger zugestellt.

OMG! Ist das kompliziert. So langsam, langweilig. Geht das nicht cooler? Welch eine Zeitverschwenung. Und die Antwort? Da kann man ja ewig drauf warten. Emails sind schon langsam. Aber ein Brief? Nee! Bei WhatsApp, Twitter, Messenger etc. geht das alles viel schneller, viel einfacher. Da gibt´s sofort feedback, nicht erst nach zwei Wochen.

Ein kleines Beispiel: Eine Zuneigung, auch Liebeserklärung genannt, soll zum Ausdruck gebracht und von A nach B gelangen. Gepostet oder gechattet könnte A folgende letters, stickers und emojis wählen. Das Resultat: Hi! OMG! ILU (steht für Oh, My God bzw. für I love U) Sticker mit I miss you und einen Kuss verteilendes Emoji. Ein hoffnungsvolles ICU (Ich sehe Dich). Ein Klick: Herzchen werden ausgeschüttet. Ein weiterer Klick. Fertig! Gepostet! In Bruchteilen einer Sekunde beim Empfänger. Egal, wie groß die räumliche Distanz zwischen beiden auf der Welt auch sein mag. Klar, der Text, wenn wir ihn so nennen wollen, ist unmissverständlich. Kurz. Romantik? Nee! Neue Sachlichkeit? Und die Emotionen? Klick.

Betrachten wir eine Liebeserklärung in altbewerter Briefform. A, der  Empfänger öffnet das Couvert, hält eine Blatt Papier in den Händen. Dieser Bogen lag vor Kurzem noch auf dem Tisch der erklärenden Person (also bei B), der Frau oder Freundin, des Mannes oder Freundes. Die Handschrift ist deutlich zu sehen; der bei einzelnen Wörtern ausgeübte Druck auf das Papier ist zu erkennen. Die geschriebenen Wörter können zart berührt, vielleicht sogar sehnsüchtig gestreichelt werden. Der Leser ist eventuell geneigt, das Blatt zum Gesicht zu führen, in der leichten Hoffnung, etwas vom mitgeschickten Duft einzufangen, die lieben Worte mit den Lippen zu berühren, zu küssen. Solch ein Brief wird wieder und wieder gelesen, aufbewahrt, läßt in Erinnerungen schwelgen. Ein Dokument bewegender Worte, der Gefühle, der Liebe.

So ein Brief, ob nun Liebesbrief oder Beileidsschreiben, ist eine recht alte Erfindung. Schon die Babylonier (1800 Jahre v.u.Z.) wussten, Nachrichten in Tontafeln zu ritzen und auf den Weg zu bringen. Die alten Ägypter bedienten sich der Papyri als Schriftträger, im antiken Griechenland und Rom wusste man mit Wachs beschichtete Holztafeln entsprechend zu kerben. Das beschriebene Papier wurde anfänglich noch versiegelt, denn gewerbsmäßig hergestellte Briefumschläge gab es erst ab 1830. Das soll nun alles Geschichte sein, der Vergangenheit angehören. Der Autor dieser Zeilen träumt nicht von besseren, früheren Tagen, ist sehr aufgeschlossen für Neues. Aber es gibt Momente, an die man sich gern erinnert. An einen Brief zum Beispiel. Noch mehr an einen Liebesbrief. Das kann modernste Technik nicht ersetzen. Vielleicht startet der Leser nach dieser Lektüre ganz einfach einen Versuch und......

Brief oder Briefchen; das ist hier die Frage. Gar nicht so abwegig, gar nicht so fern von Shakespeare, wie aus obigen Zeilen zu schlussfolgern wäre. Brief oder Briefchen, wie bei Hamlet unter Umständen auch eine Frage von entschlossenem Handeln, von Gefühlen, von Leben und Tod. Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage.

Mai 2020

© 2020

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Tanz der Zauberfee von Hartmut Pollack



Hier ist ein Buch geschrieben worden, welches versucht, Romantik in Worten zu malen. Gefühle in Worte zu fassen, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie zu überschreiten, ist immer wieder für den Poeten eine große Herausforderung. Zur Romantik gehört auch die Liebe, welche im zweiten Teil des Buches Platz findet. Liebe und Romantik sind und werden stets die treibenden Kräfte im menschlichen Leben sein. Hartmut Pollack legt ein neues poetisches Büchlein vor, das die große Bandbreite seiner lyrischen Schaffenskraft aufzeigt. Der Poet wohnt in der Nähe von Northeim in Südniedersachsen in der Ortschaft Echte am Harz. Die Ruhe der Landschaft hilft ihm beim Schreiben. Nach seinem beruflichen Leben genießt er die Zeit als lyrischer Poet. In kurzer Zeit hat er im Engelsdorfer Verlag schon vier Bände mit Gedichten veröffentlicht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Nach Strich und Faden von Wolfgang Küssner (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Menschen im Hotel VIII von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Regen in Posen von Rainer Tiemann (Wie das Leben so spielt)