Wolfgang Scholmanns

Fahrerflucht

Da lag sie nun, Station Drei des Marien Krankenhauses. Das Atmen fiel ihr schwer, auch die ersten Versuche sich aufzurichten verursachten noch Schmerzen. Sie war am Sonntagmorgen, als sie vom Gottesdienst kam, von einem Fahrradfahrer angefahren worden und gestürzt. Der Fahrer hatte sich aus dem Staub gemacht. Die einzigen Hinweise, die sie der Polizei geben konnte, waren, dass die Person männlich und das Fahrrad rot war. Eine schwere Gehirnerschütterung und Prellungen im Rücken und Schulterbereich stellten die Ärzte nach einigen Untersuchungen bei ihr fest. Gerda, so hieß die alte Dame, war zweiundachtzig und von einigen Wehwehchen abgesehen noch topfit. Ihren Haushalt führte sie allein und auch der kleine Garten, sah immer sehr gepflegt aus.

Ihr Mann war, schon vor vielen Jahren, gestorben. Als Facharbeiter, in einer Kunststofffabrik, in dem lange Zeit asbesthaltige Materialien verarbeitet wurden, war er, ein Jahr nach seinem Abschied aus dem Arbeitsleben, an Lungenkrebs erkrankt. Man hatte diese Erkrankung, seitens der Betriebsleitung, mit einem „die haben ja auch gequalmt wie die Schlote“ abgetan. Damals war die Gefährlichkeit von Asbest noch nicht so sehr an die Öffentlichkeit gedrungen oder wurde auch von vielen, die mit diesem Stoff arbeiten mussten, verdrängt. „Wird schon nicht so schlimm sein, sieh mal den Jupp an. Der arbeitet schon dreißig Jahre hier und ist kerngesund.“

So, oder ähnlich, wurde damals über etwas geredet, das eine lebensgefährliche Situation für Menschen, die häufig mit diesem Material in Berührung kamen, darstellte.

Gerda war eine fromme Frau. Sie betete und betete für ihren Mann, bat den lieben Herrgott um Hilfe. Aber sie wurde nicht erhört. Acht Monate nach der schlimmen Diagnose ,starb er in dem Krankenhaus, das jetzt auch ihr vorübergehendes Zuhause war. Das Personal war, bis auf wenige Ausnahmen, nicht gerade freundlich zu den Patienten. Das blieb durch den Stress, der mit die Unterbesetzung in diesen Häusern zusammenhängt, nicht aus.

Als Gerda eines Morgens die Stationsschwester bat, sie möchte ihr doch bitte ein Schmerzmittel bringen, wurde sie, von der Dame dahingehend vertröstet, dass Schwester Esha sich gleich darum kümmern würde. Diese hatte allerdings erst in einer Stunde Dienstbeginn. Es dauerte auch fast neunzig Minuten, bis Schwester Esha, die indischer Abstammung war, das Zimmer betrat. Als Gerda, die aufrecht in ihrem Bett saß, ihr mit leiser Stimme mitteilte, dass sie furchtbare Schmerzen hätte, machte die junge Frau auf dem Absatz kehrt.

„So, das wird Sie hoffentlich bald von Ihren Schmerzen erlösen.“

„Sie sind ein Schatz, Schwester Esha. Ich hatte die Stationsschwester schon informiert, aber die hatte wohl keine Zeit.“

„Ja, die hatte wohl Wichtigeres zu tun. Als ich meinen Dienst antrat, saß sie an ihrem Schreibtisch und lackierte sich die Fingernägel. Sie hat, als hochrangige Schwester, solche Arbeiten nicht mehr zu verrichten, äußerte sie sich mal während eines Telefongespräches, das ich mitbekommen hatte. Eine dumme, eingebildete Ziege ist das. Die hat den Beruf total verfehlt. Da gibt es in diesem Hause übrigens einige von, aber ich will mal lieber meinen Mund halten, hab sowieso schon viel zu viel gesagt.“

„Ja, liebe Schwester Esha, da lobe ich mir doch so nette Menschen wie Sie, die immer bemüht sind, ihre Patienten entsprechend zu versorgen und sich ab und zu, trotz des Stresses, auch mal ein wenig Zeit für uns nehmen.“

Esha lächelte die alte Dame lieb an und streichelte ihre Hand.

„Meine Großmutter in Indien sagte immer, „Bevor du etwas für dich tust, sieh dich um, ob nicht vielleicht ein Mensch in Deinem Umfeld Deiner Hilfe bedarf. Vernachlässige aber auch dich nicht, dass es dir gut geht, damit du Kraft hast zu helfen .“

„Das sind wahre Worte, die Ihre Oma Ihnen mit auf den Weg gegeben hat. Es ist gut, dass diese Worte in Ihrem Gedächtnis verankert sind.“

Bald gab es Mittagsessen und Gerda, die in einer Zeitung blätterte, freute sich schon darauf. Plötzlich klopfte es an die Tür. 

„Nanu, das ist aber doch noch ein bisschen früh. Ist doch erst elf. Das Essen kommt doch sonst immer gegen zwölf.“

„Guten Tag, Frau Gerbold. Mein Name ist Frank und der junge Mann hier ist der Herr Vogel.“

Ein uniformierter Polizist und ein Junge von vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahren betraten das Krankenzimmer. Gerda grüßte und guckte die beiden Männer verdutzt an.

„Herr Vogel hat sich bei uns gemeldet. Er war es, der Sie mit seinem Fahrrad angefahren hat.“

Der junge Mann trat an das Bett der alten Dame und gab ihr die Hand. „Ich weiß auch nicht warum ich einfach abgehauen bin. Irgendwie habe ich Angst gehabt, vor dem, was ich da angerichtet hatte. Diese Angst steigerte sich von Stunde zu Stunde und so langsam wurde mir bewusst, dass ich Fahrerflucht begangen und einen verletzten, hilfebedürftigen Menschen einfach ignoriert hatte. Einen Tag lang habe ich noch gezögert zur Polizei zu gehen, aber dann konnte ich die Situation nicht mehr aushalten. Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung.“

Gerda schluckte. „Schön, dass Sie noch den Mut gefunden haben, sich bei der Polizei zu melden. Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Gehen Sie jetzt aber bitte, es gibt gleich Mittagessen. Das alles hier regt mich ein wenig auf.“

„Alles andere wird vor Gericht geklärt.“, sagte der Polizeibeamte. „Kommen Sie, die Dame möchte, dass wir gehen.“

Gerda musste noch lange an den jungen Mann denken. Was mag nur in ihm vorgegangen sein und was würde jetzt in ihm vorgehen? Sie war ziemlich kurz ab mit ihm. Aber, was sollte sie sonst noch sagen? Die Entschuldigung hatte sie angenommen und wie das Gericht entscheiden würde, lag nicht in ihrer Hand.

 

                                                                                                                         ***

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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