Anne-Lydia Mühle

Silent but violent

Ich saß in einem absturz Café an der Tür.
Ich wartete auf nichts oder irgendwas.

Er ging vorbei, zur Tür,
mit einem Zelt und einem Schlafsack und einer One-String-Gitarre.

Ich fragte: Wo gehst Du hin?
Er sagte: Irgendwo.

Ok, du kannst eine Nacht bei mir schlafen.
Dann habe ich noch einen rothaarigen Iren mitgenommen
und dann waren wir zu dritt.

Die Jungs sind erst mal völlig zusammengebrochen
und haben vier Tage am Stück durchgeschlafen -
das ist normal,
wenn Du von der Straße kommst.

Ich habe sie dann in meiner Wohnung eingeschlossen,
wenn ich zur Arbeit musste.
Damit sie nichts klauen.
Und sie waren mir dankbar dafür,
so dankbar.


Nicola, aus Irland, wurde kurzerhand fürs Teekochen zuständig erklärt,
er war der Teaman.

Alex, aus Spanien hat gekocht und meine Wohnung aufgeräumt
soweit – Deal.

Ich konnte auch Gesellschaft gebrauchen und
es waren zwei nette Jungs so um die 30,
die scheinbar keine Hautkrankheiten hatten.

Ich habe sie auch knallhart ins Gesicht gefragt,
ob sie Fußpilz haben.

Ich bin da direkt.
Und ein bißchen Hypochonder.
Quasi eine Großstadtneurotikerin.

Irgendwie war es von Anfang an so,
wenn Alex da war, dann hatte ich alles.

Naja, und Marihuana, etwas Wein,
ein gutes Essen, Musik, verliebt sein – alles.
Aber das kam später.


Die Jungs waren am Anfang meistens am pennen
also war mir langweilig.
Also bin ich Abends noch mal los,
in die absturz kneipe oder das café.

Ich wohne am Stadtrand,
also ziemlich ab vom Schuss.
Irgendwie gut,
ist nicht jeden Tag Kneipe.

Im Café angekommen fragte mich einer:

Willste ne E?
Ich so: OK
Schmeiß also die E.


Meine letzte E hatte ich vor mehr als 10 Jahren.
Man soll mit den Drogen nicht übertreiben.

Irgendwie kickte die E dann rein.

Den Typ, der sie mir gegeben hat,
Typischer Kiez Kollege,
kenn ich vom Sehen,
jetzt auch schon 10 Jahre.

Ja, man wird nicht jünger.

Kneipe war langweilig
und irgendwie wollte ich zu den Jungs nach Hause.

Alex – Alles

Ich und der Kiez-Kollege
jedenfalls die ganze Strecke zu mir mitm Taxi nach Hause.
Irgendwie fuhr nichts mehr,
oder war es die E?


Kommen wir bei mir zu Hause an:

AUFSTEHEN
JETZT IST PARTY!


Alex war sofort bereit mitzufeiern.
Nicola versuchte verzweifelt weiterzuschlafen -

KEINE CHANCE!


Wir hörten Musik.

This is a Masterpiece!
Ein Masterpiece jagte das nächste Masterpiece.

Jeder ist mal dran.

Masterpiece, this is a Masterpiece.
Lang lebe die Musik.


Und nebenher immer den Iren geweckt:

Nicola say something!
Nicola, make Tea!

Und dann: VIDEO CALL INCOMING!

Mein Kumpel aus der Kneipe hatte jetzt W-Lan
und rief eine temperamentvolle Dame in Brasilien an.

Gesegnetes Internet: VIDEO CALL INCOMING

Schon nach wenigen Minuten,
sie saß jetzt quasi virtuell für länger mit in der Runde,
hat sie von Brasilien aus versucht
Nicola zu wecken

Nicola stand up!
Video Call incoming!
Nicola make Tea!
Nicola say something!


Jedenfalls in dieser Nacht,
habe ich mich in Alex verliebt.
Und ihn auch gleich in mein Bett gezerrt.
Ich habe eine psychische Erkrankung.
Alex hat auch eine.

Wie romantisch, dachte ich noch.

Aber als ich ein paar Tage später nach Hause kam,
hing die Lampe schief von der Decke,
das Internet no Funktion
- und das Marihuana war weg.

Angeblich hatte es der Ire geklaut,
wie mir Alex versicherte.

Als ich dann die Wohnungstür offen,
mit einer Kette vorgelegt antraf,

wurde mir klar, Alex hat eine psychische Erkrankung
- und zwar jetzt!

Ok, ich dachte, wenn er verrückt ist,
kann das Marihuana überall sein.

Ich bin Kifferin,
also erstmal einen rauchen.

Irgendwie bin ich ja selbst verrückt,
also, warum nicht auf dem Balkon nachsehen.

Und richtig:
Alufolie, Marihuana, auf der Brüstung, im Wind – noch da!



Ich machte einen Buddhisten-mäßigen Atemzug,
nahm das Grass und ging wieder rein.

Als Alex mir noch erzählt hatte, dass meine Wohnung
so Fluch der Karibik mäßig Tortuga ist,
Fand ich das eigentlich ganz nomal.

Aber jetzt war er außer Rand und Band, er redete stundenlang, ohne Punkt und Komma
und irgendwie war die Stimmung auch ein bißchen unheimlich, gefährlich.


Noch ein Zen-mäßiger Atemzug.




Alex, ich liebe Dich
aber du musst ins Krankenhaus.

Ich strahlte die Ruhe einer heiligen, weißen Hexe aus – Witchcraft.


Alex nannte mich immer Madam Swaan,
wie in Fluch der Karibik,
wie romantisch.

Irgendwie,
weiß der Himmel, schaffte ich ihn am nächsten Morgen in die Klinik.
Einen Tag später stand er wieder bei mir vor der Tür.

Wenn Du dich nicht behandeln lässt, ist unsere Beziehung hier zu Ende
und ich rufe die Bullen, wenn du hier wieder auftauchst.

Er schrie mich an: Bring sofort meine Sachen oder ich zünde deine Haare an!
Ich brachte seine Sachen.

Dann habe ich nichts mehr gehört.
Und ich bin zu meinen Freunden gegangen und habe erzählt:
Ich hatte einen Obdachlosen aufgenommen, der auch noch psychisch krank ist.
Aber wenn Alex da war hatte ich irgendwie alles.

Nach ein paar Tagen packte mich die Sehnsucht und ich rief wieder an.
Und unglaublich: Er war in der Klinik.

Dann schickte er komische SMS´n,
wenn ich ihm nicht sofort alles bringe,
zündet er meine Haare an.

Ich dachte, der spinnt.
Dann habe ich abends ne Nase genommen
und auf einmal hatte ich Mut und dachte,
ich riskiere es – er wird mich schon nicht abschlachten.
Ich hab ihn im Krankenhaus aufgefunden.

Und dann saß ich vorm Urban auf der Bank
und hab auf ihn gewartet und dann kam er um die Ecke.
Und wir haben beide gestrahlt – Alles!

Hattet ihr schon mal Sex aufm Klo inner Klapse?
Mit Blaulicht!





Er war Spanier.
Er hatte Feuer.
Er hatte Humor.

Und ich war verliebt.
Und ich war glücklich mit Alex.

Und dann begann eine schöne Zeit.
Eines Abends ist er einfach nicht mehr vom Ausgang zurückgekehrt,
sondern wir sind dann zu mir.

Er ist ein genialer DJ
und ziemlich schnell habe ich begriffen,
dass er eine unverrückbare Verbindung zur Musik hat.
Egal in welchem geistigen Zustand,
in welcher Welt er sich gerade befindet.

Ich hörte wochenlang
live gemixt,
die beste Musik in meinem Appartment.

Manchmal konnte er nicht schlafen, dann konnte er nicht alleine sein.
Und er weckte mich immer wieder auf.
Er hatte 1000 verschiedene Arten dass zu tun.
Irgendwie süß, dachte ich am Anfang.

Wenn er schlief, durfte ich schlafen
wenn er wach war, sollte ich auch wach sein.

Irgendwann, nach Wochen habe ich nach ihm getreten
und er wollte mir dann seinen Computer über den Kopf ziehen

Aber das war später, das war als ich begriffen habe
dass mein Boyfriend richtig shizzophren ist.

Er hatte zwei dominierende Persönlichkeiten.
Die eine die bei mir aufgeräumt, mich bekocht und geliebt hat.

Die andere ist so ein eine art gruseliger Waldschrat,
den man besser nicht reizen sollte.

Silent but violent – warnte er mich noch.

Manchmal vermisse ich Alex.
Aber leider ist er nicht allein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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