Istvan Hidy

VIEL LUFT, WENIG INHALT

Zur Sendung: Mogelverpackungen; SWR Fernsehen von 02.06.2020

Unsere warenproduzierende Industrie heutzutage ist deshalb so bewundernswert, weil sie sich allen Schwierigkeiten gewachsen zeigt. Sogar eine so peinliche Erscheinung wie die Deflation hat die Mehrzahl der Fabrikanten nicht im Geringsten entmutigt. Die Lösung des Problems liegt nicht beim Produkt, sondern bei der Verpackung. Um die Preise vieler Waren nicht erhöhen zu können, hat sich die Industrie neue Methoden ausgedacht, wie die Produkte verkleinert werden können, während die Verpackung vergrößert wird. Auf diese Weise erhält der Käufer das beruhigende Gefühl, dass sich nichts geändert hat und die Preise stabil bleiben.

Ich besichtigte neulich eine der bedeutendsten Verpackungsfirmen, um zu erfahren, wie es in einem solchen Betrieb zugeht. Der Direktor, der sich mit der Bekämpfung der Deflation befasst, führte mich in der Fabrik herum.

«Wir arbeiten vierundzwanzig Stunden im Schichtwechsel», erklärte er mir stolz. «jeder verlangt von uns neue Ideen, wie die schwierige Marktlage zu überwinden ist.»

Mir fielen Frauen in weißen Kitteln auf, die mit einer Pinzette unter dem Mikroskop arbeiteten, und ich fragte: «Was machen diese Frauen?»

«Sie halten mit der Pinzette Schokotäfelchen, die sie einzeln in große Stücke Silberpapier verpacken und dann mit Glanzpapier umhüllen. Auf das Glanzpapier wird der Name der Schokolade mit großen Buchstaben aufgedruckt. Hier sehen Sie das fertige Produkt.»

«Von außen sieht es genau wie eine der früheren Schokoladentafeln aus.»

«Niemand merkt den Unterschied, bis man die Schokolade auspackt», sagte er im gleichen stolzen Ton.

Wir gingen in eine andere Abteilung. Von der Decke herab hingen die Schläuche von Luftpumpen, und über ein Fließband glitten Schachteln. Ich machte ein verdutztes Gesicht.

«Hier werden Seifenflocken verpackt», über schrie der Direktor den Lärm. «Die Frau am Anfang der Reihe gibt in jede der Riesenschachteln einen Teelöffel voll Seifenflocken, und dann pumpen die Männer dort den Rest der Schachtel voll mit Luft.»

«Genial», schrie ich zurück.

«Der Boden der Schachtel ist mit einer dicken Papp-schicht beschwert, so dass man keinen Gewichtsunterschied merkt, wenn man die Schachtel in die Hand nimmt.»

«Sie haben hier aber eine Riesenpumpe.»

«Wir benutzen die Luft nicht nur für Waschmittel, sondern auch für Haferflocken, Backwaren, überhaupt für alles, was in Schachteln auf den Markt kommt. Gestatten Sie, dass ich Ihnen diese Erfindung hier zeige, auf die wir ein Patent haben. Es ist ein Nudelpaket mit durchsichtigem Fenster. Wenn Sie es ansehen, meinen Sie, Sie bekämen eine volle Nudelpackung, nicht wahr?»

«Selbstverständlich.»

«Nun schauen Sie sich einmal den Inhalt an.»

«Nanu, die einzigen Nudeln in der Packung kleben am Fenster», bemerkte ich verblüfft.

«Stimmt. Das durchsichtige Fenster und die Nudeln sind magnetisiert. Wenn das Fenster mit Nudeln ausgefüllt ist, rückt die Schachtel auf dem Fließband weiter.»

«Sind das dort drüben fixfertig verpackte Mahlzeiten, die man nur in den Backofen zum Aufwärmen schiebt?»

«Ja. Sie sehen wie ein komplettes Essen aus, nicht?» «Und ob.»

«Nun schauen Sie sich mal das Tablett von unten an. Wie Sie sehen, ist es eingebeult. Auf dem Tablett ist nur das, was von oben zu sehen ist.»

«Phantastisch», sagte ich.

Er führte mich zu einem anderen Trakt, an dessen Eingang sich ein großes Schild befand: «Pharmazeutische Produkte». «Hier arbeiten wir an neuen Verpackungen für Medikamente», erklärte mir der Direktor. Er öffnete eine Tür, und überall in dem Raum, wohin ich auch blickte, lagen riesige Watteballen.

«Wag machen Sie denn damit?» fragte ich.

«Wir tun in jedes Medizinfläschchen zwei Tabletten und stopfen es im Übrigen mit Watte aus. Wenn die Watte nicht wäre, müsste die ganze pharmazeutische Industrie pleitegehen.»

«Sie denken wahrhaftig an alles», stellte ich fest.

«Wir sind noch nicht ganz am Ziel; wir träumen davon, eine Verpackung zu erfinden, die ausschließlich mit Luft, Schaumstoff und Silberpapier gefüllt wird. Wer sie kauft, kriegt eine zweite gratis.»

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Meine Gedanken bewegen sich frei von Andreas Arbesleitner



Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.

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