Peter Zimmermann

Der Aufstand der Bäume

Eines Tages erhoben sich die Bäume. Niemand konnte sich erklären, wie es geschah, doch die Bäume wurden lebendig.

Langsam zogen sie ihre dicken Wurzeln wie klobige Stiefel aus der Erde und unternahmen ihre ersten unsicheren Schritte auf dem modrigen Waldboden. Wobei, Schritte konnte man es nicht nennen. Die Bäume bewegten sich eher mit graziler Geschmeidigkeit fort, wie Oktopusse, die sanft über den Meeresboden gleiten. Als wäre jede Wurzel ein Tentakel, mit dessen Hilfe sie sich Zentimeter für Zentimeter vorwärts schlängeln. Fast hätte man glauben können, sie schweben.

Als ich es zum ersten Mal sah, traute ich meinen Augen nicht. Ich dachte, ich würde fantasieren. Wie konnte der Wald plötzlich lebendig werden? Das ergab doch keinen Sinn!

Ich musste unweigerlich an Shakespeares Macbeth denken, dem die Hexen prophezeit hatten, er würde König sein, bis der Wald zum Leben erwacht und gegen seine Burg marschiert. War jeder von uns Menschen also ein todgeweihter König Macbeth? Waren unsere Häuser unsere Burgen und diese Bäume das Heer, das gekommen, um uns zu richten und die rechtmäßige Herrscherin des Erdenreichs zurück auf ihren Thron zu befördern?

Andere glaubten, in dem Ereignis den natürlichen Lauf der Politik zu erkennen. Die Säugetiere hatten die Reptilien vor Millionen von Jahren als unangefochtene Herrscherspezies des Planeten abgelöst. Die Menschen hatten sich unter ihnen hervorgetan und die alleinige Macht an sich gerissen. Allerdings erfüllten sie ihre bedeutende Aufgabe weitaus weniger würdevoll als die Donnerechsen, weshalb sie in ihrer Regierungsgewalt nun von der scheinbar primitivsten aller Lebensformen abgelöst wurden: den Pflanzen.

Egal, wie man die Vorkommnisse interpretierte: Es änderte nichts an den Fakten.

Die Bäume wurden lebendig.

Und so sah ich an diesem düsteren Tag, an dem die brasilianische Regierung beschlossen hatte, das letzte Stück Regenwald im Amazonasbecken an den Meistbietenden zu verkaufen, aus meinem Fenster und blickte auf ein Heer von Fichten, Kiefern und Eichen, das sich, kommandiert von einer Gruppe adeliger Birken, nach allen Himmelsrichtungen bis zum Horizont erstreckte und meine bescheidene Heimatstadt in fast schon phlegmatischer Ruhe einkesselte.

Irgendwie sprach aus diesem Ereignis auch eine gewisse Ironie. Seit jeher hatten wir uns gegen jeden erdenklichen Feind gerüstet. Sogar unliebsame Besucher aus dem All konnten wir in der Area 51 willkommen heißen. Doch waren wir nicht auf die Idee gekommen, den Millionen und Milliarden von Giganten zu misstrauen, die uns nun fast überall auf der Welt umzingelten wie bei einer sorgfältig geplanten Militäroperation.

Natürlich warben diverse hitzköpfige Politiker angesichts der Bedrohung sofort für einen militärischen Gegenschlag. Allerdings konnten sie dabei nicht einmal bei ihren kriegslüsternsten Generälen auf Unterstützung hoffen. Es sei praktisch unmöglich, so lautete die Begründung, irgendeine Aktion gegen die Bäume auszuführen, ohne, dass dies massive Verluste in der Zivilbevölkerung nach sich ziehen würde. Auch war völlig unklar, wie die Bäume auf eine solche Provokation reagieren würden. Bisher hatten sie mit ihrem Handeln nämlich weder Schaden angerichtet noch Gesetze gebrochen.

Zwar kam es zu vereinzelten Scharmützeln zwischen Baum und Mensch, an denen meist Waldarbeiter und Möchtegern-Rambos beteiligt waren. Die endeten jedoch in der Regel damit, dass die Sägeblätter der Kettensägen und die Projektile der Feuerwaffen in den Baumstämmen stecken blieben und die selbsternannten Freiheitskämpfer panikartig ihr Heil in der Flucht suchten.

Ich für meinen Teil versuchte erst gar nicht, den Helden zu spielen. In meiner Panik schloss ich sofort die gläserne Haustür ab, in dem absurden Glauben, diese Maßnahme würde die Bäume in meinem Vorgarten davon abhalten, sich umzudrehen und wie Berserker über mich herzufallen. Als hätten sie die Tür nicht einfach, genau wie jedes Fenster, mit ihren mächtigen Pranken zertrümmern und sich auf diese Weise Zutritt zu meinem Haus verschaffen können, um mich in tausend Stücke zu reißen. Ich erschauderte bei diesem Gedanken.

Mir schlotterten die Knie, als ich durch die verschwommene Glastür die Silhouette eines Baumes erkannte, der sich gemächlich dem Hauseingang näherte. Instinktiv vergrub ich das Gesicht in den Händen, um nicht Zeuge meiner eignen Hinrichtung werden zu müssen. Ich erwartete, jeden Moment durch ein grauenhaftes Splittergeräusch aufgeschreckt und dann von einem dicken Ast gepackt und in meiner Einfahrt mit dem Kopf voraus in den Boden gerammt zu werden.

Doch nichts von alldem geschah. Nach ein paar Sekunden der Stille wagte ich es, meine Augen zu öffnen und machte eine wundersame Entdeckung: Der Baum war direkt vor der Tür stehengeblieben und rührte sich nicht mehr. Fast so, als wäre er plötzlich eingeschlafen.

Aufgeregt eilte ich von Zimmer zu Zimmer, um mir einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Ich stellte fest, dass die übrigen Bäume sich vor meinen Fenstern und der Gartentür postiert hatten. Ich war in meinem eigenen Haus festgesetzt.

Meinen sämtlichen Nachbarn erging es nicht anders, wie ich vom unbesetzten Dachfenster aus sehen konnte. Die Bäume in ihren Gärten hatten sie ebenfalls unter Hausarrest gestellt. Wir waren ihnen schutzlos ausgeliefert.

Ich fürchtete mich. Ich fürchtete mich wahnsinnig. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Bäume einen anderen Grund hatten sich zu erheben, als Rache an uns zu üben. Rache für die unzählbaren Verbrechen, die die Menschheit seit Jahrtausenden an ihnen und ihren Brüdern und Schwestern begangen hatte.

Aber ich irrte mich. Die Bäume sannen nicht auf Rache. Im Gegenteil.

Sie strebten nach Versöhnung.

Ihre eindrucksvolle, weltweit koordinierte Darbietung wollten die Bäume als friedlichen Protest gegen die Abholzung in Brasilien und auch sonst jede Art ungerechtfertigter Tötung von Bäumen verstanden wissen. Experten für Baumkommunikation vermuteten das, weil die Anführer der Bäume mit ihren Ästen überall auf der Welt primitive Zeichnungen in den Boden kritzelten, die zwei verschiedene Situationen darstellten: Menschen, die einen Wald umzingelten und Bäume, die dasselbe mit einer Gruppe von Häusern taten.

Sowie die Forstarbeiten im Amazonasbecken aufgegeben wurden, lösten die Bäume ihre Belagerung auf und steckten die Wurzeln zurück in die Erde. Fortan beschränkte sich die Menschheit darauf, nur noch alte und kranke Bäume zu fällen, wodurch der Holzpreis stieg und Holz zu einem wertvolleren Rohstoff wurde als Gold. Die auf das Holz erhobenen Steuern wurden in einem gemeinsamen Fond gebündelt, der der Wiederaufforstung entvölkerter Gebiete diente. Da sich seither nie wieder auch nur ein einziger Baum von seinem Platz erhoben hat, wurde diese Handhabung als von der Natur gebilligt erachtet.

Nichtsdestotrotz wird diese Geschichte nun als Mahnung an die Jugend von Generation zu Generation weitergegeben, um an den friedlichen Aufstand der Bäume zu erinnern.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Peter Zimmermann).
Der Beitrag wurde von Peter Zimmermann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Nicht ohne Leoni von Heiger Ostertag



Ein Tag im Februar des Jahres 2006. Der EDV- Fachmann Klaus Gruschki kann kaum ausdrücken, was er empfindet, als er seine neugeborene Tochter Leoni im Arm hält. Seine Frau Michaela und er sind die glücklichsten Menschen der kleinen, süddeutschen Provinzstadt und voller Vertrauen in die gemeinsame Zukunft. Doch die Beziehung und das Glück zerbrechen. Auf einmal ist Klaus allein und Michaela mit Leoni verschwunden. Erst nach langer Suche und mit großen Mühen gelingt es dem Vater, Mutter und Kind wieder zu finden und den Kontakt zu Leoni neu herzustellen. Dann entzieht ein bürokratischer Akt dem Vater die gemeinsame Sorge fürs Kind. Gruschki weiß sich nicht anders zu helfen, als seinerseits mit der Tochter heimlich unterzutauchen. Nach einer dramatischen Flucht wird er in Österreich verhaftet und Leoni ihm gewaltsam entrissen. Er kommt in Haft und wird als Kindesentführer stigmatisiert. Doch Klaus Gruschki gibt den Kampf um sein Kind und um Michaela nicht auf …

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Umwelt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Peter Zimmermann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Zwillingsbaum von Karin Ernst (Zauberhafte Geschichten)