Wolfgang Scholmanns

Mein Zaubersee

Es ist ein kühler, sonniger Sommermorgen. Durch das offene Fenster meines Schlafzimmers, weht der Duft des nahen Waldes. Ich bekomme Lust auf einen Morgenspaziergang. Nach erledigter Morgentoilette und einem deftigen Frühstück, geht es raus in die Natur. Zu meinem See soll es gehen. Es ist immer beeindruckend, in den frühen Morgenstunden, sein Erwachen zu erleben. Mein Weg führt vorbei an dem jungen Tannendickicht, auf dem der morgendliche Tau, wie ein Perlenteppich leuchtet. Nahe der alten Bank, die mich schon so oft zu einer kleinen Rast eingeladen hatte, winkt die riesige Trauerweide mit ihren seidig zarten Zweigen, die so tief und dicht herabhängen, dass man das Innere dieses Gebildes als Zelt nutzen könnte. Ein Gefühl von Freiheit, Glück und Zufriedenheit ergreift mich und mit einem Lied auf den Lippen, setze ich meinen Weg fort. Begleitet von dem Gesang der zahlreichen Waldvögel, erreiche ich, schon nach kurzer Zeit, meinen See. Ruhig und friedlich liegt er vor mir und durch die lichten Nebel seines Atems sehe ich sein wunderschönes Blau, getragen von winzig kleinen Wellen, Richtung Ufer wandern. Langsam gehe ich den kleinen Hügel hinunter, der mit Moosen, Gräsern und bunt schimmernden Wildblumen geschmückt, zu einer kleinen Bucht führt, in der ein alter Kahn liegt. Er ist nicht mehr funktionstüchtig, doch seine noch gut erhaltene Holzbank dient mir, bei meinen Ausflügen, immer als einigermaßen bequeme Sitzgelegenheit. Ein Fischreiher, der mein Kommen wohl bemerkt hat, fühlt sich durch meine Anwesenheit in seiner Ruhe gestört und zieht es vor, sich nach einigen mächtigen Flügelschlägen, am gegenüberliegenden Ufer niederzulassen. Ich beobachte eine Weile, wie er steif wie ein Stock und auf Beute lauernd auf sein Frühstück wartet, bis eine plötzlich auftauchende Entenmutter, die mit ihren neun Kindern den nächtlichen Schutz des hohen Schilfes verlassen hatte, seinem Vorhaben ein Ende setz. Laut schnatternd vertreibt sie diesen seltsamen Eindringling und lässt sich dann mit ihren Jungen an diesem Teil des Ufers nieder. Das hat natürlich seinen Grund. Jeden Morgen um die gleiche Zeit kommt eine alte Frau, die in der Nähe des Sees wohnt, mit einem Körbchen voller Brotreste und füttert ihre Lieblinge. Kein Wunder, dass die Entchen, die noch in der letzten Woche wie kleine Wollknäuel aussahen, schon mächtig gewachsen sind. In einem unweit der Angelhütte, die sich ein hier ansässiger Angelverein angelegt hat, stehenden alten Maulbeerbäumen lässt sich ein Waldkäuzchen nieder. Ungewöhnlich, diesen nachtaktiven Raubvogel am Tage zu Gesicht zu bekommen. Allerdings habe ich hier auch schon das Lied der Nachtigall zu einer Zeit gehört, die diesbezüglich jenseits aller ornithologischen Erfahrungen lag.
Ich habe aufgehört mich zu wundern, genieße auch solch ungewöhnlichen Dinge und sage mir einfach, es ist halt so.

Die Sonne ist mittlerweile höher gestiegen. Sie hat die restlichen Nebelschleier vertrieben und lockt einen Schwarm großer Karpfen an die Wasseroberfläche. Gerne lassen sie ihre starken Rücken von ihr wärmen. 

Über der Wiese brütet die langsam aufkommende Hitze und der Gesang zahlloser Grillen gesellt sich zu den von den Ufern schallenden Froschkonzerten. Es ist einfach wunderschön, in dieser Wildnis die Vielzahl der Düfte, sowie die Geräusche und den Anblick der Tiere erleben zu dürfen. Auch wie das Sonnenlicht die Natur in den schönsten Farben erscheinen lässt und man ein tiefes Wohlsein in Geist und Körper erfährt.
Immer wieder führt mich mein Weg hierher und ich habe diesen friedlichen Ort, je nach Witterung oder Jahreszeit, in den verschiedensten Bildern erlebt. Das Gefühl von Glück und Zufriedenheit, sowie das Spüren von Freiheit und Leben habe ich jedes Mal mit nach Hause nehmen dürfen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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