Anneliese Leding

Nachteule an Nachteule

Nachteule an Nachteule

 

Als ich die Haustür öffnete, dachte ich, eine fremde Frau steht vor mir. Es war Christine, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte. Wir kannten uns schon über fünfzig Jahre. Lachend rief ich: „Was ist denn mit dir passiert? Du siehst ja klasse aus!“ Sie trug einen modischen Kurzhaarschnitt. Dazu ein perfektes Make-up. Ich musste sie immer wieder anschauen und konnte nicht glauben, was ich sah. So kannte ich sie nicht. Früher lief sie eher wie eine graue Maus herum. Es war Herbst und Anfang des Jahres war ihr langjähriger Partner verstorben. Plötzlich hatte ich ein Kopfkino. War sie verliebt? Eigentlich konnte ich mir das bei ihr nicht vorstellen. Aber bei dem Outfit? Schmunzelnd erwiderte sie: „Ach weißt du, ich war es einfach leid, so farblos durch die Welt zu gehen.“ Es wurde ein fröhlicher Nachmittag. Ab da trafen wir uns immer öfter.

 

Eines Abends schrieb sie mich an: „ Hier ist die Nachteule aus dem Kommunikations-Zentrum. Darf ich dich noch anrufen?“ Da auch ich nicht vor Mitternacht ins Bett gehe, willigte ich ein. Sie nahm sehr Anteil an meinem Leben und interessierte sich sehr für meine Kurzgeschichten und Gedichte. Immer wenn mir etwas einfiel, schickte ich ihr den Text und wir besprachen ihn. Mit ihr konnte man herzhaft lachen und rumblödeln. Wir benahmen uns oft wie zwei Teenager.

 

Hatte ich eine Lesung, saß sie mit zwei Freundinnen in der ersten Reihe. Mit ihr konnte ich über meine Pläne sprechen. Interessiert hörte sie zu, was nicht vielen vergönnt ist.

 

Sie suchte immer mehr meine Nähe und lud mich zu Theater- und Konzertbesuchen ein. Ich erklärte ihr, dass ich das nicht annehmen kann. Darauf ihre Antwort: „Du machst mir eine sehr große Freude damit.“ Bei einem Stadtbummel sagte sie zu mir: „Ich werde morgen für eine Woche zu meiner Cousine fahren. Wenn ich zurück bin, melde ich mich wieder.“ Ich fand das in Ordnung.

 

Eine Woche war vergangen, dann rief mich Christine wieder an. Als ich sie nach dem Aufenthalt bei ihrer Cousine fragte, wechselte sie schnell das Thema. Das fand ich seltsam, hakte aber nicht nach.

 

Zwei Wochen später war wieder so eine merkwürdige Situation. Einige Tage hörte ich nichts von ihr. Sie ging nicht ans Telefon und auch nicht an ihr Handy, was mich stutzig machte. Auf meine Mails reagierte sie auch nicht. Am dritten Tag meldete sie sich wieder. Sie war wie immer gut drauf. Jetzt wurde ich neugierig und fragte nach. Angeblich war ihre Telefonanlage ausgefallen. Irgendwas stimmte nicht mit ihr. Ich wusste aber nicht, was es war.

 

An meinem Geburtstag im Mai wunderte ich mich, dass Christine nichts von sich hören ließ. Das war nicht ihre Art. Einige Tage, später rief mich ihre Tochter Lena an und berichtete mir, dass ihre Mutter in der Nacht verstorben sei. Ich musste mich setzen. Mir wurde ganz flau. Jetzt erfuhr ich, dass Christine Darmkrebs im Endstadium gehabt hatte. Keiner wusste davon. Nicht mal ihre Töchter, mit denen sie ein sehr gutes Verhältnis hatte. Jetzt wurde mir einiges klar. Immer wenn sie nicht erreichbar war, hatte sie eine Chemo-Therapie im Krankenhaus.

 

Die Trauerfeier fand nur im engsten Familien- und Freundeskreis statt. Nach dem Gottesdienst kam ihre Tochter auf mich zu und gab mir einen Briefumschlag. Darauf stand: Nachteule an Nachteule. Ich nahm ihn mit zu mir nach Hause. Dort öffnete ich ihn. In dem Brief bedankte sich Christine für meine Freundschaft und die vielen Gespräche und das sie mit mir so viel lachen konnte. Auch schrieb sie, dass sie nicht bemitleidet werden wollte. Die letzten Monate, die sie noch zu leben hatte, wollte sie bewusst nur mit den Menschen verbringen, die ihr wichtig waren.

 

All das liegt jetzt über zwei Jahre zurück. Ich denke oft an Christine und habe mir oft die Frage gestellt: Woher hat sie die Kraft genommen so zu handeln? Noch heute höre ich ihr Lachen.

 

 

(c) Anneliese Leding

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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