Aleksandar Gievski

Donnertage

Ich wachte auf. Es war noch Nacht. Der Vollmond schien hell durchs Fenster. Donner, dachte ich, hat mich geweckt. Ich setzte mich aufrecht hin und horchte. Das Geräusch, das an Donner erinnerte, wurde immer lauter. Was war das, fragte ich mich. Es klang nicht ab. Ich weckte meine Frau, die leicht erschrocken die Augen öffnete. „Was ist das?“, fragte meine Frau. Wir fanden beide keine Erklärung. Wir spürten Vibrationen. Das Haus bewegte sich, wie bei einem seichten Erdbeben.

Der Donner hatte unser Haus erreicht und umzingelt. Ich ging zum Fenster und öffnete es. Dann sah ich was uns heim gesucht hatte. Pferde. Hunderte von Pferde trampelten an unserem Haus vorbei und ins Dorf. Sie rissen alles mit, was ihnen im Weg stand. Was ich sah, war faszinierend und beängstigend zu gleich. Ich hoffte nur, dass zu dieser späten Stunde kein Mensch mehr unterwegs war.

 

Es dauerte noch bis Sonnenaufgang, bis Ruhe eingekehrt war. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich nahm mir vor, nach dem Frühstück zum Pferdehof zu gehen, um bei Karl, dem Stallmeister, nachzufragen, ob er wüsste was passiert war.

Es war ein verrückter Anblick, als ich aus dem Fenster sah. Überall waren Pferde. Die Vorgärten waren nieder getrampelt. Eine Verwüstung spektakulären Ausmaßes.

Ich ging die Treppen runter und zog im Flur meine Stiefel an. Als ich den ersten Fuß nach draußen setzte, sah ich, nur wenige Meter vor mir, einen Lipizzaner stehen. Ich hatte nie Angst vor Pferden aber in diesem Augenblick (vielleicht lag es auch daran, dass sich das Pferd schnaufend umgedreht hatte als es mich bemerkte) blieb ich stehen. Wir starrten uns an. Spannung lag zwischen uns. In meiner rechten Hand hielt ich die Türklinke fest. Genau in dem Moment, als ich die Türklinke losließ, stürmte das Pferd auf mich zu. Mit einem gewaltigen Satz sprang das Pferd und ich sah das Ungeheuer auf mich zu fliegen. Auch ich sprang. Im Flug zog ich die Tür hinter mir zu. Das Pferd krachte gegen die Tür. Ich hatte Angst der Rahmen würde aus der Wand brechen und mich erschlagen. Doch sie hielt stand. Nach kurzer Zeit versuchte ich es nochmal und öffnete sie um einen Spalt. Mit einem lauten Schlag wurde die Tür, von außen, zu gehauen. Hätte ich meine Finger dazwischen gehabt, könnte ich heute nicht mal mehr einen Besen in der Hand halten.

Ich rannte wieder nach oben und erzählte meiner Frau von dem Vorfall und bat sie darum, das Haus nicht zu verlassen. Dann ging ich in den Keller und kletterte aus einem der Kellerfenster, die in unseren Garten führte. Der Garten war mit einer hohen Hecke eingezäunt und ich konnte mir sicher sein, dass dort kein Pferd auf mich wartete.

Vom Gartentor aus schlich ich mich von Hof zu Hof und versteckte mich in den Schuppen oder hinter großen Bäumen. Es rannten immer wieder Gruppen von Pferde an mir vorbei, die alles andere als einen ruhigen Eindruck auf mich machten. Was hatte diese Tiere so angestachelt? Ich musste vorsichtig bleiben.

 

Von meinem Versteck aus konnte ich den Pferdehof sehen. Er schien leer und auch irgendwie verlassen. Auf der Koppel stand kein Pferd und das Tor zum Stall war weit geöffnet. Gebückt, wie ein Soldat im Stadtkampf, lief ich rüber und spähte durch das Tor. Auf dem Boden lag ein Mann. Der Kleidung nach zu urteilen, konnte es nur Karl gewesen sein. Anhand anderer Merkmale konnte ich ihn nicht identifizieren. Sein Kopf und sein Körper waren zu sehr deformiert. Als ich versuchte, näher hin zu gehen, hörte ich ein Geräusch aus einer der Pferdeboxen. Langsam und anmutig kam ein großes, schwarzes Pferd raus. Der Schock ließ mich erstarren und meinen Puls höher schlagen. Als ob es mich herausfordern wollte, drehte es seinen Kopf in meine Richtung. Ein grausames Wiehern gab den Startschuss. Ich rannte so schnell wie nie zuvor aus dem Stall und floh in mein vorheriges Versteck. Das Pferd hatte mich um eine halbe Sekunde verpasst und lief an mir vorbei. Nach ein paar Metern blieb er stehen und suchte mich. Man sah die Wut in ihm aufsteigen. Es blickte in alle Richtungen. Drehte sich um und wieder zurück. Sah unter einem Hänger nach, der in der Nähe stand. Zornentbrannt rannte er davon.

Heute weiß ich, was mir an diesem Tag am meisten Angst eingejagt hatte. Nicht, dass mich wildgewordene Pferde angegriffen haben, sondern die Tatsache, dass sie mich Töten wollten mit dem Instinkt eines brutalen Menschen.

 

Der Weg nach Hause dauerte sehr lange. Meine Frau war entsetzt von den Nachrichten, obwohl ich ihr die Einzelheiten erspart habe. Wir verbarrikadierten uns im ersten Stock und suchten die wichtigsten Sachen zum Überleben zusammen. Mit meinem Fernglas und meinem Gewehr ging ich raus auf den Balkon. Ich schaute in die Fenster der gegenüberliegenden Häuser. Viele Nachbarn schauten hilflos aus den Fenstern. Tony, mein bester Freund, der sein Haus schräg von unserem auf der anderen Seite hatte, stand auf seinem Balkon und tat dasselbe wie ich. Er winkte mir zu als er mich sah. Wir versuchten uns mit Handzeichen zu verständigen, aber es gelang uns nicht. Wir konnten nichts weiter tut als beobachten.

Pferde galoppierten über den Platz und gerieten in ein Gerangel. Sie griffen sich mit Absicht an, bis ein Tumult entstand. Als es zu eskalieren drohte, sah ich wie das schwarze Pferd, welches mich aus dem Stall gejagt hatte, aus einer Nebenstraße kam und, genauso wie im Stall, laut zu wiehern begann. Plötzlich herrschte Ruhe. Das Pferd, ein gewaltiger Hannoveraner, schritt wie ein Anführer durch die Menge. Sie machten ihm Platz und senkten ihre Köpfe. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, dann hätte ich es nicht geglaubt.

 

Einige Stunden sind vergangen und Tony und ich haben es geschafft, mit Hilfe von Tellern, uns Morsezeichen zu schicken. Ich fragte ihn, was die Ursache dafür sein konnte. Seine Antwort erstaunte mich.

Tony war nicht sehr abergläubisch, aber ich wusste dass seine Frau viel für das Spirituelle übrig hatte. Er erzählte mir, dass eine außerordentlich besondere Mond-Sternenkonstellation dafür verantwortlich war. Solange der Mond, bei Tag und bei Nacht, für uns sichtbar bliebe, werde sich nichts ändern. In zwei Tagen, wenn der Mond abnahm und die Planeten sich trennten, sollte alles vorbei sein. Auf meine Frage, ob er das glaubte, kam nur die Antwort: ?.

 

Die Nacht war stürmisch und laut. An gesunden Schlaf war nicht zu denken. Draußen ging immer wieder was zu Bruch. Fenster wurden eingeschlagen. Die Pferde kreischten und schrien. Es hörte sich an wie im Krieg. Als ob man darauf wartet von bewaffneten Soldaten aus dem Bett gezogen zu werden. Meine Frau weinte bitterlich und verbrachte die ganze Nacht in meinen Armen.

Am nächsten Morgen war es draußen still. Das bisschen Schlaf was wir hatten, war in unseren Gesichtern gezeichnet. Ich ging auf den Balkon. Das Dorf sah schlimmer aus wie am Tag zuvor. Die Pferde waren noch immer überall verteilt. Als ich mit dem Fernglas die Straßen abging, sah ich tote Menschen liegen. Sie haben sie sich geholt, dachte ich mir. Es lagen auch einige Tote Pferde rum. Ich kann mir vorstellen, dass einige junge Leute versucht haben gegen die Pferde zu kämpfen und zu erschießen. Das war dumm. Man hätte die Munition einer ganzen Armee gebraucht, um sie zu töten.

Tränen liefen mir übers Gesicht. Dann sah ich nach oben und der Mond grinste sein gemeines Lächeln auf mich herab.

 

Tagsüber war alles relativ ruhig geblieben. Zur Abenddämmerung versammelten sich alle. Hunderte von ihnen, wenn nicht sogar Tausende, kamen zum Fest. Besser gesagt, zur Orgie. Eine Orgie der Paarhufer. An einigen Ecken wurde gerauft, an anderen wurden Stuten bestiegen. Und in der Mitte dieser abstrusen Feier, saß der Hannoveraner auf dem Brunnen und genoss das wilde Treiben, wie ein verrückter König, der ein überdrehtes Theaterstück anschaute. Ich schloss die Balkontür und legte mich zu meiner Frau, die den ganzen Tag das Bett nicht verlassen hatte und betete zu Gott.

 

Durch die Nacht glitt ein höllischer Lärm und mein Schlaf war gefüllt mit Albträumen. In jeder Sekunde Schlaf verfolgten mich menschenfressende Pferde. Sie redeten und fragten mich ob ich wüsste, dass die Zeit der Menschen abgelaufen sei… ein neuer König und eine neue Rasse nun am Zug wären… sie endlich auf uns reiten würden. Dann rissen sie mich in Stücke und bissen mir den Kopf ab.

Das letzte Bild blieb in meinem Gedächtnis eingebrannt, auch nachdem ich die Augen öffnete.

An diesem Morgen war die Welt spürbar ruhiger. Ich horchte auf. Die Vögel zwitscherten. Mir war so, als ob ich das Gezwitscher der Vögel schon eine Ewigkeit nicht gehört hätte. Ich weckte meine Frau und wir gingen auf den Balkon. Die Sonne stand im Osten und wurde von einem herrlichen Blau umrahmt. Der Mond war nicht mehr zu sehen. Auch Tony stand auf seinem Balkon und deutete uns, mit Handzeichen, dass alles wieder gut sei. Das Dorf war in einem katastrophalen Zustand. Die Pferde waren verschwunden.

Ich konnte nicht länger warten. Mit meinem Gewehr im Anschlag ging ich vor die Tür. Andere Nachbarn taten es mir gleich. Vorsichtig suchten wir die Straßen und Gassen ab. Wir unterhielten uns um das zerstörte Dorf und wussten, dass es ein riesiger Akt sein wird alles wieder aufzubauen, aber trotzdem waren wir glücklich, es geschafft zu haben als, wie aus dem nichts, der schwarze Hannoveraner mitten auf der Straße stand. Wir richteten alle unsere Gewehre auf ihn. Das Pferd machte nichts. Ich bat die anderen, darum stehen zu bleiben und ging vorsichtig in seine Richtung. Das Pferd sah mich an. Unsere Blicke trafen sich. Es, das Böse, war verschwunden. Es ist mit dem Mond davon gezogen. Das Pferd trabte langsam auf mich zu, wie ein treuer Freund, der nach langer Zeit nachhause zurück gekommen ist. Trotzdem habe ich ihn erschossen.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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