Bernd Blase

Der Lauf

Der Lauf….

Mein Atem wundert sich, er ist überrascht, wie viel Eigenkontrolle er in kurzer Zeit gegenüber meinem Willen verloren hat. Eine Tages-Melodie aus der Tiefe klingelt an und dazu noch eine kurzfristige Momentaufnahme aus der Umgebung durch meinen Sehnerv geschossen. Ein Bild vorübergehender und bleich in Halbtinte getauchter Sonnenstrahlen. Wie soll er sich da wieder fangen, Kollege Atem? Wie soll er mit diesen Ablenkungen wieder in seinen Takt kommen, was seine Bestimmung für mich ist, damit ich die acht oder neun Kilometer im Ergebnis schaffe? Er sucht sein Metronom….

Vor ein paar Monaten, als ich immer an einem bestimmten Tag in der Woche gejoggt bin, begegnete ich einem älteren Mann, er schien zwischen 65 und 70 Jahre gewesen zu sein. Ziemlich genau an der gleichen, zirka 1,5 Kilometer langen Feldstrecke, im Niemandsland der ehemaligen DDR, dem Todesstreifen, welche durch offensichtlich wahllos gepflanzte Obstbäume, begleitet und eingeschlossen wirkt. Er ging von der Körperhaltung leicht schräg, als wenn er sich gegen den Wind stemmt und man konnte zusätzlich an seinem Tippelschritt erkennen und erahnen, dass er sein nicht gewolltes Schicksal schon kennen gelernt hat. Ob es nun ein Ausfall von Funktionen des Zentralnervensystems war, was unvermeidlich zur Störung und damit Unterbrechung der Blutzufuhr des Gehirns führt, oder ob es eine andere Ursache seiner körperlichen Haltung gegeben hat, konnte ich nicht einschätzen.

Als ich an ihm vorbeilief schaute ich ihn kurz an, wie ich es bei jedem mir entgegenkommenden pflege, grüßte ihn mit einem kurzen Hallo! Er freute sich, mich im letzten Augenblick gesehen und gehört zu haben, aber, seine Stimmbänder konnten seine Gedanken nicht in mir verständliche Töne verwandeln. Auch die Haltung seines Kopfes schien sich für einen kurzen Moment von der Schräglastigkeit zu verabschieden. Aber, es war nur ein kurzes Zeitfenster. Ich lief weiter, war ein wenig verwirrt, wusste spontan nicht, ob ich mich umdrehen oder stehen bleiben sollte, fühlte mich aber irgendwie gut, beseelt, voller Adrenalin. Diesen Gedanken und diese Begegnung nahm ich auf, verstoffwechselte und filterte sie und zum Schluss hat dieser Gedanke vielleicht den Hauch einer Chance ein Teil meiner allgemeinen Seele zu werden. Wir werden uns sicherlich wiedersehen, dachte ich, alter Mann, wir werden uns wiedersehen, dachte ich, was dann auch passierte.

Unser wöchentliches Lauftreffen zog sich über den ganzen Sommer 2009. Ab dem vierten oder fünften Mal haben wir uns zusätzlich mit den Händen abgeklatscht und ich gehe davon aus, dass wir uns beide auf dieses „Abklatschen“ gefreut haben. Er schien im Moment des Aufeinandertreffens seine Körperhaltung kurz unter strenge Eigenregie zu stellen, nur seine Stimmbänder versagten seinem Befehl.  Aber, ich bin sicher, dass er wusste, dass ich ihn verstanden und „mitgenommen“ habe. Auf eine uns fremde Art und Weise.

Ich spürte eine mir nicht bekannte unglaubliche Energie in diesem Bruchteil einer Sekunde, indem sich unsere Hände trafen. Es war ein wuchtiger kurzer Adrenalincocktail auf Trockenbasis, welcher mir für die verbleibende Laufzeit in meiner Runde auf wundervolle Art genügend Restenergie geliefert hatte und ich hörte seine Freude als Tonschwingungen noch lange nach dem Abklatschen, wie ein freundlicher Tinnitus, der sich nicht verabschieden wollte.

Im leicht kränkelnden Oktober 2009, an „unserem Abklatsch- Mittwoch“ hatte ich überlegt, ob ich heute lieber nicht laufen sollte. Ich war schon früh morgens müde, nach einer ziemlich unruhigen Nacht, Träumen und Halbschlafwahrheiten und musste mich auf den nächsten Tag noch fachlich und inhaltlich auf einen Vortrag vorbereiten, den ich kurzfristig für einen kranken Kollegen in Berlin übernommen hatte. Letztendlich bin ich doch gelaufen und aus heutiger Sicht bereue ich keine Sekunde meines Laufes und dem Abklatschen mit dem alten Herrn.

Auszug aus dem Manuskript 2019: Sorge dich nicht, verbessere…! Von Bernd Blase

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