Wolfgang Scholmanns

Schulpflicht und Alkohol

 

 Wenn ich meinen alten Klassenkameraden mit seinem Hund spazieren gehen sehe, denke ich an unsere Schulzeit. Er kam manchmal nicht zum Unterricht. Es waren auch schon mal mehrere Tage hintereinander. Unser Lehrer hatte deshalb sein Augenmerk besonders auf ihn gerichtet.

Wo bleibt Matthias nur? Der Scholz wird gleich einen Anfall kriegen, wenn er merkt, dass Matthes schon wieder fehlt. Letzte Woche erst war er zwei Tage zuhause geblieben. Angeblich hatten ihn, so stand es in der Entschuldigung, die ihm seine Mutter geschrieben hatte, zwei ältere Jungen verprügelt, als er auf dem Weg zur Schule war. Die Schläger kannte er nicht, hatte sie noch nie gesehen. Ein blaues Auge hätten sie ihm geschlagen, wobei er gestürzt sei und sich noch den Fuß verknackst hätte, so seine Mutter. Das blaue Auge konnte man zwei Tage später immer noch gut erkennen. Lehrer Scholz meinte: „Die haben Dich also einfach verprügelt, ohne dass Du etwas gemacht hast? Das kann ich nicht glauben. Irgendeinen Anlass wird es schon gegeben haben. Bist ja auch nicht gerade der Bravste.“ Matthias zuckte mit den Schultern.

„Glauben Sie doch was Sie wollen. Sie haben ja sowieso immer Ihre eigenen Wahrheiten.“

Damit war das Thema erledigt.

„Wo ist denn Matthias? Hat jemand von Euch Ihn gesehen?“ Scholz hatte die Klasse betreten. „Das gibt es doch nicht. Der wird doch nicht schon wieder fehlen.“

Ein Anruf bei den Eltern brachte nichts, denn dort hatte niemand den Hörer abgenommen. Nach der Mathestunde wollte er mit dem Rektor darüber sprechen, damit endlich einmal Maßnahmen gegen dieses dauernde Fehlen unternommen werden. Er könne sich nicht vorstellen, dass ein Junge von vierzehn Jahren alle Nase lang krank sei oder verprügelt würde, teilte er uns mit besorgtem Gesichtsausdruck mit. Matthias Eltern wurden zum Gespräch eingeladen, hatten aber immer wieder Entschuldigungen dafür, dass sie die Termine nicht wahrnehmen konnten.

Eines Nachmittags sah Jens, der mit seinen Eltern eine Etage über Matthias wohnte, den Scholz vor der Haustüre stehen.

„Macht denn da keiner auf? Was soll denn das, ich habe doch jemanden hinter der Gardine gesehen. Hallo, hallo, hier ist Lehrer Scholz.“ Die Mutter von Jens, die das Rufen des Lehrers gehört hatte, öffnete die Türe.

„Vielen Dank, Frau Granius. Sagen Sie mal, ist denn bei den Hansens nie jemand zu Hause? Man kann anrufen, es geht niemand ans Telefon und auch bei meinem Besuch heute, scheine ich kein Glück zu haben. Allerdings habe ich gesehen, dass sich hinter der Gardine etwas bewegt hat. Vielleicht machen die absichtlich nicht auf.“

Frau Granius rückte ihr Kleid zurecht, strich mit den Fingern durch ihr Haar und sah Scholz nervös an.

„Wissen Sie, Herr Scholz, ich will eigentlich gar nicht darüber sprechen, aber kommen Sie doch rein.“ Scholz nahm auf einem alten Ohrensessel Platz und Jens Mutter brachte ihm eine Tasse Kaffee.

„Der Hansen säuft doch wie ein Loch. Er ist seit fast zwei Jahren arbeitslos. Ein komischer Kerl. Der grüßt keinen hier im Haus, guckt immer brummig und meckert ständig mit den Kindern rum. Frau Hansen spricht kaum noch mit uns. Meistens guckt sie auch weg, wenn sie mich sieht. Letztens, als ich sie in der Bäckerei traf, sah sie ziemlich verheult aus. Sie hatte eine Platzwunde an der Lippe und weil ihr Ärmel hochrutschte, als sie ein Brot entgegennahm, sah ich, dass ihr Handgelenk ganz blau war. Ich glaube, der Alte schlägt, wenn er zu viel getrunken hat, gerne mal zu. Wir haben schon des Öfteren Schreie gehört, die anderen Hausbewohner auch. Hätte doch mal jemand einschreiten oder die Polizei rufen können.“

„Das hätte Sie auch tun können, Frau Granius.“, erwiderte Scholz darauf hin. „Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass ein anderer die Dinge regelt. Manchmal sollte man selbst die Initiative ergreifen. In diesem Fall, scheinen wohl alle Hausbewohner die schlimmen Szenen, die sich da unten hinter verschlossener Tür abgespielt haben, ignoriert zu haben.“

Der strenge Blick des Lehrers ist der Frau merklich unangenehm. Sie blickt zu Boden und kratzt sich am Arm. „Ja, Sie haben Recht, aber ich hatte Angst mich da einzumischen. Mein Mann hat gesagt, ich soll mich da raushalten, das ginge uns nichts an.“

„Liebe Frau Granius, wenn jeder so denken und handeln würde, das wäre doch schrecklich. Auf solche Vorfälle müssen die Behörden aufmerksam gemacht werden, damit sie gegebenenfalls einschreiten können. Ich werde das jetzt mal in die Hand nehmen.“

„Aber, aber …. sagen Sie bitte nicht, dass Sie das von mir wissen. Ich habe da nichts mit zu tun.“

„Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen. Sie sind doch bestimmt auch erleichtert, wenn Sie wissen, dass Frau Hansen und ihr Sohn nicht mehr verprügelt werden, oder?“

„Ja, ja, machen Sie nur, machen Sie nur.“

Unten im Hausflur traf Scholz Herrn Hansen der, in Unterhemd, Schlafanzughose und mit einer Flasche Schnaps in der Hand, aus dem Keller kam.

„Ihr Sohn ist heute nicht zur Schule gekommen, Herr Hansen. Wissen Sie wo er steckt?“

„Verschwinde, wo mein Sohn ist geht Euch Lehrerpack einen Scheißdreck an.“

„Das werden wir noch klären, Hansen. In Deutschland gibt es die Schulpflicht, daran ändern auch Sie nichts.“

„Einen Dreck gibt es in Deutschland. Ausländergesindel wird einem deutschen Facharbeiter vorgezogen. Ein scheiß Kanacke hat meinen Job gekriegt und ich bin arbeitslos, und das im eigenen Land. Ich scheiß auf Deutschland. So nun weißte Bescheid und kannst abhauen.

Lass Dich hier nicht mehr sehen, sonst gibt es was aufs Maul, kapiert?“

Der Lehrkörper machte nun, dass er fortkam, denn dem alkoholisierten Hansen war zuzutrauen, dass er das, was er androhte, auch war machen würde.

Zwei Stunden später klingelten die Polizei und ein Herr vom Jugendamt an Hansens Türe. Der besorgte Lehrer hatte die Behörden informiert.

Später erzählte uns Scholz, dass Matthias Vater immer häufiger versucht hatte, seine Sorgen im Alkohol zu ertränken, was natürlich genau der falsche Weg ist. Er war mit seinem Stellenverlust und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit nicht fertig geworden. Die in diesem Zustand bei ihm aufsteigenden Aggressionen, ließ er dann an seiner Familie aus. Zunächst waren es Beschimpfungen, später jedoch, hatte er immer öfter zugeschlagen. Martthias musste dann, wenn er irgendwelche Blessuren davongetragen hatte, zu Hause bleiben. Es sollte ja niemand etwas von den Spuren der Misshandlungen mitbekommen.

Wie schon berichtet, treffe ich ihn heute manchmal. Es kommt auch schon mal vor, dass wir ein paar Worte miteinander wechseln. Bei diesen kurzen Unterhaltungen stelle ich jedes Mal eine Alkoholfahne bei ihm fest. Dieser Tage erst, sah ich ihn im Park auf einer Bank sitzen. Er sprach mit seinem Hund, holte manchmal einen Flachmann aus seiner Jackentasche und schüttelte den Kopf.

Zum letzen mal sah ich ihn, vor fünf Jahren, an einer Bushaltestelle sitzen. Stark betrunken schien er zu sein, deshalb sprach ich ihn gar nicht an. Es machte mich traurig, als ich sein Schicksal revue passieren ließ.

c by Wolfgang Scholmanns  2013

 

 

(Vor ein paar Wochen, bei einem Friedhofsbesuch, sah ich zufällig sein Grab. Achtundfünzig Jahre alt ist er geworden)

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Scholmanns).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Scholmanns auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Wolfgang Scholmanns:

cover

Oma Dorfhexe - Eine kleine Geschichte vom Niederrhein von Wolfgang Scholmanns



Anna und Frank ziehen mit ihren Eltern in ein kleines Dorf am Niederrhein, wo sie die alte Dame kennen lernen, die die Dorfkinder oftmals mit dem Namen "Oma Dorfhexe" betiteln.

Bei ihr lernen sie, wie man mit Reusen fischt und die Fische räuchert, sie gehen mit ihr Pilze sammeln und lernen sogar, wie man mit Heilkräutern umgeht.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Scholmanns

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Zen - der Weg zum freien Geist von Wolfgang Scholmanns (Lebensgeschichten & Schicksale)
Abschied von Stefan Glaser (Wahre Geschichten)
für ein paar Pfund im Monat... von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)