Wolfgang Küssner

Nach Strich und Faden

Egon Erwin Kisch (1885-1948), der deutsch-sprachige tschechische Schriftsteller und Journalist, sicherlich vielen als Der rasende Reporter bekannt, hat mir das Stichwort für diesen Text geliefert. Strich. Nein, keinen Gedankenstrich, sondern ganz einfach - Strich. Den Strich im allgemeinen und den Böhmischen Strich im Besonderen.

In seiner Geschichte über ein Böhmisches Dorf in Berlin, enthalten in dem Buch Hetzjagd durch die Zeit, schreibt Kisch über böhmische Bauernsöhne, die im Siebenjährigen Krieg auf preußischer Seite gegen die verhassten Habsburger stritten. Als Dank wurden sie in Rixdorf angesiedelt und wir lesen bei Kisch, dem Bombardier Johannes Witkotschill, dem Friedrich II. anno 1750 fünfzig Strich Grund und Boden in Böhmisch-Rixdorf anweist, ist nach dem Kriege, so viele gute Kameraden er im Feldzuge gefunden haben mag, von Neuem in Böhmen unter seinesgleichen. Das mich stimulierende Stichwort findet in der Geschichte ein paar weitere Male Erwähnung, weckte meine Neugier.

Strich. Der Böhmische Strich natürlich. Hatte der Leser etwa bei dem Stichwort (oder muss das jetzt Strichwort heißen?) an jene Damen des horizontalen Gewerbes gedacht, die laut Dresdner Neueste Nachrichten vom 13. April im Grenzgebiet zu Tschechien als Sexarbeiterinnen anschaffen gingen und nun wegen der virusgeschwängerten Zeit  ihren Job und ihr Einkommen verloren haben? Die Anzahl der konkret betroffenen Damen (Herren sind wohl auch dabei) kann laut DNN niemand genau beziffern. Das trifft für den Böhmischen Strich jedoch nicht zu. Hier liefert Wikipedia ganz exakte Daten.

Der Böhmische Strich war ein Flächenmaß, auch als Prager Strich bezeichnet und galt als ein österreichisches Maß. Der Böhmische Strich wurde vom Joch abgeleitet und es entsprach 1 Böhmischer Strich = ½ Joch = 800 Wiener Quadratklafter (Wiener = 3,597 Quadratmeter) = 2.877,6 Quadratmeter. Bei Wikipedia erfährt der Suchende ferner, dass die Bezeichnung auch ein Volumenmaß, ein Raummaß, ein Längen-, Flächen- und Winkelmaß war. Das wäre somit geklärt. Die Schenkung von Friedrich II. erscheint sehr großzügig, recht üppig. Dem Johannes Witkotschill sei es gegönnt. Ich möchte mich auf keinen Fall mit Seiner Hoheit Friedrich II. anlegen, noch Egon Erwin Kisch anzweifeln. Doch wir sehen, was sicherlich viele zuvor wussten, ahnten, vermuteten, Strich und Joch (immer diese Doppeldeutigkeit) liegen nahe beieinander.

Von Strich und Joch zu Strich und Faden ist es textlich kein allzu großer Sprung. Irgendwann im 19. Jahrhundert fand die Redewendung nach Strich und Faden Eingang in unserer Sprache. Dem Weberhandwerk ist es zu verdanken. Was gründlich, tüchtig, gehörig, perfekt, ohne Makel und nach allen Regeln der Kunst hergestellt wurde, war nach Strich (steht für Webart) und Faden (steht für Material) einwandfreie Qualität. Ein ausgesprochen positives Merkmal.

Heute dagegen kann man nach Strich und Faden belogen und betrogen, verprügelt und niedergerungen werden, sich nach allen Regeln der Kunst blamieren. Es ist sogar davon zu hören, jemand sei nach Strich und Faden verwöhnt worden. Auch das gönnen wir ihm. Bleibt wohl eine Ausnahme. Die Redewendung wird meist in negativem Sinn gebraucht.

Viele Fäden sind in den Jahren gezogen worden. Da ist von Wollfaden und Nähfaden, von Bindfaden und Ziehfaden zu lesen. Der Zwirnfaden sei erwähnt, der Samenfaden (sowohl Safran als auch Spermien, lässt sich bei dem Thema nicht ganz vermeiden) aufgelistet. Recht fadenscheidig kann ein Leitfaden daherkommen und muss nicht unbedingt frei von Leid sein. Der Geduldsfaden ist extremen Belastungen ausgesetzt, droht gar zu reißen. Dann heißt es Achtung, aufzupassen, keinen Zündfaden zu erwischen, gar ins Fadenkreuz anderer zu geraten. Nicht alles gelingt bestens, ist nicht immer optimal gewürzt, hat hin und wieder einen faden Beigeschmack.

Und das Stichwort Strich? Punkt Punkt Komma Strich ist keine perfekte Anleitung zur Interpunktion. Ein Mondgesicht beendet bekanntlich die Weisheit, diesen Spruch. Herren, die den böhmischen Strich in der Nähe von Plauen, oder einen vergleichbaren Strich an anderen Orten aufgesucht haben, sind übrigens keine Strichmännchen. Gleiches gilt für junge Stricher, für Wiederholungstäter.

Wer Bodenhaftung bevorzugt, weiß Estrich zu schätzen; wer Würze liebt, eventuell den Mostrich. Schiffsrümpfe benötigen einen optimalen Anstrich, Musiker den teilendenTaktstrich. Der Virtuose wird am Geigenstrich erkannt; die Kunst eines Malers am Pinselstrich. Kids sind närrisch nach süßer Schokocreme als Brotaufstrich. Ein Gedankenstrich gibt Raum für eigene Überlegungen, der Bruchstrich ist in vielen Fällen die Voraussetzung zur Ermittlung des individuellen Anteils.

Ein Bindestrich gibt vor, Verbindungen herzustellen; auf dem Autostrich paaren sich ausgesprochen selten Fahrzeuge. Die erbrachten Leistungen einer Stricherin, eines Strichers sind nicht aus der Strichrechnung zu ersehen, mögen noch so viele Strichcodes als Beweis angefügt sein. Mit einem kleinen und leichten Federstrich wäre übrigens alles leicht zu eleminieren. Und zum Urlaub geht es in diesem Jahr an die Nordsee, nach Büsum, genauer nach Westerdeichstrich? Aber das wäre eine andere Geschichte.

Zu guter letzt ist er dann doch fällig, wurde sicherlich schon erwartet, der – darf beim Strich ganz einfach nicht fehlen - Schlussstrich. Für den Schreiber dieses Traktats ein besonderer Schlussstrich, mit der Hoffnung verbunden, sich nicht nach Strich und Faden blamiert zu haben.

Juni 2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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