Klaus Buschendorf

Drei uneinige Brüder

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

  1. Drei uneinige Brüder

Was verstehen wir unter Europa? Im heutigen Reden ist das die Europäische Union – und da hängt noch etwas dran, geografisch, kulturell und geschichtlich. Doch das ist uns Heutigen nicht wichtig.

Dabei war es schon zu den Zeiten der Entstehung des „Römischen Reiches Deutscher Nation“ viel größer und die Herrschenden schickten ihre Söhne und Töchter von Konstantinopel nach Magdeburg, von Kiew nach Norwegen … - nur meistens sahen die Bräute oder der Bräutigam ihr Heimatland nie wieder. In drei großen Machtbereichen handelten Kaufleute, dem schon genannten, im Oströmischen Reich oder Byzanz und der Kiewer Rus. Sie ähnelte sehr den Verhältnissen in Mittel- und Westeuropa, ein Herrscher, der mehr Schiedsrichter zwischen den Fürsten war als König oder Kaiser und einer Staatskirche, die den Bauern ihr Seelenheil gewährte. Kaufleute fuhren über die Via Apia, die Königsstraße, von Paris über Frankfurt und die Erfurter Krämerbrücke bis nach Kiew, andere segelten zunächst in der Ostsee nach Norden, luden um und fuhren von Nowgorod über den Dnjepr nach Kiew und weiter nach Konstantinopel. In Gräbern schwedischer Kaufleute jener Zeit fand man Waren aus China und Indien. Europa mit Anschluss an Asien hätte als großer Kontinent sich gemeinsam entwickeln können – aber so kam es nicht.

Im fernen asiatischen Land der Mongolen wurden in den südsibirischen Steppen die Nahrungsmittel knapp. Das war schon immer so. Doch die Nomaden wussten Rat. Sie fielen in China ein und holten sich gewaltsam, was noch fehlte. Bis ein chinesische Kaiser die schon immer geplante Mauer gegen die Einfälle der Barbaren endlich fertig baute. Aus Not fiel man über den Nachbarn her – der wehrte sich. Endlose Streitigkeiten in den früher so ruhigen Steppen wurden zur Regel. Satt wurden die Menschen dadurch nicht. Einem Stammesführer war das leid. Gemeinsam sollten die Mongolen ihr Glück versuchen, wenn es nicht mehr im Süden ging, dann eben im Westen. Als Temudschin unterwarf er alle mongolischen Stämme, als Dschingis-Khan zog er mit ihnen nach Mittelasien, ins „Land der Tausend Städte“, die keine Mauer schützte.

Am Dnjepr wurden sie erwartet, die Mongolen des Subutai und Jebe, die nach der Verfolgung des Choresm-Schahs das Kaspische Meer im Süden umrundet, den Kaukasus überquert und die ansässigen Völker allesamt geschlagen und massakriert hatten. Überlebende Kiptschaken, von den Kiewern Polowezer genannt, flüchteten und warnten den Großfürsten von Kiew Mistislaw, den III. vor der großen fremden Heeresmacht. Der staunte, sonst selbst plündernd in seine Länder einfallend, suchten jene wilden Scharen jetzt gar seine Hilfe. Er schickte Boten an seine Brüder, die Fürsten von Halytsch und Tschernigow. Im Oktober 1223 standen sie am Fluss und die Mongolen sahen: Die dort waren in der Überzahl. Und schlugen ihre ersten Vorposten. Sie wandten sich zur Flucht.

Doch Mongolen mit der Kampferfahrung aus so vielen Schlachten fliehen nicht, wie die Fürsten der Rus glaubten. Neun Tage zogen sie sich zurück. Das kannten die Fürsten nicht, konnten keine Ordnung halten – waren doch höchstens Schlachten von Tageslänge gewohnt. Jeder der drei Brüder verfolgten den Feind auf eigene Weise. Am Fluss Kalka drehten die Mongolen um, überfielen zuerst die Kiptschaken, die sie ja erst unlängst geschlagen hatten. Die Niederlage noch frisch im Gedächtnis, verloren sie den Mut und rannten erste Nachfolgende über den Haufen. Diszipliniert setzten die Mongolen nach, ihre Feldherren erkannten Lücken und Schwachstellen, am 28. Oktober wurden Kiptschaken, Halytscher und Tschernigower geschlagen, nur die Kiewer gewannen einen Hügel, befestigten ihn und hielten sich drei Tage. Dann erlagen auch sie dem nun übermächtigen Feind. „Sie nahmen aber die Fürsten und erdrückten sie, indem sie sie unter Brettern legten, selbst aber setzten sie sich oben darauf zum Mittagessen. So endeten jene ihr Leben.“* In Nowgorod berichteten Chroniken, nur jeder zehnte Kämpfer sei zurückgekehrt.

Subutai und Jebe begnügten sich mit ihrem Sieg. Sie sollten doch nur erkunden, was es jenseits des Kaspischen Meeres noch zu erobern gab und vereinigten sich wieder am Syr-Darja mit dem Hauptheer. Auf der Krim erbeutete Karten gaben sie weiter. Doch blieb es nicht dabei. Vierzehn Jahre später ließen die Mongolen den Fürsten der Rus keine Zeit, standen plötzlich vor der östlichsten Stadt Rjasan. Nach sechs Tagen plünderten und verbrannten sie die Stadt, zogen weiter nach Susdal und Wladimir – überall geschah dasselbe, einen gemeinsamen Widerstand vermochten die Fürsten nicht zu leisten. Von 72 bekannten Städten wurden 49 zerstört. Nur die Wälder und nassen Wiesen vor Nowgorod vermochten die Reiterheere von Batu-Khan nicht zu überwinden. Später brandschatzte er die Städte des Südens, eroberte 1240 auch Kiew. Die Rus blieb westliches Grenzland der Mongolen, „an der Grenze“, slawisch „u kraina“. Viele, nun „Russen“ genannte Slawen, zogen nach Norden, das die Mongolen mieden, weil es ihre Pferde, Herden und Reiter nicht ernähren konnte, und gründeten neue Städte. Erst 1476 verweigerte der  Moskauer Großfürst Iwan, der III. die Tributzahlung und 4 Jahre später schlugen die Russen ihre letzte, nun siegreiche Schlacht mit dem „Stehen an der Ugra“, ein fast unblutiges Gefecht, bei dem nach Tagen die Mongolen abzogen.

Die Schlacht an der Kalka musste so nicht enden. Wären bei einem Sieg der Kiewer Fürsten die venezianischen und genuesischen Karten nicht in die Hände Dschingis-Khans gelangt, die mongolische Invasion nicht erfolgt, Russland nicht 250 Jahre in seiner Entwicklung zurück geworfen worden? Ein Drittel Europas schied aus der gemeinsamen Entwicklung aus. Erst spät erlangte es wieder Anschluss.

Und mancher unserer heutigen Zeitgenossen will ihm diesen noch immer verwehren.

*Zitiert nach Hartmut Rüß: Die altrussischen Fürstentümer unter der Herrschaft der Goldenen Horde. In: Johannes Gießauf und Johannes Steiner (Hrsg.): ‚Gebieter über die Völker in den Filzwandzelten‘. Steppenimperien von Attila bis Tschinggis Khan. Erträge des Internationalen Symposiums an der Karl-Franzens-Universität Graz (28./29. September 2006) (= Grazer Morgenländische Studien 7), Graz 2009, ISBN 978-3-902583-05-5, S. 81.   

Klaus Buschendorf                                                                                         21.04.2020  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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