Bettina Forst

Cocoloco und der Besuch aus Amerika

Cocoloco, der Papagei, lag in seiner Hängematte zwischen den Apfelbäumen und schaukelte vor sich hin. Er hatte die Augen geschlossen und hörte die Blaumeise nicht, die angeflattert kam und sich soeben auf ihrem Stammplatz, einem wackeligen Klappstühlchen, niedergelassen hatte. Der Papagei und die Blaumeise trafen sich immer nachmittags zum Fünfuhrtee. Oder besser gesagt: Die Blaumeise trank Tee und Cocoloco einen Cocktail. Die Blaumeise begrüßte Cocoloco, aber der Papagei reagierte nicht. „Hallo“, rief die Blaumeise und klopfte energisch mit dem Teelöffel gegen die Teetasse, „hallo, Cocoloco, ich bin’s. Nimm doch mal den Kopfhörer ab. Was machst du denn da?“

Cocoloco nahm den Kopfhörer ab und krächzte: „Hello, Miss Blaumeise. Ich lerne gerade Englisch“.  Die kleine Blaumeise wunderte sich. Wozu lernte der Papagei Englisch? „Hast du denn noch nicht gehört?“, fragte Cocoloco. „Nein“, piepste die Blaumeise, „was soll ich denn gehört haben?“ Es war erstaunlich, was Cocoloco immer zu erzählen wusste. Er wusste einfach immer als Erster, wenn etwas Ungewöhnliches geschehen war oder wenn ein besonderes Ereignis bevorstand.

Cocoloco erhob sich, nahm eine grüne Papaya und eine gelbe Ananas, gab alles in einen Mixer und schüttete einen Schuss Kokosnussmilch dazu. Dann setzte er sich mit seinem Cocktail wieder in seine Hängematte und zog an seinem Strohhalm. Die Blaumeise hielt es nicht länger aus vor Neugier und sagte: „Nun mach es nicht so spannend. Sag schon, was ist los?“ Und Cocoloco erzählte, dass er gehört hatte, wie Connys großer Bruder von einem bevorstehenden Besuch aus Amerika gesprochen hatte. „Besuch aus Amerika?“, wiederholte die Blaumeise ungläubig. Und der Papagei berichtete, dass nächste Woche der amerikanische Brieffreund von Connys großem Bruder nach Deutschland kommen würde, um seinen deutschen Brieffreund einmal zu besuchen.

Aber das war noch nicht alles. Cocoloco machte eine geheimnisvolle Pause. Die Blaumeise sah den Papagei erwartungsvoll an und Cocoloco erzählte, dass der amerikanische Brieffreund  …  „Ja, was denn?“, rief die Blaumeise und hüpfte auf ihrem Klappstühlchen aufgeregt hin und her. Cocoloco holte tief Luft. Es sei unglaublich, aber der amerikanische Brieffreund würde seinen Papagei mitbringen. Wenn er seinen Papagei nicht mitnehmen dürfe, hatte er gesagt, dann würde er zu Hause in Amerika bleiben. Aber Connys Bruder hatte ihm versichert, das sei kein Problem. „No problem“, krähte Cocoloco. Er könne ruhig seinen Vogel mitbringen und Cocoloco würde sich bestimmt über einen neuen Spielkameraden freuen. Die Blaumeise sagte: „Aha, so ist das. Deshalb lernst du also Englisch.“ „Tea?“, erkundigte sich Cocoloco und hielt Blaumeise die Teekanne hin. Tea? Die Blaumeise überlegte kurz, ach so, Tee. Das Englisch so einfach ist, hatte sie gar nicht gewusst und antwortete stolz: „Yes, yes, gerne noch etwas Tea.“

Eine Woche später saßen Cocoloco und die Blaumeise wieder wie gewohnt zusammen, da klingelte jemand die Glocke am Apfelbaum. „Hi, ich heiße Mister Jackson“, sagte der Papagei aus Amerika und kaute und schmatzte dabei mit seinem Kaugummi. Dann klopfte er Cocoloco auf die Schulter und fügte hinzu: „Aber meine Freunde nennen mich Happyjacky.“

Happyjacky trug braune mit Silber beschlagene Westernstiefel und einen großen von der Sonne vergilbten Cowboyhut. Den Cowboyhut hatte er tief ins Gesicht gezogen. Happyjacky sah sich um. „Very nice. Nett habt ihr es hier.“ Dann ließ er sich in die Hängematte fallen, schlug die Beine übereinander und legte sich seinen Hut übers Gesicht. Happyjacky gähnte laut: „Jungs, ich bin müde von dem weiten Flug. Wir sehen uns später, see you later.“ Und schon war Happyjacky eingeschlafen.

„Das ist ja ein komischer Vogel“, flüsterte die Blaumeise und wusste nicht, was sie von Happyjacky halten sollte. Die kluge Eule lugte durch die Zweige und musterte den schlafenden Cowboy von oben bis unten. „Andere Länder, andere Sitten“, meinte sie. „Stell dir vor, Happyjacky käme, na, sagen wir mal, er käme“, die Eule hielt kurz inne und überlegte, „ sagen wir mal er käme aus Schottland. Dann hätte er sicher einen kurzen karierten Schottenrock an und hätte eine Dudelsackpfeife dabei.“  Cocoloco und die Blaumeise stellten sich den Cowboy in einem Schottenrock vor und fingen laut an zu lachen.

Die kluge Eule lächelte und sagte: „Amerika ist sehr groß. Er kommt bestimmt nicht aus New York und auch nicht aus Kalifornien. Ich wette, Happyjacky kommt aus dem Wilden Westen. Aus Texas. Da wohnen nämlich die Cowboys und reiten auf ihren Pferden durch die Prärie.“ Die Eule war sehr klug und hatte natürlich alle Bücher von Karl May gelesen. Cocoloco war beeindruckt. Er hatte also einen richtigen Cowboy zum Freund. Happyjacky, der Westernheld, war hier bei ihm zu Hause und schlief in seiner Hängematte. Das war wirklich aufregend. Und Cocoloco flog los, um seinem neuen amerikanischen Freund eine Dose Limonade zu holen und pfiff vergnügt vor sich hin. 

„Hello, little Lady“, sagte Happyjacky, als er die Augen wieder aufschlug. Die kleine Blaumeise war geschmeichelt und errötete ein wenig. So hatte sie noch niemand genannt. Little Lady? Ja, kleine, feine Dame, das gefiel ihr gut. Und zu Cocoloco sagte er: „Na, altes Haus, wie wäre es, wenn wir uns jetzt aufs Pferd schwingen und mal nachsehen, was die Büffel und Bisons machen.“ Cocoloco war verduzt. Er hatte kein Pferd und reiten konnte er auch nicht. Und wo sollten hier Büffel und Bisons sein? „Nein“, little Lady schüttelte den Kopf, „ Büffel und Bisons haben wir hier noch nie gesehen. Hier gibt es nur ein paar Kühe auf der Weide, einige Schafe und ein Pony.“ Auf einmal kniete Happyjacky sich hin und zeigte auf etwas: „Da, seht ihr?“

Tatsächlich. Mitten im Blumenbeet bemerkte Cocoloco einen frischen Fußabdruck in der Erde. Es war der Abdruck einer Tatze. „Das muss ein Bär sein“, stellte Happyjacky fachmännisch fest. „Ein Bär?“, rief die kleine Ladymeise ganz erschrocken und wurde blass. Happyjacky beruhigte sie: „Keine Angst, little Lady, es ist nur eine kleine Tatze, also muss es ein kleiner junger Bär sein.“ „Aber no, no“, sagte Cocoloco hastig, „es gibt hier keine Bären. Nicht in Germany.“ Oder doch? Cocoloco wurde unsicher und schlug aufgeregt mit den Flügeln. Vielleicht war ja ein brauner Bär aus dem Zirkus entkommen? Oder ein kleiner Bär aus dem Zoo ausgerissen?

Aber es war kein Bär. Es war nur Timmy, der kleine Hund der Nachbarin. Er war anscheinend durch ein Loch im Gartenzaun entwischt, schnappte sich ein Stöckchen und sprang fröhlich bellend über die Wiese. Timmy ließ sich nicht wieder einfangen. Die Nachbarin rief vergeblich: „Timmy, Timmy, komm her, Timmy bei Fuß“, aber Timmy gehorchte einfach nicht. Timmy ließ sich auch nicht mit einem Leckerchen locken. Es klappte nicht.

Da lief Happyjacky schnell zu seinem Reisekoffer, nahm ein Lasso heraus, wickelte sich das Lasso geschickt über Flügel und Schulter und warf die Leine in kleinen Kreiseln hoch in die Luft. Dann fiel das Lasso in einem hohen Bogen genau über Timmy wieder herunter, die Schlinge zog sich zusammen und ruckzuck – schon saß der kleine Ausreißer fest. Cocoloco, die Blaumeise und die Eule staunten. So etwas hatten sie noch nie gesehen. „Ach“, sagte Happyjacky, „das war doch ganz einfach. Aber ihr hättet mal sehen sollen, wie ich eine ganze Büffelherde mit dem Lasso eingefangen habe.“ Er machte mit seinem Kaugummi eine große Blase und ließ sie – peng - mit einem Knall platzen.

Als es Abend wurde, machte Happyjacky auf der Wiese ein Lagerfeuer. Er warf einige Kartoffeln ins Feuer, nahm ein Stück Holz und zeigte Cocoloco, wie man einen Spieß schnitzt. „Damit holen wir nachher die Kartoffeln aus dem Feuer“, erklärte Happyjacky. Dann zog er eine Mundharmonika aus seiner Weste und begann zu spielen. Cocoloco, little Lady und die kluge Eule setzten sich zu Happyjacky ins Gras und sangen mit. Auch Timmy war dabei und bellte im Takt dazu.

Nachdem alle ihre Feuerkartoffeln gegessen hatten und gemütlich um das Feuer herum saßen, erzählte Happyjacky noch lange Geschichten. Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Dose Limo und erzählte, dass Häuptling Rote Feder einmal seine Feder verloren hatte und wie er, Happyjacky, es geschafft hatte, die rote Häuptlingsfeder wiederzufinden. Dabei wäre er um ein Haar in eine Bärenfalle hineingeraten. Und ein anderes Mal bei einer wilden Büffeljagd wäre Happyjacky beinahe fast vom Pferd gefallen, als sich der Hengst plötzlich aufbäumte und der Sattel herunterfiel. Und so lauschten Cocoloco, die Blaumeise und die Eule gebannt den abenteuerlichen Geschichten und versprachen, Happyjacky im nächsten Jahr einmal in Amerika zu besuchen.

Bettina Forst, bettinaforst@web.de

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Bettina Forst).
Der Beitrag wurde von Bettina Forst auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

An schean Tog von Franz Supersberger



Eine gewisse Schwermut durchzieht wie ein roter Faden die Gedichte von Franz Supersberger. Verwurzelt im Land Kärnten, schreibt er über Tradition, Alltag, Einsamkeit, Sein und Schein in seiner Umgebung. Die Gedichte enden bisweilen unerwartet lapidar. Eurojournal

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gute Nacht Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Bettina Forst

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Vorlese-Geschichte für den Sommer von Bettina Forst (Gute Nacht Geschichten)
Der schneeweiße Hase von Christa Astl (Gute Nacht Geschichten)
Menschen im Hotel VIII von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)