Wolfgang Küssner

Danach

Zwei Damen des horizontalen Gewerbes plauschen im Café bei  knusprigem Florentiner, Kaffee und Baileys auf Eis. Ein Erfahrungsaustauch kann in jeder Branche von Nutzen sein. Sagt die eine: Ich rauche immer danach. Kurz nachdenkend bemerkt die andere: Ist mir noch nicht aufgefalllen. Werde das nächste Mal darauf achten. Oh? Missverständnis? Die Umfrage zum Thema Verkehr, konkret Was macht der Mann nach dem Geschlechtsverkehr? brachte es an den Tag: 3 % lassen die Zärtlichkeiten langsam ausklingen, 5  % gehen unter die Dusche, 8 % rauchen (da haben wir es schon wieder), 12 % drehen sich auf die Seite, schlafen ein und 72 % begeben sich auf den Heimweg. (Zugegeben: Die Umfrage liegt ein paar Jahre zurück, die Werte mögen sich geringfügig verschoben haben.) Eines ist jedoch geblieben - das Danach.

Ob nun anschließend, dann, daraufhin, sodann, daher, im Anschluss daran, darauf, folgend, hinterher, nachher, deshalb, darum, deswegen, folglich, demnach, demzufolge, schließlich, nachfolgend, infolgedessen oder danach, es geht um Folgen, Auswirkungen einer zuvor stattgefundenen Situation, um das Kommende. Danach. Geht es weiter? Sicherlich. Wie kann es weitergehen? Eine Frage, die sich nach der Corona-Pandemie für viele Menschen weltweit stellt. Konkrete Antworten sind weder global noch regional möglich, bewegen sich immer im spekulativen Bereich. Raus aus dem Lockdown. Ja! Bitte schnell, doch mit Vorsicht, Weitsicht. Keine Antworten, doch ein paar Beobachtungen aus Patong auf der Insel Phuket, einem Epizentrum des Welt-Tourismus.

Da wird gehämmert und gesägt, gefräst und geflext, gestrichen und genagelt, gemauert und gedübelt. Da wird gefliest und geputzt, gespachtelt und geleimt, geteert und genietet. Da wird gewischt und gefeudelt ,gelichtet, gearbeitet, geklotzt, gehofft. Die Bäume im Lomapark wurden gestutzt, Hecken geschnitten, die Bangla asphaltiert. Für die Zeit danach. Es wird aber auch geleert, geräumt, gereinigt, geweint. Gefegt, ausgefegt. Aus! Geschlossen. Für die Zeit danach. Abschied und Anfang, Vergangenheit und Raum für Neues. Übergang. Vieles wird sich ändern.

Die allgemeine Geräuschkulisse hat sich seit einigen Wochen verändert. Deutlich weniger Verkehr auf den Straßen, keine Lautsprecherwagen, die den nächsten Boxkampf You see Muay Thai you see Thailand promoten, keine Tuc-Tucs, die mit überlautstarker Musik auf sich aufmerksam machen. Die ungezählten Bars und Clubs überbieten sich nicht gegenseitig in puncto lauter Musikbeschallung. Dafür das Gezwitscher der Vögel, die Rufe des Muezzins aus der Ferne.

Auffallend viele Pick-ups und kleine Transporter stehen an den Straßenrändern, werden beladen. Bett und Stuhl und Tisch und Ventilator, Kühlschrank und Fernseher, Teller, Töpfe, Tassen, der normale, bescheidene Hausrat; ganze Barausstattung, der Inhalt von Läden, vom Regal bis zu den einst offerierten Artikeln. Aktenordner aus Büros. Mobilar aus Restaurants, das Equipment der Küchen. Verpackt, verstaut, verschnürt, abtransportiert. Die Lücken zwischen einzelnen Buden der Nachtmärkte werden Größer, Kioske im Shoping-Center zeigen ihr nacktes Gerüst. Die provisorischen Restaurants vor dem alten Loma werden abgerissen. Der neue Loma-Komplex nimmt konkrete Formen an. Vor Geschäften, Apotheken, Hotels, Restaurants hängen große Schilder mit dem Wort RENT und mehr als einer Telefonnummer.

Eine alte Frau versucht, zwischen zwei geschlossenen Buden zu überleben. Vor einem kleinen Minimart nächtigt eine andere Frau mit ihrem kleinen Sohn. Die kleinen Shops der sonst quirligen Nachtmärkte, sind fast alle geschlossen; wenige haben den Vorhang, die Absperrung gelüftet. Ein Versuch. Neustart. Sehr schwer ohne Touristen. Unter der kleinen Tribüne des Sportplatzes trachten ein paar Menschen über die Runden zu kommen. Auf dem Tisch eines geräumten Shops auf dem Nightmarket, wo sonst Waren präsentiert wurden, hat sich ein Obdachloser eingeräumt. Die ausgezogenen Schuhe, ganz der Ordnung gemäß, am Fußende platziert. Sie alle haben zumindest ein Dach über dem Kopf.

Vor geschlossenen Läden, in Hausnischen, Eingängen, vor Baustellen haben kleinste fliegende Händler Quartier bezogen. Ihr Angebot: Restposten aus aufgegebenen, geräumten Läden zu Sonderpreisen. Hausfrauen stehen an den Ecken einiger Sois und bieten selbstgekochtes Essen zur Mitnahme an. Andere haben Obst oder Gemüse auf ihren provisorischen Tischen. Ein paar Einnahmen, ein wenig Geld für Miete, Lebensunterhalt etc. zu generieren.

Beim plötzlichen Schließen einzelner Restaurants, wurde offenbar die Räumung der Glasvitrinen vergessen. Wo einst Lobster, Garnelen oder Fische feilgeboten wurden, erreichen jetzt Schimmelpilze eine bis dato ungeahnte Blütezeit.

Die Pracht- bzw. Prunkwinden (Ipomoea aquatica) haben ihreTriebe ausgestreckt und größere Strandflächen mit ihrem Grün überzogen. Kein Besucher hat in den zurückliegenden Monaten ihrem Treiben Einhalt geboten, ihren natürlichen Drang beschnitten. An Hausecken und Straßen sprießt das Kraut. Das darf nicht wundern. Bei dem Klima würden in die Erde gesteckte Bleistifte vermutlich zu neuem Leben erwachen, nicht nur GRÜN schreiben.

Das Shopping-Center ist seit einigen Tagen geöffnet, etliche Restaurants des Areals noch nicht. Die Verkäufstände mit überwiegend Souvenir-Artikeln im Souterrain sind verhangen, eine recht düstere, fast gespenstische Atmosphäre. Diverse Läden sind geräumt, haben offensichtlich nicht überleben können, warten jetzt auf neue Mieter. Vor dem Betreten des Centers wird die Körpertemperatur gemessen, müssen die Hände desinfiziert, Name und Telefonnummer auf einer Liste hinterlassen werden. Ein kleiner, bunter, leuchtender Sticker, auf die Schulter geklebt, signalisiert, dass die entsprechende Person kontrolliert wurde. Vor dem Betreten eines jeden einzelnen Ladengeschäftes das gleiche Prozedere, erneut in eine Liste eintragen, erneut die Hände desinfizieren. Und - kein Einlass über 37,5 Grad Körpertemperatur.

Die Kuriere von Grab und Foodpanda, von Kerry und anderen Lieferdiensten beherrschen seit Wochen den Straßenverkehr. Die Minimart-Kette Family-Mart bietet ihren Kunden ein buntes Heftchen mit Discount-Coupons von bis zu 50 % Rabatt für 63 ausgewählte Top Brands an. Die Kunden der Nachbarschaft müssen stimuliert werden. Sonderpreise überall. Ein Paradies für Schnäppchenjäger.

Hotels, Cafés, Bars, Clubs sind unverändert geschlossen. Seit ein paar Tagen kann der Strand wieder besucht werden. Ab 15. Juni sollen Sonnenschirme und Liegen angeboten werden. Erste Jetskis werden nach wochenlanger Ruhepause auf ihre Tauglichkeit, Leistungsfähigkeit hin gecheckt. Können die beach boys, die Massage-Damen, die Verkäufer ihre Jobs wieder aufnehmen? Einige von ihnen haben sich in der Zeit des Komas eine andere Beschäftigung gesucht. Verständlich. Das haben natürlich die Ordnungskräfte mitbekommen, verlangen ihren Anteil, fordern entsprechende Zahlungen. Werden die Freunde so vieler Jahre an den Strand zurückkommen? Wird es ein Wiedersehen geben? Vermutlich erst mit den Touristen, wenn es ökonomisch sinnvoll ist. Noch fehlen die vielen Gäste aus allen Teilen der Welt. Niemand kann momentan exakt sagen, wie es weitergeht.

Nach fast zweimonatiger Pause sind erste Motorradtaxis, Tuc-Tucs zurück. Die Fahrer warten oft stundenlang auf Kunden. Aber besser warten, als untätig zuhause sitzen. Erste Massage-Salons haben den eingeschränkten Betrieb wieder aufgenommen. Durch Zurufe werden Passanten aufmerksam gemacht, umworben. Die Stadt ist nicht nur ruhig, sie ist auch dunkel. Wir der alte Flair zurückkommen? Es kann dauern.

Das Coronavirus hat von März bis Mitte Juni in Thailand zu gut 3.100 infizierten Personen geführt, die in Krankenhäusern behandelt werden mussten. Für 58 Personen endete diese Erkrankung leider mit dem Tod. An einem einzigen Tag Anfang Juni verunglückten auf Thailands Straßen 58 Motorrad- und 11 Autofahrer tödlich. Hier scheint die „Normalität“ bereits zurück. Der Flughafen öffnet seine Start- und Landebahnen, die Schulen nehmen langsam wieder den Betrieb auf; es darf Alkohol in Restaurants verzehrt werden. Die Sperrstunde ist aufgehoben.

Der sogenannte chicken bus (auf gut Thai: songthaew) verkehrt noch nicht zwischen Patong und Phuket Town, den anderen Orten und der Insel-Hauptstadt. Im ersten geöffneten Café des Shopping-Centers sitzen vereinzelte Gäste, auf Distanz achtend und genießen den coffee americano, den Cappuccino, Latte Macchiato. Da werden Erinnerungen wach, da keimt wieder Hoffnung.

Es ist die Zeit des Monsuns. Tonnenschwere, dunkelste und bedrohlich wirkende Regen- und Gewitterwolken treiben vom Indischen Ozean her ins Land. Die Sonne verschwindet dann für viele Stunden, wird es grau, feucht, nass, sehr nass. Kaum vorstellbare Wassermassen ergießen sich über Stadt und Land, über Strand und Wald, über Berg und Tal, füllen die  leeren Wasserspeicher, Staudämme. Wasser ist Leben. Wasser sorgt für neues Grün. Es wird weitergehen. Es gibt ein Danach. Nur wie? Mit wem? Wer bleibt auf der Strecke?

Der eingangs erwähnte Plausch zwischen den Damen des horizontalen Gewerbes ist hier auf Phuket längst zum Überlebenskampf geworden. Sie versuchen ihre Dienste individuell anzubieten; unauffällig, neben Taxifahrern in einer Hausnische sitzend, Passanten winkend, ansprechend; oder unternehmungslustig zu dritt mit dem Moped unterwegs und potentielle Kunden motivierend, lockend. Das Thema Was macht der Mann nach dem Geschlechtsverkehr wird, heute gestellt, vermutlich auch zu anderen Resultaten führen. Die Zeit danach.......

Mitte Juni 2020

© 2020

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Strophen und Marotten von Götz Grohmann



Dieser eigenwillige, humorvolle und originelle kleine Gedichtband stellt einen Querschnitt der Arbeiten von Götz Gohmann dar mit Gedichten für Kinder und Erwachsene zum lesen und zum singen. Die Lustigen Katzen, die auf der Ausstellung das Erscheinen der Besucher als Modenschau kommentieren, das Mäuschen vor dem leeren Schrank das singt: „Piep, piep der Speck ist weg“ oder die Nachtigall, die spielt Krähe spielt und von ihren schlimmen Beobachtungen aus der nächtlichen Großstadt erzählt, sie alle haben Ihre Marotten, die vielleicht auch manchem Leser nicht ganz unbekannt sind.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Glauben oder Wissen von Wolfgang Küssner (Gedanken)
Menschen im Hotel X von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Der ältere Mann und seine Prinzessin von Monika Wilhelm (Liebesgeschichten)