Wolfgang Hoor

Zu dumm fürs Gymnasium

Zu dumm fürs Gymnasium

Quinta. Erste Klassenarbeit in Französisch. Die Hefte werden ausgeteilt. Mein Heft liegt jetzt vor mir. Noch ist es unbeschriftet, rein, die Hefte sind für Gute oder Schlechte, für Schnelle oder Langsame, für Erfolgreiche oder Versager. Bisher war ich in der Mitte. Für diese Mitte gibt es kein richtiges Wort.

„Name und Klasse auf die Außenseite. Darunter französische Klassenarbeiten. Umblättern. Wir schreiben an den Rand das Datum. In die Mitte: Erste Klassenarbeit. Darunter Dicté. Seid ihr soweit? Das Datum an den Rand , Herrgott, kannst du nicht hören? Und Dicté schreibt man anders, da ist schon der erste Fehler.“ Pfeiffer, seines Zeichens Studiendirektor, ist vor mir stehen geblieben. Klaus schaut zu ihm hoch. Seine Nase schimmert weiß.

Jetzt steht er neben mir. Ich blicke mit der gleichen Spannung und Furcht wie Klaus zu ihm auf. Er bleibt stehen, schaut lange in mein Heft. Irgendwas mache ich immer falsch, ich bin Mittelmaß. Aber er hat nichts an mir auszusetzten. Er nickt sogar ganz leicht mit dem Kopf. Dann geht er weiter. Er hat also bei mir keinen Fehler gefunden. Ich atme durch. Ein gutes Zeichen. Es dauert lange, bis er auf dem Podest vor der Klasse angekommen ist.

„Also Dicté. Und wehe, einer schreibt beim anderen ab. Dessen Heft wird sofort eingesammelt . Sofort null Punkte, ungenügend, ist das klar?“ Ist es Zufall, dass er mich ansieht? Ich rücke vom Nachbar weg. Ich will bei dem neuen Lehrer gleich in der ersten Klassenarbeit nicht versagen. Ich habe mit meinem Vater geübt und ihm versprochen, dass ich mich anstrenge. Das will ich auch. Trotzdem treten Schweißtropfen auf meine Stirn. Schule ist ein Lotteriespiel.

Der Lehrer liest den ganzen Text vor. Das kann ich. Alles ist mir aus den letzten Lektionen im Französischbuch bekannt. Da kann doch nichts schief gehen. Ich habe Papa versprochen, dass ich eine gute Note nach Hause bringe. Ich bin so froh, dass Papa mit mir geübt hat. Und bin ich stolz darauf, dass ich alles kann. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Es kann losgehen.

Herr Pfeiffer diktiert gut verständlich, aber schnell. Einige rufen: „Es geht zu schnell!“ – „Haltet ihr wohl die Klappe, oder ihr gebt vorzeitig ab, verstanden?“ Ruhe. Hier und da aufgeregte Blicke. Es flüstern einige: Ich komme nicht nach. Ein Blick von Herrn Pfeiffer genügt, um die Ruhe wieder herzustellen. Er kommt vom Podium herab und stellt sich mal zwischen die zwei Reihen rechts und links. Das macht nervös. Ich muss mich anstrengen, um mitzukommen.

Dann steigt Herr Pfeiffer wieder auf das Podium. Das Diktat ist vorbei. Er spricht jetzt fast väterlich. „Schaut noch einmal alles durch. Ihr habt sicher gut gelernt. Vielleicht findet ihr noch den einen oder anderen Fehler.“ Ich finde zwei Akzente, die ich in der Aufregung vergessen habe. Hat er „La lune“ diktiert, die Mond? Heißt es nicht ‚der Mond‘, also ‚le lune‘? La Lune kann doch nicht stimmen, da habe ich nicht aufgepasst. Ich verbessere zu ‚le lune‘.

Und zum Abschluss noch ein Satz“, sagt Herr Pfeifer. „Ecrivez ce que vous avez appris par coeur.“ Den Satz sagt er oft, den haben wir schon oft geschrieben. Er stellt kein Problem dar. Ich schreibe ihn und lege den Füller weg. Herr Pfeiffer kommt jetzt wieder von seinem Podium herunter. Er geht wie vor der Klassenarbeit durch die Reihen und schaut wieder in die Hefte, auch in meins. Anscheinend hat er wieder nichts Schlimmes bemerkt. Er geht von einem zum anderen. Neben mir und vor mir schreiben sie wieder. Was gibt es denn noch zu schreiben? Das Diktat ist doch zu Ende.

Ich gehe an diesem Tag stolz erhobenen Hauptes nach Hause. Ich darf mit Papa telefonieren. Ich sage ihm, dass es geklappt hat, dass ich so gut wie alles gewusst habe. Papa freut sich mit mir. „Siehst du, es lohnt sich, wenn man übt“, sagt er. Und weil ich so stolz bin, sage ich ihm nicht, dass das Üben mit ihm sehr anstrengend ist, weil er schnell aus der Haut fährt. Am Abend, als Papa vom Dienst nach Hause kommt, bekomme ich einen Vorschuss auf die gute Note: zwei Rippen weiße Schokolade.

Acht Tage später bekommen wir die Arbeit zurück. Sie werden nach Leistung ausgeteilt. Der Lehrer liest einen Namen vor, sagt, dazu die Note, dann geht man nach vorne und holt sich die Arbeit ab. Die Guten bekommen ein Lob, manchmal einen leichten Tadel wegen der Schrift oder wegen einem Fehler, der einem guten Schüler nun wirklich nicht passieren darf. Bei den Einsern bin ich nicht. Dass es „la lune“ heißt, habe ich inzwischen selbst rausgefunden und die Akzente, die ich nachträglich gesetzt habe, waren auch nicht richtig. Aber eine Zwei, das heißt 17 bis 15 Punkte müssten es doch sein.

Aber ich bin nicht bei den Zweien, der Schweiß tritt auf meine Stirn, ich bin nicht bei den Dreien. Er muss mich vergessen haben, ich rutsche auf der Bank hin und her. Die Vieren werden ausgeteilt, zum Teil mit drastischen Ermahnungen. „Wenn das mit deiner Faulheit so weiter geht … Wann willst du endlich anfangen … Das ist fast eine Fünf gewesen … Gnade vor Recht … Wenn ich dein Vater wäre, würde ich dir den Hintern versohlen.“

Er hat mich vergessen. Er muss mich vergessen haben. Ich kann unmöglich eine Fünf haben, eine Note zwischen 8 und 5 Punkten. „Du Fünfen“, sagt Pfeiffer. „Wolf, bleib mal an deinem Platz. Was heiß „écrivez ce que vous avez appris par coeur?“ Ich zittere. Ich versinke. „Was heißt das?“ - „Schreibt auf, was ihr auswendig gelernt habt“, murmele ich schließlich – „Und heißt das in der Klassenarbeit etwas anderes als jetzt?“ Ich kann nicht antworten. „Du hättest aufschreiben sollen, was du auswendig gelernt hast.“ Seine Stimme ist schneidend geworden.

„Was geht in deinem Kopf vor, Junge? Das Diktat ist gut. 2 Fehler, 8 Punkte. Und dann fehlt das auswendig gelernte Lied. Kannst du das Lied?“ – Ich beginne: „Il était un petit navire, qui n’avait jamais, jamais navigé …“ – „Gut, gut, du kannst es. Warum hast du es denn dann nicht aufgeschrieben? Du hättest eine Zwei haben können. Die Fehler in dem Lied, das ihr aufschreiben solltet, habe ich nicht gezählt.“

Er schaut mich durchdringend an, wie man einen Schüler anschaut, der nicht alle Tassen im Schrank hat Jetzt, wo er selbst zugegeben hat, dass ich eine Zwei hätte haben können, wächst mein Wut. Ich bin betrogen worden. „Aber wir haben doch ein Diktat geschrieben. Im Diktat muss man nichts …“ – „In der Klassenarbeit muss man das machen, was einem die Sätze sagen.“

Es wird ganz ruhig in der Klasse. Ich spüre, dass ich jetzt meinen Mund nicht mehr halten kann. „Aber Sie haben doch nach dem Diktat neben mir gestanden und haben …“ Jetzt rastet er aus. „Willst du etwa mich dafür verantwortlich machen, dass du zu dumm bist, um einen französischen Satz richtig zu verstehen? Gelernt hast du, ja, aber du bist halt zu dumm fürs Gymnasium.“ Mit diesen Worten bringt er mir mein Heft und knallt es auf meine Bank. Ich lege meinen Kopf in meine Arme und bekomme vom Rest der Stunde nichts mehr mit.

Ich habe vergessen, was zu Hause los war. Hat mein Vater mit mir geschimpft? Hat er mir Mut zugesprochen? Es ist alles versunken in dem Satz: Du bist halt zu dumm fürs Gymnasium. Einige Zeit hat der Satz mich gewürgt, mir den Schulweg schwer gemacht, mir das Lernen verleidet, dann ist er von mir abgefallen wie Schmutz, den man abwaschen kann. Dann bin ich wieder gern zur Schule gegangen, weil man da nach der Schule Verstecken oder Fußball gespielt hat und meine Mitschüler es nicht schlimm fanden, dass ich nicht mehr lernte.

Herrn Pfeiffer habe ich im Staatsexamen für das Fach Deutsch wieder gesehen. Damals bereitete ich mich darauf vor Lehrer zu werden. Herr Pfeiffer hat mich nicht erkannt, aber ich fand es gut, dass er in der Kommission saß, die mich prüfte. Da wusste ich wieder, dass Kinder andere Lehrer brauchen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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