Christa Astl

Bergwanderung Rosskopf

Niederau – Markbachjoch - Rosskopf

 

Ein herrlicher Tag tut sich auf. Wie immer um 6 Uhr wach geworden, wie so oft aber zu faul, schon aufzustehen. Noch einmal kurz eingenickt, doch dann fahre ich wie angestochen aus dem Bett. Der Berg lockt! Das hatte ich mir doch gestern vorgenommen! Naja, der Bus fährt erst um 9 Uhr. Also bleibt genug Zeit für die wichtigste Mahlzeit des Tages, mein Frühstück.

Mittlerweile ist der Kaffee durch, das Frühstücksgeschirr habe ich bereits am Abend aufgestellt, das Brot reicht auch noch für heute, am Heimweg muss ich zum Bäcker, schnell noch Butter und Marmelade vom Kühlschrank, genussvoll setze ich mich zu Tisch. Heute wird keine Kerze angezündet, die Sonne scheint bereits durchs Fenster herein.

Immer wieder der Blick zur Uhr, die Zeit vergeht doch recht schnell. Bis ich meine Siebensachen beisammen habe, dauert es einige Wege von einem Zimmer ins andere. Heute muss ich in Halbschuhen gehen, die Bergschuhe lösen sich auf. Vielleicht finde ich neue, ich muss immerhin eine gute Stunde auf den nächsten Bus warten. Im letzten Moment denke ich noch an den Mundschutz, - so, nun aber wirklich los!

Nach kurzer Wartezeit trudelt der „Dörferexpress“ ein, fast leer. Die Zwischenzeit bis zum nächsten Bus verbringe ich in diversen Sportgeschäften, leider ohne Erfolg.

Mit Halbschuhen am Berg! – bisher immer verpönt, ich muss mir wohl diesmal einen flachen Seniorenweg aussuchen. Keine Wartezeit an der Seilbahn, eine Achtergondel für mich alleine, im Gegensatz zum Winter. Heute eine gemütliche Fahrt, milde Luft weht zum offenen Fenster herein, die Sonne brennt an die Scheiben. Ausstieg nach zwölf Minuten Fahrt. Erst einmal blicke ich rundum – Berge über Berge. Wohin nun?? Eine Panoramakarte gibt erste Auskünfte, Wegweiser mit Wegnummern, manchmal auch Zeitangaben helfen mir weiter. Eine Stunde bis zur Kasalm, auf einem anderen Weg zurück, das reicht, den breiten Weg sehe ich von hier aus.
 

Erst geht es am Startplatz der Paragleiter entlang, ein paar Minuten schaue ich zu, wie die Schirme ausgelegt werden, die Schnüre säuberlich entwirrt, noch eine letzte Kontrolle, dann hängt man sich  an, noch ein Blick zurück, einer vor, und los geht es…

Ich muss mich auf ihre eigenen Füße verlassen, kein Schirm trägt mich. Der Weg ist anfangs breit und nicht steil. Am Beginn des Waldes teilt er sich, ein Gipfel leuchtet zwischen den Bäumen durch. Der Rosskopf. Eine Stunde, steht angeschrieben, zur Kasalm hingegen 45 Minuten. Die Stunde schaffe ich leicht, und der Blick auf die Uhr bestätigt das. Nun kommen die Stöcke zum Einsatz, teils wegen der nicht so festen Schuhe, teils auch als Stütze über einige Steilstufen.

Ein schmaler Pfad schlängelt sich durch Heidelbeersträucher im lockeren Mischwald. Ein angenehmes Gehen auf dem weichen Waldboden, am liebsten würde ich die Schuhe ausziehen, um Moos und Nadeln noch intensiver zu spüren. Doch bald ist es mit der Gemütlichkeit vorbei. Stufen, die das Wegrutschen der Erde verhindern, sind mit Stämmen gefestigt, manchmal recht hoch. Die Blicke konzentriert auf den Boden gerichtet, steige ich zügig aufwärts. Wenige Menschen sind unterwegs, alles Einheimische, wie ich am Gruß „Griaß di“ erkenne. Ein junges Paar, das sich bereits am Abstieg befindet, frage ich nach der weiteren Beschaffenheit des Weges. „Das steilste Stück hast du jetzt hinter dir!“, ist die Antwort. Auf meine Frage nach Almrosen schauen sich die Beiden ratlos an: „Gibt es die hier? Wir haben keine gesehen.“ Die jungen Leute heute sehen wohl auch nur mehr, was ihr Display zeigt, geht es mir durch den Kopf.

Die Almrosen sind erst im Aufblühen, beim Abstieg werde ich mir bestimmt ein Sträußchen mitnehmen! Doch jetzt geht es erst mal aufwärts.

 

Nach der Waldgrenze liegt der Hang bis zum Gipfelkreuz vor mir ausgebreitet. Wunderschön, das frische Grün, darüber tiefblauer, wolkenloser Himmel, über den Bäumen ragen in der Ferne die Gletscher der Hohen Tauern auf. Schritt für Schritt verringern sich Höhe und Entfernung, zwischendurch bleibe ich gerne mal stehen, um einen Schluck Wasser zu trinken..

Die Pfade teilen sich, führen wieder zusammen, immer näher rückt das Gipfelkreuz.

Noch ein letzter Gatter, der das Weidevieh abhält, dann sehe ich  vor mir einen großen, ebenen, zum Sitzen einladenden Stein. Beim Kreuz haben es sich andere Wanderer gemütlich gemacht.

Den Rucksack runter und den verschwitzten Rücken der Sonne zuwenden. Dann packe ich meine kleine Jause aus, nur ein Stück Käse, ein paar Scheiben Knäckebrot, das mir zum Berggehen immer schon am liebsten war, zuerst aber ein tiefer Zug aus der Flasche, mit Wasser natürlich. Bei meinen großen Touren und Gipfelbesteigungen belohnte ich mich immer mit einem „Gipfelschnaps“, der nach der Anstrengung auch gegen eine mögliche Erkältung helfen sollte.

Vor meinem Platz liegt das Tal wie ein Bilderbuch zu meinen Füßen. Ich erkenne an den Kirchtürmen die Orte, markante Gebäude zeigen Straßenverläufe an, und das Ganze ist von einer Kette unzähliger Berge eingerahmt! Nach Norden die Innberge, östlich der Zahme und Wilde Kaiser, die Loferer und Leoganger Steinberge, dazwischen der Mugel der freistehenden Hohen Salve, im Süden die gigantischen Dreitausender im weißen Kleid, nur schwer voneinander zu unterscheiden. Die hatte ich nie besucht, Gletscher waren nicht mein Metier. Ich liebte harten Fels unter den Bergschuhen. Gegen Westen schließen die Tuxer Berge und auf der anderen Seite des Inn Karwendel und Rofan den Kreis.

 

Auch wenn der Rosskopf nicht zu den Riesen zählt, (1731m) die Aussicht ist großartig und der Himmel klar, diesmal nicht im Dunst verschleiert wie oft im Sommer.

Ich erfreue sich am Schauspiel, koste es aus bis zur letzten Minute. Wer weiß, wie viele Berge ich noch ersteigen kann in meinem Leben.

Plötzlich höre ich hinter mir lautes Schnaufen, eine etwas festere Frau keucht wie eine Dampflok daher. Zum Reden hat sie noch genug Atem, ein Wort gibt das andere, Bergerlebnisse und Gipfelsiege werden ausgetauscht, bevor die eine zum Kreuz, ich hingegen wieder dem Tal zu steige.

Irgendwann treffe ich wieder einen Wegweiser zur Kasalm, den ich im Aufstieg nicht bemerkt habe, oder habe ich überhaupt einen anderen Abstieg genommen? Auch von den Almrosen ist keine Spur zu sehen.

Wieder führt ein schmaler Pfad am Waldrand, die Alm ist tiefer unten in Sicht, der Steig geht jedoch erst noch weiter, um dann auf dem Fahrweg in einer Kehre zur Hütte zu führen. Vorher entdecke ich einen kleinen Teich, den ich unbedingt fotografieren will.
 

Fünf Minuten tiefer, als ich wieder in die Sonne komme, vermisse ich meine Schildkappe. Nichts wie zurück. Genau an der Stelle des Fotografierens liegt sie mitten auf dem Weg. Endlich auf dem Fahrweg, der fast eben verläuft, entdecke ich links oben einige Almrosenbüsche. Mühsam klettere ich den steilen Hang hinauf, sie sind schon teilweise abgeblüht, trotzdem nehme ich ein paar Stängel mit. Wieder auf dem Weg erschrecke ich: So spät schon? Das Blumenpflücken und der Umweg zur Mütze haben wohl Zeit gekostet. Ich will aber rechtzeitig zum Bus, sonst müsste ich wieder mehr als eine Stunde in der Stadt warten, und dazu habe ich absolut keine Lust nach all der Stille am Berg. Noch kaum müde, schreite ich rüstig aus, überholt sogar eine Gruppe Wanderer, die bewundernde Worte für mein Tempo haben. „Ich muss, sonst muss ich dem Bus nachlaufen, der wäre noch schneller!“ Statt der angegebenen Dreiviertelstunde brauche ich dadurch nur eine halbe. Und schon geht es mit der Gondel wieder dem Tal zu und mit dem Bus nach Hause.

 

(Leider kamen die eingefügten Fotos nicht durch)

ChA 12. 06.2020

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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