Heiko Grießbach

Am Abgrund


Geplant hatte er alles schon seit Langem. Den ganzen Winter über schwärmte er seiner Frau vor, wie schön, wie toll und wie grandios ihr Urlaub in den Bergen werden würde. Sie könnten wandern, sich erholen, die reine, klare Bergluft atmen und ihre Lungen säubern lassen, gut Essen gehen, ausspannen. Das hatten sie sich doch schon lange verdient. Immer wieder redete er davon und machte ihr den Urlaub schmackhaft.

Mit erzwungener Ruhe ertrug er ihre Nörgeleien, das Gejammer, wie teuer alles wurde. Ihr Geläster über die Nachbarn, ihr Geschimpfe über das Wetter, ihre eingebildeten Wehwehchen brachten ihn jedes Mal zur Weißglut. Mühsam bewahrte er die Ruhe, dachte an seinen Plan und fing immer wieder vom Urlaub in den Bergen an zu erzählen, um sie weich zu kochen. Ihre Einwände, es sei zu teuer, zu weit weg, zu anstrengend, entkräftete er wortreich und scheinbar mit Engelsgeduld.

Halt gab ihm die Gewissheit, es nach dem Urlaub geschafft zu haben; und die gelegentlichen, heimlichen Mail- und Chatkontakte mit seiner thailändischen Freundin, die er im Internet gefunden und in die er sich verliebt hatte, und die er heiraten wollte. Doch erst musste seine Frau verschwinden. Eine Scheidung kam nicht in Frage, seine geldgierige Ehehälfte würde ihm mehr als die Hälfte seines schwer verdienten Geldes wegnehmen und Unterhalt von ihm fordern. Das wollte und das konnte er sich nicht leisten. Er wollte nach Thailand umsiedeln und vorher alles, was möglich war, zu Geld machen. Er hatte nicht vor, in Thailand zu arbeiten, im Gegenteil. Mit seiner neuen Frau wollte er den Rest seines Lebens in relativem Luxus verbringen, angenehm und sorglos das warme Klima und die warmen Arme seine Thaifrau genießen.

Nun lag er hier, im viel zu weichen Bett der privaten Pension des kleinen Dorfes Aschau in Bayern und sein angetrauter Besen schnarchte neben ihm. Die Erfüllung seines Traumes war ein gutes Stück näher gerückt und tausend Gedanken purzelten durch sein Hirn. Schlaf hatte er in dieser Nacht keinen gefunden, doch der Morgen näherte sich und mit ihm kam nach dem Frühstück das Finale seines Planes. Er konnte es kaum noch erwarten und sah jede Minute zur Uhr auf dem Nachttisch. Bald schon, sehr bald war es geschafft und er würde frei sein. Endlich!

 

„Karl, ich kann nicht mehr!“

Demonstrativ verschränkte Edith die Arme vor der Brust und starrte ihren Mann an. Der seufzte, den ganzen Weg lag sie ihm bereits in den Ohren mit ihrem Gezeter. Erst war es zu kalt, dann zu einsam und nun zu steil. Sie hatten nach einem ausgiebigen Frühstück die Pension verlassen und sich auf den ausdrücklichen Wunsch von Karl an den Aufstieg zur Kampenwand gewagt. Der steil aufragende Felsenberg konnte von östlicher Seite her von Wanderern begangen werden, ohne Kenntnisse im Bergsteigen besitzen zu müssen. Ein schmaler Pfad führte am Abgrund entlang nach oben, wo unterhalb des Gipfels ein Weg zur Bergstation der Gondelbahn abzweigte.

Den schmalen Pfad hatten sie zu einem Drittel erklommen und eine beachtliche Höhe erreicht. Unter ihnen lag Aschau in leichtem Dunst und sah aus wie ein Spielzeugdorf. Über ihnen flogen graue Wolken am Himmel entlang, die aber keinen Regen enthielten. In der Ferne konnten sie ein Stück des Chiemsees erspähen, doch nun streikte seine Frau und wollte nicht mehr weiter. Bisher war ihnen kein Mensch begegnet und die Stimmung Karls hatte sich schneller gehoben, als die Höhenmeter, die sie mit ihrem Anstieg erreichten. Den Weg hatte er fast tänzelnd hinter sich gebracht, er musste sich beherrschen, nicht vor sich hin zu summen. Der schmale, steinige Weg schlängelte sich am Abgrund nach oben und verlief teilweise im Zickzack oder in großen Bögen. Büsche säumten die Bergseite. Seine Frau wollte nicht weiter? Egal, sie waren am Ziel.

Karl entschied, dass es genug war. Ein letzter Rundumblick, niemand hielt sich in ihrer Nähe auf. Sie waren allein, nur ein Greifvogel kreiste am Himmel und suchte Beute.

„Weißt du was?“, fragte er und trat ganz nahe an seine Frau heran. Sein linkes Augenlid zuckte und verriet seine Nervosität, doch seine Stimme klang kalt und war voll unterdrückter Wut. „Du kannst mich mal! Ja, verdammt, du alte Schnepfe, du kannst mich mal! Nun habe ich dich soweit. Habe dich da, wo ich dich haben wollte. Seit Monaten rede ich mir den Mund fusselig, mit dir hier in den Bergen Urlaub zu machen und endlich sind wir hier. Es war alles von mir geplant.“

Er näherte sich weiter seiner Frau, seine Stimme wurde lauter und Edith sah ihn erschrocken an und wich langsam vor ihm zurück. Ihr Mund öffnete sich und formte ein großes O.

„Den verdammten Steilweg hier habe ich im Internet ausgekundschaftet, die Pension gesucht und gefunden, dich dazu gebracht, mit mir hierher zu fahren, mit mir auf den verdammten Berg zu latschen!“

Nun schrie er fast und kleine Speicheltröpfchen sprühten aus seinem Mund. Sein Gesicht verzog sich zu einer hasserfüllten Fratze und Edith blieb das „aber Karl“ im Halse stecken. Stattdessen erfüllte sie mehr und mehr Angst vor dem Mann, der ihr Mann war.

„Und warum das alles? Warum? Um dich hier zu haben, hier an dem verdammten Abgrund!“

Er wies mit der Hand hinter Edith, die nun am Rand des schmalen Weges im Gras stand. Hinter ihr ging es steil bergab, erst nach Dutzenden von Metern ragte ein Felsvorsprung in den Abgrund und versperrte die direkte Sicht nach unten. Aber Edith wollte nicht nach unten sehen, sie wagte es nicht, den Kopf zu drehen. Begreifen dämmerte durch ihr vor Entsetzen gelähmtes Hirn. Ihr Mund öffnete sich und die Hand ballte sich zur Faust, doch Karl war schneller, viel schneller. Er warf sich nach vorn und stieß mit beiden Händen seine Frau vor die Brust, so heftig, dass sie von ihm weggeschleudert wurde, über die Felskante, in den Abgrund.

Ediths Körper fiel im freien Fall, wild ruderten ihre Arme wie Windmühlenflügel und aus ihrem bereits geöffneten Mund entrang sich ein Schrei, der mit ihr nach unten stürzte und sich an der Felswand brach, bevor er für immer verklang.

Schwer atmend, wie nach einem Hundertmeterlauf, stand Karl einen Moment unbeweglich da und ließ den Schrei verhallen, dann wandte er sich um – und starrte genau in das entsetzte Gesicht eines alten Mannes mit Mantel, Hut und Schirm. Graue Haarsträhnen kräuselten an der Hutkrempe vorbei und ein rundes Bäuchlein wölbte den Mantel nach vorn. Die Augen sahen ihn groß an und der Mund öffnete sich in fassungslosem Erstaunen, das sich mit Entsetzen paarte.

„Sie ... “

Dem Alten versagte die Stimme, er schluckte schwer und versuchte es erneut.

„Sie ... Sie haben sie gestoßen. Sie haben die Frau über den Felsen gestoßen! Icxh habe es genau gesehen!“

Fassungslos sah er Karl an, der zurückzuckte wie vor einem angreifenden Tiger.

„Verdammt!“, entfuhr es ihm. Wo kam der Alte auf einmal her? Adrenalin peitschte noch durch seinen Körper, ließ ihn ohne Nachdenken handeln. Er warf er sich dem alten Mann entgegen und packte ihn.

„Mörder!“, schrie dieser und wehrte sich. Er streckte die Arme aus und wollte den Angreifer abwehren, doch Karl packte ihn am Mantel und wirbelte ihn herum und auf den Abgrund zu. Der Hut fiel zu Boden und der Schirm in der Hand des alten Mannes beschrieb einen Kreisbogen. Ihn zur Waffe umzufunktionieren, schaffte er nicht mehr. Der alte Mann hatte Karl nichts entgegenzusetzen und stolperte, vom Schwung getragen, ebenfalls über die Kante in den Abgrund. Als er fiel, löste sich von seinen Lippen kein Schrei.

Aber ein Schrei brandete von der Wegbiegung heran, von der Karl mit seiner Frau und der alte Mann gekommen waren. Eine alte Frau, sicherlich die Ehefrau des Alten, stand dort und stierte aus weit aufgerissenen Augen zu Karl. Von ihr kam der Schrei, und ihre Fäuste flogen zum Mund. Der Schrei erstickte in entsetztem Keuchen.

Karl stierte zurück und war zu keiner Bewegung mehr fähig. ‚Hört das denn nie auf?‘, fragte etwas in seinem Innern. ‚Jetzt muss ich sie auch in die Tiefe stoßen. Wie soll ich der Polizei denn drei Leichen erklären?‘

 

Mit einem Ruck fuhr Karl hoch. Schweiß bedeckte seine Stirn und die Brust hob und senkte sich schnell, sein Atem keuchte. Er lag im Bett der Pension, musste noch einmal kurz eingenickt sein. Im Nachbarbett schnarchte seine Frau selig und drehte sich schmatzend auf die andere Seite.

„Oh mein Gott, was für ein Albtraum“, murmelte er, fuhr sich über das Gesicht und wälzte sich aus dem Bett. Schwerfällig schlurfte er ins Bad, sich den Schweiß abzuduschen. Der Albtraum saß ihm noch in den Gliedern, die beim Gehen zitterten.

Nach dem Frühstück wanderten Karl und Edith den schmalen Weg zur Kampenwand hoch und bewunderten unterwegs die Aussicht. Karls Stimmung ließ zu wünschen übrig, er hatte ständig das Gefühl, dem alten Paar zu begegnen. Ständig schweifte sein Blick umher. Seine Frau hingegen war bester Laune und schwärmte von der tollen Aussicht, dem tollen Weg und dankte ihm für den tollen Urlaub. So kannte er sie gar nicht. Als sie fast oben angelangt waren, trat Edith nahe an den Abgrund heran und winkte Karl zu sich. Sie umarmte ihn und flüsterte in sein Ohr: „Hast du wirklich gedacht, deine kleine Thaischlampe vor mir verheimlichen zu können, du verdammter Scheisskerl? Wolltest du mich loswerden, hier in den Abgrund stürzen, um sie heiraten zu können? Einen schönen Plan hast du dir ausgedacht, aber ich bin dahinter gekommen, so wie ich hinter alles komme, was du mir verheimlichen willst, du mieser Versager!“

Ihre Stimme klang schrill und boshaft, die Umarmung war zur schmerzhaften Umklammerung geworden.

Karl gefror das Blut in den Adern, er traute seinen Ohren nicht, glaubte an einen weiteren Traum. Wie aus weiter Ferne bekam er nur am Rande mit, wie ihn seine Frau packte und mit voller Wucht von sich stieß, genau in den Abgrund hinein. Sein eigener Schrei gellte in seinen Ohren, bis er abrupt abbrach und Schwärze alles auslöschte.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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