Angela Pokolm

Das Leuchten der Bäume

 

Das Dorf, in dem der 11jährige Peter und seine 4 Jahre jüngere Freundin Anna wohnten, lag direkt am Rand eines Waldes.

Diesen Sommer hatten die Kinder die Abenteuer und Wunder, die der Wald für seine Gäste stets bereithält, besonders für sich entdeckt.

Die Schule war vorüber, die großen Ferien dehnten sich bis in das strahlende Blau des Himmels hinein, und die beiden Nachbarskinder wussten nichts Schöneres, als sich schon am Morgen mit einem Brotzeitränzlein zu treffen und schnell wie der Wind im Wald zu verschwinden, in seine geheimnisvolle Welt einzutauchen.

Was gab es da nicht alles zu sehen, zu hören und zu spüren! Vom weichen, federnden Waldboden mit seinen vielen Nadeln, kleinen und kleinsten Tierchen und Pflänzchen über die großen, ehrfurchtgebietenden Bäume, die Stimmen der Vögel und nicht zuletzt die Sommerwiese auf der kleinen Lichtung mit ihren bunten Blumen und ihrem schimmernden Weiher.
Kein Wunder, dass Peter und Anna die Zeit wie im Fluge verging.

Heute war ein besonders reicher, erfüllter Tag für die Kinder gewesen. Immer wieder hatte es etwas zum Schauen, Staunen, Springen und Laufen gegeben, sei es das geschäftige Gewimmel eines Ameisenhaufens, ein abgestorbener Baum und seine Bewohner, der rätselhafte Ruf eines vorbeihuschenden Vogels oder die wie Edelsteine aufblitzenden großen und kleinen Libellen am Weiher.

Beide Kinder waren so müde geworden, dass sie sich in den Schatten eines der großen Bäume am Rande der Lichtung legten – und schließlich einschlummerten. Sie merkten nicht, dass die Sonnenstrahlen über der Lichtung sich mehr und mehr hinter den Bäumen versteckten und die Stimmen der Tagtiere allmählich verstummten.

Ein kühler Windhauch strich vom Weiher her über die Lichtung und weckte schließlich Peter. Noch ganz benommen vom Schlaf, setzte sich der Junge auf, rieb sich die Augen und schaute um sich. Die kleine Lichtung lag nun fast völlig im Schatten, nur zwischen den dunklen Bäumen im Westen schimmerte von fern die untergehende Sonne hindurch.

Erschrocken sprang Peter auf, rüttelte die noch immer schlummernde Anna wach. So spät hatten sie sich noch nie auf den Heimweg gemacht! Die Kinder hatten den Eltern fest versprechen müssen, vor dem Dunkelwerden zu Hause zu sein. Oh, was würde das Ärger geben!

Nur – wo ging es denn überhaupt nach Hause? Suchend ließen beide Kinder ihre Augen rund um die kleine Lichtung wandern, die in der sinkenden Dämmerung so ganz anders aussah als im hellen Tageslicht. Anna schaute Peter angstvoll an, hoffend, der ältere Freund hätte sich den Rückweg eingeprägt. Entschlossen nahm der Junge seine Freundin fest an der Hand und wandte sich auf gut Glück einer Stelle zwischen den Bäumen zu, die ihm irgendwie vertraut vorkam.

Unter den Bäumen war es völlig finster. Schnell verloren Peter und Anna die Orientierung. Die Kinder, deren Herzen bis zum Hals klopften, hielten sich bei den Händen und tasteten sich von Baum zu Baum, über Wurzeln, Gesträuch und Dornen stolpernd, mühsam voran. Der Wald, der noch tagsüber so voller Abenteuer und Wunder gewesen war, wurde nun in der Dunkelheit und mit den erwachenden Stimmen und Geräuschen der Nachttiere, immer unheimlicher und bedrohlicher für die verängstigten Kinder. Wo war nur der Weg, der zum Waldausgang und damit nach Hause führte?

Auf einmal strich etwas Weiches an ihnen vorüber. Ein dunkles „Schuhu“ erscholl ganz in ihrer Nähe. Und ein Paar glühender Augen starrte die Kinder aus dem Gebüsch an. Vor Angst schrie Anna laut auf. Zitternd klammerte sie sich an Peter und begann verzweifelt zu weinen.

Obwohl auch ihm vor Furcht die Tränen in den Augen standen und sein Herz bis zu den Ohren hämmerte, schluckte der Junge die Tränen tapfer hinunter und legte seine Arme beschützend um seine kleine Freundin, bemüht, sie sein eigenes Beben nicht spüren zu lassen. So standen die Kinder fest aneinander gedrückt eine ganze Weile, jedes aus der Umarmung, der Nähe des anderen Trost schöpfend.

Nein, so eine Angst hatten sie noch nie gehabt! Was sollte bloß aus ihnen werden, wie sollten sie den Heimweg finden?
Ob sie hier wohl verhungern würden?
Oder, noch schlimmer, von etwas gefressen?
Oder ...?


Da geschah plötzlich etwas.

Zuerst war es nur eins.

Dann zwei, drei.

Dann mehr und noch mehr ...

Goldene Lichtlein, die behutsam zwischen den Bäumen hervor schwebten. Immer mehr und mehr ...

Schließlich schimmerten viele, viele Lichtchen um die Bäume und die staunenden Kinder herum. Alles war in ein sanftes Schimmern getaucht, selbst die Bäume schienen irgendwie zu leuchten.

Gebannt blickten die Kinder auf dieses bezaubernde Lichterspiel.

Oh, wie war das schön! Deutlich spürten sie, dass etwas Tröstliches, ja etwas Schützendes um sie war, das die Angst verblassen ließ. Auf einmal war es hell im Wald und in ihren Herzen. Peter und Anna konnten jetzt ihre Umgebung wieder sehen, sogar die Äste und Blätter der Bäume, die Nadeln am Boden … Und da, ja, war da nicht der Waldweg nach Hause, den sie so verzweifelt gesucht hatten? Peter erkannte den großen Ameisenhaufen wieder, vor dem sie tagsüber gestanden hatten und die verkrüppelte Fichte, die mit einem ihrer knorrigen Zweige direkt auf die kleine Lichtung zu weisen schien!

„Das sind bestimmt die Waldelfen. Sie wollen uns helfen ...“, wisperte Anna. Peter wusste, dass es Myriaden von Glühwürmchen waren, die mit ihrem goldenen Leuchten den eben noch bedrohlichen dunklen Wald licht und freundlich machten. Aber er sagte nichts und – oh, wie sah Anna denn jetzt aus!

Wie eine goldene Aureole schwebte und glitzerte es um das Mädchen, umgab ihr verzaubertes Gesichtchen mit einem sanften Schein. Geradezu andächtig schaute der Junge seine kleine Freundin an. So hatte er Anna noch nie gesehen! „Du siehst aus wie eine Prinzessin“, staunte Peter hingerissen. Und plötzlich beugte er sich vor und küsste sie blitzschnell auf den Mund.

Der Junge war über sich selbst überrascht, und es war gut, dass es doch nicht ganz so hell im Wald war und dass Anna ihren Kopf rasch an Peter drückte, denn sonst hätte man vielleicht gesehen, dass seine Ohren rot anliefen und Annas Wangen sich rosa färbten ...

Und dann fassten sich die Kinder bei der Hand und machten sich auf den Heimweg, der nun nicht mehr weit war, jedes mit einem zarten Leuchten im Herzen.

Und die kleinen Tiere mit ihrem goldenen Licht? – Oder waren es vielleicht doch Elfen? – Sie begleiteten Peter und Anna bis zum Waldrand, zeigten ihnen den Weg zurück nach Hause.

Dort warteten schon die Eltern auf sie, ganz aufgeregt und voller Sorge. Und sie waren so froh, ihre Kinder wieder heil in die Arme schließen zu können, dass, außer ein paar mahnenden Worten, sogar die Schelte ausblieb.
Und bald lagen Peter und Anna erschöpft, doch mit frohen, ja glücklichen Herzen in ihren Betten.

Und beide Kinder träumten. Von einem abenteuerlichen Tag im Wald, von kleinen Tieren, vom Leuchten der Bäume.
Und von ihrem ersten Kuss ...

 

Angela Pokolm

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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