Bernhard Pappe

An der Wegkreuzung (Standing on a crossroad)


Mein Auto rollte sehr langsam durch diese Landschaft, die sanft zu ihren Rändern hin anstieg. Bäume säumten den Straßenrand und ließen mir dennoch freie Blicke auf Felder und auch Wiesen hinter den Rändern der Straße. Menschen arbeiteten dort, ernteten die Felder ab, mähten eine Wiese, standen vielleicht nur in der Sonne. Ich winkte ihnen und wenn sie mich bemerkten, dann grüßten sie herüber.

Ich hätte ewig so fahren können durch die Leichtigkeit dieses Tages. Alle Fenster des Wagens waren unten. Er war eben kein Cabriolet. Die Düfte des Sommers drangen von dieser Landschaft nach innen. Der Duft seiner Trockenheit, der Geruch von Stroh nach der Getreideernte, der Duft von frischem Heu. All das erinnerte mich an meine Kindheit, in der ich noch durch Felder und Wiesen streifen konnte.

Im Autoradio spielte Eric Clapton Bluessongs von Robert Johnson. Passte die Musik nicht zum Gleiten durch diese Landschaft und den Sommertag? Ich hätte mich auf den Rücksitz des Wagens begeben mögen, um der Musik zu lauschen, der Melancholie und der Kraft des Blues. um mich der Sinnlichkeit des Sommertages hinzugeben.

Die Straße führte viele Kilometer schnurgeradeaus. Ich war für niemanden ein Hindernis. Hinter mir und vor mir waren keine Fahrzeuge. Niemand bedurfte meiner Aufmerksamkeit. Es schien in dieser Landschaft nur diese eine Straße zu geben. Das Auto rollte einfach auf ihr dahin, Ich hatte kein wirkliches Ziel. Musste man ein Ziel haben? In mir keimte der Wunsch auf, diese Stimmung in Worte zu betten und so für mich zu konservieren.

Die Hügel zu beiden Seiten der Straßen flachten sich ab. Die Felder waren Wiesen gewichen. Ich sah die Menschen nicht mehr, die mir eben noch zugewinkt hatten. So büßte die Landschaft etwas von ihrem Reiz ein. Mein Wagen näherte sich einer Kreuzung, von der, wie ich wahrnahm, vier Straßen in vollkommener Symmetrie abgingen. Ich verlangsamte das Tempo. Nirgendwo war ein Hinweis sichtbar. Ich hielt kurz vor der Kreuzung an und schaltete das Navigationssystem ein. Es signalisierte mir, dass es keine Verbindung zu einem Satelliten aufbaue konnte. Es gab bergige Orte, an denen das passierte, aber in dieser offenen Landschaft? Moderne Technik versagte hier. Ich kratzte mich am Kopf.

Ich stellte den Motor des Wagens ab, der Blues brach in sich zusammen. Ich aktivierte die Warnblinkanlage und stieg aus. Im Grunde war es doch einfach, ich wendete den Wagen und fuhr zurück an meinen Ausgangspunkt. Mein Gefühl sagte mir, dass das zu simpel sei. Nach nur ein paar Schritten stand ich mitten auf der Kreuzung. Keine Fahrzeuge, keine Menschen, gleichgültig in welche Richtung ich auch blickte. Die Sommersonne stand hoch am Himmel und verstrahlte Wärme. High Noon vielleicht, ich hatte keine Uhr dabei. Der Duft der Trockenheit und die Insektengeräusche eines Sommers waren noch da, hüllten mich für einen Moment wie einen Mantel ein.

Ein Geräusch drang an mein Ohr. Es musste von einem Motorrad stammen. Hoffentlich steuerte die Maschine ein Ortskundiger, der mir dem Weg weisen konnte. Ein Chopper-Bike rollte langsam auf der gegenüberliegenden Straße an die Kreuzung heran. Der Fahrer der Easy-Rider-Maschine trug einen offenen Helm. Er stoppte die Maschine am Straßenrand, stieg ab und hängte den Helm am Lenker auf.

„Na, die Richtung verloren?“ klang es zu mir herüber. Der Motorradfahrer deutete mit einer Geste an, dass ich zu ihm kommen sollte. An der Straßenecke, an der das Motorrad stand, breitete sich ein Busch aus. Hier lag ein Stein, der in seiner Form an eine Bank erinnerte.

„Nimm schon mal Platz. Ich hole uns noch eine Erfrischung.“ Ich setzte mich und sah, wie der Mann aus der Seitentasche seiner Maschine zwei Dosen hervorholte. Ich betrachtete mir seine Gestalt eingehender. Seine Bewegungen zeugten von Ruhe und Gelassenheit und ich gewann den Eindruck, dass er mir die Gelegenheit gab, ihn zu mustern. Er war kräftig gebaut, man sah ihm an, dass er Sport trieb. Dennoch war er kein furchteinflößender Hüne. Seine Kleidung bestand aus einer dunkelblauen Jeans und einem weißen Hemd, über dem er eine Weste mit bunten Blumen trug.

Er reichte mir eine Dose und platzierte sich neben mir auf dem Stein.

„An dieser Wegkreuzung sind schon einige gestrandet“, eröffnete er das Gespräch.

„Der Himmel hängt voller Satelliten, nur scheinbar hier nicht“, entgegnete ich. „Mein Navigationssystem versagt völlig.“

„Ich bin übrigens Benjamin, wie Franklin. Und du?“ Er streckte mir seine Hand entgegen.

„Ich bin Lukas, wie Evangelist.“ Ich reichte ihm meine Hand. Sein Händedruck war fest, aber auch einfühlsam.

„Lukas, du hast gut gekontert.“ Benjamin lachte ein befreiendes Lachen. „Wer weiß, vielleicht hat dich dein Navigationssystem direkt hierher geleitet.“

„Das glaube ich nicht, denn ich bin einfach nur durch die Landschaft gefahren und wollte mit Hilfe der Technik Unterstützung für den Rückweg finden.“ Ich öffnete jetzt ebenfalls die Getränkedose. Benjamin hatte bereits einen großen Schluck aus der seinen genommen.

„Und?“

„Das Getränk ist sehr erfrischend. Es scheint kein Alkohol drin zu sein. Was ist das?“

„Es ist mein eigenes Rezept für Manna.“ Benjamin lächelte verschmitzt. „Himmlischen Ursprungs und teuflisch gut.“

Wir schwiegen für ein paar Augenblicke. Die Landschaft um mich herum sah in allen Richtungen gleichartig aus.

„Dein inneres Navigationssystem hat dich an diesen Ort geführt. Der Himmel über dir hing voller Geigen und nicht voller Satelliten. Oder sollte ich lieber sagen, er hing bei dir voller Blues?“

„Es stimmt, ich habe während der Fahrt Blues gehört“, sagte ich mit einem gewissen Erstaunen. „Benjamin, du bist doch nach mir an die Wegkreuzung gekommen. Wie kannst du…“.

„Ja und nein“, erwiderte Benjamin schnell. Ich habe dich zweimal überholt. Du hast es nicht bemerkt, weil du in deine Musik und deine Stimmung vertiefst warst.“

„Ehrlich?“

Benjamin nickte zur Bestätigung.

„Heute finde ich es schade, dass ich nie ein Instrument erlernt habe.“

„Warum ist das so?“

„Meine Mutter hätte es gern gesehen, wenn ich damals Akkordeon gespielt hätte. Das war mir zu bieder.“

„Du hättest auch damit einen herrlichen Blues spielen können“, hakte Benjamin nach.

„Das weiß ich heute auch. Die Zeit hierfür, oder eben ein anderes Instrument, habe ich verpasst.“ Ich seufzte ein wenig. „Irgendwie schoben sich andere Prioritäten in den Vordergrund.“

„Lukas, bist du an einer der Wegkreuzungen in deinem Leben falsch abgebogen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das meint jeder von sich irgendwann einmal. Betrachte ich das Ganze, dann würde ich deine Frage mit einem Nein beantworten.“

„Du bist also hier, weil du hier sein willst?“

„Drücke es so aus, wenn dir danach ist.“

Das Gespräch drückte auf meine Stimmung. Benjamin nahm einen tiefen Schluck aus seiner Dose und ich tat es ihm gleich.

„Es ist nie zu spät, irgendwann irgendetwas anzufangen“, sagte Benjamin einfühlsam.

„Zum Malen und Zeichnen habe ich auch kein Talent.“

„Wie steht’s mit Worten?“

Ich ließ mir mit der Antwort Zeit. Benjamin blickte mich auffordernd an.

„Ein paar Gedichte und Geschichten habe ich geschrieben. Anfänglich war das nur für mich selbst. Später veröffentlichte ich einiges davon in einem Forum. Man las meine Worte, ich bekam Reaktionen darauf. Ein gewisser Nervenkitzel erfasste mich. Das muss ich zugeben. Ich übergab immer mehr der großen weiten Welt dort draußen. Parallel kamen immer wieder Zweifel hoch, ob eben jene Welt meine Worte tatsächlich brauchte. Es gab und gibt deren mehr als genug.“

Die Gesichtszüge von Benjamin entspannten sich, als ich ihn jetzt anschaute. Er stand auf, ging bis zum Straßenrand und drehte sich zu mir um. Mit einer Geste überstrich er einen Teil der Landschaft.

„Dir stehen alle Wege offen. Wo kann ich etwas von dir nachlesen?“ Er ging zu seinem Motorrad und holte aus einer Seitentasche erneute zwei Dosen und aus der zweiten Seitentasche ein Tablet. Ich sagte ihm die Adresse des Forums und wie er an meine Veröffentlichungen käme. Eine knappe Viertelstunde las er sehr konzentriert. Ich widerstand der Versuchung herauszubekommen, was es sich ausgesucht hatte. Benjamin schaltete das Tablet ab und brachte es zu seiner Maschine zurück. Er eilte auf mich zu und zeigte auf den Stein.

„Setzen wir uns wieder.“ Als Benjamin meine Worte las, war ich nach ein paar Minuten aufgestanden und umhergegangen. Wirkte ich nervös? Er öffnete für jeden eine zweite Dose und lächelte mich an.

„Auf dein Werk.“ Ich stieß mit ihm an. „Es sind nicht alles Meisterwerke, aber sehr ausbaufähig. Ich könnte dir weiterhelfen, um bekannter zu werden. Hier und da ein wenig mehr Mut, ein neuer Stil vielleicht.“

„Benjamin, wer bist du? Ein Lektor oder der Teufel? Ich komme mir vor wie Robert Johnson, der an einer Straßenkreuzung dem Teufel seine Seele verkaufen haben soll, damit er ‚The Best Blues Man On Earth‘ werden konnte.“

„Lukas, immerhin hat dich der Blues bis an diese Wegkreuzung geführt. Das willst du doch nicht bestreiten, oder?“

„Nein, will ich nicht.“

Wenn du über deinen Nervenkitzel hinauszugehen gedenkst, wenn deine Energie hoch genug ist, dann könntest du vielleicht ‚The Best Poet On Earth‘ werden. Es bedarf hierzu einer Portion Glück und einer noch größeren Portion Hilfe. Natürlich kostet das alles etwas.“

Ich war in der Zwischenzeit wieder aufgestanden und wanderte vor Benjamin auf und ab. Ihn schien es nicht nervös zu machen. Sah ich ein Blitzen in seinen Augen? War das eine Folge des Getränkes in den Dosen? Eine Art Manna hat das mein Gesprächspartner genannt. War ich zu leichtgläubig?

„Hat Goethe seine Seele verkauft, um ‚Faust‘ schreiben zu können?“ brach es aus mir heraus.

Benjamin hatte diese Frage nicht erwartet und rang etwas um Fassung. „Vielleicht. Talent allein reicht meistens nicht aus. Große Literatur fällt nicht vom Himmel.“

Wortspiel oder Wirklichkeit? Ich begann, mich unwohl in meiner Haut zu fühlen. Welche Möglichkeiten eröffneten sich mir? Weiter mit Benjamin reden oder einfach zum Auto gehen, um davonzufahren? Was wollte ich?

„Lukas, wenn du einen solchen Weg einschlagen willst, dann wird er dir Energie abverlangen, viel Energie. Das ist ein Pakt, den du mit dir selbst schließen musst. Egal, ob dahinter das Schreiben oder eine andere Art von Passion steht. Wenn du diesen Pakt geschlossen hast, dann vermag ich es, Möglichkeiten in Realitäten zu verwandeln. Du gehst den Weg weiter und der Weg krempelt dich um.“

„Er frisst meine Seele auf.“ So scharf hatte ich es nicht formulieren wollen.

„Die Passion und der eingeschlagene Weg werden dein Ich nicht unverändert lassen.“

Wir schwiegen beide. Jeder schien mit Anspannung auf den anderen zu warten. Benjamin durchbrach das Schweigen.

„Mache dir keine Gedanken über das Getränk. Es erfrischt nur, da ist keine abartige Stimulanz enthalten. Eine mögliche Versuchung schlummert ausschließlich in dir. Deine Entscheidung.“

Natürlich war sie das. Ich erhob mich und Benjamin behielt Platz.

„Benjamin ...“ Wollte ich sagen, mein Freund? ; …wenn du der Teufel bist, dann bin ich Gott, der in jedem von uns wohnt.“ Weiter kam ich nicht mit meinen Worten.

„Dann hat Gott demnach eine Seele vor dem Teufel gerettet.“ Benjamin lachte herzlich. „Du willst also meine Hilfe nicht annehmen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Dann bleibe der, der du bist. Auch das wird kein einfacher Weg. Übrigens, wenn du dein Auto gleich wendest, um zurückzufahren, dann bleibt es trotzdem für dich ein Weg vorwärts.“

Benjamin stand auf und reichte mir zum Abschied die Hand. „Gib mir die leeren Dosen. Wir wollen die Umwelt sauber halten.“ Ich blickte ihm nach, während er gemächlich zu seiner Maschine ging. Benjamin bestieg das Chopper-Bike und machte seinen Helm fest.

„Mach’s gut. Ich werde hier links abbiegen. Übrigens, Gott ist ein Spieler und er liebt gute Literatur. Wenn du mich brauchst, du findest die nächste Wegkreuzung bestimmt.“ Sein Lachen war lauter als das Motorgeräusch des Bikes.

Ich schritt zum Auto, stieg ein und aktivierte die Zündung. Aus den Lautsprechern drang ‚Born To Be Wild‘ auf mich ein. Ich hielt kurz inne. Der Song war doch gar nicht in der Datei enthalten, die ich im Audiosystem aktiviert hatte, oder doch? Das Navigationssystem versagte weiterhin. Es erschien mir vernünftig, den Wagen zu wenden, um den gekommenen Weg zurückzufahren. Nach kurzer Zeit füllte der ‚Cross Road Blues‘ das Auto und meine Gedanken aus…

BPa / 06-2020

Cross Road Blues

 

I went to the crossroad, fell down on my knees

I went to the crossroad, fell down on my knees

Asked the Lord above "Have mercy, now save poor Bob, if you please"

 

Yeoo, standin' at the crossroad, tried to flag a ride

Ooo eeee, I tried to flag a ride

Didn't nobody seem to know me, babe, everybody pass me by

 

Standin' at the crossroad, baby, risin' sun goin' down

Standin' at the crossroad, baby, eee, eee, risin' sun goin' down

I believe to my soul, now, poor Bob is sinkin' down

 

You can run, you can run, tell my friend Willie Brown

You can run, you can run, tell my friend Willie Brown

That I got the crossroad blues this mornin', Lord, babe, I'm sinkin' down

 

And I went to the crossroad, mama, I looked east and west

I went to the crossroad, baby, I looked east and west

Lord, I didn't have no sweet woman, ooh well, babe, in my distress

 

(Robert Johnson)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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