Hans K. Reiter

Abgrund (1) - der verlorene Wille

Als Ferdinand am Vierzehnten dieses Monats gegen 17:35 Uhr die Brücke betrat, sollte es das Letzte sein, das seinem Leben noch einen Sinn geben könnte.

Das anschwellende, pfeifende Gemisch aus rhythmischem Takt und aneinander gleitendem Stahl kündigte den Zug der Bayerischen Oberlandbahn an. Das Stakkato der längeren S-Bahn-Züge wäre um Nuancen härter ausgefallen, auch die Vibration der Luft irgendwie voluminöser gewesen.

Ferdinand registrierte diese feinen Unterschiede nicht.

 

Seit über 160 Jahren verbindet die Brücke über die Isar hinweg zwei Münchener Stadtteile und ebnet dem Schienenverkehr den Weg nach Holzkirchen.

Mehr als 300 Menschen haben seither an der Brücke ihr Leben gelassen, weshalb sie im Volksmund auch Die Selbstmörder Brücke genannt wird.
 

Aber auch dies berührte Ferdinands Gedanken nicht.
 

Die Bahn, jetzt direkt über ihm, hämmerte im Takt der Schienenabstände und wenige Sekunden später nur, war der Spuk vorüber. Fußgänger und Radfahrer queren den Fluss unterhalb der Schienentrasse in einer Konstruktion, die einem in die Länge gezogenen Käfig gleicht. Einst verliefen die Fußwege beiderseits parallel zum Schienenbett, wodurch die Brücke jedoch mehr und mehr zum Anziehungspunkt für Lebensmüde geworden war.

 

Etwa zur Mitte der Brücke hin verlangsamte Ferdinand seinen Schritt, blieb schließlich stehen, sah, so gut er es durch das Gitter hindurch vermochte, entlang des mittleren Brückenpfeilers hinab, markierte mit den Augen einen fiktiven Punkt am Boden, entnahm seinem Rucksack eine Flagge, wie man sie von Streckenarbeitern der Bahn kennt, und befestigte diese derart, dass der Flaggenstiel am Boden des Käfigs durch das Gitter hindurch ins Freie ragte, wobei die Flagge im Luftstrom alsbald dezente Bewegungen vollzog.

Ferdinand blickt kurz um sich, niemand jedoch interessiere sich für ihn. Mit entschlossenem Blick straffte er die Riemen des Rucksacks und schritt zielstrebig weiter zum Ende der Brücke.

 

„Schau mal Papa“, sagte der Junge, „da oben an der Brücke weht eine Fahne. Das ist lustig. Ich will auch so eine haben!“

 

Am Ende der Brücke verließ Ferdinand den vorgegebenen Fußweg, um linkerhand einen kaum sichtbaren Pfad nach oben zu nehmen.

 

„Papa, die Fahne, sie flattert ganz schön! Wie kommt die eigentlich da hin? Ich habe diese vorher noch nie gesehen. Warum ist sie jetzt da?“

 

Ferdinand hatte indessen das Schienenbett erreicht, wurde aber durch einen stabilen Zaun am Weitergehen gehindert. Ein zaghaftes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er einer Reißverschlusstasche am Rucksack einen klobigen Vierkantschlüssel entnahm, ein kaum auszumachendes Tor öffnete, dieses hinter sich wieder ins Schloss zog und schließlich neben den Geleisen auf der Brücke stand.

 

„Papa, Papa, da oben! Schau‘ doch, da ist jemand, ...ein Mann! Was macht der da?“

Der Vater des Jungen sah es sofort. Tatsächlich, jemand beugte sich über das Geländer, als suche er nach etwas. Was will denn ein Fußgänger da oben? Ein Arbeiter der Bahn...?, dachte der Vater zweifelnd.

 

Ferdinand beugte sich einige Male über das Geländer, bis er die Flagge unter sich wusste. Er überließ nichts dem Zufall. Sein Plan war durchdacht. Aus dem Leben zu scheiden war nicht so einfach, wie manche Menschen sich das vorstellten. Wenn er es tat, dann musste es auch das absolute Ende bedeuten. Von der Brücke zu stürzen, barg seiner Einschätzung nach nur das geringe Risiko, dass sein Körper nicht dort aufträfe, wo der Tod unweigerlich wäre, unumkehrbar, absolut.

 

Was tun, wenn der runterspringen will? Mein Bub...! Der wird das sein Leben lang nicht vergessen!

 

Wenn er exakt an der mit der Flagge markierten Stelle sprang, würde er auf dem Fundament des mittleren Brückenpfeilers aufschlagen. 31 Meter, das überlebt keiner.

 

Die Feuerwehr? Die Polizei? Wer könnte die Tat des Mannes verhindern?

 

Ferdinands Plan war nicht trivial. Bedächtig kramte er aus dem Rucksack eine Flasche, eine Box und ein Glas. Seine letzte Mahlzeit. Kein Tod ohne Leben und so wollte er es hinter sich lassen, das Leben, erst symbolisch mit einem letzten Bissen, einem letzten Schluck und dann absolut.

 

„Papa, mit wem sprichst du? Papa...!

Er hörte seinen Sohn nur am Rande, wie im Nebel, nicht real. „Können Sie nichts tun?“, schrie er beinahe.

„Hören Sie, beruhigen Sie sich! Wir sind schon unterwegs!“

 

Sekunden verrannen. Immer wieder sah er hoch. Der Junge sah hoch.

Bizarr! Der Mann da oben schenkte etwas aus einer Flasche in ein Glas, entnahm etwas einer Box, begann zu essen!

„Hören Sie, ich hatte gerade schon angerufen. Der Mann auf der Brücke, verrückt, komplett verrückt! Der isst und trinkt. Ist das normal, bevor einer springt?“

„Das ist gut. Das verschafft uns Zeit. Wir sind gleich da!“

 

Ferdinand genoss es tatsächlich, sein letztes Mahl. Es war einfach, nichts Besonderes, ein belegtes Brot nur, dazu einen Chianti, wie er ihn gerne mochte. Noch ein paar Minuten vielleicht, dann würde er es tun.

Jetzt erst sah er den Jungen, den Mann daneben. Vater und Sohn, was..., warum sind sie ausgerechnet jetzt hier, an dieser Stelle, an meiner Stelle?

Es ist mein Plan. Sie zerstören ihn..., sie zerstören meinen Plan! Warum sind sie hier...?

Geht doch weg!, wollte Ferdinand rufen, aber kein Ton kam über seine Lippen.

In Bruchteilen von Sekunden lief in seinem Kopf ab, was ihn zu diesem Plan veranlasst, ja gedrängt hatte. Es war nicht Traurigkeit, ausweglose Depression oder verschmähte Liebe gewesen. Es war eine tiefe, lähmende und nicht zu ergründende Qual, die ihn unbeugsam in die Tiefe zwang, die ihn nicht mehr verstehen ließ, warum er so lebte, wie er lebte, die ihm einflößte, Schluss zu machen, bis er es heute endlich tun würde.

Und nun: ein Kind und sein Vater..., jeglicher Wille..., dahin, ...verloren, ...verloren.

 

„Komm, gehen wir“, sagte der Vater zum Sohn. Du siehst ja, der Mann da oben hat auf andere gewartet, die jetzt gekommen sind, Arbeiter wahrscheinlich, wegen der Bahn.“

„Aber, warum haben sie ihm eine Decke um die Schulter...?“

Der Vater gab keine Antwort und zog den Jungen mit sich, fort von diesem Ort, an dem ein Mensch beinahe ein grausiges Ende gefunden hätte.

 

Ferdinand, von einer Notärztin behutsam von der Brücke geleitet, fühlte im ersten Augenblick nichts, dann eine unbeschreibliche Leere. Alles um ihn ohne Wirklichkeit. Er selbst ohne Wirklichkeit. Die Beine verrichteten ein programmiertes Werk, legten Schritte automatisch zurück, ja, überbrückten eine Distanz. Eine weibliche Stimme drang in sein Gehirn, aber er verstand sie nicht, erfasste nicht den Sinn des Gesagten.

Unsägliche Müdigkeit ergriff seinen Körper und für einen Augenblick war es, als wollte sein Blick fragen: warum?

Die Fahrt im Rettungswagen drang nicht mehr in Ferdinands Bewusstsein. Eine Beruhigungsspritze, wie es die Ärztin in solchen Fällen immer wieder genauso tun würde.

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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