Monika Litschko

Müllers Hausmeistergeschichten 3

Müllers Hausmeistergeschichten 3

Hinter Müller lag ein verdammt stressiges Jahr und nun war schon wieder Sommer. Allerdings war das Jahr nicht gerade schön angefangen. Plötzlich war dieses Corona da. Ein Virus, der die Menschheit und neuerdings auch Tiere, ganz schön beutelte. Jeder hatte Angst, dieses Virus zu bekommen. Er schlug die Zeitung zu und schaute Inge an, die gerade ihr Ei aufschlug.

„Ich kann das Wort Corona schon nicht mehr hören. Man steht auf und schaltet das Radio ein, zack, Corona. Du schlägst die Zeitung auf, zack, Corona. Wir machen den Fernseher an, zack, Corona. Und trotzdem haben die meisten Menschen keinen Prospekt vor dem Virus. Tun so, als gäbe es ihn gar nicht. Diese Hucken verbreiten dann das Virus weiter und weiter.“

Inge tröpfelte Maggi auf ihr Frühstücksei und grinste. „Erstmal heißt es Respekt und nicht Prospekt. Und zweites, wer sagt, dass du dir das alles anlesen und anhören musst? Du weißt, wie du dich schützen kannst. Gebe niemanden die Hand, wasche die Patschhändchen immer schön mit Seife, trage draußen einen Mundschutz und gehe auf Abstand.“

„Dass du so ruhig bist, geht mir an die Nerven. Inge, du solltest mal dein Hirn einschalten. Wenn dieses Virus von einem Fleischmarkt stammt, ach ne, mit dir zu diskutieren bringt nichts. Ich werde jetzt draußen für Ordnung sorgen. Ich muss mich abreagieren.“

Müller holte den Unkrautschaber und stampfte los. Während er erst einmal das Unkraut aus den Beeten zupfte, dachte er über das vergangene Jahr nach. Inges Mutter hatte im Mai die Diagnose Krebs erhalten und war fünf Monate später in einer Pflegeeinrichtung verstorben. Seine Inge hatte ein eher unterkühltes Verhältnis zu ihr gehabt, aber sie kümmerte sich trotzdem um sie. Teilte sich die Aufgaben mit ihren drei Geschwistern. Jeder tat das, was er konnte. Inge musste nachts oft raus und sie spritzen. Oder einfach nur bei ihr sitzen, weil sie nicht mehr schlafen konnte oder wollte. Als Johanna in eine Pflegeeinrichtung kam, wurde es ruhiger. Aber sie alle fuhren weiterhin jeden Tag zu ihr, damit sie nicht allein war. Nach fünf Monaten schlief sie friedlich ein und der Stress ging weiter. Inges Vater musste untergebracht werden, da die Wohnung für ihn allein, viel zu groß war und der Hausstand musste aufgelöst werden. Jesses, Johanna war ein Messi gewesen. Alles hatte sie drei Mal gekauft. Aber immerhin waren es Dinge, die jeder brauchte. Die Geschwister teilten sich das, was sie gebrauchen konnten und der Rest wurde von einem Unternehmen entrümpelt. Die guten Leute hatten fast eine Woche richtig zu tun. Müller grinste, als er an all die Sachen dachte, die sie gefunden hatten. Streichwerkzeug zum Beispiel. Was sie damit wohl vorhatte? Und jede Menge kitschige Sachen. Das waren Johannas Vorlieben gewesen. Schrumpfköpfe aus Gummi, Puppenwagen und Porzellanfiguren mit dicken Hupen. Sagen wir mal so, es gab nichts, was es nicht gab. Inge hatte einen Hautstraffer ergattert. So ein längliches Teil mit einem goldenen Noppen. Wenn man den Schalter hochschob, leuchtete ein winziges grünes Licht auf. Inge hielt sich ständig das Licht an die Krähenfüße und wartete auf Verbesserung. Na ja, bis Müller sie aus Versehen anrempelte, der Noppen an ihre Schläfen kam und Inge einen leichten Stromschlag verspürte. Zumindest war die Sache dann geklärt. Der Strom half und nicht das Licht. Eine Woche nach Johannas Tod heiratete ihr Sohn und er reiste mit Inge nach Berlin. Die Hochzeit war wunderschön gewesen. Dass selbst er, der Müller, gerührt gewesen war. Inge, der noch der Stress in den Knochen hing, von den vergangenen Monaten, war nur am Heulen gewesen. Während sich ihre Geschwister auf der Feier die Kante gaben, hielt sich Inge zurück. Besser, sie nippte sich mit einem Glas Wein durch den Abend, damit sie nicht umkippte. Als um eine Uhr nachts, einer von der neuen Verwandtschaft auf sie zu torkelte und lallend sagte… „Ich bin ja nicht so für Hochzeiten, aber ich mag Scheiden“ … zog Inge es vor, schlafen zu gehen. Nicht, ohne zu erwähnen, dass man nicht heiraten sollte, wenn man im Vorfeld schon wieder an Scheidung dächte.

„Na Müller, wieder fleißig?“

Ede Menke stand im Pyjama auf seinem Balkon und prostete Müller mit der Kaffeetasse zu.

„Einer muss ja was tun, Ede.“

„Dein Sohn bekommt doch bald den zweiten Nachwuchs. Ist doch bald soweit, oder?“

Müller wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und nickte.

„Stell dir mal vor, meine Schwiegertochter bekommt auch ein Kind. Ihr zweites. Und ja, es ist bald so weit. Wenn es sich bei mir meldet, sage ich dir bescheid.“

„Das Müllerchen ist heute aber grantig. War doch nur eine harmlose Frage. Ist was passiert?“

Müller ließ den Unkrautschaber fallen, mit dem er gerade hantieren wollte und ging zu Ede Menke, der sich sogleich über die Brüstung beugte.

„Ede, geht dir das nicht an die Nerven, wenn du jeden Tag Corona hörst? Und alle zwei Tage macht dieser Virus was anderes. Erst Hü dann Hot. Die Mundschutze schützen erst nicht, dann plötzlich doch. Alles widerspricht sich so. Ich glaube, die wissen da oben auch nicht, mit was sie es zu tun haben.“

„Mein Reden, Müller. Und ob das alles von einem kleinen Fleischmarkt kommt, bezweifle ich. Aber egal woher, wir müssen damit leben.“

„Dass wir das alles noch erleben, ist ein Ding!“, rief Edes Frau und gesellte sich zu ihnen. „Ich werde täglich depressiver. Man geht nirgendwo mehr hin. Macht auch keinen Spaß mehr. Immer dieses Ausweichen, wenn Leute den Abstand nicht einhalten. Und dieses ewige desinfizieren der Hände. Guck mal, meine Hände sind schon ganz weiß und rissig. Wenn dieser Virus nicht bald verschwindet, läuft das hier ab, wie bei The Walking Death. Hinter dem Zaun sind dann nicht die Beißer, sondern die Huster.“

Müller musste laut lachen und auch Ede schüttelte sich.

„Sie hat wie immer eine blühende Fantasie, Müller. Aber so Unrecht hat sie gar nicht. Obendrein die bekloppten Verschwörungstheoretiker. Ob die überhaupt wissen, was die von sich geben? Lustig ist aber, dass sie auf ihren Demos gegen Corona mit Mundschutz auftauchen. Wir Älteren sollten es uns Zuhause richtig gemütlich machen. Balkone schön und so. Kleine Urlaubsoasen.“

„Schon gehört, nächstes Jahr soll es keine Rentenerhöhung geben! Nullrunde!“

Buzek aus dem zweiten Stock streckte seinen Glatzkopf nach vorne und guckte grimmig.

„Immer auf die Rentner. Klar, dass wir den Schaden bezahlen müssen. Diäten hoch, Rentenerhöhungen stoppen. Die sollen mal an die Reichen gehen.“

„Damit hat man doch gerechnet“, sagte Müller und zuckte mit der Schulter. „Buzek, solange sich die Menschen nicht einig sind, wird es immer so weiter gehen.“

Das Rolltor ging hoch und der dicke Kleister kam heraus.

„Jetzt geht es los“, sagte Ida Menke und kicherte.

„Moin, ihr alle. Schon Hausversammlung? Wann bekomme ich eigentlich meinen neuen Keller, Müller? Die oben bei euch, die hat ewig Besuch. Mann und Frau. Rennen ewig in die Waschküche, sagt meine Frau. Die versauen da alles. Mensch Müller, du musst da mal was sagen.“

Müller merkte, wie in ihm der Zorn hochschoss und auch Menkes verzogen die Gesichter.

„Erstens ist das hier keine Hausversammlung. Zweitens bekommst du keinen neuen Keller, da du schon zwei hast. Und drittens sind das ganz nette Leute, die bei Frau Matzen zu Besuch sind. Viertens habe ich nach deiner letzten Hetzerei im Keller nachgeschaut, da war gar nichts. Erst als du es nicht glauben wolltest, lag da plötzlich eine Tüte mit zertrampelten Keksen. Haben du und deine Frau nichts anderes zu tun, als sich um das Leben anderer Leute zu kümmern? Wie wäre es mit Arbeiten? Ich habe gehört, da kommt man auf keine dummen Gedanken.“

„Nicht aufregen, Müller. In jedem Haus wohnt irgendein Griesgram. Wir haben Kleisters.“

Ede Menke zwinkerte Müller zu und sie verfolgten grinsend, Kleisters Abgang.

Menke schüttelte den Kopf. „Dumm wie zehn Meter Feldweg. Wohnt am anderen Ende des Hauses, bekommt aber alles mit.“

„Ich habe gesehen, wie er Bonbonpapier im Hausflur verteilt hat“, sagte Ida. „Wollte ich dir erst gar nicht erzählen. Aber jetzt weißt du es. Ich kam gerade aus der Waschküche und war eine Treppe unter ihm. Aber der schnauft so laut, dass er nichts hört.“

„Wisst ihr was? Hier sind viele nicht echt. Interessiert mich aber nicht. Die, mit denen ich mich unterhalten und Spaß haben kann, die sind mir wichtig. Und nun mache ich weiter, denn Pflicht ist Pflicht.“

Abends um einundzwanzig Uhr standen Müllers, Menkes und Buzeks auf ihren Balkonen und prosteten sich zu. Sie hatten Lampions aufgehangen und Ede hatte sein Radio eine Idee lauter gedreht. Sanfte Töne untermalten eine überschaubare auf Abstand Party. Alles war so, wie es sein sollte. Wie wir alle ab und zu sein sollten. Oder war der Müller heute nur ein wenig sentimental?

©Monika Litschko

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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