Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, Teil 27

– 11 –

Nobeline hatte die Nase voll. Nicht nur, daß man sie bei ihrem Debütauftritt in Schrottingham einfach vor die Tür gesetzt hatte, was allein schon demütigend genug gewesen war, nein, nun war ihr auch noch die gesamte Reisetruppe abhanden gekommen. Gestern abend noch hatte sie sich in Begleitung eines guten Dutzend Reisender auf dem Weg nach Versmas befunden und ihnen nach dem Abendessen die Gunst gewährt, ihr gesamtes Repertoire an Gedichten und musischer Kunst zu genießen. Und was war der Dank?

Am nächsten Morgen war sie alleine mitten im Wald aufgewacht. Nur ihr Pferd, das einen höchst unglücklichen Eindruck gemacht hatte, war ihr geblieben.

Banausen!

Nobeline schnaubte vor Empörung während sie ihren sanftmütigen Wallach zu einer schnelleren Gangart antrieb. Für ihren Geschmack hatte sie in letzter Zeit genug Wald gesehen. Der, den sie jetzt durchritt war keinen Deut besser als der, in dem sie die Halunken des Sheriffs aufgegriffen hatten. Und dabei hatte sie sich den Wald immer so romantisch vorgestellt. In sämtlichen Dichtungen und Geschichten war von lauschigen Plätzen, zwitschernden Vögeln, einer himmlischen Stille und der Erhabenheit des Waldes die Rede. Und wie sah die Realität aus?

Mücken, Unterholz und eine unheimliche Atmosphäre, die einem aufs Gemüt schlug, war alles, was einen im Waldesinneren erwartete und, wenn man Pech hatte, noch ein paar hungrige Kreaturen dazu. Das gab Anlaß zu verschiedenen Vermutungen, sinnierte Nobeline, während sie sich bückte, um nicht von einem niedrig hängenden Ast vom Pferd gefegt zu werden. Entweder litten alle Dichter an extremer Kurzsichtigkeit, hatten nie das Innere eines Waldes gesehen oder – was sie für am wahrscheinlichsten hielt – hatten einen diebischen Spaß daran gehabt, Gutgläubigen einen Waldurlaub schmackhaft zu machen, vornehmlich Kritikern, von denen man nie wieder etwas hören würde.

Ein unheimliches Heulen aus den Tiefen des Waldes erinnerte sie daran, daß man eventuell auch von ihr nie wieder etwas hören würde. Und das, wo sie gerade eine so brillante Karriere vor sich hatte! Aber Nobeline wäre nicht Nobeline, wenn sie sich von ein wenig Heulen ins Bockshorn jagen lassen würde.

Nein!

Aus purem Trotz gab sie lauthals quietschend ihre kürzlich komponierte Arie vom tumben Taumel liebeskranker Schmetterlinge zum Besten, bis das qualvolle Wiehern ihres Pferdes sie zwang, aufzuhören. „Du bist auch so ein Ignorant“, fauchte sie verärgert, als das Pferd nach dem Abbruch ihrer Arie dankbar schnaubte und den Kopf schüttelte, als wolle es auch noch die letzten schiefen Töne aus den malträtierten Ohren entfernen.

„Undankbar wie alle Kunstbanausen“, grollte sie und stellte fest, daß auch das Heulen in der Tiefe des Waldes verklungen war. Es war eine Schande. Anstatt von darbenden Fans umgeben zu sein, die an ihren Lippen hingen und ihre Lesungen stürmten, kämpfte sie sich auf einem unmusikalischem Roß durch die abgelegenste Ecke dieses Planeten und mußte gegen die jaulenden Kreaturen des Waldes ansingen. Es war zum wahnsinnig werden. Irgendwie lief alles völlig aus dem Ruder, was nach Nobelines Ansicht nur damit zusammenhing, daß sie es in letzter Zeit ausschließlich mit Ignoranten zu tun gehabt hatte. Selbst ihr eigener Vater bildete da keine Ausnahme, hatte er doch tatsächlich geglaubt, sie an irgend so einen Waldbarbaren verschachern zu können, nur weil in der Kasse gerade mal Ebbe war.

Aber da hatte er sich in den Finger geschnitten!

Es hatte sie zwar etwas gewundert, daß ausgerechnet der schmierige Berater ihres Vaters sie verstanden hatte und ihrer Kunst so zugetan war, daß er sich stundenlang ihre Vorträge angehört hatte. Auf der anderen Seite hatte er mit seinem Bedauern, daß ein solches Talent nun zwangsverheiratet werden sollte, anstatt eine begnadete Karriere an einem Ort zu starten, wo die Leute Kunst noch zu würdigen wußten, ihren Entschluß, Finsterburg den Rücken zuzuwenden, nur gestärkt. Zu ihrer Freude hatte er sich spontan bereit erklärt, ihr bei der Flucht behilflich zu sein. Bei Nacht und Nebel war sie mit einem Führer nach Versmas aufgebrochen, bis sie von den Soldaten des Sheriffs aufgegriffen worden war. Der Rest war Geschichte. Die Zukunft hingegen hieß Versmas. Nobeline sehnte sich nach einem Ort, wo sie es an warmen Sommerabenden mit Gleichgesinnten bei einem Glas Wein zu tun hatte, die wahre Kunst zu schätzen wußten. Einstweilen sah es jedoch eher danach aus, als wenn ihr eine einsame Nacht im Wald bevorstand. Immerhin hing die Sonne schon verdächtig tief am Horizont, und vom Ende der grünen Hölle war meilenweit nichts zu sehen. Wie immer, versuchte Nobeline das Positive an der Situation zu sehen. Das Ganze bot den perfekten Stoff für eine düstere Arie. Einen Titel hatte sie auch schon parat:

Die Schöne und der Schrecken des Waldes.

Das klang vielversprechend! Vielleicht sollte sie heute Abend schon einmal ein paar Verse dichten und eine Melodie erproben. Allerdings erst, nachdem sie das Pferd sicher angebunden hatte, überlegte sie angesichts der Ignoranz des sanften Tieres gegenüber musischen Genüssen.

Eine passende Lichtung war bald gefunden. Im einsetzenden Dämmerlicht schwang Nobeline sich aus dem Sattel und band den Wallach an einen stabil wirkenden, jungen Baum fest. Dann beförderte sie die Satteltaschen vom Rücken des Pferdes und machte sich daran, sie nach etwas Eßbaren zu durchsuchen. Das Ergebnis war niederschmetternd, es sei denn, man stand auf Dörrfleisch und alten Käse. Wütend gab Nobeline der unschuldigen Satteltasche einen markigen Tritt und zitierte lautstark voller Selbstironie aus einem der Waldgedichte, die sie früher so geliebt hatte.

Ich stehe hier, mit breiter Brust,

das Herz, es schwillt, vor Waldeslust,

da kracht es.... ähh, was war das denn?“,

brach Nobeline ab, als ein Geräusch von brechendem Zweigen die nahende Ankunft von etwas höchst Lebendigen aus dem Unterholz verkündete. Nobeline bezweifelte, daß es sich dabei um einen glühenden Verehrer handeln könnte, auch wenn sie sich das klammheimlich wünschte. Das grunzende Etwas, das einen Augenblick später auf die Lichtung stürmte, war von einem glühenden Verehrer allerdings weiter entfernt, als Nobeline vom Mond. Inmitten der Lichtung blieb es stehen und fixierte Nobeline aus kleinen, dunklen Augen, die bösartig funkelten. Nobeline schluckte. Bisher hatte sie Wildschweine nur gut durchgebraten bei einem herben Glas Weißwein kennengelernt. Diese quicklebendige Ausführung hingegen war ihr bisher erspart geblieben.

„Los, verschwinde besser! Mein Proviant ist sowieso knapp, und ich hab‘ schon mehr als einen von deiner Sorte auf dem Teller gehabt“, fuhr sie das Wildschwein an, wobei sie sich fragte, ob es wohl klug war, es darüber zu informieren, daß sie etliche seiner Artgenossen in ihrem Leben verdaut hatte. Das Schwein jedenfalls schien nicht erfreut über diesen Umstand zu sein. Vielleicht mochte es einfach auch nur keine Gedichte zur Abendzeit. Wie auch immer, es grunzte kehlig, senkte angriffslustig den Kopf mit den gewaltigen Hauern und stürmte los.

Nobeline war starr vor Schreck. Ihr ganzes Blickfeld füllte sich in rasendem Tempo mit einer kompakten Muskelmasse voller brauner Borsten aus, die sie jeden Augenblick überrennen oder schlimmer noch, zu ihren Ahnen schicken würde. Mit echtem Bedauern dachte sie an ihre gerade begonnene Ode von dem glückselig beschwingten Liebesreigen der ausgelassenen Waldfeen, die nun in die Geschichte als „Die Unvollendete“ eingehen würde, wofür ihr posthum bestimmt der begehrte Kritzelpreis verliehen werden würde, als die heran rasende Bestie plötzlich schmerzhaft grunzte, sich mehrfach überschlug und zu Nobelines Füßen zum Stillstand kam. Die leblosen Augen schienen vorwurfsvoll zu sagen:

Nie wieder Gedichte im Wald!“

Nobline ignorierte den stummen Vorwurf und betrachtete statt dessen mit echter Verwunderung den langen Jagdpfeil, der in der linken Seite des Wildschweins steckte und geradewegs das Herz durchbohrt hatte. Der Absender des herzlichen Grußes ritt einen Herzschlag später auf seinem nachtschwarzen Rappen auf die Lichtung. Das Pferd schnaubte einmal leise, als es Nobeline entdeckte, die wie die berühmte Statue des vom Blitz getroffenen Gnoms vor dem toten Wildschwein stand, sprachlos den Reiter anstarrte und nicht fassen konnte, was sie sah.

Da saß er auf seinem Pferd!

Der Held ihrer Träume!

Der Ritter auf seinem weißen Roß (falls man eine gewisse Farbblindheit wohlwollend unterstellen mag).

Der Traumprinz, so, wie sie es in so vielen Gedichten gelesen und selber geschrieben hatte. Groß, stolz, von kräftiger Statur mit blitzenden, blauen Augen, einem herausfordernden Kinn und schulterlangen, dunklen Haaren.

Ein Bild von einem Mann.

Anbetungswürdig!

Ein Gott – bis er den Mund aufmachte.

„Sag mal, geht’s dir noch gut, hier im Drachenwald so herum zu jaulen? Deinetwegen wäre mir beinahe der Keiler abgehauen, und dann wären zwei Tage Pirsch umsonst gewesen.“

Nobeline war leicht irritiert. In den Geschichten über stolze Ritter, die unschuldige Maiden aus den Klauen von bösartigen Kreaturen befreiten, hatten die ersten Worte an die holde Gerettete in ihrer Erinnerung irgendwie anders geklungen. Aber wer wollte schon kleinlich sein, wenn einem ein solches Prachtbild von einem Mann das Leben rettete?

Selbiger schwang indes lässig sein rechtes Bein über den Riß des Pferdes und sprang leichtfüßig zu Boden. Mit federnden Schritten, den Langbogen noch immer in der Hand haltend, kam er schnurstracks auf sie zu. Nobeline bebte vor Erregung. Nun war es endlich so weit. Gleich würde der Held ihrer Träume vor ihr auf die Knie fallen und um ihre Hand anhalten.

Vor ihr auf die Knie fiel Nobelines Traumprinz tatsächlich. Allerdings nur, um sich seine Jagdbeute näher anzusehen.

„Aahh. Ein prächtiger Keiler. Sieh dir diese Hauer an. Messerscharf! Damit hätte der dich glatt zersäbelt. Wundervoll. Das gibt ein Festmahl.“

„Ja, alles ganz wunderbar. Übrigens, danke für die Rettung“, brachte sich Nobeline in Erinnerung, die allmählich ein wenig die Geduld verlor. Irgendwie schien ihr Held sich das falsche Drehbuch gegriffen zu haben. Vielleicht war er ja auch nur ein wenig kurzsichtig und hatte noch gar nicht festgestellt, welch wundervolle Maid er vor einem grausamen Schicksal bewahrt hatte. Also beugte sie sich verführerisch zu ihrem Retter hinunter, der gerade mit wachsender Begeisterung den muskulösen Rücken des zukünftigen Festmahls tätschelte.

Ich sagte, vielen Dank für meine Rettung“, wiederholte sie leicht angesäuert, worauf der Held des Waldes in seiner dunkelgrünen, eng anliegenden Lederkleidung sie betrachtete, als würde er sie zum ersten Mal wirklich richtig wahrnehmen. Nobeline jubelte innerlich. Offensichtlich war er wirklich nur kurzsichtig und stellte erst jetzt fest, welch Glück er hatte, sie vor der Bestie gerettet zu haben. Auch wenn die so nebenbei ein prächtiges Festmahl abgeben würde, wie Nobeline zugeben mußte. Den Meisterschuss hingegen, der dies alles erst ermöglicht hatte, betrachtete sie als reinen Glückstreffer, damit ihre Theorie der Kurzsichtigkeit schlüssig blieb. Schließlich kam es auch nicht auf jede Kleinigkeit an; denn nun endlich würde die Geschichte den richtigen Verlauf nehmen. Sie lächelte in freudiger Erwartung bewundernder Komplimente, die nun zweifellos kommen würden.

„Du riechst wie ‘ne Moorleiche und siehst aus, als hättest du schon ein halbes Jahr im Wald verbracht“, knurrte der Angebete und rückte mit gerümpfter Nase ein Stück zurück, worauf Nobeline wütend hochfuhr.

„Was fällt dir ein du äähh du...“, fluchte sie, während sie überlegte, wie man einen perfekten Mann beschimpfen konnte. Ihr fiel nichts ein. Dafür erinnerte sie sich an einige Erlebnisse des heutigen Tages, die sie sorgsam verdrängt hatte. War ihr Pferd nicht an einer besonders sumpfigen Stelle gescheut, gerade, als sie das Lied über die quakenden Frösche im Morgengrauen begonnen hatte und sie dadurch unsanft im stinkenden Morast gelandet war?

Wenigstens hatten sie die Mücken seitdem verschont.

Ach ja, und dann hatte sie ja noch die Idee gehabt, unbedingt die vermeintliche Abkürzung durch das Unterholz zu nehmen, was ihrem optischen Erscheinungsbild sicher nicht gut getan hatte.

„Sieh selbst“, bot der Göttliche ihr an, wobei er ein Stück blank poliertes Metall aus seiner Lederweste zog. Nach einem kurzen, dem wohlgefälligen Lächeln nach zu urteilenden durch und durch zufriedenen Blick auf sein eigenes Spiegelbild, hielt er Nobeline denselben vor die Nase, die erschrocken aufkeuchte. Die Vogelscheuche, die ihr entgegen blickte, war ihr fremd.

„Fünfzig Schritt in diese Richtung ist ein Bach“, informierte der Prächtige sie, wobei er mit dem rechten Daumen über seine Schulter deutete. Nobeline nickte nur stumm. Ihr Anblick hatte sie schlicht erschüttert. Wenn sie sich in ihrem derzeitigen Zustand als Vogelscheuche im Obstgarten ihres Vaters zur Verfügung stellen würde, brächten die Vögel die Kirschen vom letzen Jahr vermutlich vor Schreck wieder. Der Wald hatte sie definitiv geschafft.

„Und bring Feuerholz auf dem Rückweg mit“, rief der Angebetete ihr hinterher, als sie sich mit einem Bündel Reservekleidung aus einer ihrer Satteltaschen wie ein geprügelter Hund auf den Weg machte. Irgendwie war das nicht ihr Tag.

Die Dämmerung war erheblich vorangeschritten, als Nobeline ihr Spiegelbild in dem sanft dahin fließenden Bach wieder akzeptabel fand. Das rote Haar sah nicht mehr aus wie ein vom Sturm verwüstetes Vogelnest, die Schlammspuren ihrer unfreiwilligen Kür im Moor waren auch Geschichte, und das Reitkleid schmeichelte ihrer Figur, der – wie sie zugeben mußte – vielleicht der Verzicht auf das eine oder andere Festmahl nicht geschadet hätte. Sie straffte die Schultern, fest entschlossen, die Angelegenheit nunmehr zu ihrem berechtigten Happyend zu bringen und stolzierte zurück zum Lagerplatz.

„Du hast das Holz vergessen“, begrüßte sie der Strahlende, als Nobeline mit ihrem lieblichsten Lächeln auf den Lippen auf der Bildfläche erschien. Das Lächeln entschwand in gleichem Maße wie ihr Entschluß sich festigte, ihren Traumprinz auf die Spur zu bringen. So konnte es nicht weitergehen!

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist, daß du mich hier zum Holzsuchen herum scheuchen könntest?“, sagte sie mit gefährlich leiser Stimme, die den Schönling stutzig aufblicken ließ.

„Ich bin Prinz.. äähh prinzipiell der Ansicht, daß das Frauensache ist“, gab er entschieden zurück, wobei sein Blick wohlgefällig an ihr auf und abwanderte, wie Nobeline zufrieden bemerkte. Es war schon erstaunlich, was ein wenig Wasser und ein Kamm bewirken konnten. Vielleicht lag es aber auch nur an der richtigen Tageszeit. Im Abendlicht sah ja bekanntlich alles ein wenig netter aus. Selbst eine wütende Nobeline, die nicht im Traum daran dachte, im finsteren Wald nach Holz zu suchen und durch die Gegend zu schleppen. Sie war doch keine Magd.

„Da, wo ich herkomme, sorgt der Mann dafür, daß es die Frau behaglich hat“, fauchte sie.

„Du mußt ziemlich abgelegen leben.“

„Ja, in der Zivilisation. Schon mal davon gehört?“

Der Wunderprächtige schüttelte nach kurzem Nachdenken den Kopf. „Ist bestimmt ein unbedeutender Ort.“

Nobeline verdrehte die Augen und stieß einen Fluch aus, der selbst den Unglaublichen zusammenzucken ließ. Konnte es wirklich sein, daß die Götter so ungerecht waren? Mußte sie sich ausgerechnet in einen Mann vergucken, der noch einfältiger war als ihr Vater?

Oder war das Schicksal?

Wie auch immer, Holz konnte er selber holen.

Ich hole jedenfalls kein Holz. Dann mußt du dein Schwein eben roh essen.“

„Das wird die Wölfe freuen. Ein Feuer wäre das Einzige, was sie davon abhält, sich auf das rohe Fleisch und vielleicht als Nachtisch auf uns zu stürzen. Ich habe gestern ein paar Meilen westwärts die Spuren eines großen Rudels gesehen.“

Wölfe“, ächzte Nobeline.

Wie schlimm konnte es noch kommen?

Zwar hatte sie bisher noch nicht das Vergnügen gehabt, einen Wolf kennenzulernen, aber gehört und gelesen hatte sie jede Menge über die gefährlichen Biester. Verschlagen sollten sie sein und listenreich. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte sie sogar über einen Wolf gelesen, der Frauenkleider bevorzugte und unschuldigen Mädchen in fremden Betten auflauerte. Ein echter Unhold!

„Wieviel Holz brauchen wir?“, gab sie zähneknirschend nach.

„Fang einfach an. Ich sag dir, wann du genug Fuhren angeschleppt hast.“

Uuuhhh!!!“, entfuhr es Nobeline, wobei sie wütend mit den Füßen trampelte, als wolle sie Ameisen vernichten. Dann stürmte sie mit verbissener Miene los. Der Mann war wirklich eine harte Nuß! Aber er sah ja sooooo gut aus.

Eine halbe Stunde später war Nobeline am Ende und der Wald um einen gefühlten halben Klafter Totholz ärmer.

„Das genügt fürs Erste“, lobte der Einmalige die keuchende Nobeline, die erledigt vor einem riesigen Stapel Holz hockte und entfernt an einen nassen Sack Kartoffeln erinnerte. „Jetzt kannst du anfangen, es aufzuschichten.“

Nobeline war fassungslos, angesichts dieser Dreistigkeit. Dieser Waldläufer, der das Wildschwein inzwischen sach- und fachgerecht zerlegt hatte, tat geradeso, als ob er irgendein Fürst und sie seine Bedienstete sei. Es brannte ihr auf den Nägeln, ihm an den Kopf zu werfen, wen er vor sich hatte, aber die Vorsicht hielt sie zurück. In so manchen Geschichten hatte sie über entführte, leichtgläubige Prinzessinnen gelesen. Zwar waren alle vorbildlich vom Helden gerettet worden, aber Ausnahmen bestätigten ja bekanntlich die Regel. Sie bezweifelte zwar, daß ihr Traummann über derart finstere Ambitionen verfügte, aber Vorsicht war besser als Nachsicht. Mit blitzenden Augen funkelte sie ihn an und griff sich den ersten Holzscheit zur Errichtung des Lagerfeuers, welches sie in die Mitte des Lagerplatzes zu entzünden gedachte.

„Zuerst solltest du einen Steinring anlegen“, riet der Fürstliche mit breitem Grinsen, wobei er die Arme hinter dem Kopf verschränkte und Nobeline aufmunternd zunickte. Nur seinen guten Reflexen war es zu verdanken, daß ihn das Holzstück, das sich eben noch in Nobeline Hand befunden hatte, nicht am Kopf traf.

„Geht’s dir noch gut?“, fauchte er, wobei seiner Stimme eine gewisse Belustigung anzumerken war.

„Wenn du endlich mal mit anpacken würdest, ginge es.“

Der Unglaubliche lachte herzlich, streckte sich und erhob sich geschmeidig. Die junge Frau gefiel ihm, auch wenn er das bisher tunlichst vermieden hatte, kundzutun. Zuerst einmal wollte er herausfinden, mit wem er es zu tun hatte. Eine Magd war sie mit Sicherheit nicht, denn die hätte gewußt, wie man ein Feuer anlegte. Dem Auftreten und der Qualität ihrer in Mitleidenschaft geratenen Kleidung nach stammte sie aus besseren Verhältnissen. Fragte sich nur, was sie mitten im tiefsten Drachenwald trieb? Ihre Spuren hatte er bereits am Vormittag entdeckt und sich gefragt, wie jemand so dumm sein konnte, mitten ins Stinkemoor zu reiten. Nun hatte er die Antwort. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wo sie war. „Wie heißt du eigentlich?“, fragte er, wobei er weiterhin die vertraute Anrede beibehielt, die sie bisher benutzt hatten.

„Nobel ääähh in noblen Kreisen stellt sich der Mann zuerst vor“, raunzte sie ihn an, während sie mit beiden Händen einen faustgroßen Stein aus dem Boden klaubte und zur Mitte der Lichtung schleppte, wo sie ihn einfach fallen ließ.

„Nenn mich Van, so rufen mich meine Freunde.“

„Van, hmmm.“ Nobeline ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. Wieso erinnerte er sie an irgend etwas? Sie zermarterte sich das Gedächtnis, jedoch ohne Ergebnis.

„Und?“, fragte Van.

„Oooh, ja, also, nenn mich Lyrika, so kennen mich meine Fans.“

„Fans?“ Van sah ehrlich verwirrt aus.

„Ich bin Künstlerin“, erklärte Nobeline, wobei sie stolz das Haar zurückwarf und die Hände vor der Brust verschränkte. „Gedichte, Gesang und Poesie.“

„Komisch, ich hab nie von dir gehört“, wunderte sich Van.

„Wundert mich nicht. Wer wie du im Wald lebt, kommt vermutlich nur selten mit Kultur in Berührung“, versetzte Nobeline bissig.

„Dann frage ich mich, was du im Wald treibst?“

„Ich komme gerade von einem viel gefeierten Auftritt aus Schrottingham und will nun nach Versmas. Da versteht man was von..., hey, warum lachst du denn so? Versmas ist bekannt für seine Kultur.“

Van gluckste belustigt und wischte sich mit dem Handrücken ein paar Lachtränen aus den Augen. „Ach, das hat gut getan. So ein Späßchen zwischendurch habe ich jetzt gebraucht.“

Nobelines Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Traummann hin oder her. Bei Kritik an ihrer Kunst verstand sie keinen Spaß. „Hast du dich etwa über mein Talent lustig gemacht?“ Ihre Stimme klang, als hätte sie mit Eiswürfeln gegurgelt. Van winkte ab.

„Nein, es ist nur...“ Wieder brach er in schallendes Gelächter aus. Nobeline wippte ungeduldig mit den Füßen, während es in ihr brodelte wie in einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

„Vielleicht kommst du mal zur Sache!“, fauchte sie. Van nickte, wobei es ihm kaum gelang, ernst zu bleiben.

„Von Schrottingham aus gesehen bist du genau in die entgegen gesetzte Richtung geritten und im Drachenwald gelandet. Und der gehört zu Protzland, was von Schrottingham aus gesehen im Westen liegt. Versmas hingegen liegt in Lyrarien, was von Schrottingham aus gesehen im Osten liegt. Verstehst du?“

„Verdammt!“ Mutlos ließ sich Nobeline auf den Boden nieder und warf ein Stück Holz aus ihrer Sammlung wütend in das nahe Unterholz. Als Waldläuferin war sie eine echte Niete.

„Nimm’s nicht so schwer. Ich wollte ohnehin ein paar Tage weg, und in Versmas war ich noch nie. Wenn du willst, bringe ich dich hin.“

Nobeline nickte stumm, während sie allmählich das Positive an ihrer Situation erkannte. Wenn sie Van richtig verstanden hatte, war sie gewaltig vom Weg abgekommen, was bedeutete, daß Van ihr die nächsten Tage erhalten bleiben würde. Und in ein paar Tagen konnte vieles passieren. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie die Möglichkeiten erwog, die sich ihr nun boten.

„Dann sollten wir uns jetzt für den langen Weg stärken“, sagte sie mit einschmeichelnder Stimme und nickte zu den sorgsam zurecht gelegten Fleischstreifen hinüber. „Ich hoffe, du kochst genauso gut wie du schießt.“

 

– 12 –

Einen guten Tagesmarsch entfernt führten zwei Männer gerade ein ebenfalls höchst interessantes Gespräch über die Zukunft von Nobeline. Gemeinsam hockten sie unter einer gewachsten Zeltplane, die den hartnäckigen Regen nur unzureichend abhielt. Der Ältere der beiden wirkte, als sei er mindestens so gut eingewachst wie die Plane über ihm. Sein bleiches Gesicht reflektierte das trübe Licht des Tages und ließ seine farblosen Augen noch unheimlicher erscheinen, als sie es ohnehin schon waren. Schulterlanges, strähniges graues Haar klebte an seinem knochigen Schädel, der von einer ausgeprägten Nase dominiert wurde. Gekleidet war er in lederne Reitkleidung und einen schweren, schwarzen Umhang mit Kapuze in den er sich gehüllt hatte. Finster spähte er in den kontinuierlich fallenden Regen, als würde er dort etwas sehen, was anderen verborgen blieb.

„Erkläre mir noch einmal, wie sie dir entkommen konnte“, forderte er seinen Begleiter mit täuschend ruhiger Stimme auf. Der Angesprochene, dessen spitze Gesichtszüge an ein Wiesel erinnerten, zuckte unwillkürlich zusammen. Die verschlagenen Augen bewegten sich unruhig hin und her, als suche er nach einem Ausweg aus der Misere. Es war nicht zu übersehen, daß er sich äußerst unwohl in der Gegenwart seines unheimlichen Begleiters fühlte.

„Ja, Herr. Wir waren unterwegs wie besprochen. Sie ahnte nichts von unserem Plan, sie zur Hexe zu bringen, da bin ich mir sicher, Herr. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt..“, er stockte und wirkte plötzlich, als litte er unter starken Zahnschmerzen, „...Gedichte zum Besten zu geben und mir Lieder vor zu singen.“ Das letzte Wort ging bei der Erinnerung an das Grauen, das er durchlitten hatte, in ein Schluchzen über. „Es war furchtbar. Fällt Euch auf Herr, wie ruhig es im Wald ist? Sie hat sämtliche Waldbewohner vertrieben. Aber ich habe durchgehalten, Herr. Oh ja! Und dann sind die verdammten Soldaten plötzlich aufgetaucht, haben uns einkassiert und nach Schrottingham verfrachtet. Den Rest kennt ihr.“ Der Regen trommelte monoton auf die gewachste Zeltplane, während Wiesel nervös zu dem Unheimlichen hinüber blickte. Schließlich nickte der Unheimliche, als sei er zu einer Entscheidung gelangt.

„Gut, daß die Soldaten dir dazwischen gekommen sind, war Pech. Aber daß du dir die Kleine nicht nach ihrem Aufbruch aus Schrottingham geschnappt hast, war Versagen! Du weißt, was wir Nordländer mit Versagern machen?“

Wiesel nickte und rückte automatisch ein wenig von dem Unheimlichen ab. Seine Hand tastete nach dem Dolch, den er verborgen unter seiner schmuddeligen Lederkleidung trug. Er hatte Wiesel schon bei so manch schmutzigen Auftrag gute Dienste erwiesen. Nur diesmal war alles schief gegangen. Er bedauerte inzwischen inbrünstig, daß er sich von dem Unheimlichen für diesen Auftrag überhaupt erst hatte anwerben lassen. Er erinnerte sich noch gut an den verhängnisvollen Moment. Damals hatte er den Unheimlichen tief ins Hexenmoor zur alten Hedwig geführt, die am Rande einer stinkenden Brühe in einer windschiefen Holzhütte hauste und verbotene Tränke braute. Keine tausend Pferde hätten Wiesel in die Hütte hinein bekommen. In den Spelunken rund um das Hexenmoor erzählte man sich allerlei finstere Dinge über Hedwigs Behausung. Viele hatten sie wegen eines Hexentrunks aufgesucht, aber angeblich sollte nicht jeder die Hütte auch wieder verlassen haben. Natürlich waren das nur Gerüchte, aber an jedem Gerücht war bekanntlich ein Körnchen Wahrheit. Wiesel hatte den Unheimlichen gewarnt, doch der war ohne zu Zögern in die Hütte gestiefelt und zu Wiesels Verblüffung nach kurzer Zeit mit einem höchst zufriedenen Gesichtsausdruck wieder herausgekommen. Damals hatte er die Worte ausgesprochen, weswegen Wiesel nun in der Tinte saß:

Ich habe einen Auftrag für dich.

Wiesel schluckte bei der Erinnerung. Dann fiel ihm siedendheiß ein, daß der Unheimliche auf eine Erklärung wartete. „Sie wollten mich hängen“, setzte er zur Erklärung an. „Also floh ich und hatte daher keine Möglichkeit, sie mir zu greifen. Ich wartete gut getarnt außerhalb der Stadt, aber das verdammte Gör ist in Begleitung einer gut bewaffneten Truppe Händler abgereist. Ich schlich hinterher, um einen geeigneten Moment abzuwarten, aber als ich zu der Gruppe aufschloß, war sie bereits verschwunden. Die Händler hatten ihr Gequietsche nicht länger ertragen und waren bei Nacht und Nebel ohne sie abgehauen.“

Der Unheimliche nickte. Verstehen konnte er die Händler.

„Ich weiß, was sie durchgemacht haben“, sagte er mit einer Stimme, in der namenloses Grauen mit schwang. „Ich mußte mir das tagelang anhören.“ Sein Blick wurde glasig. „Einmal trug sie mir ihr Epos über den liebeskranken Ritter und die wundervolle, aber widerspenstige Maid vor. Es hat...“ Seine Stimme brach, als ihn die Erinnerung zu überwältigen drohte. „Es hat zehn Akte“, fuhr er flüsternd fort, worauf Wiesel schaudernd zusammenfuhr.

„Wacht ihr deshalb Nachts noch immer schreiend auf?“ Seine Stimme war ein heiseres Krächzen. Der Unheimliche nickte und erschauderte unter seinem schwarzen Umhang, als litte er unter Fieber. Es fiel im sichtbar schwer, sich zusammen zu nehmen und wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Sie haben sie also zurückgelassen. Hast du wenigstens ihre Spur gefunden?“

Wiesel nickte zögernd.

„Muß ich die Antwort erst aus dir heraus prügeln?“

„Sie ist nach Westen unterwegs. Ich bin der Spur ein paar Meilen gefolgt und habe sie dann in einem Moor verloren“, beeilte sich Wiesel, mitzuteilen.

„Ich denke, sie wollte nach Versmas“, wunderte sich der Unheimliche. „Das kann nur bedeuten, sie hat sich verlaufen. Das ist gut. Irgendwann wird es ihr auffallen und sie wird umdrehen. Dann kommen wir wieder ins Spiel. Von Westen her führt nur eine Straße nach Versmas. Und die geht mitten durch den Flüsterwald. Dort werden wir auf sie warten.“

 

Wird wieder fortgesetzt..


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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