Monika Litschko

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 1

Der Abend war schwül und feucht. Ich drehte das Fenster herunter und atmete die vom Fahrtwind gekühlte Luft tief ein. Mein Weg führte mich nach Rhynstar. Einem verschlafenen Nest, mit etwa eintausend Einwohnern, die sich teilweise in der hügeligen Landschaft angesiedelt hatten. Der Kern, der schon seit Generationen hier lebte, wohnte nahe am Zentrum des Dörfchens. Eigentlich war hier alles sehr dörflich und die meisten Häuser lagen in den Hängen des Waldes. Aber nah genug am Marktplatz. Was mir sofort auffiel, war, dass Straßen und Gehwege gepflastert waren. Eigentlich ungewöhnlich in der heutigen Zeit.

Mein Name ist Simon und ich fange mit meiner Kamera das letzte Kapitel des Lebens ein. Andere meiner Art, drehen den Anfang und die Lebensmitte. Mittlerweile wisst ihr, wer ich bin und was meine Aufgabe ist. Warum ich dieses tue, verrate ich euch irgendwann, aber nicht heute. Oder sollte ich es heute lüften, das Geheimnis? Ich werde mich am Ende der Geschichte entscheiden.

In Rhynstar ereigneten sich merkwürdige Dinge. Menschen, denen sie widerfuhren, lebten täglich mit der blanken Angst. Alles, was diesen Menschen widerfahren ist, kann auch euch widerfahren. Es gibt Dimensionen und Zeitfenster, die sich immer wieder öffnen. Diese Kreaturen, die euch dann heimsuchen, lieben die Dunkelheit und ernähren sich von eurer der Angst. Mal betreten sie diese Welt, weil ein Tor versehentlich geöffnet wurde. Und ein anderes Mal, um Rache zu üben. Dieses herauszufinden, ist jetzt meine Aufgabe. Übrigens, auch deine dunkle Seite kann dich finden und dir übelst mitspielen.

Ich parkte auf dem Marktplatz, griff nach meiner Kamera und stieg aus. Das Auto konnte man eben so wenig sehen wie mich. Mein Weg führte mich zu den Floyds, deren Haus gleich um die Ecke stand. Melanie Floyd, Tochter von Ben und Iris Floyd, behauptete, dass die Spiegel des Hauses ein Eigenleben führten. Iris schob Melanies Angst vor Spiegeln auf die Pubertät, die sich bei ihr eben länger hinauszögerte. Ben hingegen fuhr mit seiner sechszehnjährigen Tochter zu einem Psychologen, der sich der Heranwachsenden annahm und ihr nach einem längeren Gespräch, Antidepressiva verschrieb, die das Mädchen aber nicht einnahm. Sie hatte Angst, dass, wenn sie schlief, schlimmeres mit ihr passieren würde.

Ich schaute mir das Haus genau an und filmte es mit der Kamera, die auf meiner Schulter lag. Es war ein großes und pompöses Haus. Was fehlte, war die Veranda, die in dörflichen Gegenden üblich war. Gerade mal drei Steinstufen führten zu einer massiven Haustür. Ich berührte den Knauf und öffnete die Tür. Sie schienen zu schlafen und so bemerkte niemand den kühlen Luftzug, als ich in den riesigen Flur trat. Eine Uhr tickte laut und vernehmlich. Ich ging ins Wohnzimmer und entdeckte eine alte Standuhr, die monoton tickte. In ein paar Minuten war es Mitternacht und ich ahnte, dass sie dann ein richtiges Getöse von sich geben würde. Eins, zwei, drei, jetzt. Laut und hart klangen ihre Schläge, als beide Zeiger auf die Zwölf schnellten. Nach dem zwölften Schlag nahm sie das monotone Ticken wieder auf und ich sah mich um. Die Herrschaften standen auf alt, soviel stand fest. Von Moderne keine Spur. Über einer wuchtigen Anrichte schwebte ein weißes Laken. Ich hob es an und sah in einen schon blind werdenden Spiegel, der sich über die Länge der Anrichte erstreckte. So handhabten sie das hier? Laken drüber und der Spuk verschwand? Die anderen Räumlichkeiten interessierten mich nicht, da sie in allen Haushalten fast gleich waren. Ich wollte nach oben und mich umsehen. Eine recht breite und lange Treppe führte mich nach oben auf einen großen Flur. Wuchtige Bilder hingen an den Wänden, mit Menschen, die schon lange verstorben waren. Oder ihre Gestalten waren dem Geist eines Malers entsprungen. Zierliche Schränke, auf denen allerlei Figuren standen, säumten meinen Weg, der auf wertvollen Läufern stattfand. Und auch hier steckten wieder Spiegel hinter weißen Laken. Ich filmte den oberen Bereich und erkannte, dass es drei Nebenflure gab, die ich sofort in Augenschein nahm. Zwei entpuppten sich als Sackgassen. Der dritte Flur allerdings war offen und ich stand in einem größeren Raum, indem ebenfalls eine Treppe nach unten führte. Mich interessierte allerdings Melanies Zimmer, welches ich nun suchen wollte. Was sich aber bei der Anzahl von Türen als ein wenig schwer erwies. Als erstes landete ich in einem Musikzimmer, in dem ein Klavier, ein Cello und eine Geige standen. Es roch muffig und abgestanden. Ich schloss die Tür wieder und betrat den nächsten Raum, aus dem ein leises Schnarchen kam. In einem Doppelbett lagen die Floyds und schliefen. Beide waren von üppiger Gestalt und im mittleren Alter. Als ich wieder auf dem dunklen Flur stand, öffnete sich eine Tür und ein junges zierliches Mädchen betrat ihn. Sie trug einen bunten Pyjama und hatte ihr schwarzes Haar war zu einem Zopf geflochten. Das musste Melanie sein. Zielstrebig ging sie auf den Spiegel zu, der am Anfang der Treppe hing. Sie wollte das Tuch nicht abhängen, das fühlte ich. Aber irgendetwas drängte sie, es doch zu tun.

„Bitte nicht“, flüsterte sie. „Ich will es nicht sehen.“
Ein Windhauch, der aus dem Nichts kam, ließ das Tuch flattern wie eine Fahne. Melanies Hände zitterten und Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, als sie es herunterzog. Lautlos fiel es zu Boden, vor ihre nackten Füße. Ich sah nichts Ungewöhnliches. Nur ein Mädchen im Spiegel, deren Blick starr vor Angst war. Es tat mir leid, dass ich ihr nicht helfen konnte oder gar trösten. Als ich dieses dachte, zerflossen ihre Konturen im Spiegel und ich sah einen einfachen Holzsarg, der auf zwei Böcken, in einem Gewölbe stand. Ich zoomte näher heran und erkannte, dass in dem Sarg eine Frau lag, die langsam ihre Augen öffnete und den Kopf drehte. Sie starrte Melanie an und kletterte seelenruhig aus dem Sarg. Das Mädchen zitterte wie Espenlaub, als die Frau, die ich nur als schön bezeichnen konnte, mit staksigen Schritten immer näherkam. Sie legte beide Hände auf den Spiegel und schaute sich um. Ihr Blick war unruhig und böse, als sie Melanie zu sich heranwinkte. Das Mädchen weinte, aber sie trat vor den Spiegel, wie ihr geheißen. Die unbekannte Tote trug ein einfaches Kleid aus Sackleinen, was ihrer Schönheit aber nichts anhaben konnte. Blondes Haar umrahmte ein schmales Gesicht mit einer feinen Nase und vollen Lippen. Nur die Augen passten nicht, denn in ihnen loderte ein böses Feuer. Als sie dem Mädchen befahl, ebenfalls die Hände auf den Spiegel zu legen, veränderte sie sich. Ihre Haut wurde schwarz und blutig. Der Schädel haarlos und die Augen rutschten tief in die Höhlen. Sie leckte über den Spiegel und saugte sich mit zerfetzten Lippen daran fest. Noch hatte Melanie den Spiegel nicht berührt.
„Keine Angst mein Kind, berühre den Spiegel. Berühre ihn, Melanie.“
Minuten vergingen und das Mädchen ließ die zitternden Arme wieder sinken.
„Nein“, flüsterte sie, „das werde ich nicht tun.“
Die Gestalt aus der Spiegelwelt tobte und schrie vor Wut. Sie hämmerte gegen die Scheibe und presste das Gesicht dagegen.
„Berühre ihn!“, schrie sie mit kreischender Stimme. „Berühre ihn!“
Als Melanie zusammenbrach, war der Spiegel wieder ein Spiegel und nichts anderes. Es war so, als wäre nichts geschehen. Ich setzte mich neben sie und wartete, dass es Tag wurde.

Am anderen Morgen fanden die Floyds ihre Tochter auf dem weißen Laken liegend, welches den Spiegel verdeckt hatte.
„Melanie!“, rief Iris Floyd und kniete neben sie. „Kind, wach auf, was ist geschehen?“
Ben Floyd hob seine Tochter vom Boden und trug sie in ihr Zimmer. Behutsam legte er Melanie aufs Bett und setzte sich neben sie. Zärtlich griff er nach ihrer Hand und streichelte diese.
„Melanie, was ist passiert? Waren es wieder die Spiegel?“
Melanie nickte und weinte. Und auch ihr Vater weinte, als er über ihr schwarzes Haar strich.
„Es war nur ein Spiegel, Dad. Dieses Mal nur einer.“
„Wir werden einen Weg finden, das verspreche ich dir. Es gibt immer einen Weg, mein Kind.“

Ich schaute Mrs. Floyd an und erschrak, denn ihr Blick sprach Bände. Hasserfüllt schaute sie die beiden an. Ohne eine Spur von Mitleid, Liebe und Wärme. Erst als Ben sich erhob und zu ihr ging, veränderte sich ihre Mimik. Mein Gott, da stand plötzlich die pure Güte, deren besorgter tränenschwerer Blick auf Melanie geheftet war.

„Dein Vater hat recht. Wir werden einen Weg finden. Möchtest du liegenbleiben oder mit uns frühstücken?“
„Ich komme gleich, geht ruhig schon runter.“

Ich folgte den Floyds und wunderte mich abermals über Iris. Als sie an dem Spiegel vorbei ging, deren Laken auf dem Boden lag, grinste sie triumphierend. Und ich fragte mich, warum. Kurz bevor sie den Treppenabsatz erreichte, machte sie allerdings kehrt und legte das Laken wieder über den Spiegel. Mr. Floyd hatte, da er voran ging, nichts davon mitbekommen. Ich blieb und ging wieder zu Melanie, die aber im angrenzenden Bad hantierte. Also setzte ich mich in den roten Schaukelstuhl, der vor dem Fenster stand und wartete. Dieses Zimmer war freundlich und modern. Ein Mädchenzimmer, wie bei tausend anderen Teenagern auch. Es standen noch drei weitere Namen auf meiner Liste, die es galt aufzusuchen. Da ich in alle Geschehnisse nicht eingreifen konnte, weil mir dieses untersagt war, entschied ich mich, Senoknanok zu wecken. Doch wenn versehentlich ein Tor geöffnet wurde, musste ich Marius um Hilfe bitten. In mir war ein Zwiespalt und ich konnte mich nicht entscheiden. Senoknanok, der die erste Asche vom Anbeginn der Zeit gesammelt hatte, erlangte durch diese die Macht, alle untoten Seelen auszulöschen. Endgültig. Einzige Voraussetzung, diese Wesen müssen ihr Schattenreich verlassen und in diese, unsere Welt kommen. Marius, Engel der Zwischenwelten, verschloss versehentlich geöffnete Tore, ohne den Schattenwesen ein Haar zu krümmen. Es waren Abtrünnige, die die Welt, in der er herrschte, versuchten zu verlassen. Jeden hatte er bisher zurückgeholt und jedes Tor wieder verschlossen. Es war ihr Los, dort zu bleiben. Wer in der Zwischenwelt sein Dasein fristete, hatte dieses in der letzten Sekunde seines Todes beschlossen. Eigentlich waren es gepeinigte Seelen, die den Schock des Todes, meistens war dieser gewaltsam, nicht verarbeitet hatten.
Wer sich jetzt fragt, warum ich diesen Auftrag nicht allein erfüllte, dem sei gesagt, dass ich in das Übernatürliche nicht eingreifen kann. Eigentlich darf ich mich nie einmischen. Das letzte Kapitel des Lebens ist immer privat. Bei den Nebenfrauen, ihr erinnert euch, stand das Ende fest, denn es war schon geschrieben. Die Ochchatateras nahmen einem Mann, der alle Daseinsberechtigungen verspielt hatte, das Leben. Aber auch die Nebelfrauen mussten sich der göttlichen Fügung unterwerfen und diese Welt verlassen. Das Gleichgewicht war somit wiederhergestellt.

Melanie kam aus dem Bad. Sie hatte Ringe unter den Augen und sah blass …

©Monika Litschko
 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Monika Litschko).
Der Beitrag wurde von Monika Litschko auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Herzschlag von Silke Burchartz



Gefühle und Gedanken
tief aus der Seele
in Wort und Bild
von Silke Burchartz

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Unheimliche Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Monika Litschko

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Aufregung im Weihnachtsland von Monika Litschko (Weihnachten)
Du böser, böser Junge..., Teil I. von Klaus-D. Heid (Unheimliche Geschichten)
Die zärtlichen Worte eines Streithahnes von Michael Reißig (Humor)