Wolfgang Hoor

Ein vergessenes Haus meiner Kindheit

Ein vergessenes Haus meiner Kindheit

„Und“, fragt mein Bruder, als wir unsere letzte Mietwohnung in Saarbrücken an der Südseite eines großen Häuserkarrees wiedergesehen haben. „Zufrieden? War es das, was du sehen wolltest?“ Er sieht es natürlich sofort. Ich bin enttäuscht. Aus der Max-Braunstraße ist eine Großherzog-Friedrich-Straße geworden. Das Hofgelände, das man immer noch wie damals durch ein Tor betritt, ist ein Spielplatz für jedermann geworden. Die Teppichstange, an der wir geturnt haben, ist verschwunden, und die Zäune, die die Einzelhöfe voneinander trennten und die wir Kinder in ständigen kleinen Hofkriegen verteidigten oder durchbrachen, gibt es nicht mehr. Die Hausnummer 134 stimmt noch, auch der Balkon im zweiten Stock, von dem aus unsere Mutter uns oft ins Haus gerufen hat, existiert noch. Aber das ist nicht mehr das Haus meiner Kindheit. Es hat sich noch nicht ganz, aber doch weitgehend, in ein Nichts aufgelöst. „Und die Scheidterstraße 89, sollen wir da auch mal hin?“, fragt mein Bruder. – „Ach lass“, sage ich enttäuscht. „Vorbei ist vorbei.“

Aber in meinem Inneren wird es nicht ruhig. Vorbei ist nicht vorbei. Und wenn es noch einen weiteren steinernen Rest meiner Kindheit gäbe wie das Tor und den Balkon hinter der Nummer 134, es wäre ein Anker für meine brüchigen Erinnerungen. Ich will hin. Aber diesmal alleine. Ich sage meinem Bruder, dass ich einen ehemaligen Kommilitonen besuchen will, bringe das Navi im Auto an und stelle „Scheidterstraße 89“ ein. Das Navi führt mich in eine Straße, die ich nicht kenne. Ich fahre diese Scheidterstraße hoch und runter, ich suche den Waldweg, der zum Schwarzenbergturm führt, aber stattdessen führt mich das Navi in ein Industriegelände. Ich frage nach der richtigen Scheidterstraße. „Außer dieser Scheidterstraße gibt es in Saarbrücken keine andere Scheidterstraß“, höre ich. Das kann nicht sein! Ich muss zurück in die Innenstadt, ich muss mich beraten lassen. Ich glaube den Rückweg zu kennen, aber statt ins Zentrum zurück fahre ich in offenes, hügeliges Gelände. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Irgendwo rechts von mir fließt ein Fluss. Das muss die Saar sein. Ich muss mich völlig verfahren haben! Ich fahre in einen Ort ein, dessen Namen ich so schnell nicht habe lesen können, es dauert lange, bis ich an der Seite einen Parkplatz finde. Ich steige aus. Wonach soll ich fragen, wenn mir jemand begegnet?

Es kommt ein Mann auf mich zu in einem Aufzug, wie ich ihn von Bildern aus der Wende zum 20. Jahrhundert kenne: Schwere Stiefel, eine altmodische, unförmige Hose, breite Hosenträger, ein grobes leinenes Hemd und ein schwarzer Hut mit einer weiten kreisrunden Krempe. Er betrachtet mich einen Augenblick wie einen Marsmenschen, dann aber bleibt er stehen. „Wo wollen Sie denn hin?“, fragt er. Dass hier die Scheidterstraße nicht sein kann, ist mir klar. Ja, wo will ich denn dann hin? „Zum Haus meiner Kindheit!“, sage ich und schäme mich sofort über meine unsinnige Angabe. Der Mann ist nicht im geringsten verwundert. „Gehen Sie in die nächste Straße nach rechts“, sagt er. „Linkerhand muss das Haus sein. Sie können es nicht verfehlen.“ Ich will ihm erklären, worum es mir wirklich geht, aber da stapft er schon davon. Die nächste Straße, die nach rechts abzweigt, hat keinen Straßenbelag. Zur Zeit ist sie einigermaßen fest. Wenn es geregnet hat, muss sie aber ein Schlammfeld sein.

Was soll ich hier? Ich gehe ein paar Schritte in die Straße hinein, sehe Häuser, die mich nichts angehen. Linkerhand ist eine Hauswand ohne Fenster, in der Mitte ein Tor, das von einer Holztür mit einem halbkreisförmigen Bogen oben verschlossen ist. „Milch und Brot“ steht auf der Tür in Kreideschrift. An irgendetwas erinnert mich das Tor. Aber ich kann es nicht einordnen. Die Schriftzeichen sind Sütterlin. Wer hat mir erzählt, dass seine Eltern in ihrem Heimatdorf Milch und Brot verkauft haben? Ich habe es vergessen. Eine Welle der Angst und Wut steigt in mir hoch. Wie konnte ich so blöd sein, mich hierhin schicken zu lassen? Ich muss weg hier! Oben an der Hauptstraße rumpelt ein Heuwagen die Straße hinauf. So klappert es, wenn Kopfsteinpflaster befahren wird. Aber ich bin doch mit meinem Wagen auf Asphalt in den Ort eingefahren! Ich sollte jetzt nach meinem Auto sehen. Ein zweiter Heuwagen klappert in der anderen Richtung über die Hauptstraße.

Ich laufe ein paar Schritte zurück und stoße mit einer Person zusammen. Es gibt einen hässlichen Aufprall, ich falle auf den Hintern. „Was bischn du für äna!“ sagt eine belustigte Stimme. Als ich wieder stehe, hat sich eine relativ zierliche Frau vor mir aufgebaut. Sie trägt eine Milchkanne und hat eine große Tasche über der Schulter. Ihr schwarzes Kleid geht bis zu den Knöcheln. Sie kichert. „Machsche immer so Sache, wenn e Fraa kummt?“ – Ich streiche mir den Schmutz von der Hose. „Willsche aach zur Maria Milsch holle? Kumm, is jo nix passiert.“ Sie nimmt mich an der Hand und öffnet dann das Holztor. Ich sehe einen langen Tunnel und dann links und rechts zwei Hauseingänge, alles sehr eng, sehr ungepflegt, alles in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand. Und jetzt kreischt von links eine Stimme: „Jesses, die Änni! Ween haschn do mitgebrung?“ – „Ei mei Zwettjinschter, de Wolf, den kennsche doch. Sach mal scheen gutn Dach!“ Ich schaue die Frau, die mich durch eine knarzende Tür in eine dunkele Küche zieht, wütend an. Wieso soll ich ihr Sohn sein? Was passiert hier mit mir? Ich bin ein erwachsener Mann. Ich will hier weg. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich will zu meinem Auto.“ – Maria kreischt: „Was schwätschn du firn Zeisch? Setz disch do uff die Bank, wo de hingeheerscht.“

Die Frau, die sich als meine Mutter ausgeben hat, setzt sich auf die Bank an der Wand, von der der Putz bröckelt. Die Maria mit der schrillen Stimme setzt sich daneben. O ja, dieses Haus meiner Kindheit hatte ich vergessen, in die Scheidterstraße wollte ich fahren wegen der schönen Erinnerungen, aber nicht hierher, nicht nach Kleinblittersdorf. Ich weiß nicht, warum ich dieses Haus meiner Kindheit hasse. Ich stehe auf. „Ich gehe jetzt!“ Meine Mutter ist zierlich, aber sie drückt mich mit Leichtigkeit auf die Bank zurück. „Do bleibsche sitze. Soo unheeflisch wirsche jo nit sinn. Unn wenn die Erwachsene schwätze, will ich kä Wort von dir heere.“ Ich erhebe mich wieder. Meine Mutter ist seit Jahren tot, ich bin ein erwachsener Mann. Auch meine längst verstorbene Tante Maria erhebt sich. „Gell, du maanscht e bissche Schokolad, die weiße, die de immer so gäär gess hascht.“

Warum um Himmels Willen nehme ich ihre Schokolade an? Warum um Himmels willen bleibe ich vor dem Spiegel stehen, der auf dem Küchenschrank steht? Ich starre auf mein Gesicht im Spiegel. Ich bin ein Junge. Ein Junge von zehn Jahren! Die Tante bringt mich zu der Bank zurück. „Unn unser Kätzche, die Muschi, is aach noch do. Komm, Muschi, Muschi Musch. De Wolf waat uf disch.“ Jetzt setze ich mich entsetzt. Und da sitzt schon die Muschi neben mir und hat offensichtlich vergessen zu sterben, und ich kann nicht anders: Ich bleibe sitzen und schmuse mit ihr. Und inzwischen ist aus meiner Wut Neugier geworden. Warum habe ich diese Küche so gehasst? Da, von der Decke flattern drei lange Fliegenpapiere, an denen sich unzählige Stubenfliegen winden und quälen und sich Beinchen ausreißen, und da kommen schon die anderen, um qualvoll zu sterben.

Und dann wird weiter gestorben. Die beiden Frauen neben mir tauschen die letzten Todesfälle aus: Die Eva mit dem unehelichen Kind, die hat sich selbst das Leben genommen, die ist in die Hölle gefahren. Und in der Grube sind 8 Bergleute umgekommen, da konnte niemand mehr helfen, hoffentlich waren sie nicht im Zustand der schweren Sünde. Und den Sozi, der immer am ersten Mai hier das große Wort schwingt, den hat die Strafe Gottes erwischt, auf die wir immer gewartet haben: Sein Sohn Dieter ist bei einem Unfall umgekommen. Und der zweite Sozi am Ort; der immer schlecht über den Pastor spricht, der lebt noch so, als könne ihm niemand was anhaben. Aber der liebe Gott lässt sich nicht auf der Nase rumtanzen. Lange wird das nicht mehr mit ihm gut gehen. Und während die Hausfliegen sich da oben zwischen Decke und Bank winden und quälen – Gott sei Dank können sie nicht schreien, was gäbe das für ein höllisches Geschrei - wird hier auf der Bank weiter und weiter und weiter gestorben, an Jahrtausende des Sterbens wird lustvoll erinnert.

Die zwei Frauen haben mich vergessen. Ich stehe auf, sie merken es nicht, ich gehe zur Tür, sie lassen mich gehen. Ich gehe den Lehmweg zurück. Die Straße ist asphaltiert. Viele Autos fahren durch, viele Parkplätze sind zugeparkt. Ich finde mein Auto problemlos wieder. Ich stelle mein Navi ein auf das Haus meines Bruders. Den Weg finde ich ohne Schwierigkeiten. „Und wie geht es dem Kommilitonen?“, will mein Bruder wissen. – „Er ist unter Tage gestorben. Hoffentlich nicht im Zustand der schweren Sünde.“ Mein Bruder starrt mich an. „Weißt du, wie Stubenfliegen an Fliegenpapier sterben?“, frage ich. „Was ist mit dir? Wo warst du?“ – „In einem Haus der Kindheit. Dem einzigen, das noch so ist, wie es einmal war.“

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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