Klaus Buschendorf

Santa Maria!

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

5. Santa Maria!

Am Abend des 07. November 1620 soll Tilly, der Feldherr der Kaiserlichen, zweifelnd den Hang des Weißen Berges bei Prag hinauf gesehen haben. Hier sollten seine Söldner, bergauf kämpfend, das Heer der böhmischen Stände besiegen? Die böhmischen Kronländer, Schlesien, Mähren, die Lausitz, gar Nieder- und Oberösterreich, selbst ein ungarischer Fürst aus Siebenbürgen traten gemeinsam gegen ihren rechtmäßigen Herrn an, um ihren neuen evangelischen Glauben zu bewahren gegen den katholischen Ferdinand von Wien, rechtmäßiger Erbe des Königreiches Böhmen und gewählter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, abgewählt von den Ständen in Prag, weil er den „Gnadenbrief“ seines Vorgängers nicht verlängern wollte. Ein reichliches Jahr schon tobte der pfälzisch-böhmische Krieg und Ferdinand wollte ihn mit der Einnahme Prags endlich entscheiden. Er, der anfangs fast nichts besaß außer das ihm unbotmäßige Böhmen, brachte spanische Kavallerie aus den Niederlanden auf, bayrische Söldner und wallonische Infanterie und die Arbeitslosen jener Zeit, die sich als Landsknechte jedem Herrn anboten, der ihnen Lebensunterhalt bieten konnte. Etwa 40.000 Mann folgten Tilly, wenn auch murrend, denn der Sold floss nur unregelmäßig aus den klammen Kassen des Kaisers. Auf der anderen Seite war die Moral nicht besser. Der von den Ständen zum König gewählte Kurfürst von der Pfalz hatte am gleichen Abend seine Soldaten ermahnt, seiner und ihrer Sache treu zu dienen und war auf die Prager Burg zurück geeilt, von den Ständen mehr Geld für den Krieg zu erhalten und den Botschafter des englischen Königs Jakob zu empfangen. Hoffte er doch auch von ihm auf Geld, denn seine Tochter war Friedrichs Frau, die ihrem Vater im Rang gleich gestellt werden wollte. 13.000 Söldner murrten schon und hatten gerade den Befehl des Oberbefehlshabers Christian von Anhalt verweigert, mit Schanzarbeiten ihre Stellung am Berg zu verbessern. Sie seien keine Bauern und täten nicht deren Arbeit.

Am Morgen hellte sich Tillys Stimmung ein wenig auf. Im Morgenrauen hatten seine Landsknechte eine ungarische Hilfseinheit im Schlaf überrascht – nur wenigen Söldnern gelang die Flucht. In seinen eigenen Reihen breitete sich Unruhe aus. Ein Karmelitermönch zeigte die ausgestochenen Augen auf einem Bild der Heiligen Maria und schrie, man müsse diesen Frevel tilgen. Er eiferte beeindruckend, meldet die Legende, denn eine kampfbereite Unruhe griff um sich mit Hochrufen auf Maria. Tilly begriff: Jetzt müsse er seine murrenden Söldner zum Angriff bewegen, es könnte seine Chance sein. Mit dem Schlachtruf „Santa Maria!“ setzten sich gegen Mittag erste Pikeniere in Bewegung, Kavalleristen stießen in ihre Lücken und ritten auf die überraschten Böhmen zu. Einige ergriffen sofort die Flucht, andere wehrten sich erbittert. Tilly führte eine Abteilung nach der anderen in die vorderste Linien. Mehr und mehr suchten böhmische Soldaten ihr Leben zu retten und flohen. Nach zwei Stunden war die Schlacht zu Ende und Fliehende und Verfolger lieferten sich ein Wettrennen, die Tore von Prag zu erreichen. Gerade wollte Friedrich von der Pfalz zurück zu seinen Truppen eilen, als er seinen Heerführer Christian von Anhalt am Stadttor traf. Er kehrte um und verbarg sich in der Altstadt. Dann floh er über Schlesien in die nördlichen, protestantischen Niederlande. 1635 starb er, seine Pfalz und Böhmen sah er nie wieder. Als „Winterkönig“ ging er mit seinem Spottnamen in die Geschichte ein.

Seine Königswahl in Böhmen stand von Anfang an unter einem ungünstigen Stern. Im Reich herrschte endlich ein langer Frieden, seit die Fürsten und der Kaiser im Augsburger Religionsfrieden von 1555 die Wirren der Reformationszeit mit einem tragbaren Kompromiss abschlossen. Doch die neue Generation von Herrschenden hatte nicht erlebt, welch Kraft und Toleranz die Vereinbarung gekostet hatte. Laufend entstanden neue Bündnisse und zerfielen wieder, alle wurden nur zum Zweck des eigenen Vorteils geschlossen. Die Religionen spielten keine Rolle. Der erfahrene Erzbischof und Kurfürst von Köln warnte: „Sollte es so sein, dass die Böhmen im Begriffe ständen, Ferdinand abzusetzen und einen Gegenkönig zu wählen, so möge man sich nur gleich auf einen zwanzig-, dreißig- oder vierzigjährigen Krieg gefasst machen.“* Kurfürst Friedrich von der Pfalz war Anfang Zwanzig – ob er auf Ratschläge alter Männer hörte?

Ein grausames Strafgericht für die böhmischen Stände folgte. Auf dem Altstädter Ring wurden 27 von ihnen enthauptet. Viele Menschen flohen vor der Rekatholisierung Böhmens nach Sachsen. Dessen protestantischer Kurfürst erhielt die Lausitz als Lohn für seine Treue zum katholischen Kaiser. All das war nur die Einleitung für den nun beginnenden, vorausgesagten großen Krieg. Nach zwei vergeblichen Versuchen, Frieden zu schließen, führten erst die Verhandlungen von 1641 – 1648 zum Westfälischen Frieden von Osnabrück und Münster. Der Papst blieb draußen, man ließ Unterlegene am Verhandlungstisch zu, verzichtete auf Schuldzuweisungen, akzeptierte die Macht der Landesfürsten und die Interessen reichsfremder Mächte. Die Stellung der Stände und des Kaisers wurden zugunsten der Landesherren geschwächt, der Absolutismus in ganz Europa konnte sich entwickeln. Das Reich verlor die Niederlande und die Schweiz, die sich zu Nationen entwickeln konnten, Frankreich wurde zur Vormacht in West-, Schweden in Nordeuropa. Doch der Westfälische Frieden sicherte auch für 150 Jahre den Frieden in Europa und wurde zur Grundlage der Beziehungen zwischen den neuen Nationalstaaten bis 1914, teuer erkauft mit der Verwüstung von 70% des deutschen Territoriums und dem Tod eines Drittels der Bevölkerung.

Hätte es anders kommen können in dieser ersten großen Schlacht des großen Krieges? Bei dieser hohen Überlegenheit der Kaiserlichen? Vergessen wir nicht: Die Moral war auf beiden Seiten schlecht. Und es gab noch den steilen Berg auf Seiten der Böhmen. Da kommt so ein Mönch und zeigt ein geschändetes Bild. Ein Feldherr lauscht auf die Stimmung und nutzt den Moment, wo die Söldner den nicht gezahlten Sold vergessen. Hätte es so einen Moment auf der anderen Hangseite gegeben …? Eine gewonnene Schlacht der böhmischen Stände hätte den Krieg wohl nicht verhindert, doch vielleicht seinen Verlauf geändert.

Aber – zwingend war die Niederlage nicht.              

* Golo Mann: Wallenstein, S. 146

Klaus Buschendorf                                                                                                     14.05.2020           

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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