Christa Astl

Hinter Mauern

 

 

 

Dumpf schlug das schwere Tor hinter ihm zu. Er war allein, wieder einmal. Allein in der Sicherheit der dicken, ihn umgebenden Mauern, die ihn von allem abschirmten, was nicht seiner Gesellschaftsklasse angehörte. Nicht einmal Gerüchte drangen herein. Alles war still, schweigend, schlafend und von vergangenen Zeiten träumend. Wieder zurück hinter die geschützten Mauern seiner Einsamkeit.

Nichts von außen kommt direkt herein, der Portier, die Sekretärin nehmen alles an sich, sortieren, wählen aus, was „Durchlaucht wünschen“.

„Durchlaucht“, schon allein dieses Wort hasste Emmanuel, der jüngste Sohn des Fürsten, sein ganzes Leben. Zu Zeiten seines Großvaters war ein Fürst noch was, er galt was in der Gesellschaft, die Leute hatten die Straße freizumachen, wenn er sechsspännig mit seiner Equipage durch die Stadt gerollt war, die Fußgänger hatten einen Knicks oder eine tiefe Verbeugung zu machen. Und wenn die rauschenden Feste abgehalten wurden, die ganze Allee mit Kutschen verstellt war, fröhliche Musik aus dem hell erleuchteten Schloss klang, und der Saal von Lachen und  Ausgelassenheit erfüllt war, könnte es sicher schön gewesen sein, sich „Durchlaucht“ nennen zu lassen, um immer gern an seine adelige Herkunft erinnert zu werden.

Der Vater ließ sich manchmal auch noch gerne so betiteln, besonders bei Kongressen, zu deren Teilnahme er die ganze Welt bereiste.

Doch er, Emmanuel, hasste diesen Titel, vor allem, als die Mitschüler begannen, ihn damit aufzuziehen. „Haben Durchlaucht die Hausaufgaben gemacht? – Welcher Diener wird Durchlauchtigste Schultasche tragen? – Sind Durchlaucht heute mit der Kutsche gekommen...?“ Und er, der Fürstensohn, hatte zu schweigen, konnte sich nicht auf sie stürzen, sich einfach mit ihnen schlagen, wie er es am liebsten getan hätte, das gehörte sich in seinem adeligen Stand nicht. Sein anerzogener Stolz gebot es ihm, diese Beleidigungen zu überhören. Doch tief im Inneren litt er sehr unter seiner gesellschaftlichen Sonderstellung, die ihn zum Außenseiter abstempelte.

Nach Jahren der Geborgenheit im Schloss, mit Privatlehrern, Dienern, die nach seinen Wünschen sprangen, war er mit achtzehn Jahren in die brutale Wirklichkeit des Stadtlebens und des Universitätsbetriebes hinaus gestoßen worden, musste die Gesetze und die Wirtschaftswissenschaften studieren, was ihn absolut nicht interessierte. Sein Herz gehörte den großen Denkern, die sich mit dem Leben, dem Dasein als solchem auseinandersetzten. Nicht damit, wie man Geld beschaffen und vermehren konnte, wie man Land und Leute ausbeutete, sondern wie man mit Natur und Umwelt in Eintracht, mit Menschen in Frieden und Liebe und vor allem mit sich selbst im Einklang leben konnte.

Dieses Leben, diese Jagd nach Ruhm und Erfolg, wie hasst er das! Nach Abschluss seines Studiums hatte er Vaters Agentur übernehmen müssen, hatte dann auch auf Wunsch des Vaters geheiratet, versucht, dem vom Verfall bedrohten Schloss wieder Leben einzuhauchen, indem er den Schlosshof für Konzertveranstaltungen und Lesungen freigab.

Doch als der Vater starb, wurde ihm alles zuviel, der Beruf, der ihn durch die Länder jagte, die Übernahme des Schlosses und die damit verbundenen finanziellen Probleme, über die er nicht Bescheid wusste und des Öfteren Hilfe anfordern musste, seine Frau, die auch dazu beitrug, das fürstliche Vermögen zu schmälern und ihn als kleinkariert und geizig beschimpfte, bis er sie mit einer sehr hohen Abfindung aus dem Haus brachte.

Nur die Kinder, die sie ihm zurückließ, waren seine Freude, aber auch seine Sorge, denn ihnen sollte es einmal besser gehen. Sie durften von Anfang an in öffentliche Schulen gehen, Freunde mit ins Schloss bringen und mit ihnen ausgelassen und übermütig spielen. Doch deren Kindheit ging leider viel zu schnell vorbei, sie studierten und zogen fort ins Ausland.

Er war inzwischen alt geworden, und einsam lebte er nun allein mit wenigem Dienstpersonal in dem riesigen, leeren Schloss.

Auch in der Nacht vor seinem 75. Geburtstag saß er noch spät an seinem Schreibtisch. Georg, der alte Diener, den er schon von Kindheit an kannte, hatte im Kamin eingeheizt, denn es war ein kalter, regnerischer Tag gewesen. Doch ins Wohnzimmer hinüber wollte Emmanuel nicht. Da fühlte er die Einsamkeit besonders stark. Die Erinnerung an die erste Zeit, das Glück in der Ehe, kam ihm hier besonders schmerzlich hoch. Ja, er musste es nun zugeben, er sehnte sich nach ihr. Oder nach einem Menschen, nach Liebe, nach seelischer Wärme, nach jemandem, mit dem er über seine innersten Gedanken sprechen konnte, wo er nicht die Etikette einhalten musste, sondern sich frei und natürlich bewegen und äußern durfte, nach einem Raum voll menschlichen Lebens.

Jäh erkannte er, dass die Zeit abgelaufen war, ihn alt und verbittert, traurig und einsam zurück gelassen hatte. Das Leben war draußen an den dicken Schlossmauern vorbei gezogen, hatte seine Kinder mitgenommen, ihm war nur der Reichtum geblieben, der nur noch Belastung darstellte.

 

 

 

 

ChA 2011

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