Barbara Dvoran

Griechenlandreise in der Vollmondnacht

Ein skurriler Morgen. Ich weiß noch nicht einmal, ob es schon ein Morgen ist. Statt der Sonne leuchtet der Vollmond hell vom dunklen Nachthimmel. Er ist nicht alleine gekommen. Links von ihm stehen zwei Sternenbegleiter in einer Reihe und sie leuchten so hell und sind so groß, dass ich meinen Augen kaum trauen kann. Ich hatte noch keine Zeit herauszufinden, welche Sterne oder Planeten sie sind. Keine Zeit, eine Fotografie von diesem unglaublichen Bild zu machen.

Von unserem Gate aus, es ist F 04, sehe ich den kreisrunden Mond und die zwei Sterne nicht, das ist schade. Es ist auch eigenartig, zu schreiben. Ich träume.

Der Abend hat ruhig und entspannt begonnen. Ich habe Pasta mit Tomatensauce und österreichischem Mozzarella (geschmacklich eine interessante Erfahrung) gegessen, ein Essen, das die Bambini in Italien lieben. Danach habe ich zwei Folgen der beunruhigenden Serie Sinner gesehen und um 22 Uhr 16 beschlossen, doch schlafen zu gehen.

Als ich im Bett lag, fielen mir nach einiger Zeit meine Pflanzen ein. Ich hatte vergessen, sie zu gießen, also tat ich das, eine Entschuldigung murmelnd, und fiel danach in einen tiefen Schlaf bis zwei Uhr, in dem ich von meiner Arbeit in verzerrter Weise träumte. Bis mein Wecker läutete.

Der Taxifahrer kam recht spät, ich wartete auch lange in der Leitung, volle fünf Minuten. „Gwirks mit den Leitungen“, sagte die Frau, es ist die gleiche Stimme, ergo auch die gleiche Frau, seit dreißig Jahren. Wie auch immer dieser Gwirks [Quirgst, Quirxt] ausgesehen hat.

Der Taxifahrer spricht gutes Deutsch mit starkem Akzent. Ich tippe auf türkische Muttersprache, es ist aber Ungarisch. Zwei Jugendliche küssen sich auf dem Gehsteig, als es bereits rot ist. Der Taxifahrer fährt um sie herum. Ich finde es romantisch, aber auch ich finde es unverantwortlich. Sie sind betrunken, stellt der Taxifahrer fest.

Während der Fahrt erzählt er mir zwei Geschichten. Ich weiß nicht genau, was er mir mit ihnen sagen will. Die Erzählungen sind wie Allegorien in der Vollmondnacht. Sie haben ein gemeinsames Thema.

In der ersten Geschichte ruft ihn ein Mann, dessen Frau Krebs hat. Sie muss dringend mit ihrer Katze zum Tierarzt. Doch sie hat Krebs und braucht – wie mein Erzähler betont – fünfzehn Minuten um herunter ins Erdgeschoss zu kommen. Er fährt endlich mit ihr los, doch der Weg erscheint ihr viel zu lange. Sie wird nervös und schreit ihn an, verliert die Nerven. Sie muss schnell zum Tierarzt.

Für den nächsten Tag um zwei oder drei Uhr bestellt sie ihn wieder, es geht wieder um die Katze und den Tierarzt. Doch als er bereits unten steht, er kommt knapp, er hat viel zu tun, aber pünktlich, erhält er eine Nachricht. Sie habe schon einen anderen bestellt, sein Verhalten gestern wäre schrecklich gewesen.

Ich glaube, der Mann sollte seine Erlebnisse festhalten. Vielleicht hat er sie mir gegeben, um sie zu erzählen. Ich bin froh, dass ich am Ende der Geschichte den Eindruck hatte, der Katze ginge es gut. Ich wünsche der Frau das Beste und dass sich jemand so gut um sie, wie sie sich um ihr Haustier kümmert.

Der Taxifahrer kommt zur zweiten Geschichte. Ob es eine Überleitung gab, kann ich nicht sagen. Er hat einen Freund, er ist sehr reich. Der Freund besitzt viele Firmen und auch seinem Bruder gibt er viel Geld, er ist ein netter Mensch. Er wohnt in den allerbesten Verhältnissen (der Taxifahrer erzählt mir genau von der Wohnung oder dem Haus, aber ich merke es mir nicht), hat seit sieben Jahren nicht mehr gearbeitet. Ich frage, ob ihm langweilig wurde. „Nein“, antwortet der Taxifahrer. „Er reist herum, durch die Welt! Er war in …“ Danach nennt er Orte, ich weiß nicht, welche. „Er ist am Samstag gestorben. Herzinfarkt. Ganz plötzlich. Unerkannte Erkrankung. Er war zu Hause und die Rettung ist so spät gekommen. Das sagt sein Bruder. Sein Bruder sagt: erst nach fünfzehn Minuten. Ich weiß es nicht. Alle sind herumgestanden. Dann ist er gestorben, als die Rettung da war. Zwei Reanimationsversuche, nichts. Niemand hat etwas gemacht, alle waren im Schock. Hätte jemand Wiederbelebung versucht, hätte er wahrscheinlich schon überlebt. Die Rettung ist so spät gekommen. Die Beerdigung war schon am Dienstag, wieso so schnell, ich weiß es nicht. Vielleicht wollte es die Familie, vielleicht wegen dem, was jetzt ist. (Er sagt das Wort Corona nicht.) Er hat ein Monat vorher einen Gesundheitscheck machen lassen, er war gesund. Unerkannte Erkrankung, sagen sie.“ Am Ende seiner Geschichte ist auch die Fahrt zu Ende.

Gerade hat sich eine Reisefamilie hinter mich gesetzt. Sie fragt die Kinder, ob sie Eistee wollen. „Kauft euch einen!“ Sie sind unbeeindruckt. Danke, ich nehme einen. Frappé dann in Griechenland, das möchte sie. Ja, ich auch. Zum Frühstück sind wir da.

Der Selbst-Check-In funktioniert erst beim fünften Mal. Heute Nacht ist Geduld gefragt. Die Maske benebelt mein Denken, ich weiß nicht, wieso. Die zwei Austrian Airlines-Mitarbeiterinnen helfen nicht, stehen herum und sind unfreundlich. Eigenartig, sonst sind sie immer sehr freundlich und wirken fröhlich. Die Stimmung am Flughafen ist gespenstisch. Es ist drei Uhr morgens, alle Geschäfte sind zu. Nur der Bereich F im dritten Stock des Flughafens ist geöffnet.

Im Freien stehen kleine Gruppen von Leuten in der Raucherzone. Als ich ankomme, stelle ich mich zu ihnen. Vor dem Check-In. Aus alter Gewohnheit und weil ich nicht gleich weiß, was ich tun soll. Wo ich hin muss, bemasket. Ich habe einen Talisman von einer Frau, Roma oder Sinti, bekommen, vor einer Woche. Er steckt in meiner Geldbörse, ich solle ihn heute verwenden, bei Vollmond. Für die Liebe. Ich weiß nicht, an wen ich diese Zauberei richte. Ich frage mich, woraus er ist. Ein weicher Stein irgendwie. Ich muss hinein.

Am Flughafen schlafen Menschen. Sie sehen aus, als wären sie seit Tagen hier. Worauf sie warten? Wohin sie wollen? Sie tun mir Leid, es erscheint falsch, auf Urlaub zu fliegen, wenn sie hier wohnen. So etwas habe ich auf dem Wiener Flughafen noch nicht gesehen. Ich gehe an den Schranken, durch die man nur mit Ticket kommt, vorbei und zu meiner Verwunderung schlafen oder dösen viele Menschen dahinter. Sie sehen arm aus. Liegen auf dem Boden mit Decken und Taschen, ein sehr dicker Mann starrt am Boden liegend auf sein Smartphone. Wahrscheinlich schaut er einen Film. Vielleicht auch eine Serie.

Die Frau hinter mir klingt ganz genau wie Nina Proll, die Art des Wienerischen. Die gleichen Wörter, die gleiche Betonung. Ich selbst spreche nicht so, warum man genau so spricht, weiß ich nicht, aber ich mag diese Art zu sprechen sehr. Vielleicht ist es ein bestimmter Wiener Bezirk. Vielleicht kann mir Nina Proll, ich habe sie auf Facebook, diese Frage beantworten.

Gestern, als wir im ersten Bezirk bei Fabio – nicht Fabios – ein Eis aßen, sagte der nette Besitzer lachend auf Italienisch zu mir: Ti piace il gelato? Metti un Like. (Schmeckt dir das Eis? Gib ein Like.) Ich lächelte und sagte sofort zu und dann fiel es mir ein: Acht Tage ohne soziale Medien. Kein Facebook, kein Instagram, kein Like.

„Ah noooo.. non posso!“, entschuldige ich mich. „Faccio una pausa (ich mache eine Pause). Pausa Facebook.“ Fabio wundert sich, ich wundere mich auch. Ich möchte ihm gerne ein Like geben. Olivia und Markus lachen: „Wenn du schon jetzt Probleme damit hast, wie wird das beim Sonnenuntergang in Rhodos sein?“ – Den ich dann nicht posten kann. Sie haben recht, wie wird das sein?

In 16 Minuten sollte das Boarding beginnen. In der Eile habe ich diesmal unabsichtlich keinen Fensterplatz gewählt, aber der Flug dauert nur 2,5 Stunden und ich werde nicht schlafen können, tröste ich mich. Schlafen kann ich dann allerdings nach dem Frühstück (voraussichtliche Landung acht Uhr zehn Minuten) und nach der Fahrt nach Faliraki in meiner 24-Stunden-Quarantäne. Auf Facebook – nicht erlaubt – habe ich vor ein paar Tagen gelesen, dass in Rhodos, im Gegensatz zu Athen, alle Passagiere einen Coronatest machen müssen, machen lassen müssen. Deshalb stelle ich mich auf die Quarantäne in der Hotelanlage ein. Weit wäre ich auch ohne sie am ersten Tag nicht bekommen. Zu klären bleibt nur, ob ich an den Strand darf, das Hotel hat einen Strandzugang. Es ist nicht wichtig.

Mir ist warm. Meine Nase schaut aus der Maske, aber ich sitze momentan alleine. Ich komme mir vor wie damals, als ich, es war schließlich meine Pause, manches Mal in der Fünf-Minuten-Pause, als Schülerin oder Lehrerin, eine rauchen ging. Erlaubt war es eigentlich nicht wirklich, dezidiert verboten aber auch nicht. Der Rhodos-Urlaub ist meine Fünf-Minuten-Pause. Corona meine Schule.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Über den Tag hinaus zu schauen, heißt für mich, neben dem Alltag, dem normalen Alltäglichen hinaus, Zeit zu finden, um das notwendige Leben mit Gefühlen, Träumen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Lieben, das mit Lachen und Lächeln zu beobachten und zu beschreiben. Der Mensch braucht nicht nur Brot allein, er kann ohne seine Träume, Gefühle nicht existieren. Er muss aus Freude und aus Leid weinen können, aber auch aus vollem Herzen lachen können. Jeder sollte neben dem Zwang zur Sicherung der Existenz auch das Recht haben auf romantische Momente in seinem Leben.

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