Heike Clarissa Conundrum

Der Ladenhüter

Das Revier von Frau Rose ist ein kleiner, aber feiner Laden am Ende der einzigen Straße des Dorfes. Dort arbeitet sie als Verkäuferin. Das Sortiment ist nicht sehr groß und doch gibt es so ziemlich alles was das menschliche Herz begehrt. Einmal im Monat sitzt Frau Rose mit ihrem Chef, Herrn Hunger und ihrer Kollegin Frau Fuchs zusammen und sie gehen gemeinsam die Bestellung durch. Die Wahl der Produkte erfolgt mit liebevoller Hingabe und Erfahrung. Es sind auserwählte Stücke dabei, die aber auch nur einen gewissen Preis haben dürfen. Obwohl der Laden gut läuft und mit seinem Charme für sich spricht, ist die Kundschaft überschaubar. Denn viele kaufen den Großteil ihres Bedarfs in umliegenden Supermärkten oder Discountern ein.

Es war Mittwoch und der Chef rief seine beiden Damen nach der "Siesta" zu sich. Frau Rose spricht von Siesta, da sich der Chef nach dem Mittag seine Auszeit nimmt und dies auch seinen beiden Angestellten gönnt. Beide nehmen es dankbar an und können somit nach der Siesta frisch, fröhlich, fromm und frei weiter die Kundschaft bedienen.

"Also", sagte Herr Hunger: "so einen Ladenhüter hatten wir ja noch nie!" Er öffnete eine Schachtel Pralinen und bot sie an. Alle griffen zu und Frau Fuchs sprach aus was alle dachten: "Naja, der Renner sind diese Pralinen nicht, das war mal ein echter Fehlgriff!"
"Davon haben wir noch mehr" sagte Herr Hunger. " Mädels, lasst euch etwas einfallen! Bietet sie an, geht von mir aus mit dem Preis runter, sie sind noch eine Weile haltbar, aber ich will sie endlich loswerden".

Gesagt, getan und bemüht. Die Pralinen bekamen einen deutlich sichtbaren Sonderplatz, platziert auf einem Sockel mit roter Decke drunter. Sie konnten nicht mehr übersehen werden. Aber, verflixt noch eins, es wollte sie noch immer niemand kaufen.

Dann, am Donnerstag kurz vor der Siesta kam ein Kunde. Frau Rose mag ihn nicht sonderlich. Er kommt regelmäßig in unregelmäßigen Abständen. Meistens schaut er sich eine Weile um, läuft umher, kauft ein Teil und verschwindet dann wieder. Frau Rose weiß nicht viel über ihn. Sie ist ihm gegenüber zwar höflich, aber reserviert und unterhält sich nicht so ausgelassen mit ihm, wie mit anderen Kunden. Sie findet ihn suspekt, unnahbar und auch ein bisschen  arrogant. Und dann schaut er sie auch immer so komisch an!

"Frau Fuchs ist nicht da und nun muß ich ihn wieder bedienen, na ganz toll", schießt es ihr durch den Kopf. "Wir haben fast schon Siesta und der gnädige Herr schneit herein als ob wir nur auf ihn warten". Schnurstracks und schnellen Schrittes ging er auf sie zu und schaute sie an. Überzogen höflich fragte sie: "Kann ich Ihnen behilflich sein?" "In der Tat, das können Sie", sagte er. "Ich suche ein kleines, aber besonderes Geschenk. Etwas Süßes!"

Einen Moment verharrte sie. Ihr schossen die Ladenhüterpralinen durch den Kopf und ihr Blick ging gemächlich dort hin.
"Da haben wir genau das richtige für Sie!" und holte eine Schachtel davon. Sofort begeistert sagte er: "Ja, die nehme ich, die sind für eine ganz besondere Dame. Was schulde ich Ihnen?"

Frau Rose stellte fest, daß die Pralinen zwar einen neuen Standort hatten, aber keinen Preis mehr. Mit nur einem Hauch eines schlechten Gewissens verdoppelte sie den ursprünglichen Preis für den arroganten Schnösel und seiner ganz besonderen Dame. Anstandslos bezahlte er.

Erleichtert, sich auf ihre wohlverdiente Siesta freuend, wartete Frau Rose nur darauf, daß er den Laden verläßt.Dem aber war nicht so, denn ihm fiel ein, dass er ein Geschenk noch schön verpackt haben möchte. Eine Karte dazu durfte auch nicht fehlen.
Innerlich knirrschend, aber noch immer höflich sagte sie: "Aber gerne doch, das kostet aber extra".
Kein Problem", antwortete er und wählte ein Geschenkpapier aus. Er nahm genau das, was Frau Rose am liebsten mag. Dazu wählte er eine schlichte Karte und bat um einen Stift. Während sie die ungemochten Pralinen in das schöne Papier einwickelte, schrieb er eine Karte. Kurz darauf bezahlte er und sie begleitete ihn zur Tür um abzuschließen.

Siesta, ich komme!", freute sie sich ein zweites Mal. Dieses Mal wirklich.
Sie ging in die Siesta, verduzt mit einem Geschenk in der Hand und einer dazugehörigen Karte. Auf der Karte stand: "Ich würde mich freuen, wenn ich Sie bald, am liebsten recht bald zu einem Essen, in einem Restaurant Ihrer Wahl, einladen dürfte". Mit herzlichen Grüßen: Oliver Dorn.

Schlotternd, peinlich berührt, etwas beschämt, leicht schlechten Gewissens und angenehm überrascht setzte sie sich in den Aufenhaltsraum. Sie wickelte die Pralinenschachtel aus, öffnete sie und fing an zu essen. Ab der dritten Praline fingen sie an zu schmecken, nach der sechsten wurde ihr schlecht. Sie freute sich plötzlich  auf ein baldiges, herzhaftes Essen mit Herrn Dorn.

Bei der Vorstellung Oliver Dorn und Olivia Rose schmunzelte sie und sprach zu sich selbst: "Na, das kann ja heiter werden".

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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