Peter Kröger

Reitmeier

 

 

Warum weiß ich nicht, die Dinge liefen immer gut für Reitmeier. Es war nicht seine Schuld, dass Sam Kohlfurt in einem ungünstigen Moment tot umkippte (beim Defäkieren sagt man wohl), dass Ron Hartmanns Haus abbrannte (Ron war auf Teneriffa und hatte eine Duftkerze im Schlafzimmer brennen lassen), dass Claudi Rasch die Wahl zur Bürgermeisterin wieder und wieder verlor (Reitmeier hatte sie jedesmal gewählt), dass Wolle Cordes sechs Welpen seiner Schäferhündin Irene in der Elbe bei Nacht und Nebel ertränkte (und zwar aus Eifersucht, ein wirklich problematischer Typ dieser Cordes, dafür sollte Irene ihn zurecht an der Kehle packen und ins Jenseits befördern). Egal, es war ganz und gar nicht Reitmeiers Schuld, doch es spielte ihm in die Karten, es erleichterte seine Arbeit. Literarisch waren ihm Kuba-Ernst (so nannte er den Preisträger Hemingway) und, wie er sich ausdrückte, die Kanaille Tommy (ich traue mich nicht, den Klarnamen dieser Lichtgestalt zu nennen) nah, dennoch sprach er von ihrem Werk als einem bernsteinartigen Rückzugsort der gelegentlich aufzusuchen und dann wieder Hals über Kopf zu verlassen sei, um nicht in Schönheit und Blödheit zu versinken. Die Essenz des Ländlich-Nahrhaften (noch so ein bekloppter Ausdruck) als auch das Sinnlich-Sinnhafte (jetzt reicht es auch, er hatte doch wohl zu viel Tommy gelesen, denke ich, von Ernst hatte er's nicht) ging für Reitmeier immer von Typen wie Kohlfurt und Hartmann (und ihren Extravaganzen) aus oder wurde durch Cordes' Schweinereien oder Claudis Niederlagen (sie verlor insgesamt vier Mal und starb schließlich an Wundstarrkrampf) befeuert. Hier, bei den Genannten, fand Reitus (niemand kann für seinen Spitznamen) seine Charaktere und Geschichten, hier fand er, was er zeitlebens suchte: sich selbst.

Vier umfangreiche Romane entstanden. Der erste, Kohlfurt fällt tot um, begründete Reitmeiers Ruhm; Hartmanns Bude stand wochenlang auf den Bestsellerlisten; Claudia will es wissen gilt bis heute als Hauptwerk der eskapistischen Neomelancholie (die Frau hatte schließlich viel durchgemacht); Wolle und Irene als letztes Großwerk war dann vor allem etwas für Fabelfans beziehungsweise Kritiker der Gattungsschranke: hier zeigte Reitmeier einerseits Cordes' problematische Persönlichkeit, andererseits Irenes tödliche Beißattacke auf Cordes als Rache einer rasenden Mutter und streitbaren Hündin (ich persönlich habe mit Reitmeiers Analogien und, mehr noch, seinen Nichtanalogien so meine Schwierigkeiten).

 

Warum Reitmeier alles gelang? Man frage mich etwas Leichteres. Er ging die Dinge entschlossen an, und sie glückten ihm, und er ließ sich nicht kirre machen von Tommy und Kuba-Ernst. Er wollte etwas. Na ja. Er war Barkeeper in Altona. Er hat nie einen Roman geschrieben. Nicht mal einen schlechten. Das nicht. Die Figuren hingegen gibt es, das schon, fast alle bis heute. Reitmeier nicht. Seit gestern nicht mehr. Doch der Reihe nach. Kohlfurt hatte einen Schlaganfall beim Scheißen. Er lebt, die Lippe hängt. Ron Hartmann ist mit Kippe im Bett eingepennt und wäre fast verkohlt. Nix mit Kerze und Teneriffa. Aber er lebt und kloppt sich mit der Versicherung. Claudi Rasch ist gleich beim ersten Mal zur Bürgermeisterin von Altona gewählt wurden. Ein schreckliches Weib, gegen Elbvertiefung und so (sie hat ernsthaft mal vor Urzeiten mit Reitmeier geknutscht). Geimpft. Sogar Kanaillen-Tommy und Kuba-Ernst gab es. Waren mal große Nummern im Kiez und Meister im Armdrücken (wurden zu alt und haben sich aufgehängt). Nur Cordes war in Wirklichkeit Reitmeier und Irene kein Köter sondern meine Liebste, die er mir ausspannen wollte. Immer auf Kumpel machen und dann das. Ist ihm nicht bekommen. Und Welpen in der Elbe gibt es folglich auch nicht, nicht dass ich wüsste jedenfalls, hörte sich aber gut an, fand ich. Wie alles andere nur Tarnung. Angelesen und notiert. Dafür liegt Reitmeier Höhe Stade mit sieben Findlingen im Elbschlamassel in fünfzehn Meter Tiefe. Jetzt ist es raus, mir ist leichter ums Herz. Schreiben hilft. Die es bezweifeln, kannten Reitmeier nicht. Das Arschloch. Kommt heute nicht zum Dienst. Darum: Mixt euch den Caipi selbst! Alles klar? Weitersagen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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