Klaus Buschendorf

Nicht nur der Nebel

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

6. Nicht nur der Nebel …

Der Oktober des Jahres 1806 brachte viel Nebel. Von Franken kommend, wälzten sich drei französische Marschsäulen nach Thüringen. Ihr Ziel war Berlin. Bei Auma, Schleiz und Saalfeld trafen sie zum ersten Mal auf preußische Vorhuten. Nun war sich Napoleon klar, bei Jena würde er auf die Hauptarmee treffen. Er wies seine beiden am weitesten rechts marschierenden Korps an, nach links einzuschwenken. Bernadotte sollte bei Dornburg über die Saale gehen, Davout noch vor Naumburg sich gegen Apolda wenden.

Sein Gegner war der preußische König Friedrich Wilhelm III. Doch dieser Herrscher war nicht das Bild, das man sich von einem preußischen König machte. Er war ein Kunst liebender Monarch. Deshalb rief er den Herzog von Braunschweig zu Hilfe. Als Marschall verlor dieser in seinem ganzen Leben keine Schlacht. Mit 71 Lebensjahren besaß er mehr Erfahrung als Napoleon, allerdings war er nie mit ihm zusammengetroffen. So wagte der friedliebende König den Waffengang mit dem Kaiser der Franzosen, fast allein, nur mit dem sächsischen König als Verbündeten.

Die Verbündeten lagerten zwischen Erfurt und Weimar und berieten, wo die Schlacht zu schlagen sei. Sie fanden Naumburg als geeignet, so verlege man Napoleon den Weg sowohl nach Berlin als auch nach Dresden. Das Korps des Fürsten Hohenlohe sollte die rechte Flanke decken und die Armee zog in Richtung Apolda.

Am 13. Oktober erreichten die ersten Franzosen Jena. Auf dem Landgrafenberg vertrieben sie ein sächsisches Bataillon und in der Nacht zog Napoleon die Masse seiner Armee und Artillerie über diesen hinweg. Nebel begünstigte das Manöver und schützte vor den Blicken der preußischen Artilleristen. Der Fürst von Hohenlohe konnte sich ein solches Handeln nicht vorstellen und verwarf Meldungen, die ihm solches nahe legten. Denn auch am 14. Oktober morgens sah man noch nichts von Napoleons riskantem Vormarsch. Eine Rückeroberung des Landgrafenberges kam für ihn nicht in Frage, sein König hatte ihm jede Angriffshandlung verboten. Seine Avantgarde besetzte Felder und Höhen nördlich Jenas und kam bald mit den Korps der napoleonischen Hauptarmee ins Gefecht. Noch immer behinderte der Nebel beide Seiten, doch Meldereiter informierten ihre Kommandeure und beide Seiten wussten Bescheid, was sich vor ihnen abspielte. Und während seine Avantgarde von Napoleons Korps überrannt wurde, zog Hohenlohe seine Hauptmacht auf den Feldern hinter Vierzehnheiligen zu einem langen Abwehrkordon auf. Napoleon wartete, dass der Nebel sich verzog. Als er langsam stieg, rückten seine Truppen vor. Stundenlang standen Hohenlohes Soldaten im Feuer, wichen und wankten nicht, bis die Übermacht die Reihen bröckeln ließen. Erst jetzt bemerkte Napoleon, dass er nur ein Korps vor sich hatte. Er holte seine Gardekavallerie nach vorn, die den letzten Widerstand brach. Am Nachmittag ging die Schlacht zu Ende. Doch – wo war die preußische Hauptarmee?

Gegen neun bemerkten die Aufklärer des Marschall Davout im dichten Nebel erste Preußen vor dem Dorf Hassenhausen. Auch diese sondierten den künftigen Marschweg, nur ein kleines Gefecht entstand – beide Seiten rüsteten sich zum Begegnungsgefecht und schwärmten in die Breite. Unablässig ritt der Herzog von Braunschweig im Nebel die Truppen entlang, sie richtig aufzustellen. General Blücher (der spätere Marschall Vorwärts aus den Befreiungskriegen) führte inzwischen einen Kavallerieangriff mit geringem Erfolg. Da traf den greisen Herzog eine verirrte Kugel. Er musste aus dem Gefecht geholt werden. Sein Stellvertreter General Scharnhorst war weit weg am linken Flügel. Es war gegen 10 Uhr, der Nebel stieg langsam hoch und nur der König selbst konnte befehlen. Doch er tat es nicht. Er bestimmte auch keinen neuen Oberbefehlshaber. Alle preußischen Einheiten erfüllten ihre zuletzt erhaltenen Befehle – nichts weiter. Die Offiziere des Marschall Davout schauten im klarer werdenden Morgen nach vorn, sahen und handelten. Sie griffen an. Die preußischen Soldaten schossen zurück, verteidigten sich – doch ihre Offiziere warteten auf Befehle, die nicht kamen. Am späten Nachmittag gab der König seinen ersten Befehl: Rückzug durch Austerlitz. Anfangs noch geordnet, gerieten die Einheiten in der Stadt schon durcheinander. Dann trafen die von Vierzehnheiligen zurück flutenden Soldaten die Geschlagenen von Austerlitz. Chaos und wilde Flucht zerstreuten etwa 50.000 Preußen, die vor 27.000 Franzosen des Marschall Davout flohen. Die meisten Preußen waren mit ihnen nicht einmal in Berührung gekommen.     

Der Rest ist schnell erzählt. Alle preußischen, gut bemannten Festungen ergaben sich Napoleon ohne einen Schuss, bis auf das kleine Kolberg in Hinterpommern, das bis zum Friedensschluss durchhielt. Zorn überkommt den Chronisten, wenn er die Tapferkeit der preußischen Soldaten mit dem Unvermögen seiner adligen Offiziere vergleicht. Da warf Napoleon ein großes Lasso aus, die preußische Armee zu fangen, gestützt auf seine selbständig handelnden Korpskommandeure. Keine Kenntnis hatten sie voneinander – und doch vernichtete Napoleon im Glauben, das preußische Hauptheer vor sich zu haben, ein preußisches Korps und sein Marschall Davout die ganze preußische Armee.

Und dabei hätte es eine Niederlage Napoleons werden können. Clausewitz, der spätere bedeutende Militärhistoriker Preußens, erlebte als junger Stabsoffizier bei Hohenlohe die Schlacht. Ein (von Hohenlohe bereits vorbereiteter) früher Angriff auf den Landgrafenberg hätte einen noch schwachen Napoleon getroffen, denn die meisten seiner Einheiten waren da noch auf dem Anmarsch. Und die verirrte Kugel, die den Herzog von Braunschweig traf?

Aber Hohenlohe und alle preußischen Offiziere konnten nicht selbständig handeln – im Gegensatz zu den Franzosen. Und so war die Niederlage Preußens selbst verschuldet und verdient.

Und dennoch kann man fragen: Was wäre, wenn Hohenlohe sich gegen den Willen des Königs zum Angriff entschlossen hätte und der Herzog von Braunschweig nicht gefallen wäre?

Klaus Buschendorf                                                                                         10.06.2020

      

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