Eva-Maria Herrmann

Eine Weihnachtsgeschichte

‚24. Dezember. Heute war Heilig Abend. Und wie jedes Jahr keine einzige Schneeflocke zu sehen', dachte er. ‚Gott sei dank! Es war auch so kalt genug.' Er wickelte seinen Mantel fester um sich. Natürlich könnte er auch in die Missionsstation gehen, aber ihm war heute nicht nach Gesellschaft.

Früher, als die Welt für ihn noch in Ordnung war, hatte er schöne Weihnachten erlebt, mit seiner Frau und seinen Kindern. Weihnachten war immer die Zeit, in der ihm seine Familie am meisten fehlte. Zehn Jahre war es jetzt her. Sylvesterparty bei Freunden - sogar die Kinder waren eingeladen. Eigentlich hatte er garnicht viel getrunken, ein paar Gläschen Sekt nur. Aber es schneite und die Straßen waren glatt, das Auto geriet ins Schleudern, sie kamen von der Fahrbahn ab und knallten gegen einen Baum. Elisabeth, Tobias und Mariechen waren tot, nur er - er hatte überlebt.

Ihn fröstelte wieder. ‚Manchmal lassen einen die schwarzen Sheriffs in der U-Bahn-Station übernachten.' Aber irgendwie konnte er sich nicht aufraffen. So blieb er sitzen. ‚War da nicht eine Schneeflocke?' Es wurde schon dunkel, wahrscheinlich hatte er sich geirrt. Nun es kam wie es kommen mußte, er fing nach dieser Geschichte an zu trinken. Sollte ihn der Alkohol doch auch noch haben, schließlich hatte er ihm auch seine Familie genommen. Er verlor seinen Job, seine Wohnung, seine Freunde. Ihm war alles egal und wenn er genug trank, konnte er sogar manchmal seine Schuld vergessen. Nur heute, klappte es irgendwie nicht.

‚Da! Da glitzert schon wieder etwas!' Er sah auf. ‚Tatsächlich es fing an zu schneien.' Immer dicker und immer dichter fielen die Schneeflocken. Es war irgendwie beruhigend ihnen zuzusehen.

"Hallo! Was machst Du da?"
Er blinzelte. Er hatte den Kleinen garnicht kommen sehen. Wahrscheinlich war er kurz eingenickt. Vor ihm stand ein etwa 6jähriger blondgelockter Junge, mit einer dicken Pudelmütze.
"Hallo! Und was machst Du hier?", fragte er zurück. "Es ist schon spät, solltest Du nicht zu Hause sein und auf das Christkind warten?"
"Nein, das kommt später. Ich war mit meinen Eltern in der Kirche, sie unterhalten sich da drüben mit Freunden. Und warum bist Du nicht zu Hause?"
Er blickte in das Gesicht des Kindes. Sein Hals wurde ganz trocken und er mußte kräftig schlucken: "Ich habe kein zu Hause."
"Oh! Aber wo willst Du dann schlafen?"
"Nun, ich habe einen warmen Mantel an und wenn es ganz kalt wird, dann gehe ich in die Mission, dort kann ich übernachten."
"Hast Du dort Familie oder Freunde?"
"Nein, ich habe keine Familie oder Freunde."
Ein Schatten lief über das Gesicht des Kindes. "Oh! Aber heute ist doch Weihnachten. Und Weihnachten feiert man doch mit der Familie und Freunden." Angestrengt dachte der Kleine nach: "Wenn Du niemanden hast, dann kann ja ich Dein Freund sein."
Er mußte lächeln. Da stand dieses Kind und bot ihm seine Freundschaft an, obwohl es ihn garnicht kannte. "Das ist sehr nett von Dir, danke."
"Wie heißt Du?"
"Josef. Und Du?"
"Ich bin der Martin. Vom Josef hat der Pfarrer auch gerade erzählt. Als der am heiligen Abend mit der Maria unterwegs war, da hatten sie auch keinen Platz zum Schlafen."

"Martin ! Komm! Wir gehen!" Die Eltern sahen ängstlich herüber.
‚Was wollte dieser Penner von ihrem Sohn?'
"Warte mal, ich komm gleich wieder.", sagte der Junge und lief zu ihnen.
"Mama? Du, der Mann hat niemanden mit dem er Weihnachten feiern kann. Und ich bin jetzt sein Freund und er heißt Josef, so wie der Mann in der Bibel und er ist doch ganz alleine und es ist kalt. Kann er denn nicht mit uns Weihnachten feiern? Ich will auch auf meine ganzen anderen Weihnachtsgeschenke verzichten."
Die Eltern sahen sich entsetzt an.
"Martin, mein Schatz. Wir können doch nicht einfach einen wildfremden Mann in unsere Wohnung mitnehmen. Er könnte ja auch ein böser Mann sein.", meinte die Mutter.
"Nein! Er ist doch mein Freund!"
"Martin, das geht wirklich nicht.", der Vater versuchte seinen Sohn an die Hand zu nehmen und ihn mitzuziehen.
Aber der Kleine riß sich los und stampfte mit dem Fuß auf. Tränen liefen über sein Gesicht.
"Ihr seid genauso, wie die Leute in der Bibelgeschichte, die wollten Josef und Maria auch nicht in ihr Haus lassen."
Der Mann hatte die ganze Szene beobachtet und bis jetzt kein Wort gesagt. Nun stand er auf und ging hinüber, er beugte sich zu dem Kind hinunter und sagte: "Martin, Deine Eltern haben recht, man kann nicht jeden wildfremden Menschen mit in seine Wohnung nehmen. Aber ich danke Dir, dass Du Dir gewünscht hast, mich zu Eurem Weihnachtsfest einzuladen. Das war das schönste Geschenk, das ich seit langem bekommen habe."
Die Eltern blickten sich hilflos an, da kam dem Vater eine Idee.
"Gleich hier um die Ecke ist ein Hotel, die haben auch über Weihnachten geöffnet. Ich finde wenn es Martins Weihnachtswunsch ist, mit seinem neuen Freund Weihnachten zu feiern, dann sollten wir eine Möglichkeit finden ihm diesen Wunsch zu erfüllen." Er wandte sich dem Mann zu: "Darf ich Sie also einladen unser Gast zu sein. Wir werden zusammen essen und für diese Nacht, werden Sie in einem warmen Zimmer und einem weichen Bett schlafen."
Der Mann wollte schon den Kopf schütteln und dankend ablehnen, als ihn der Kleine mit leuchtenden Augen an die Hand nahm und so lächelte er ihm zu und sagte: "Nun, wenn das Martins Weihnachtswunsch ist, dann kann ich das nicht abschlagen. Herzlichen Dank für die Einladung"

Lange fragten sich die beiden Polizisten, an was der Penner, den sie am nächsten Morgen tot auf den Treppen der Marienkirche fanden, wohl zuletzt gedacht hatte. Wie eine weiche Daunendecke hatte sich der Schnee über ihn gebreitet und auf seinem Gesicht lag ein Lächeln - es war sein letztes Weihnachten gewesen.

Ich war mir unschlüssig, wie ich die Geschichte enden lassen sollte. Manche mögen vielleicht über den traurigen Ausgang enttäuscht sein, aber vielleicht regt das auch ein bisschen zum Nachdenken an. LG EvaEva-Maria Herrmann, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.11.2000. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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