Hella S.

Das kann doch nicht wahr sein!?

Ich bin im Januar 1943 geboren und im April 1949 in die Schule gekommen. Im Kindergarten konnte ich mich auch „ausleben“ , ich musste sogar 2 verschiedene Kindergärten mit meiner Anwesenheit beglücken. Ich weiß nur noch, dass im 2. Kindergarten Diakonissen für mein Wohl oder Unwohl sorgten. Viele Jahre später zeigten sie ihr wahres Gesicht. Wie hatte ich mich gefreut, dass ich mit der Diakonie nach Amrum reisen durfte, ich war 10 Jahre alt und es ging zum ersten Mal in meinem Leben ans Meer. Ich war sowieso noch nie verreist und dann gleich an die Nordsee, und dazu noch mit vielen Mädchen, wo ich zu Hause nur eine Freundin hatte, weil meine Mutter die anderen immer vergraulte. Nun ja, meine Auswahl an Freundinnen entsprach nicht gerade dem Niveau meiner Eltern. Meine Freundinnen gehörten zu allen Schichten und das habe ich in meinem ganzen Leben so gehalten. Meine Mutter arbeitete bei meinem Onkel in der Kneipe als ungelernte Kraft und mein Vater bezeichnete sich als Ingenieur. Erst als er gestorben war, las ich, dass er Diplomingenieur studiert hatte. Das hätte mir auf dem Gymnasium vieles erleichtert, wir wurden immer mal wieder nach dem Beruf unseres Vaters gefragt und ich weigerte mich ihn zu bezeichnen, weil alle andern Kinder einen studierten Vater mitbrachten.

Nun war ich also an der Nordsee gelandet, aber ich konnte die Ferien nicht richtig genießen, weil wir mit Haferbrei „gemästet“ wurden, denn wir waren durch den Krieg geschädigt, heißt zu dünn. Ausgerechnet der von mir gehasste Haferbrei sollte mich quälen. Es war eine Folter, denn wir mussten den Teller leer essen und wenn wir nicht zunahmen, bekamen wir immer mehr auf den Teller. Das Schlimmste aber passierte an dem Tag, als abends das Meeres-leuchten zu sehen war. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, aber da ich morgens die großen Mädchen dazu angestiftete, doch trotz Verbot zur Eisdiele zu gehen, wurde ich vom Meeresleuchten ausgeschlossen. Ich blieb als einzige im Heim und als die Gruppe wieder zurückkam, hörte ich schon von weitem ihre Begeisterung. Da, wo sie die Füße ins Wasser steckten, begann es besonders zu leuchten. Mein ganzes Leben lang habe ich bedauert, das nie gesehen zu haben.

Eines Abends, ich war schon über 60 Jahre alt, als ich in die Küche ging, dachte ich erst, ich träume. Es war schon dunkel und mein ganzer Garten glitzerte. Er war voller Glühwürmchen und sie zündeten ihr Licht an und aus. Das war die Entschädigung für die als Kind erlittene Bestrafung.

Mein Leben war nicht immer einfach, Menschen, die ich mochte und mit denen ich befreundet war, zogen sich plötzlich zurück und wenn ich sie nach dem Grund fragen wollte, antworteten sie mir nicht. Mein Leben lang wurde mir vermittelt, dass ich die „Böse“ oder das „schwarze Schaf“ in der Familie war und meine Mutter sprach mit anderen Leuten nur über meine Schwester, die soziale. Traf ich Bekannte meiner Mutter sprachen sie mich immer mit dem Namen meiner Schwester an. Seltsam, was hatte meine Mutter nur über mich erzählt, oder hat sie nie über mich gesprochen? Hat sie sich für mich geschämt, weil ich auf dem Gymnasium nur schlechte Noten bekam und zweimal sitzen blieb, das zweite mal wegen Handarbeit, Musik und Geschichte. Daran kann man sehen, dass meine Lehrer mich gemobbt haben, denn ich war sehr musikalisch und wusste viel über Musik. Handarbeiten konnte ich auch sehr gut, aber da ich ganz feine kleine, gleichmäßige Stiche machte beim Umsäumen eines Babyhemdchen und deshalb nicht rechtzeitig fertig wurde, schenkten sie mir eine 5. Zur Musik kann ich noch erwähnen, dass ich im zweiten Beruf Musikschullehrerin wurde und 26 Jahre erfolgreich gearbeitet habe.

Immer wieder stieß ich auf Ablehnung oder wurde gemobbt. Ich wollte doch den Leuten oder meiner Familie eine Freude machen, indem ich sang, oder meine Fotos zeigte. Ich habe eine sehr schöne Stimme. Niemand sagte etwas dazu, sie schwiegen einfach , also hörte ich auf zu singen. Jahre später kam ich der Sache auf den Grund, warum sie so garstig zu mir waren: Machten sie in verschiedenen Foren meine Fotos schlecht, sah ich nach, wer das war und was er für Fotos zeigte. Oft waren die Bilder viel schlechter als meine. Klar, sie machten mich klein, um selber groß zu erscheinen. Ich bekam boshafte Mails aus meinem Fotoclub und wenn ich Männer wie Frauen zur Rede stellen wollte , verdrückten sie sich oder schoben noch etwas Schlimmes nach. Wenn sie gewusst hätten, dass mich das nicht traf, hätten sie es vielleicht gelassen, aber das interessierte mich nicht.

Mit 50 Jahren ging ich 6 Wochen zur Kur in den Schwarzwald, dort gab es einen Chor und weil ich schon immer in Chören gesungen hatte, reihte ich mich dort ein. Ich stehe nicht gerne in der ersten Reihe. Als wir anfingen zu singen, sprangen die zwei Frauen vor mir auf und sagten: „Die singt so laut, dass wir unsere eigene Stimme nicht hören können.“ Da wusste ich, meine Stimme war besonders. Viele Jahre übte ich mit einer CD und verbesserte dadurch meine Stimme so sehr, dass ich mit 58 Jahren im Rathaus öffentlich solo sang , bis ich 70 Jahre alt wurde. Hatte ich zu Hause erzählt, dass ich z.B. in einer Kirche solo sang, ist niemand gekommen., außer bei der Hochzeit meiner Schwester, wo ich auch alleine gesungen habe, da mussten sie ja kommen.

Mit 58 Jahren bekam ich nach meinem Zusammenbruch in der Musikschule noch eine Anstellung als Sachbearbeiterin im Rathaus. Hier hatte ich so nette Kollegen, dass ich ihnen mit meinem Gesang immer vor Weihnachten eine Freude machen wollte. Diesmal hat es so gut geklappt, dass ich erst 8 Jahre nach meinem Renteneintritt mit 62 Jahren damit aufhörte, weil sie mich immer wieder baten zu singen. Das erste Mal im Leben hatte ich nette Kolleginnen und mit ein paar davon bin ich immer noch befreundet.

Meine Fotos wurden auch immer besser. Als ich im Rathaus gefragt wurde, ob ich mal eine Ausstellung im Rathausflur machen wollte, habe ich mich sehr gefreut. Ich erzählte meinem damaligen Freund davon, da sagte er: „Wieso Ausstellung, deine Bilder sind doch gar nicht so gut.“

Nach dieser Einzelausstellung folgten noch viele und jedes mal wurde ich von den Galeristen gefragt. Ich wusste erst gar nicht, dass man sich bewerben muss. Darauf bin ich stolz. Ich habe auch so einige Fotos auf Leinwand verkauft, sogar in Holland hängt ein Leinwandbild von mir mit dem Titel „Vertrauen“. Ich habe noch viel mehr Talente und alle kann ich gut bis sehr gut, wie malen und Geschichte und Gedichte schreiben.

Und dann kam der Supergau...

Nicht allen Leuten erzähle ich von meinen vielen Talenten, die meisten wissen nur vom Fotografieren und Singen. Ich traf eine gute Bekannte, die auch Therapeutin ist und beklagte mich, dass ich immer die „Böse“ bin. Daraufhin sagte sie: „Das bist du nicht, im Gegenteil.“

Da legte sich bei mir der Schalter um, nachdem ich mein Leben lang immer geglaubt hatte, irgendetwas falsch zu machen, von dem ich nicht mal wusste, was es war, wurde mir bewusst, dass es nicht mein Fehler war, warum sie mich so schlecht behandelt haben. Sie waren neidisch auf meine Talente und meinen Erfolg. Ich aber brauchte das alles, um mein schlimmes Leben durchzustehen.

Und warum hat mir nie jemand gesagt, dass ich hübsch bin? Ich fand es immer seltsam, wenn Männer mich lange ansahen. Was wollten sie und warum machten sie das? Ich sah sie auch an, aber ein Lächeln konnte ich ihnen nicht schenken, das war schon lange gestorben. Einmal sah mich ein junger Mann so lange an, dass die Wegplatte 50 X 50 cm mit der Karre umfiel, weil er sie falsch reinlegte und nur zu mir herüber sah. Sein Vater schimpfte mit ihm . Ein anderes Mal stießen zwei Autos zusammen, weil der hintere Fahrer zu mir herüberschaute und nicht merkte, dass der Vordermann bremste. Erst als ich schon über 50 Jahre alt war und ich zufällig einem Kollegen meines Exmannes begegnete, bekam ich den Schlüssel zu meinem Aussehen, denn er sagte: „Ich habe nie verstanden, warum eine so hübsche, intelligente Frau so einen dummen Mann heiraten konnte.“ Er hatte Recht und es nicht nötig, mir ein Kompliment zu machen. Da blätterte ich in meinen Fotoalben und da sah ich es auch, ich war mein ganzes Leben lang hübsch gewesen und niemand hat es mir gesagt.

Wenn das kein Neid ist und wenn auch meine Talente die Leute sprachlos machten, war es jawohl auch Neid und Missgunst. Ich kenne solche Gefühle nicht, ich freue mich, wenn jemand etwas Schönes zeigt. Jetzt mit 77 Jahren gibt es in meinem Leben ein paar Freundinnen und Freunde, die mir alles gönnen und denen ich eine Freude machen kann mit meinem Können. Auch sie kenne nicht alles was ich kann. Manchmal rutscht mir ein für sie unbekanntes Talent heraus. Wenn sie dann staunen weiß ich, sie meinen es ehrlich. Übrigens Kinderlieder und Kinderbücher gehören auch zu meinen Werken.

Da mir auch immer abgesprochen wurde, intelligent zu sein, ich habe weder einen Doktortitel noch eine Professur, nicht mal Abitur, habe ich es allen gezeigt... sie wissen es nur noch nicht. Im Internet kann man meine Geschichten und Gedichte lesen unter: e-stories Hella Schümann

Hier hört man mich singen: Youtube Hella Schümann

und hier sind meine Fotos und Malereien: Hella Schümann Homepage und Fotocommunity

Meine Bücher gibt es hier: Amazon: Oma wird verappt und Vergnügliches Chaos

Jetzt endlich geht es mir gut und das große Fragezeichen in meinem Kopf ist verschwunden. Es scheint doch ein göttliches Wesen zu geben, dass mir all dieses geschenkt hat und ich bin sehr dankbar dafür.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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halbwertzeit der liebe von Ditar Kalaja



In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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