Heinz Werner

Fremd

„Ich verstehe Dich einfach nicht, Du bist mir so fremd geworden. Wie konntest
Du Dich so verändern?“
Ich habe diese Worte noch im Ohr, obwohl ich die Freunde letztmals vor zwei
Wochen getroffen habe. Was bedeutet fremd, was verstehen wir unter Fremdsein?
Grundsätzlich etwas, das als abweichend von Vertrautem wahrgenommen wird, also
alles, was anders und unbekannt ist. Fremd kann man überall sein: Neumitglied
in einem geschlossenen Club, als Bräutigam in der Familie der Braut, als Junge
vom Land in der Universitätsstadt, als Freiwilliger in der Armee, in einem
fernen Land, ja oft auch unter Freunden oder der eigenen Familie. Fremdsein
kann mal überall erleben. Ein weiser Man hat mal geschrieben: Wenn der
Horizont klein ist, beginnt Fremde ziemlich nah. Wie wahr! Fremdsein kann
verletzlich machen, kann frustrierend sein und Schwerstarbeit bedeuten, dieses
Empfinden abzulegen und anzukommen. Es ist ein universelles Gefühl, das oft
Einsamkeit und Heimatlosigkeit widerspiegelt. Fremdsein kann ein anderes
Aussehen oder eine andere Herkunft bedeuten. Ich kann fremd an einem Ort sein,
in dem ich niemanden kenne.
Es ist wohl in uns angelegt, zunächst Distanz zu Fremden zu halten, praktisch
dieser Urangst nachzugeben. Wenn wir Glück haben und offen für Neues sind,
kann allerdings schnell Neugierde daraus werden. Irgendwann kann aus fremden
Dingen Vertrautes entstehen. Fremdsein geht oft einher mit einer Erschütterung
des Selbstwertgefühls, mit Isolation und mit „Anderssein“.
Es gibt viele Gründe, sich fremd zu fühlen. In vielen Fällen sind es ältere
Mitbürger,
die dieses Gefühl des In-dieser-Welt–nicht-mehr-zu-Hause-Seins haben. Die
Bankfiliale hat geschlossen, der Bäcker hat aufgegeben, das vertraute Cafe ist
verschwunden, bisherige Tagesabläufe und Aktivitäten werden durch Automaten
wahrgenommen, der Ticketschalter wurde wegrationalisiert.
Menschen, die nach Jahren an ihren ehemaligen Lebensort zurückkehren, erkennen
diesen nicht mehr und fühlen sich fremd, denn die alte, vertraute und
angestammte „Heimat“ hat sich verändert. Es sind solche
Entfremdungserfahrungen, die dafür verantwortlich sind, dass sich viele fremd
im eignen Land vorkommen. Ob und wie intensiv man sich als Fremder fühlt,
hängt natürlich von der Persönlichkeit, den bisherigen Erfahrungen und dem
Charakter des Einzelnen ab. Entscheidend ist sicherlich, wie offen man Neuem
gegenüber ist, wie lernbereit und wie neugierig auf neue Erfahrungen, neue
Kulturen und andere Menschen.

Der deutsche Soziologe und Philosoph Georg Simmel (1858 – 1918) unterscheidet
zwischen Fremden – Outsidern – Wanderern. Den Wanderer beschreibt er dabei als
jemand, der heute kommt und morgen wieder geht. Ein Fremder ist für ihn ein
Mensch, der heute kommt und morgen bleibt. Simmel definiert ihn als Mitglied
einer Gruppe, in der er lebt aber sich dennoch von den Anderen unterscheidet.
Fremdsein hat viele Facetten und Ausformungen. Von leichtem Unwohlsein bis zu
Traurigkeit und Depression. Was soll ich hier, warum bin ich in einer solchen
Lage?

Ich erinnere mich an einen Mitarbeiter einer deutschen
Entwicklungsorganisation, der in einem mittelamerikanischen Land tätig war und
sich völlig hilflos und unnütz
vorkam. „Ich finde einfach keinen Zugang zu den Menschen, ich kann mit dem
Land nichts anfangen, spreche die heimische Sprache nicht und bei meiner
Arbeit gibt es auch keine Fortschritte“. Schade – ein typischer Fall eines
Menschen, der unvorbereitet einen Job annahm und zur falschen Zeit am falschen
Ort war. Ich fühlte mich schon nach wenigen Tagen sehr wohl in diesem Land,
fühlte mich angenommen und wurde unterstützt, wann immer das nötig war. Auch
Jahre später war ich noch gerne dort. Andere Länder wiederum sind mir auch
nach vielen Besuchen noch immer fremd. Kontakte zu und das Arbeiten mit den
Bewohnern bleiben sachlich und zweckorientiert, aber nicht wirklich offen und
herzlich. Es gibt Länder, in denen ich mich vom ersten Tag an spontan
verstanden und willkommen fühle, bei anderen jedoch gelingt mir dies nicht so
einfach. Es ist anstrengender, und ich werde wohl immer ein Fremder bleiben.
Ich frage mich, wie sich die deutschen Soldaten in Afghanistan oder Mali
fühlen. Als Fremde (sicherlich), eventuell sogar als Besatzer oder haben sie
das Gefühl, willkommen zu sein und von der Mehrzahl der Bevölkerung geachtet
und geschätzt zu werden? Haben sie überhaupt die Chance, das Fremde ihrer
Gastländer kennen zu lernen und in sich aufzunehmen?

Wie haben sich wohl die Tausende Auswanderer aus Europa im 19. und 20.
Jahrhundert in der Fremde gefühlt? Oft haben sie Länder in bitterer Armut
verlassen, um in Amerika ein besseres Leben zu führen.Ist ihnen das gelungen?
Manchen ja, vielen nicht. Wie fremd muss ihnen die neue Heimat vorgekommen
sein, ohne die Sprache zu sprechen, ohne Wohnung oder Arbeit, hier und da
Anschriften von Verwandten als erste Anlaufstelle. Alle aber waren offen für
Neues, wollten lernen und ein miserables Leben durch ein besseres in Freiheit
eintauschen. Sie zogen das Fremdsein in einem unbekannten Land dem Hunger und
dem Elend im eigenen vor.
Diejenigen, die lieber irgendwo fremd waren, als sich zu Hause für bestimmte
Untaten verantworten zu müssen, sind hier nicht gemeint.
Aus vielen Begegnungen mit Auswanderern der neueren Generation aus Asien weiß
ich, dass auch sie sich in der neuen Umgebung fremd fühlten – oft sehr fremd.
Mit großer Energie und Tatkraft aber nahmen sie die Herausforderungen an,
fügten sich und schufen in der Fremde ihren eigenen Kosmos und ein Stück
Heimat. Ganze Stadtteile großer Weltstädte, wie in San Francisco oder Toronto
zeugen davon.

Es hat jedoch auch Vorteile, fremd in einer Gesellschaft oder in einem anderen
Land zu sein. Ich glaube, man beobachtet besser und kritischer. Man hat mehr
Distanz und ist weniger vorbelastet von Meinungen anderer oder von
weitergegebenem Wissen Dritter, die möglicherweise ganz andere Sichtweisen,
Erfahrungen oder Interessen haben. Wie sagt man doch: Aus der Ferne sieht man
besser. Man hat die Chance, neue Erfahrungen zu machen und muss - auf sich
selbst gestellt – aktiv die Umwelt erfahren und nötige Tätigkeiten
organisieren. Dies kann helfen, bestehende Vorurteile abzubauen, den Horizont
zu erweitern und das eigene Selbstvertrauen zu stärken.
Manchmal bin ich mir selbst fremd und kann bestimmte Handlungen oder
Reaktionen im Nachhinein nicht verstehen. Es gab sicher Momente, in denen ich
Andern gegenüber ungerecht war oder überzogen reagierte. Warum? Ich weiß es
nicht, bedauere aber jeden dieser Momente. Eigentlich ist dies Grund genug,
sich zu schämen. Gott sei Dank fällt es mir nicht schwer, mich anschließend zu
entschuldigen. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen mir selbst beste
Freunde oder Familienmitglieder fremd sind. Es ist dann schwierig, deren
Argumente oder Handlungsweisen zu verstehen. Warum wird man gelegentlich in
Gesellschaft von Personen, die man sehr gut zu kennen glaubt, die man sogar
liebt, zum Fremden, zu jemanden, der sich ausgeschlossen oder komplett
unverstanden fühlt? Fremdsein inmitten von Bekannten, auf Veranstaltungen oder
Partys erlebe ich häufiger als mir lieb ist, denn es ist schade um die
verschwendete Zeit.

Eine ernst zu nehmende Krankheit ist es, wenn man sich im eigenen Körper fremd
fühlt, praktisch neben sich steht und mit der eigenen Person nichts zu tun
hat.
Mediziner nennen diesen Zustand Depersonalisation, also ein krankhaftes und
behandlungsbedürftiges Entfremdungsgefühl dem eigenen Ich gegenüber.

Migration und damit Fremdsein sind Erscheinungen, die es schon seit dem Anfang
der Menschheitsgeschichte gibt. Migration war der Normalfall, da Menschen, die
als Nomaden lebten, weiterziehen mussten, sobald es am bisherigen
Aufenthaltsort nichts mehr gab, wovon man leben konnte. Sie waren gezwungen,
lebenslang fremde Gebiete, Jagd- und Weidegründe zu besiedeln. Fremder damals
hatte eine andere Bedeutung und einen anderen Stellenwert als heute. Im alten
Ägypten wurde Fremdheit vor allem über die religiöse Weltanschauung definiert.
Über alle Jahrhunderte hinweg waren qualifizierte Fremde, also Einwanderer, z.
B. Schreiber, Handwerker oder Ärzte willkommen. Das, was man neudeutsch als
„brain-gain“ bezeichnet, gab es praktisch schon immer – im Prinzip hat sich
demnach nicht viel geändert.
Es gibt Berufsgruppen in globalen Berufswelten, die behaupten, sie seien
überall zu Hause und fühlten sich nirgendwo fremd. Solche Menschen sind im
Land A geborgen, haben in B studiert und arbeiten im Land C. Dazwischen jetten
sie permanent von Metropole zu Metropole und von Land zu Land. Stimmt das? Ich
habe gelesen, dass diejenigen, die überall zu Hause sind, nirgendwo daheim
sind. Was ist mit der überwiegenden Mehrheit, die nicht zu diesem elitären
Kreis gehört?
Ich bin überzeugt, diese Menschen sind auch neugierig und offen für neue
Erfahrungen. Ich glaube aber, dass sie sich sehr wohl in mancher Umgebung und
in vielen Situationen fremd vorkommen, dass sie das Fremdsein kennen und
vielleicht auch fürchten. Nichts, was man belächeln sollte oder für das man
sich schämen müsste.

Für jeden bedeutet Fremdsein oder sich fremd fühlen etwas anderes. Fremdsein
hat viel mit der persönlichen Befindlichkeit, weniger mit einem objektiven
Zustand zu tun. Manche empfinden es sehr intensiv, ja beängstigend, für
andere wiederum ist es eine willkommene Herausforderung oder nur ein vages,
sich schnell verflüchtigendes Gefühl. Es gibt viele Ursachen dafür. Gerade in
der augenblicklichen Situation lernen wir, dass vieles für uns fremd ist oder
fremd wird, von dem wir bisher nicht einmal ahnten, dass es so etwas gibt.
In Zeiten von Corona ist einem großen Teil bisheriger treuer Fans Fußball so
fremd wie nie zuvor. Der uns aufgezwungene Stillstand – in vielen Bereichen –
die Entschleunigung und Beschränkungen lassen uns Normalität fremd erscheinen.
Eine Studentin aus Amerika schrieb, sie habe sich an die
Ausgangsbeschränkungen gehalten und kaum Kontakt gehabt. Als sie in einer
Pause eine Freundin traf, war ihr, als müsse sie ihre Mitmenschen wieder neu
entdecken und kennenlernen. Diese Erfahrung habe ihr Angst gemacht und war
extrem fremd für sie. Fremd ist vielen auch das Gefühl, Angst vor einem
Jobverlust oder vor gravierenden wirtschaftlichen Folgen haben zu müssen.
Diese globale Bedrohung verändert unsere Sichtweise auf Dinge, auf weltweite
Geschehnisse und Gewohnheiten und zwingt dazu, uns mit Fremdem
auseinanderzusetzen. Die fehlende menschliche Nähe lässt ein neues Gespür für
Menschen entstehen - eine Gemütsregung, die manchen bisher fremd war.

Durch Globalisierung – sie wird weiterbestehen, wenn auch in veränderten
Dimensionen – und einer kleiner werdenden Welt, werden sich unsere
Lebensformen und -gewohnheiten ändern. Lebenslanges Wohnen und Arbeiten an
einem Ort werden nicht mehr selbstverständlich sein. Dies bedeutet, dass mehr
Menschen gezwungen sein werden, umzuziehen und ihren Arbeits- oder
Lebensmittelpunkt woanders haben werden. Folglich werden sie des Öfteren an
fremden Orten leben, also zumindest am Anfang Fremde sein.


Heinz Werner
(Juli 2020)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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