Monika Litschko

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 3

Ich kniete mich besorgt vor sie. Iris atmete noch und ich war beruhigt. Gleichzeitig wurde mir klar, dass nun etwas Außergewöhnliches passierte. Dass es so außergewöhnlich sein würde, hätte ich nie gedacht. Iris Körper verfiel in Zuckungen, die immer heftiger wurden und ihre herabhängenden Arme schleuderten marionettenhaft auf und ab. Etwas versuchte ihre körperliche Hülle abzustreifen. Mein Gott, was sollte das? Ich war für das Ende des Lebens zuständig, aber nicht für den Tanz der Teufel. Aber was blieb mir anderes übrig, als mit meiner Kamera auch dieses Spektakel einzufangen.

Als ich schon dachte, diese heftigen Zuckungen würden Iris umbringen, elektrisierte die Luft im Raum. Eine pechschwarze Wolke löste sich von ihrem Körper, der nun ganz ruhig dalag. Nein, sie entstieg ihm. Ich sah Blitze in ihr und hörte den Donner, als sie sich zu einer Gestalt formte, die einer Frau gleichkam. Sie stand ruhig da, so, als würde sie sich konzentrieren. Als sie sich schließlich bewegte, ahnte ich, wohin es sie zog. Diese Wolke waberte ins Wohnzimmer, direkt zu dem Spiegel über der Anrichte, dessen Laken schon auf dem Boden lag. Die Wolkengestalt legte sich über den Spiegel. Blitze schossen in ihn, begleitet von lautem Donnergrollen, welches das Geschirr in den Schränken klirren ließ. Als sie von dem Spiegel abließ, tobte das Gewitter in ihm weiter. Ich sah Feuer und Särge. Schöne Frauen und widerliche Gestalten, die sich küssten. Menschliche Wesen schlugen in dem Feuer wild um sich und stießen fürchterliche Schreie aus. Von oben kamen ebenfalls Schreie, Stimmengewirr und wilde Donnerschläge. Irgendwie hatte diese Gestalt alle Spiegel des Hauses gestartet. Etwas anders fiel mir dazu nicht ein. Sie schien zufrieden, denn Blitz und Donner, die sie umgaben, waren verschwunden. Auch die Spiegel wurden wieder normal. Ruhig schwebte sie auf Iris zu und verband sich wieder mit ihrem Körper. Schwere Stille erfüllte das Haus. Sie war greifbar, gefährlich und unberechenbar. Warum hatte Iris vorher die Kerzen angezündet? Um diesem Etwas den Weg zu ebnen? Oder hatte sie sie auf dieses Szenario Eingeschworen?

Es verging einige Zeit, bis Iris sich bewegte. Sie setzte sich auf und griff nach der Zeitung, die immer noch vor ihr lag und fing an zu lesen. Die leichte Beule an ihrer Stirn, schien sie dabei nicht zu bemerken. War es denn Iris, die am Tisch saß? Oder war es das Wesen, welches ich gesehen hatte? Im besten Fall konnte ihr Körper zwei Seelen beherbergen und niemand würde wissen, wen er gerade vor sich hatte. Aber irgendeine Eigenschaft, die Iris ausmachte, musste es geben.

Gegen Mittag kam Melanie nach Hause. Sie grüßte Iris kurz und ging gleich nach oben.
„Das Essen ist fertig. Willst du nichts essen?“
„Nein, ich habe keinen Hunger. Ich bin müde und möchte mich hinlegen. Wenn ich hungrig bin, schmeiße ich die Mikrowelle an.“
„Na gut. Melli, ich muss kurz ins Dorf. Wenn etwas ist, rufe mich einfach an.“
„Was soll sein, Iris. Ich komme schon klar.“

Melanie stand abwartend in ihrem Zimmer. Als die Tür hinter Iris zuschlug, zog sie die Leiter, die zum Dachboden führte nach unten und kletterte nach oben. Vorsichtig ging sie über die knarrenden alten Dielen und sah sich um. Ihr Blick fiel auf einen unscheinbaren braunen Karton, der unter zahlreichen weiteren Kartons stand, die säuberlich übereinandergestapelt waren. Sie zog den Karton einfach hervor und sorgte für eine sichtbare Ordnung. Niemanden würde auffallen, dass hier etwas fehlte. Zufrieden setzte sie sich in einen alten zerschlissenen Sessel und stellte ihn vor sich auf den Boden. Der Deckel des Kartons war mit zahlreichen Glitzerbildchen verziert, auf denen mit feiner Handschrift geschrieben, ihr Name stand. Melanie nahm den Deckel ab und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Eine Weile betrachtete sie seinen Inhalt und setzte sich schließlich auf den Boden. Ihre Finger griffen nach Stramplern, Jäckchen, Schühchen und rosa Kleidchen. Aber es war nicht das, wonach sie suchte. Feinsäuberlich legte sie die Sachen beiseite und seufzte wehmütig, als sie ein Bild in die Hand nahm und an ihr Herz drückte. Die Frau auf dem Foto glich ihr ungemein und mir war klar, dass es ihre Mutter sein musste.
„Warum hast du uns nur verlassen? Alte kranke Menschen möchten sterben, aber du warst noch so jung. Ich kann mich kaum an dich erinnern. Mom, ich wollte dieses Medaillon nie haben, aber jetzt werde ich es an mich nehmen. Ich muss einfach herausfinden, warum es für Iris so wichtig ist. Es ist doch nur ein Medaillon, mehr nicht. Sie hat an meinem Bett gestanden und von einem Medaillon gesprochen, ich weiß es. Wenn du mir nur helfen könntest. Diese Spiegel sind schrecklich und niemand glaubt mir. Obendrein lassen sie sich nicht entfernen.“
Als Melanie alles, bis auf das Medaillon wieder in den Karton räumte, spürte ich einen warmen Luftzug in unserer Nähe. Instinktiv stand Melanie auf und schaute sich um.
„Wer ist da?“
„Sei vorsichtig mein Kind.“ Die Stimme war schwach und glich eher dem Säuseln des Windes, der sanft über die Gräser wehte.
„Mom, bist du das?“
„Sie ist böse. Du darfst ihr das Medaillon nie aushändigen. Ida darf es nie besitzen."
In diesem Moment fiel unten eine Tür ins Schloss und Melanie erschrak.
„Geh jetzt.“

fahrig steckte Melanie das Medaillon in die Hosentasche und schob den Karton unter einen Stuhl. Sie schaffte es gerade noch, den Dachboden zu verlassen, als Iris plötzlich neben ihr stand.
„Rauf oder runter?“
„Eigentlich wollte ich nach oben. Erinnerst du dich an den schwarzen Rucksack? Dad hat ihn mir letztes Jahr geschenkt.“
„Natürlich, aber wozu brauchst du ihn? Ich meine damit, dass du ja einen hast. War das alte Ding nicht uncool?“
„War es, aber jetzt ist schwarz wieder In.“
„Also gut, gehen wir mal nachschauen.“
„Nicht nötig. Ich habe Hunger und werde jetzt etwas essen. Eilt nicht so. Außerdem möchte ich mir erst Strasssteine besorgen.“
„Strasssteine?“
„Klar, zum Verzieren.“
„Ihr müsst alle Langeweile haben. Erst Hü, dann Hot. Nach oben, dann wieder nicht.“
Iris schob die Leiter zusammen und verschloss den Dachboden mit grimmiger Miene.

©Monika Litschko

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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