Carsten Schranz

Quarantäne ... Mein Schutzengel hat es nicht leicht mit mir!

Es war ein Sonntag vor Pfingsten. Auch wenn für Markus kein Wecker klingelte, so war er doch für sich ungewöhnlich um acht Uhr Vormittags aus dem warmen Bett gekrochen. Die Zigeunerkinder über ihm hatten ihn geweckt. Er trug diesem Lärm gegenüber eine Hasskappe, übte sich aber in Nachsicht. Tauschen wollte er mit dem Familienvater von drei kleinen Mädels nicht, schon gar nicht nach den vielen Wochen der Quarantäne. Die lieb gewonnene Kapselmaschine füllte ihm Lebensenergie in die kalte Kaffeetasse. Luxus den er da hatte, dachte er bei sich. Ein Knopfdruck und der Tagesstart war eingeläutet. Ein Sonntag, wie viele vergangene Sonntage, mit einem kleinen Plan im Kopf. Die aufgelaufene Post zu erledigen. Ihn hielt etwas auf, etwas was er die Tage erlebt hatte. Was es genau war, wusste Markus nicht. War es gestern die klasse Tour für ein großes Logistikunternehmen, für das er nach drei Monaten Quarantäne wieder arbeiten konnte. War es das 2 Stunden und 49 Minuten Telefonat mit seiner langjährigen Fernbeziehung? Über acht Wochen war er mit seinen Gedanken, seiner Gefühlswelt und seinen nervenden Nachbarn eingeschlossen. 58 qm Auslauf prägten den Tag, wie auch Zettel, wo was noch so zu erledigen war. Viel ging nicht, außer der Ausgang zum Arzt oder zum Einkauf. Diese ganzen negativen Nachrichten im Radio, Fernsehen oder Internet waren auf die Dauer wirklich anstrengend. Markus dachte sich oft, die ganzen Dinge nicht so an sich herankommen zu lassen. Das war ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Hatte er doch zahlreiche und mehrwöchige REHA´s die letzten Jahre erlebt und durchlebt. Der Zustand hier war da eher vergleichbar mit einem Gefängnis. War Markus mit seiner Liebe Anfang des Jahres noch in einem schönen Alpenurlaub, so bekamen die Haushaltsgeräte in den nachvollgenden Wochen herzliche Namen. Streaming wurde für ihn eine heimliche Geliebte. Der Frühling kam und der Balkon wurde zum Kino im Leben. „Lock Down“ und „Kontaktsperren“ prägten die sein Leben. Selbst die Nachbarn wurde gedanklich zum gefährlichen Ansteckungsherd. Das Einkaufen beim Discounter entpuppte sich mehr und mehr zu einem schweißtreibenden Abenteuerausflug. Markus hatte schon viele Abgründe im Leben vor sich. Beruflich, gesundheitlich und auch familiär. Umso schwerer viel es ihm auch den Kontakt zu seinem Sohn, seiner geliebten Freundin und seiner wieder gewonnenen Mutter nicht halten zu können. Es vergingen Wochen ohne körperlichen Kontakt, Zärtlichkeit oder Intimität. Ruhig im Geist zu bleiben, hatte er über die Jahre lange und mit Geduld gelernt. Da gab es erste vermummte Besuche und getrennte Betten in einer Zeit, wo keiner so wirklich keiner wusste was, was mit uns passierte. Der Tag endete regelmäßig mit der Verfolgung von Nachrichten und Hotspots. Es grenzte schon fast an einem der spektakulären Sciencefiction Filme. Songtexte, welche gut 30 Jahre alt waren, gingen Markus durch den Kopf und die Ohren. Der Welt wurde schon so oft der Untergang vorhergesagt … und sie drehte sich immer noch, waren seine Gedanken. War das ein schlechtes Leben, in diesem seinem Leben? Es dauerte etwas, bis Markus die guten Seiten der Medaille fand. Er sah die Vögel, den Storch über sein Dorf fliegen, bewunderte seine Nachbarn, wie sie mit der neuen Lebenssituation umgegangen sind. Es flogen keine Flugzeuge in der Früh durch sein Schlafzimmer und keine Schulbusse machten die schmale Straße zur Bundesstraße. Markus rasierte sich und die Kopfhaare wurden auch gestutzt. Es ging alles einfacher und ungezwungener, weil keine Etikette angesagt war. Alles ziemlich entschleunigt und vielleicht auch ein Stück menschengerecht. Die Sonne stand hoch auf seinem sonnengefangenen Balkon. Er schaute auf die wieder geschlossenen Baumkronen in seinem Dorf und auf die Schleierwolken am Himmel. Ein Gefühl verließ ihn dennoch nicht, es war dieser Abstand zwischen den Menschen. Markus gehörte zu der sogenannten Risikogruppe. Gedanklich wurden die Menschen in der nahen Umgebung in Risikoträger eingeteilt, wie auch bei seinem Job gestern. Dabei waren es die gleichen Menschen, wie sie es auch schon vor Monaten waren. „Kontaktlos“ war das Schlagwort. Doch dafür wurden Menschen nicht gebaut, wie auch nicht die Schiffe, welche nur sicher im Hafen liegen. Die Angst vor einem unsichtbarem Feind trieb die Menschen um. Die Zahl der Toten war erschreckend. Aber es hatte auch für Markus etwas Positives. Er war schon lange Jahre einer, der seine Seele zwischen den Händen spüren konnte. Das zu erlernen war ein langer Weg zu sich selbst. Er saß noch etwas in der wärmenden Sonne, staunte um die unbeeindruckte Natur. Dachte er an die geliebten Menschen um sich herum. Viele Namen und Gesichter, die kamen und gegangen waren zogen an ihm vorbei. Namen, die immer wieder Türen im Leben von Markus aufgemacht hatten. Markus erinnerte sich an das Thema „Achtsamkeit“, wo er viel gelesen und erfahren hatte. Es waren nicht nur die „Helden des Alltages“, es waren so viele Menschen in seinem Leben. Menschen, welche man in vielen Situationen traf. Da gab es die Menschen, die sich über eine zugestellte Lieferung freuten. Es gab auch die angespannte Freundin, mit viel Bewegung in ihrem Leben. Es gab seinen Sohn, der die Berge mit seinem Mädel eroberte. Markus wurde insgeheim stolz und dankbar für sein Leben. Mit dem richtigen Abstand betrachtet, war sein Leben immer noch eine Wiege … trotz aller Quarantäne. Markus hat sich über die wieder gewonnene Freiheit gefreut.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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