Maik Tippner

Fals es passieren sollte...


Ein Ratgeber für den Verrückten und individuellen Weg mit
und in der Psychiatrie

Mathis Tiquet
2009

1

Für In- und Outsider

2

Prolog
Schönen guten Tag, mein Name ist Mathis Tiquet (Psydonym) und mit
diesem Text möchte ich einen kleinen Beitrag leisten um Menschen, die
mit der Psychiatrie in Kontakt gekommen sind und auch jenen die noch
nicht mit ihr in Beziehung getreten sind, etwas von den Leistungen und
Verhaltensweisen in psychiatrischen Kliniken, von Nervenärzten,
Psychologen und Pflegepersonal erzählen.
Wenn ich dadurch zur Klärung gewisser Probleme beitrage so geschieht
dies in meinem Willen.
Ferner ist mir bewusst, dass viele Nervenärzte und Psychologen dieses
Schriftstück als Problem ansehen werden, doch es sei gesagt, dass das
Problem besteht, egal wo es nun ist, sei es bei mir, oder bei dem
Gesundheitssystem, wenn ich also ein Problem ins Licht stelle, so kann
man darüber sprechen. Somit möchte ich auch öffentliche Diskussionen
über den Schatten, der Gesellschaft anregen und öffentliche Gespräche
über die Psychiatrie anregen in dem ja der Schatten, der Gesellschaft zu
Tage tritt. Ich hoffe zur Integration von Krankheit und Gesundheit
beitragen zu können, was nach meiner Erfahrung ein existentiell wichtiger
Schritt heutzutage sein muss.
Danke für's lesen.
MT.
3
Die Einweisung
Fals es passieren sollte, dass sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen
werden sollten oder dies aufgrund von Selbsteinschätzung, selbst getahn
haben, geraten sie nicht in Panik. Sie werden wieder entlassen werden,
irgendwann gibt es auf jeden Fall Gründe, die dafür sprechen werden, sie
sie nicht länger dort zu behalten. Und in Zeiten knapper Kassen wird
irgendwann das Geld alle sein, also bleiben sie gelassen.
Sollten sie sich selbst Eingewiesen haben, seien sie froh, dass sie es
gemacht haben. Sie haben nicht gewartet bis man über sie bestimmt. Sie
haben sich von innen ganz alleine von ihrem eigenem Antrieb heraus
entschieden, sich helfen zu lassen1. Nun kommt es darauf an, diesen
kleinen Bonus, für sich zu nutzen. Sie geniessen etwas mehr Freiheit in
der Klinik, man wird sie etwas anders behandeln. Seien sie wachsam und
haben sie Vertrauen, nicht so viel Vertrauen aber haben sie es. Das Erste,
was ihnen in einer psychiatrischen Klinik über den Weg laufen wird, ist der
Empfang. Man wird sie nach ihrem Namen fragen und nach ihrer Adresse
nach ihrem Beruf nach ihrem Geburtstag, Geburtsort etc. geben sie
wahrheitsgemässe Antworten. Bedenken sie immer: offenbahren
brauchen sie sich nicht, aber haben sie auf jede Frage eine Antwort und
sei es diese: “Das weiss ich nicht.” Das Erstgespräch, welches
zwangsläufig zwischen ihnen und einem Nervenarzt/ Nervenärztin
stattfinden wird, sollte zwanglos und freundschaftlich sein. Dies ist nicht
immer der Fall2. Seien sie offen und ehrlich, seien sie geradeheraus und
seien sie neugierig, was der Arzt sie fragen wird. Auch sie können fragen
stellen: z.B. “Warum fragen sie das? ; “Warum ist das wichtig für sie?” ;
“Ist das wichtig?” ; “Warum interessiert sie das?”.
Das Aufnahmegespräch dient dem Nervenarzt in mehrerlei Hinsicht, er will
im Vordergrund jedoch erst einmal nur zwei Dinge klären.
1. “Auf welche Station kommen sie?”
2. “Darf er ihnen Tabletten geben?”
Sollten sie direkt gefragt werden: “Wollen sie Tabletten haben?” ; So
können sie “Nein.” sagen, wenn sie es denn nicht möchten. Sollten sie
sich nicht sicher sein ob sie Tabletten haben möchten oder nicht so sagen
sie das. Sagen sie “Ich bin mir nicht sicher, ob ich Tabletten haben möchte
oder nicht.”
Aber, treffen sie konkret eine Entscheidung, auch dann wenn sie sich nicht
sicher sein sollten. Die Entscheidung wird ihnen keiner abnehmen,
vielleicht denken sie, dass sie nicht wissen worauf sie sich einlassen. Nun
dazu ist folgendes zu sagen: “Welcomme to life!” Bedenken sie, selbst als
dreijähriges Kind trafen sie bereits Entscheidungen, die ihnen keiner
abnahm und sie wussten gar nichts von der Welt. z.B. Die menschliche
1Sollten sie denoch der Meinung sein, oder glauben, dass ihr eigener Antrieb ihnen eingeredet worden ist, etwa
von ihrem Partner oder ihren Eltern oder ihrem Betreuer, so ist das ihr Problem. Die Ärzte werden bei ihnen
einen Fremdbestimmungswahn feststellen, wollen. Dies können sie abmildern in dem sie schon vorher sagen
dass sie einen Fremdbestimmungswahn haben. Lernen sie alle möglichen medizinischen Begriffe und bringen
sie sie zur Rechten Zeit an. Bei Amazon gibt es mittlerer Weile das Psychiatrische Kompendium. Werden sie
zum Experten der eigenen Krankheit.
2 In der Psychologie gibt es zahlreiche Idealtypische Gesprächsmodelle. So ist eines dieser Ideale, dass ein Gespräch einen
Bogen aufspannt, der am Ende wieder geschlossen werden sollte. Aus der Erfahrung ist allerdings zu berichten, dass sich
kaum ein Psychologe und oder Nervenarzt daran hällt. Einige andere Modelle sind: Fragmentarisches Gespräch,
Assoziatives Gespräch, Gedankenreisen etc.
4
Sprache zu erlernen. Laufen zu lernen etc.
Also: Treffen sie Entscheidungen!
Sagen sie konkret und direkt Ja! Oder Nein!
Lassen sie sich nicht in Zweifel über ihre Entscheidung bringen und
versuchen sie, die Dinge die sie belassten loss zu werden, denn dafür
sind sie hier.
Sollten sie sich denoch nicht sicher sein, wegen der Tabletten, so
versuchen sie, sie wenigstens in Betracht der Möglichkeiten zu zeihen.
Sollten sie noch nie zuvor in ihrem Leben Medikamente oder irgendwelche
Substanzen chemischer-psychologischer Struktur, sprich auch Drogen,
Zigaretten oder Alcohol zu sich genommen haben, so spricht manches
dafür jetzt mal ein bisschen was auszuprobieren. Denn Psychopharmakas sind ja auch nichts weiter als gesellschaftlich anerkannte Drogen, mit denen ihr Bewusstsein in den gesellschaftlich anerkannten Bereich konditioniert wird. [Ich habe an anderer Stelle schon auf den Kampf der Substanzen hingewiesen] 
Sollten sie schon sehr viel ausprobiert haben, so spricht manches dafür,
jetzt mal ein bisschen “kürzer zu treten”.
Die Psychiatrie-Erfahrung kann in ihrem Leben ein Wendepunkt sein,
muss dies aber nicht. Denn erwarten sollten sie es nicht, dass sich nun
jetzt über die Maßen alles ändert, sie machen nur den ersten kleinen
Schritt in eine bestimmte Richtung, die für sie im Nachhinein Bedeutung
haben wird. Egal ob nun positiv oder negativ. Eine Dame sagte mir, dass
man wohl die Therapie nicht mit positiv oder negativ bewerten kann. Sie
gehen einen Weg nicht mehr, sie machen eine Erfahrung nicht mehr. Ob
sie dann später sich gesünder fühlen oder nicht, das ist gar nicht zu
sagen. Vieles hängt davon ab, ob sie gesund werden wollen und was sie
sich unter Gesundheit3 vorstellen.
Sie können vieles aus ihrem Leben nun ansprechen und losslassen, doch
wie schon gesagt, offenbaren brauchen sie sich nicht. Natürlich wird man
von ihnen verlangen offen zu sein und gewisse Dinge aus ihrem Leben zu
erzählen, doch: Sie entscheiden was sie sagen und wie sie es sagen und
wann sie es sagen.
Sollte ihnen das Glück passieren und sie führen das Erstgespräch mit
einer ihnen sympathischen Person, so können sie aufatmen und Hoffnung
schöpfen. Erinnern sie sich auch später an dieses erste Gespräch.
Berufen sie sich auf dieses erste Gespräch, wenn sie mit Pflegern oder
Psychologen in Konflikte geraten. Aber gehen sie nicht davon aus dass es
besonders berücksichtigt wird.
3 Zur Frage: Was ist Gesundheit kann ich ein paar Buchempfelungen machen: “Der sechste Kondratieff Integrität und
Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information von Leo A. Nefidow.” ; “Krankheit als Weg” Und auseredem ist das
Internet voll davon, geben sie bei einer Suchmaschine einfach diese Frage ein und sie bekommen genügend
Ergebnisse. Ausserdem eine These von Mir: Obwohl ich nicht weiss, was Gesundheit ist, weiss ich wann ich mich
gesund fühle. Diese These bricht den hochphilosophische Kontext herunter auf etwas persönliches und deshalb
lebensnahes. Sie ist deshalb integrativer als viele anderen philosophischen Thesen. Versuchen sie auch etwas
Lebensnahes zu finden in der Psychiatrie, etwas was ihre Seele befriedigt. Es muss nicht viel sein, manschmal
genügt ein Blick.
5
Sollten sie sich in einen der Pfleger oder Ärzte verlieben, so bedenken sie:
Liebe ist das menschlichste aller Gefühle und Begebenheiten, aber es
wird trotzdem absolut unmöglich sein solch eine Liebe zu leben oder gar
eine Beziehung zu knüpfen.
Seien sie gelassen gegenüber solchen Gefühlen, seien sie überhaupt
gelassen gegenüber allen Gefühlen, die sie erleben während und nach
dem Aufenthalt.
Sagen sie sich vielleicht: “Ok, ich habe mich verliebt, aber das muss ja
nicht zwangsläufig bedeuten dass ich auch eine Verbindung eingehen
oder es der Betreffenden Person zu sagen.”
Davon würde ich so wie so dringend abraten so etwas zu sagen, es sei
denn sie werden darauf angesprochen aufgrund zwangsläufig auftretender
Probleme.
Doch nun zu einem etwas realistischerem Gebiet:
Viele Menschen, die in die Psychiatrie geraten, entscheiden sich nicht
selbst, dort hin zu gehen. Sehr viele Menschen werden zwangsweise und
mit Handschellen von der Polizei, meistens zu Weinachten in
psychiatrische Behandlung gebracht. Sie sind zu Hause ausgerastet. Sie
haben die Wohnung verwüstet, keiner versteht sie, sie sprechen in einer
Sprache die keiner versteht. Sie können nicht mehr schlafen, sie gehen
nachts in den Wald und Schreien, sie malen Bilder von verstümmelten
Körpern oder sehr Angstmachende syrreale Dinge begleiten sie schon ihr
ganzes Leben.
Sie haben den Eindruck, dass alles um sie zusammenbricht und
gleichzeitig in einer riesigen Explosion zerberstet. Sie hören Stimmen die
kein Mensch sagt, und leiden darunter. Sie sehen Bilder in ihrem Kopf und
leiden darunter. So kommen sie in die Psychiatrie. Verängstigt, heimatlos,
verstört, schwach am Leib und an der Seele, zerborsten und geschunden
vom Leben. Zu viel gesehen; zu viel erlebt; alles, alles viel zu viel, zu viel
Leid auf der Welt vor dem man sich nicht abgrenzen kann, nicht schützen
kann, oder will. Zu viele falsche Freunde, die einem selbst niemals die
Wahrheit ins Gesicht sagen könnten. Zu viele Schauspieler, zu viele
Fassaden, die bröckeln, nirgends Grund. Kein Halt, keine Heimat, nur der
Tod der hinter jeder Ecke steht und grinst. Vergewaltigt, Gedemütigt,
Geschlagen, Belogen und Betrogen, Stigmatisiert und Eingeschüchtert.
Stellen sie sich vor: Sie wissen nicht mehr was real ist... . Stellen sie sich
vor: Sie haben sich nicht mehr selbst unter Kontrolle. Und gerade jetzt,
haben sie die einmalige Chance ihres Lebens, durch diese Angst zu
gehen. Gerade jetzt in der grössten Angst, können sie das überwinden.
Die Nervenkrankheit wird sie in die Situation bringen, sich ihrer grössten,
tiefsten Angst zu stellen. Sie werden sich ihrem Schatten stellen können.
Nutzen sie diese Gelegenheit! Gehen sie durch die Angst hindurch!
Gehen sie in die Psychose. Gehen sie in die Schizophrenie, und bleiben
sie locker, bleiben sie sie selbst. Denn auch in der Psychose gibt es
Hoffnung, gibt es Inseln der Realität. Die Psychoseerfahrung hat mich
6
eines gelehrt:
“Alles ist real.”
Auch Halluzinationen sind real, denn sie sind Nervenimpulse.
Nervenimpulse aber sind elektrischer Strom in unserem Gehirn.
Elektrischer Strom aber sind sich bewegende Elektronen, und Elektronen
besitzen eine Masse, ein Volumen, sind also Körper die real sind. Sie
existieren wirklich.
Alles ist real!
Auch die Angst ist real. Auch die Liebe. Und das Glück.
Wenn aber alles real ist, dann ist auch zwangsläufig der Satz real: “Nichts
ist real.”
Und insofern gibt es da einen Unterschied, eine Differenz, ja einen
Widerspruch.
Information ist Unterschied.
Und Spannung ist potentielle Energie.
Vielleicht sind präpsychotische Menschen, ja gerade die Menschen, die
mehr als alle anderen diese Energie die aus dem Anfang des Universums
herrührt spüren können. Und sie nehmen sie auf einer existenziellen
Ebene wahr. Sie fühlen sie. Etwas in ihnen will ans Licht, etwas in ihnen
will heraus. Dann schreien sie. Sie geben ihrer inneren Spannung einen
äusseren Ausdruck.
Vielleicht wahren sie schon einmal auf einem Heavy Metall Konzert?
Schreie, Schreie, Tod Verzweiflung. Ja. Auch dies ist in uns. Der Tod
gehört zum Leben. Der Tod integriert das Leben. Die Lüge integriert die
Wahrheit. Und was machen die Tabletten? Sie sind Filter. Filter der
Realität, dieser Realität. Eine Sonnenbrille. Nelson Mandela hat gesagt:
“Es ist das Licht vor dem wir Angst haben, nicht die Dunkelheit.” Können
sie ohne Schutz in die Sonne schauen? Das Licht blendet sie? Es ist
greller als gut für sie?
“Die Sonne scheint mir aus den Augen, kann verbrennen kann euch
blenden.” (Sonne von Rammstein).
Die Psychose als einen Zustand sehr grosser innerer Energie zu
betrachten, dahin sollten sie gelangen und nicht als Krankheit die
unterdrückt werden muss. Sie sollten diese Energie zu nutzen wissen,
umzulenken und zu kanalisieren. Machen sie Sport! Powern sie sich aus!
Auf der anderen Seite also auf geistiger Ebene.
Was ist vorzunehmen?
Eine Integration der Energie. Eine Analyse.
Nach Immanuel Kant ist die Analyse, die Aufspalltung der Ganzheit in
Vielheit. Die Gesamtheit der Realität wird in mehrere Ebenen unterteilt.
Dadurch findet eine Integration statt in der es sich gut Leben läst.
7
Integration heisst in der Mathematik: Die Fläche unter einer Kurve
bestimmen. Man ereicht dies in dem man die gesamte Fläche in
Teilstücke zerlegt.
“Teile und Hersche” Cäsar.
Sie sollten versuchen diese Fragmentierung durchzuführen. Sein sie
logisch und vernünftig und seien sie hoffnungsvoll. Seien sie unbedarft wie
ein Kind aber mit dem Wissen eines Greises4. Mit diesem Wissen über
ihren Geist, können sie auch in einer Gefängniszelle frei sein. Mit diesem
Wissen über ihren Geist, wird ihnen die psychiatrische Praxis nicht so viel
anhaben können. Ich kann nur immer wieder sagen: “Don't panic!”
4Ich weiss nicht, wer unter ihnen das schaffen möchte oder will. Ich weiss sehr gut dass viele Menschen die
Mathematik nicht verstehen können und auch nicht mögen. Ich weiss dass es andere Methoden gibt, seelische
Gesundheit zu erlangen und vielleicht auch einfachere. Ich sage nur wie ich es geschafft habe mich aus
gewissen Problemen zu befreien. Aber eines möchte ich noch sagen. Der Grund warum die Probleme
aufgetreten sind war der, dass ich mich mit den Hintergründen der Mathematik und den philosophischen
Konsequenzen auseinander gesetz habe. Auf Psychiatrische Ebene ist diese Auseinandersetzung höchst
problematisch, geht man doch inzwischen, in psychiatrischen Kreisen davon aus, dass Isaack Newton, der
diese Analytische Herangehensweise erdacht hat, Schizophren gewesen ist, zumindestens im hohen Alter
(Quelle: Schizophrenie ein Denkausbruch mit Folgen im Roggenstock Verlag).
8
Der Aufenthalt
Die Einweisung ist vorüber. Sie haben sich für oder gegen Tabletten
entschieden. Der Arzt bringt sie auf Station. Dort bekommen sie ein
Zimmer, meist mit einem Mitpatienten zugeteilt, der in den allermeisten
Fällen das gleiche Geschlecht wie sie haben wird5. Stellen sie sich nicht
gleich vor, sagen sie ruhig und gelassen: “Guten Tag.”, aber nicht mehr.
Ein Pfleger wird sie durchsuchen, ob sie eventuell ein Messer oder eine
Rassierklinge oder sonst irgend etwas gefährliches bei sich haben. Sie
werden Ihren Personalausweis abgeben müssen, auch ihr Handy und ihr
gesamtes Geld, auch ihren Gürtel müssen sie in manchen
Krankenhäusern abgeben. Nun sind sie ein Mensch ohne Besitz, ohne
diesen ganzen anhänglichen Trödel. Sie sind praktisch ein Mensch
ausserhalb des Systems geworden, und doch stand ihnen das System nie
so nahe wie jetzt. Nun haben sie das erste mal seit ihrer Kindheit, wieder
die Gelegenheit auf ganz natürliche Art und Weise zu komuniezieren. Nun
haben sie die Gelegenheit das erste mal wieder seit ihrer Kindheit
unbeschwehrt durchs Leben zu gehen und das Leben leicht zu nehmen,
wie ein Kind.
Machen sie sich eines klar: Sie sind nicht allein hier drin. Sie sind von
Mitmenschen umgeben, denen es mindestens genauso schlecht geht wie
ihnen, wenn nicht noch schlechter.
Sollten sie sich nicht so schlecht fühlen, versuchen sie zu beobachten,
versuchen sie ein wenig in der Zeitung zu lesen, oder auf dem Gang
spazieren zu gehen. Versuchen sie ihren Körper zu aktivieren. In aller
Regel steht mindestens ein Fitnessgerät auf einer psychiatrischen Station,
in aller Regel wird es nicht sehr häufig benutzt. Seien sie der erste, der es
benutzt. Wenn ein Fernseher auf der Station ist, so schalten sie den
Musiksender ein und tanzen zur Musik. Sie sollten sich aber bewust sein,
dass ihr Verhalten genaustens vom Pflegepersonal beobachtet und
dokumentiert wird. So könnte man ihr Tanzen auch als einen epileptischen
Anfall deuten, ihr Lachen als ekstatischen Ausbruch, und ihr Schweigen
als Apathie, ansehen6. Seien sie sich dessen bewusst, aber nicht mehr.
Tun sie das, was sie möchten, aber seien sie sich über das andere stets
bewusst.
Machen sie Sport!
Malen sie Bilder!; Wenn auch nur mit Kuli; oder Bleistift.
Wenn sie eine Mundharmonika, sich mit Weitsicht vorher schon gekauft
haben sollten, so können sie, sie jetzt spielen.
Und kaufen sie sich Kaugummi, einige Psychopharmaka erzeugen
5 Sollten sie Transvestit sein... nun damit habe ich keine Erfahrung, lassen sie sich mal überraschen.
6 Hier möchte ich noch auf einige Phänomene eingehen: Das Head-Bangen auf einem Heavy Mettle Konzert ist das selbe Verhalten
wie uns geisteskranke Menschen beim sg. Stereotypistischen Hospitalismus zeigen, jedoch mit einem Unterschied: Der kranke
Mensch tut auf dem Stuhl schaukeln um des Schaukeln Willens, weil er etwas unterdrücken möchte in seiner Seele, Unruhe
nämlich weil er nicht anders kann, weil er es aus dem Grund tut dass er krank ist. Der Matler tut das selbe äussere Verhalten
zeigen aber er tut es aus einem anderem Grund, weil er sich zur Musik verhält, weil der Sinn seines Tuns eine Verbindung zum
inneren Erleben der Seele hat.
Nicht das Verhalten ist krank sondern die Seele ist es, und aus der Krankheit der Seele erwächst ein bestimtes Verhalten, welches
als äusseres Symptom nun das Bild einer Krankheit abgibt. Nun vielleicht hat ja der Kranke Mensch auch einen ganz bestimmten
Grund sich so und nicht anders zu verhalten aber er hat keine Kontakte, keinen der ihn versteht, Seien sie der erste der ihn
verstehen möchte.
Auch in einem religiösem Zusammenhang gibt es geistige Verzückung und Zungenreden. Ein Sachverhalt, der in jedem
psychiatrischen Krankenhaus als krankhaft angesehen würde, jedoch im Passenden Milieu überhaupt keine Symptomatic zeigen
kann. Versuchen sie sich nach ihrem Aufenthalt sich ein passendes Milieu zu suchen.
9
unwillkürliche Mundbewegungen, die sie durch das Kaugummi kauen
besser interpretieren können. Sie wissen dann besser warum sie kauen,
nämlich weil sie einen Kaugummi im Mund haben und nicht weil die
Tabletten unwillkürliche Mundbewegungen erzeugen.
Wenn man sie als krank bezeichnet, so sagen sie “Ja, natürlich bin ich
krank, aber erklären sie mir doch erstmal was das ist.”
Stellen sie die Frage: “Was ist Gesundheit.”
Sie werden keine Antwort bekommen, denn das ist ein philosophische
Frage, auf die kein Arzt eine Antwort hat. Das gesamte
Gesundheitssystem hat darauf keine Antwort.
Und wenn es so sein sollte, dass von Seiten der Ärzteschaft diese
Menschen als krank angesehen werden, die nach einer Antwort suchen,
nämlich die Philosophen und auch Künstler und Hobbyphilosophen und
auch kranke Menschen.
Nun das kann nicht sein.
Es sind Philosophen und Künstler die, der Welt einen Sinn verleien. Es
sind Philosophen und Künstler die, die Widersprüche integrieren und die
es leisten, dass wir Menschen alle zu einem integerem Weltbild gelangen.
Und die Tabletten lösen auch keine Probleme, sie geben einem nur das
Gefühl keine Probleme zu haben.
Es gibt immer Probleme, auch mit Tabletten, auch wenn man im Bett liegt
und nichts tut. Es gibt immer Probleme im Leben. Das Leben besteht aus
Problemen.
Und es geht nicht um die Probleme, es geht darum dass man lebt.
Ein Flucht in die Psychiatrie ist komplett ohne Sinn. Eine Flucht in
Krankheit ist komplett ohne Sinn. Es gibt kein Entrinnen aus dem Leben,
es gibt kein entkommen aus der Realität.
No! Life is existent!
Entscheiden sie sich für dieses Erdenleben. Greifen sie es mit aller Kraft.
Greifen sie zu. Begreifen sie dass sie noch ein Leben zu verlieren haben.
Begreifen sie dass sie noch kämpfen können solange noch Blut in ihren
Adern fliesst, und sie Luft durch ihre Lungen pumpen.
Bedenken sie, in der Psychiatrie gelten die gleichen Gesetze wie überall in
der Gesellschaft, sie haben nicht die Gesellschaft verlassen. Es gilt die
gleiche Verfassung wie überall in der Gesellschaft. Sie haben nicht die
Gesellschaft verlassen, auch wenn sie das wollten, auch wenn sie sich so
fühlen. Sie befinden sich in einer speziellen Situation.
Es gibt ein Telephon auf ihrer Station?
Falls sie unfreiwillig hier sind, rufen sie ihren Anwalt an.
Rufen sie ihre Freunde an.
Rufen sie nicht ihren Partner an, wenn sie sich mit ihm gestritten haben.
Und unterschreiben sie nicht die AGB's der Klinik, wenn man sie ihnen
nicht zeigen möchte. Fragen sie nach den AGB's, wenn sie, sie
unterschreiben sollen.
10
In unserem Land hat sich seit den 80' die Antipsychiatrie herausgebildet.
Sie können im Vorfeld ein, im Volksmund psychiatrisches Testament, in
Fachkreisen Vorsorgliche Patientenverfügung erlassen.
Diese muss vom Notar unterzeichnet sein, und mindestens drei Zeugen
sollten anwesend sein.
Ich halte nicht viel davon. Zeugt es doch davon, dass man schon im
Vorfeld nicht Vertraut.
Heilung der Krankheit wächst aber nur auf Vertrauen7.
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir uns alle irgendwie
beobachten. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft und sind somit auch
abhängig von einander, und insofern muss man einfach vertrauen.
Kennen sie den Film “Brazil”, dort heist es: “Verdacht schafft Vertrauen.”
Ich habe Grund zu der Anahme, dass sich die Gesellschaft sich immer
mehr dahin entwickelt. Wir schauen uns nicht mehr in die Augen, wenn wir
auf der Strasse laufen. Wir grüssen einander nicht mehr. Unsere
Gesellschaft wird immer mehr zu einem anonymen Ort, in dem jeder
seinen eigenen Weg geht und niemand mehr Rücksicht auf einander
nimmt8. Falls sie noch nicht mit der Psychiatrie in Berührung gekommen
sind, so können sie einen kleinen Teil dazu beitragen, dass dies nicht so
bleiben muss. Grüssen sie die Menschen, die ihnen begegnen. Schauen
sie ihnen freundlich in die Augen und sagen sie: “Guten Tag.” Auch zu
jenen die sie nicht kennen. Gehen sie mit einem Lächeln durch's Leben.
Ein amerikanischer Wissenschaftler hat herausgefunden, dass in einer
Gesellschaft, in der die Menschen sich nicht mehr in die Augen schauen
können, Misstrauen und Ängste schürt, Neid, Missgunst, Verdacht. Falls
es passieren sollte, dass sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen
werden, legen sie dieses Misstrauen ab. Legen sie den Verdacht ab. Und
helfen sie in der Psychiatrie, diesen anscheinend so ausgrenzenden Ort,
zu einem integrativen, menschlichem Ort zu machen. Helfen sie den
Pflegern, das Geschirr auf die Tische zu stellen. Helfen sie Tee-kochen.
Helfen sie den kranken, den schwerst-kranken Menschen, in dem sie mit
ihnen, unter ihnen sind. Denn im Prinzip sitzen wir alle im gleichen Boot.
Vielleicht sagen sie jetzt so etwas wie: “Ja aber wenn ich selbst krank bin,
wie kann ich dann anderen helfen?”
Darum geht es gar nicht.
Es geht nicht um Gesundheit oder Krankheit.
Es geht um Gesellschaft.
7 Ich weiss, dieses Vertrauen zu fassen ist wahnsinnig schwierig für einen selbst wenn man krank ist. Aber bedenken sie, die Ärzte
wissen es auch, dass sie es schwer haben im Moment, irgend jemandem zu Vertrauen. Und bedenken sie, auch die Ärzte sind nur
Menschen.
8Hier möchte ich das Bild der “Nagelbrettgesellschaft” vorstellen: Ein Nagelbrett, jeder Nagel ragt aus der Masse heraus jedes
Individuum ist einzigartig und ragt aus der Masse heraus. Aber es gibt keine Verbindung zwischen den Nägeln. Keine
Verbindungen zwischen den Menschen. Kein Kommunikation. Aber ich weiss es schon. Die Kommunikation ist auf eine andere
Ebene angekommen, nämlich dem Internet. Durch das Internet, kommunizieren wir heute. Und das ist die Auswirkung, dass im
öffentlichen Bereich der Gesellschaft kaum noch konkrete Kontakte stattfinden. Ich weiss nicht ob so etwas sinnvoll ist, denn Leben
findet nicht im Kopf statt, und Kommunikation findet keineswegs nur durch geistiges Austauschen statt, sondern auch durch
konkreten und physische Anwesenheit des Gesprächspartners. Ein Gespräch mit einem Gesprächspartner, der nicht direkt vor mir
sitzt, ist im Grunde genommen nicht viel Wert. Ich weiss, das sehen ganz viele Leute anders. Millionen Menschen kommunizieren
über das Internet, Millionen Menschen kommunizieren nicht auf physischer Ebene. Sie können kein Kind über das Internet zeugen.
Sie können nicht Nahrung aufnehmen, über das Internet. Sie können sich nicht Waschen, über das Internet. Sie können sich nicht
die Zähne putzen über das Internet. Sie können nicht die Natur erleben über das Internet. Und sie können auch nicht gesund
werden über das Internet.
11
Halten sie es für gesellschaftsfähig einem anderem die Hand zu geben,
der am Boden liegt, ihm Worte des Verständnisses ins Ohr zu flüstern?
Vielleicht sagen sie so etwas wie: “Es gilt das Gesetz, des Stärkeren, wer
am Boden liegt, muss selbst wieder aufstehen!”?
Aber über eine Hand die ihnen aufhilft, würden sie sich doch auch freuen,
oder nicht?
Seien sie Schwach!
Nehmen sie die helfende Hand an!
Haben sie Vertrauen!
Trauen sie sich zu, dass hinter der helfenden Hand auch nur ein Mensch,
wie Du und Ich steht und nicht ihr Feind oder ihr Konkurrent, oder das
Böse oder sonst irgend etwas.
Und nehmen sie diese helfende Hand selbstbewusst an. Sie können ihre
gesamte Kraft zusammennehmen und sie in dieses Vertrauen legen. Sie
können voller Stolz die helfende Hand annehmen, sie müssen nicht
niederknien oder sich devot verhalten. Voller Stolz können sie Vertrauen.
Wenn sie das geschafft haben, zu vertrauen, dann wird der Aufenthalt in
der Psychiatrie, nun zwar auch kein Spaziergang werden, aber es wird
vieles so vereinfachen, dass es sich nicht mehr lohnt darüber zu
diskutieren.
Nun können sie sich ihrem Leben auf Station wittmen. Sie können neue
Freundschaften knüpfen. Sie können Frauen und Männer kennenlernen
von denen sie bisher nur geträumt haben. Vielleicht kommen sie sich ja
näher als sie denken.
Lassen sie mich aber eines sagen:
Nehmen sie in keinem Fall an, dass sie eine Partnerin oder einen Partner
in der Psychiatrie finden werden. Die Beziehung besteht nur so lange wie
sie beide in der Psychiatrie sind und nicht einen Moment länger. Wenn
ihnen beiden das klar sein sollte und wenn sie die Beziehung auf einen
Schlag beenden können, in dem Moment in dem sie Entlassen werden;
ihnen beiden muss das klar sein. Dann können sie sich darauf einlassen.
Machen sie sich keine falschen Hoffnungen, machen sie sich die richtigen
Hoffnungen. Es ist nichts gegen einen gemeinsamen Spaziergang
einzuwenden, oder ein gemeinsames Ausgehen in eine Kneipe wenn sie
auf einer offenen Station sind. Aber um ihrer eigenen psychischen
Integrität Willen sollten sie davon absehen gewisse Intimitäten
auszutauschen.
Nun ja.
12
Die Entlassung
Sie haben es geschafft. Sie haben mit den Behandlern einen
Entlassungstermin vereinbart. Sie sind in Dialog mit sich und der Umwelt
getreten. Sie haben sich verabschiedet von gewissen Altlasten der Seele.
Von Gedanken, Gefühlen und Lebenseinstellungen unter denen sie
gelitten hatten. Von einem Stück Vergangenheit. Sie können nun die
Dinge besser und gesünder bewerten. Sie fühlen sich gesünder und
freuen sich am Leben.
Sie gehen aus der Klinik, wie sie gekommen sind, nicht als anderer
Mensch. Nein immer noch als der Selbe aber in gewisser Hinsicht frei und
neu geworden. Ein wenig verwandelt vielleicht.
Nun sind sie zu Hause.
In aller Regel müssen sie in Behandlung bleiben.
In aller Regel nach drei Tagen einen Psychiater aufsuchen, der über das
weitere Vorgehen mit ihnen entscheidet.
In manchen Fällen werden sie auch zu einem Psychologen gehen sollen.
Tun sie wie ihnen geheissen, aber überfordern sie sich nicht. Wenn sie
keinen Psychologen finden, der ihnen zusagt, dann lassen sie es bleiben,
sie brauchen ihn nicht unbedingt.
Wenn sie reden wollen, gehen sie in eine Kneipe und erzählen der
Bedienung etwas.
Durchsuchen sie das Internet nach geeignetet Plattformen wo sie ihre
Erfahrung berichten können.
Wenn sie einen Partner haben, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt um mit
ihm über alles zu reden, und wenn er oder sie es nicht hören möchte oder
kann, dann, so leid es mir tut, ist er oder sie nicht der/die Richtige für sie.
Sie haben immer noch sich.
Sie sind immer noch am Leben.
Und sie haben noch nicht aufgegeben zu Leben.
!!!Herzlichen Glückwunsch!!!
Freuen sie sich, dass sie es geschafft haben.
Freuen sie sich an jedem neuen Tag ihres Lebens.
Danke.
Mathis Tiquet©2009
13

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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