Klaus Buschendorf

In der Mühle

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

  1. In der Mühle

In Litauen, unweit der Grenze zum alten Ostpreußen, stand an einem kleinen Bach eine alte Mühle. Der Bach fließt noch heute, von der Mühle gibt es keine Spuren mehr. Was sich in ihr zutrug, schrieb Geschichte.

Ende des Jahres 1812 zog sich das 10. Korps des Marschalls Jaques MacDonald von Napoleons Grande Armee von Livland über Kurland nach Ostpreußen zurück. Es sollte bei Napoleons Russlandfeldzug seine linke Flanke nach Norden sichern. Von den Kämpfen blieb es verschont. Er war der letzte noch intakte Verband, unter ihm auch die als unzuverlässig geltenden preußischen Hilfstruppen, geführt von General Johann David von Yorck, der seinem Chef grollte wegen mangelnder Verpflegung. Mehr und mehr wuchs der Abstand zwischen ihm und den Franzosen. Doch es war wohl nicht nur die mangelnde Versorgung.

Zar Alexander I. von Russland hatte seinen Gouverneur von Liv- und Kurland, Marquis Philipp Paulucci, beauftragt, mit dem Kommandeur der preußischen Hilfstruppen Verbindung aufzunehmen. Briefboten pendelten zwischen dem Zar und seinem Gouverneur, bald auch zwischen Paulucci und Yorck. So erfuhr Yorck auf diesem Wege mehr von der katastrophalen Lage der französischen Armee als sein König. Er behielt sein Wissen nicht für sich. Ein Major Seydlitz diente ihm  als Kurier zu König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Damit wusste auch der ungeliebte Verbündete mehr als Napoleon selbst.

Inzwischen traf der russische Feldmarschall Hans Karl von Diebitsch bei der Verfolgung auf die preußischen Hilfstruppen. Von Paulucci informiert, ließ er nicht schießen, sondern schickte einen Verbindungsoffizier, Carl von Clausewitz, jenen, der den preußischen Dienst quittiert hatte und in den russischen getreten war. Alle Beteiligten waren deutsche Muttersprachler, der Potsdamer Yorck, der Niederschlesier Diebitsch und Clausewitz aus Burg im heutigen Sachsen-Anhalt. Sie einte die erlittene Unterdrückung durch Napoleon mit dem Willen Alexanders, den Okkupanten zu schlagen. Schnell lösten sie alle praktischen und diplomatischen Fragen, dass

  • Yorck, abgeschnitten von den Franzosen, eingeschlossen von den Russen, auf deren Territorium dem König von Preußen nicht unterstand,
  • Yorck sich für neutral erklärte und
  • Waffenstillstand zwischen Preußen und Russen herrsche.

So endeten die Verhandlungen in der Poscherauer Mühle bei Tauroggen am 30. 12. 1812.

In den Fluren des Berliner Schlosses soll der König gewütet haben – er wusste ja, dass dies Napoleon hinterbracht werde. Doch er duldete die geheime Aufstellung von Landwehren in Ostpreußen und dass die preußischen Reformer eine Spendenkampagne für den Volkskrieg ins Leben riefen „Gold gab ich für Eisen“. Er drohte Yorck mit Absetzung und Erschießung. Doch der rief am 05. Februar 1813 vor den Königsberger Ständen zum Volksaufstand gegen Napoleon auf. Der König schließt am 23./24. Februar 1813 in Kalisch einen Bündnisvertrag mit Russland und besiegelt am 17. März mit dem Aufruf „An mein Volk“ den Beginn des Volkskrieges gegen Napoleon.

Was für ein Gegensatz! Ist das derselbe König, der 1806 in der Schlacht bei Jena und Auerstedt so kläglich versagte und anschließend dem Volk befahl: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“? Ja, es ist derselbe – ein Monarch, der lernte! 1807 verlor Preußen die Hälfte seines Staatsgebiets – im Rescript vom 06. Dezember1812 sichert Zar Alexander ihm zu, im Falle eines Bündnisses mit ihm, Preußen vollständig wiederherzustellen. Vorher jedoch lässt Friedrich Wilhelm während der französischen Besatzung die preußischen Reformer Stein, Hardenberg, Humboldt und andere das preußische Staatswesen modernisieren – nicht immer erfolgreich, denn Napoleon bremst, sowie er die Vorherrschaft Frankreichs gefährdet sieht. Mancher Reformer muss Preußen verlassen, die meisten von ihnen gehen nach Russland. Des Königs Weg ist nicht gerade, auch eigene Standesgenossen hindern ihn, er schwankt in seiner Haltung zu Napoleon, diplomatisch oder nicht, doch endlich appelliert er an die Menschen, seine „Bürger“, das Land und sich selbst von der Fremdherrschaft zu befreien – kein Monarch vor ihm wagte es je, sich an die Spitze eines Volkskrieges zu stellen. Konnte er gar nicht anders handeln?

Sein Verbündeter von 1806 war der König von Sachsen. Der fiel ab von Preußen und erhielt von Napoleon das Großherzogtum Warschau – das vormals Preußen gehörte. Der Sachsenkönig Friedrich August hielt zu Napoleon bis nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Erst als die letzten sächsischen Soldaten zu den anderen Deutschen desertierten, schloss er sich dem Volkskrieg an – viel zu spät. Auf dem Wiener Kongress 1815 verlor er die Hälfte seines Landes. Nur weil Österreich einen Puffer zwischen Böhmen und Berlin wünschte, blieb Sachsen als Staat bestehen.      

Was wäre gewesen, wenn er wie der Sachsenkönig gehandelt hätte? Bündnistreue unter allen Umständen, auch erzwungene, gehörte zur Tradition des alten Adels.

Und was wäre gewesen, hätte sich auch Friedrich August dem Geist der Zeit gestellt, der in der Poscherauer Mühle aus einem den Befehl verweigernden Offizier einen Freiheitskämpfer werden ließ? Der ritt am 13. März 1813 an der Spitze seiner Truppen in Berlin ein und der frenetische Beifall der Berliner riss ihn zu keinem Mienenspiel hin – eben das Urbild eines preußischen Generals. Beethoven widmete ihm seinen Yorckschen Marsch.

Die Ereignisse wären wahrscheinlich anders verlaufen. Das Ergebnis aber, die Befreiung Europas vom Joch Napoleons durch die Völker Russlands und Deutschlands, wäre sicher das gleiche gewesen.

 

Klaus Buschendorf                                                                                                     05.07.2020

       

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus Buschendorf).
Der Beitrag wurde von Klaus Buschendorf auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Klaus Buschendorf:

cover

Filosofische Märchen oder Skurrile Gute-Nacht-Geschichten für Erwachse von Klaus Buschendorf



Wollen Sie spielerisch durch Zeiten gehen, Personen und Vorstellungen zusammen bringen, die nicht zueinander gehören - oder doch? Springen Sie in zwanzig kurzen Geschichten auf märchenhafte Weise durch Jahrtausende.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Historie" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus Buschendorf

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Was wäre, wenn von Klaus Buschendorf (Historie)
Der Tod des Templers von Claudia Laschinski (Historie)
Mörderisch makellos von Claudia Savelsberg (Leidenschaft)