Klaus Buschendorf

Mrschall Vorwärts

Was wäre, wenn …

Geschichten zur Geschichte

 

8. Marschall Vorwärts

Seit Tagen waren sie zurück gewichen vor Napoleons neu aufgestellter Großer Armee. Das sollten sie auch. Denn die Schlesische Armee war nur als Reserve vorgesehen. Die Hauptarmee unter dem österreichischen Generalfeldmarschall Schwarzenberg rückte von Böhmen auf Dresden vor. Die drei Korps unter  General Gebhard Leberecht von Blücher blieben in Tuchfühlung mit den Franzosen, angreifen sollten sie nicht. Doch dann kehrte Napoleon mit der  Hauptmacht um, zurück nach Dresden. Nur ein Korps unter Marschall MacDonald mit 100.000 Soldaten setzte den Vormarsch nach Schlesien fort.

Nicht zum ersten Mal stand Blücher französischen Truppen gegenüber. 1806 bei Auerstedt führte er einen Kavallerieangriff nach Erlaubnis des Herzogs von Braunschweig, am 02. Mai 1813 kämpfte er bei Großgörschen südlich von Leipzig unter dem russischen General Wittgenstein gegen Napoleon. Nun stand er als Kommandeur einer eigenen Armee am Zusammenfluss der Wütenden Neiße und der Katzbach südwestlich von Liegnitz (Legnica) in Niederschlesien. In Großgörschen riefen ihn die russischen Soldaten zum Marschall Vorwärts aus. Auch jetzt waren zwei Drittel seiner Soldaten Russen. Sie erwarteten von ihm, dass er seinem verliehenen Namen gerecht werde. Insgeheim wusste sich Blücher mit dem russischen Oberbefehlshaber Barclay de Tolly einig, bei günstiger Gelegenheit anzugreifen. Das zerschnittene Gelände und das schlechte Wetter schienen ihn herauszufordern.

Am 26. August 1813 griffen seine Vorhuten an, wurden aber von der französischen Übermacht auf das Plateau am rechten Ufer der Neiße zurückgedrängt. Ein russisches Korps unter von Sacken und das preußische von Yorck bezogen hier Stellung. Bei stärker werdenden Regen versuchten die Franzosen, den Uferhang des tief eingeschnittenen Tales zu erklimmen und ihren Angriff fortzusetzen. Russen und Preußen hielten stand und gegen 15 Uhr griff Yorcks Korps an. Ein französischer Kavallerieangriff blieb stecken, Blücher führte seinerseits russische und preußische Reiter zur Attacke und zwang die Franzosen zum Rückzug. Bei strömenden Regen und anschwellendem Fluss behinderten sich die Franzosen gegenseitig. Viele französischen Soldaten wurden von den Fluten erfasst und ertranken. Die Artillerie der Verbündeten rückte auf dem gewonnenen Plateau bis an den Rand vor und beschoss die Fliehenden. Erst bei Einbruch der Nacht endete die Schlacht mit 30.000 Toten und Verwundeten für die Franzosen. Russen und Preußen verloren nur 4.000 Mann.

Am nächsten Morgen verfolgten die Alliierten die flüchtenden Franzosen und jagten sie bis hinter  die Lausitzer Neiße. Für einige beteiligte Kommandeure brachte die Schlacht große persönliche Genugtuung. Blücher verbuchte nach seinem halben Sieg bei Großgörschen einen vollen Triumph, Yorck schlug seinen früheren Vorgesetzten beim Russlandfeldzug MacDonald. Und zu Ehren seines russischen Freundes van Sacken benannte Blücher die Schlacht nach der Katzbach, an deren Ufern sich dessen Korps so tapfer schlug. Doch die Auswirkungen waren viel bedeutender. Zur gleichen Zeit tobte der Kampf um Dresden zwischen den Hauptarmeen Napoleons und der Verbündeten. Zwei Tage vorher schlug die Nordarmee die französische „Armee de Berlin“ bei Großbeeren südlich von Berlin. Wenn auch Napoleon in der Schlacht bei Dresden seinen letzten großen Sieg erringen konnte, waren die Verluste für ihn doch so groß, dass er die Initiative und zahlenmäßige Überlegenheit verlor. Er musste sich auf Leipzig zurückziehen – und verlor dort  im Oktober die Völkerschlacht und den Krieg.

Daran hatte Blücher wieder großen Anteil. Er siegte im Norden von Leipzig, vernichtete ein ganzes Korps und verhinderte, dass Napoleon zwei Korps nach Wachau im Süden als Verstärkung gegen die Hauptarmee senden konnte.

Die deutschen Rheinbundfürsten fielen von Napoleon ab, ihre Truppen wechselten die Seiten. Zu Neujahr überschritt Blücher als erster mit seiner Armee bei Kaub den Rhein. Napoleon kämpfte noch zäh, siegte auch einige Male, doch Ende März 1814 zogen die Verbündeten in Paris ein und Napoleon musste auf den Thron verzichten. Der Wiener Kongress zur Neuordnung Europas begann. Es gab noch ein Zwischenspiel von 100 Tagen, als der nach der Insel Elba verwiesene Napoleon in Frankreich landete und eine neue Armee aufstellte. Wieder folgten Schlachten, doch in der letzten widerstand der Herzog von Wellington mit britischen und holländischen Soldaten seinem Angriff, bis Blüchers Truppen nach Eilmärschen das Schlachtfeld bei Waterloo (Belle-Alliance) erreichten. Die Engländer verbannten Napoleon als Gefangenen nach der Insel Helena, wo er 1832 starb.

Das waren ganz andere Soldaten, Kommandeure und auch Monarchen, die 1813 Napoleon gegenüber standen. Reformen in Preußen, der Widerstand der Russen – alle gesellschaftlichen Schichten waren reif für den Krieg gegen den Eroberer Europas. Kurz vor Erreichung seines Zieles schlug der Krieg der Monarchen um in den Volkskrieg. Nun führten auch untergeordnete Kommandeure ihre Truppen initiativreich gegen Napoleon – das Pfund, mit dem er seine früheren Kriege, besonders gegen Preußen, gewinnen konnte, lag nun in seiner Gegner Hand. Hinzu kam die Erbitterung der Völker gegen die Unterdrückung, das Vorbild der Russen, diese in aktives Handeln umzusetzen. So bewahrte Russland nun schon ein zweites Mal Europa vor dem Schicksal, in seiner Gesamtheit erobert zu werden – im 13. Jahrhundert vor der Mongolenherrschaft, jetzt vor einem entarteten Revolutionär, der sein eigenes Volk missbrauchte. Noch einmal sollte das 150 Jahre später so sein gegen faschistisches Übermenschentum. Was folgt aus der Geschichte? Nur wer aller Europäer Feind ist, kann wollen, dass Russland draußen bleibt!

Aber – was wäre gewesen, hätte Blücher an der Katzbach in Schlesien so gehandelt wie 1806 Hohenlohe am Landgrafenberg bei Jena? Hätte er sich nur brav an Befehle gehalten gegen eigenes Denken? Es ist kaum möglich, weiß man, was vorher geschah. Doch eine Überlegung sollte es wert sein.

 

Klaus Buschendorf                                                                                                     14.07.2020 

      

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