Peter Biastoch

Fotosafari 1

Was macht ein Hobbyfotograf in Zeiten von Corona? Er versucht Orte zu finden, an denen es nicht von Menschen wimmelt! Ja, gibt es die eigentlich noch? Natürlich gibt es sie und sie sind deshalb nicht von Leuten überlaufen, weil es dort weder zu essen, noch zu trinken und auch keine besonders schönen Dinge zu sehen gibt. Doch genau dorthin unternehme ich meine Fotosafari.

Was meine ich mit Foto-Safari? Meine Frau hatte mich erst auf diese Idee gebracht, als ich ihr sagte, dass ich gern wieder einmal etwas unternehmen würde, bei dem ich hemmungslos fotografieren kann. Bei Fotocommunity.de habe ich einen Fotofreund aus dem benachbarten Glauchau kennen gelernt (leider noch nicht persönlich, aber vielleicht läuft man sich doch zufällig mal über den Weg). Seine Bilder zeigen mir, dass er regelmäßig zu den verschiedensten Orten fährt, wo er interessante Motive erwartet. Aber, durch mein tägliches Laufprogramm (siehe Kurzgeschichte „Eine Million Schritte aus den Schmerzen“), komme ich nicht dazu. Meine Frau sagte zu mir: „Dann fahr doch zu so einer Stelle und laufe dort deine Strecke.“ Hätte ich auch selbst drauf kommen können! Sie selbst kann mich leider im Moment nicht begleiten, da sie zurzeit große Schmerzen im rechten Kniegelenk hat.

Also machte ich mich am Diensttag erstmalig allein auf den Weg und fuhr nach Waldenburg. Dort befindet sich eine stillgelegte Bahnstrecke, mit dazu gehörigem Bahnhof. Zu diesem wollte ich schon seit längerem, um nach Fotomotiven zu suchen. Man nennt solche verfallenden Gebäude ja auch „Lost Places“ und sie sind bei der Gilde der „Urbexer“ (Urbane Explorer – also „städtische Erkunder“) sehr beliebt!

Dazu ganz allgemein folgende Gedanken. Die Vergänglichkeit menschlichen Wirkens hat viele ähnlich lautende Namen: Lost Places; Hidden Places; Rotten Places, oder Rotten Areal usw. (Und wieder einmal sind wir Deutschen dem Englischen versklavt!) Viele Hobbyfotografen sind dem morbiden Charme dieser Orte schon verfallen. Es hat sich bereits eine regelrechte Subkultur etabliert.

Man trifft in diesen, dem Verfall Preis gegebenen Räumen auch auf Vertreter der Gotcha-Krieger, die sich gegenseitig mit Farbkugeln aus Druckluftwaffen beschießen. Auch Leute der Gothic-Bewegung zieht es hierher. Und natürlich Gruftis und Aktivisten der Okkulten Szene, die hier ihre schwarzen Messen zelebrieren.

Um uns von all diesen Anderen, diesen zwielichtigen Gestalten, die es ebenfalls in diese Ruinen zieht, zu unterscheiden, nennen wir uns „Urbexer“ und halten uns an einen strengen Codex. Dieser besagt: „Zerstöre nichts, verändere nichts, lass nichts zurück, außer deinen Fußabdrücken und nimm nichts mit, außer deinen Fotos!“

Daran halte ich mich natürlich auch. Also fuhr ich nach Waldenburg, suchte mir in der Nähe einen Parkplatz und ging zu Fuß über das Bahngelände, auf den ehemaligen Bahnhof zu. Das Wetter war herrlich und bereits auf dem Weg über die Gleise fand ich die ersten Motive, die sich zu fotografieren lohnten!

Man sieht den Schienen schon an, dass dort seit langem kein Zug mehr gefahren ist. Auch alles Andere verstärkte diesen Eindruck, des Verlassen seins lediglich. Eigentlich schade! Schließlich war diese Bahnstecke einmal eine direkte Verbindung zwischen Glauchau und Leipzig.

Ursprünglich gab es Gerüchte, dass man diese Strecke wieder in Betrieb nehmen wolle, doch nach einem Erdrutsch, in Folge eines starken Regens, war der Bahndamm zwischen Glauchau und Waldenburg zerstört und alle Pläne des Wiederaufbaus verschwanden in den Schubläden. Seither verfällt die Strecke und natürlich auch die daran befindlichen Bahnhöfe, Anlagen und allgemein alles, was zum Erhalt des Zugverkehrs benötigt würde.

Ich kniete mich hin und ging mit meiner Kamera mit den Gleisen auf Tuchfühlung. Auf der rechten Schiene aufgelegt führte dieses Stahlprofil, flankiert von den beidseitigen Reihen Befestigungsschrauben, den Blick von der rechten unteren Ecke ins Bild hinein. Es verliert sich in der Bildmitte im Gras, Ein Signalmast befand sich auf der linken Seite und ein Lichtmast auf der rechten, beide annähern auf der Linie des goldenen Schnittes. Mittig des Bildes sprießt ein Grashalm senkrecht in die Höhe. Zwischen diesem und dem Signalträger ragt das Obergeschoss und Dach des alten Bahnhofes aus dem wild zugewachsenen Dickicht ins Bild. Im Hintergrund das Grün des Hügels zwischen Waldenburg und Langenchursdorf.

Eine weitere Aufnahme, vom gleichen Stand… nein ich knie ja… also von gleichen Kniepunkt galt der rechten Seite einer einzelnen Schienenbefestigung. Ein Eisenprofil, auf der die Schiene lagert, wurde mit der Schwelle verschraubt. Dann ragt ein Gewindebolzen nach oben. Dieser dient einer beidseitig abgewinkelten Platte als Halt und eine kräftige Mutter hält diese Platte in ihrer Lage. Sowohl Eisenprofil, als auch Halteplatte sind so geformt, dass die Schiene nicht seitlich ausbrechen kann und am Geißfuß von der Platte in das Profil gezwungen wird. Was mein Bild nicht zeigt ist, dass diese Konstruktion beidseitig gleich ist.

Ich legte die Aufnahme so an, dass auf dem fertigen Foto alle relevanten Linien diagonal durch, oder in das Bild hinein, führen! Jetzt, beim nochmaligen betrachten stelle ich fest, dass die Farbe des Bildes eigentlich keine relevante Rolle spielt und ich diese Aufnahme noch einmal als schwarzweißes Bild ausdrucken werde. Was sich natürlich auch auf Holz, oder Leinwand sehr dekorativ ausnimmt!

Ich untersuchte also diesen Bahnhof und seine Nebengebäude. Was ich im Bild festhielt war generell der Verfall der Bausubstanz und natürlich auch der technischen Anlagen. Das Bahnhofsgebäude ist rundherum abgeschlossen. Doch irgendjemand wirft eine Scheibe ein und dann gibt es kein Halten mehr. Immer mehr Scheiben gehen zu Bruch. Doch, ich bin nicht verrückt, durch eine solche Öffnung einzusteigen und mir sonst was zu zerschneiden! Andere Urbexer haben da sicherlich weniger Hemmungen. Doch mir genügt die Ausbeute an Fotos, die ich bei so einer Safari schieße und das, was sich daraus machen lässt!

Nehmen wir zum Beispiel die Postkartenansicht des Bahnhofsgebäudes, die ich anschließend, mit dem Bildbearbeitungsprogramm „Gimp 2.10“ (ein kostenfreies Programm), auf „Alt“ getrimmt habe. Die ursprüngliche Aufnahme zeigt das Bahnhofsgebäude von der Gleisseite. Ich stehe rechts davon und habe das Gebäude, in seiner vollen Größe, mit dem davor liegenden Schienenstrang formatfüllend aufgenommen. Schienen und die gedachte Verlängerung der Dachkante gehen von der linken unteren und oberen Bildecke aus und verjüngen sich in Richtung linken Bildrand. Ihr Fluchtpunkt liegt ca. zwei Drittel der Bildbreite außerhalb der Aufnahme.

Man erkennt sehr gut den Wildwuchs an Büschen und Sträuchern, die sich mittlerweile zwischen Gleiskörper und Bahnsteigkante angesiedelt hat. Ich ignorierte das viele Grün und wandelte die Aufnahme in schwarzweiß um. Anschließend probierte ich verschiedene Möglichkeiten der Kontraststeigerung, bis ich schließlich noch die Struktur einer alten rostigen Fläche über die Aufnahme legte und mir geringer Deckung verrechnen ließ. Das Resultat ist ein Bild, das aus einem alten Postkartenalbum stammen könnte, das jahrzehntelang, ungeschützt, auf irgendeinem Dachboden sein Dasein gefristet hat.

Was manchem Urbexer, bei seinem Versuchen entgeht, unbedingt in so ein Gebäude „hinein zu müssen“, sind die vielen kleinen Dinge am Rand. Die leider herausgerissenen Abstellgleise, die scheinbar achtlos liegen gelassenen Schwellen, Schrauben und Muttern, die fotografische Stillleben ergeben.

So machte ich reiche Beute, als ich alte, arg verrostete Schrauben ins Visier meiner Kamera nahm. Ursprünglich waren es diejenigen Schrauben, die zur Befestigung der Gleise gedient hatten. Herausgedreht, liegengelassen, waren sie nun Objekte meiner fotografischen Begierden.

Da sah ich zwei dieser Schrauben, eng aneinander geschmiegt. Eine davon war größtenteils von Schotter, verdorrten Ästen und dergleichen bedeckt. Die andere lag oben auf und war vom herausdrehen verbogen. Eine krumm, die andere im Boden versunken lagen sie bei einander und schienen sich gegenseitig zu trösten. Wer von beiden wohl mehr Trost benötigte? Ich hielt meine Kamera so, dass diese beiden Hauptmotive eine annähernde Parallele von links oben, nach rechts unten bildeten. Wenn ich es bei fotocommunity.de veröffentlichen werde, gebe ich dem Bild vielleicht den Namen: „Schreckschrauben“

Nicht weit von dieser Stelle entdeckte ich ein weiteres Stillleben. Da lag eine dieser Spannmuttern auf einer noch im Boden befindlichen Schwelle. Ich visierte sie mit meiner Kamera an und dabei entdeckte ich, dass links oberhalb noch eine weitere, seriengleiche Mutter, im Boden und unter abgestorbenen Blättern und Ästchen, im Schotterbett lag. Ich ließ sie leicht unscharf und machte die ursprünglich entdeckte Mutter und ihr sauberes Innengewinde und den äußeren Flugrost zum Hauptmotiv.

Als sehr interessant stellte sich auch der Stapel der herausgerissenen alten Schwellen dar. Dieser sagte mir, dass er schon vor längerer Zeit dort aufgetürmt worden sein musste. Die untersten Schwellen waren bereits vollständig in Laub und geschredderten Grünschnitt versunken. Auf den frei liegenden hatten sich größere Flächen Moos angesiedelt und ganz allgemein sah man, dass dort lange Zeit nichts geschehen war.

Ich richtete meine Kamera so aus, dass die Kanten der Schwellen Diagonalen im Bild bilden würden. Später, am PC beschnitt ich das Motiv auf ein Quadrat, was der Aufnahme einer Hasselblad-Kamera entspricht. Also, um angeberisch zu sein, einer Kamera der höchsten Preisstufe. Was mich bei diesem Format allerdings amüsiert, ist die Tatsache, dass ich in meiner Frühzeit des „fotografischen Schaffens“, also mit 12 bis 14 Jahren, ebenfalls dieses Bildformat benutzte. Damals nannte ich eine „Pouva start“ mein eigen.

Dieser Fotoapparat war das billigste Teil, das man zu DDR-Zeiten erwerben konnte. Plastikgehäuse, heraus drehbares Objektiv, mit den Einstellungen für „Moment“ und „Zeit“ bzw., auf der anderen Seite: „Trüb“ und „Sonne“! Aber, ganz so schlecht waren Aufnahmen damals dann auch nicht.

Was ich bei meinen Erkundungen leider auch fand, ist Müll. Müll, der von lieben Zeitgenossen in unverschlossenen Räumen, wie hinter der offenen Tür des kleinen Nebengebäudes, entsorgt wird. Das ist kein altes Büromaterial, oder verwitterte Einrichtung. Das ist Müll! Kein Grund für mich ein Foto zu machen.

Auf meinem Rückweg zum Auto fiel mir die zwei noch stehen gebliebenen Signalanlagen ins Auge. Sie bekamen einen speziellen Reiz, wenn man sie vor dem hellen Himmel, oder in ihrem zugewachsenen Zustand ablichtet. Das Bild des frei stehenden Lichtsignals musste ich allerdings sehr intensiv nachbearbeiten. Ich hatte sie von unten nach oben aufgenommen. Der starke Helligkeitskontrast zwischen der schwarzen Signaltafel und dem hellen Himmel war zu viel für eine einfache Aufnahme. Entweder wäre der Himmel nur eine weiße Fläche geworden, oder das Signal hätte außer einer schwarzen Silhouette – einem schwarzen Rechteck – keinerlei Zeichnung. Selbst das Licht, das durch die frei liegende grüne Scheibe schien, wäre im Schwarz versunken. So verwendete ich mein HDL-Programm, um aus den Rohdaten meiner Aufnahme das möglichst heraus holte.

Übrigens machte das Bahnhofsgebäude auch von der Straßenseite noch etwas her. Zwar lag es, an diesem hellen Tag völlig im Schatten, doch mit meiner Bildbearbeitung konnte ich es aus dieser Dunkelheit heraus holen.

Gegenüber dem Bahnhofeingang befindet sich ein weiteres Haus, das von seinen Einwohnern verlassen wurde. Es schein ähnlich Alt zu sein. In Richtung Glauchau fiel mir schon seit längerem ein Backsteingebäude neben dem Bahnhof auf, das vom Baustil zu den Anlagen der Deutschen Reichsbahn passt. Es ist bewohnt und sieht noch sehr gut aus. Ich machte davon eine Aufnahme, vom Bahnübergang aus. Doch nun zurück ins Auto und nach Hause, um meine Ausbeute zu sichten und mit der Bearbeitung zu beginnen…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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