Thomas Heitlinger

Der Asteroid

Der Asteroid

Thomas Heitlinger © 2020

 

Wie eine kleine Spinne näherte sich die Sonde an einem imaginären Faden aufgehängt fast in Zeitlupe dem Riesenungetüm eines Asteroiden. Sie breitete ihre Sechs Beine aus und der autonome Navigationscomputer begann nach einem optimalen Landeplatz Ausschau zu halten. Die runden tapsigen pfannenartigen Panels waren eigentlich völlig ungeeignet für eine Landung auf einem unebenen felsigen Grund. Aber nachdem dieser Riese von einem Asteroid über Nacht aus dem Nichts auf den Bildschirmen der Weltraumüberwachung der nationalen Forschungseinrichtungen erschienen war, blieb keine Zeit mehr, eine Apparatur eigens für diesen Zweck zu konstruieren. Stattdessen hatte man in der Kürze auf eine bereits vorhandene Mondsonde zurückgegriffen und diese geringfügig modifiziert.

 

Im Kontrollzentrum verfolgte die Mannschaft mit gespannten Schweigen den Weg der kleinen Sonde. Man hatte ihr den Namen David gegeben und den Asteroiden auf Goliath getauft.

Und David bewegte sich langsam aber bestimmt auf das Monstrum zu, um in den Landevorgang überzuleiten. Der Navigationscomputer begann die noch verbleibende Entfernung herunter zu zählen. 1000 Fuß, 800 Fuß, 600 Fuß, 400 Fuß. Goliath kam immer näher und David raste auf ihn zu.

 

Knapp 5 Meter vor Ground Zero schoss der Fanghaken aus der Unterseite auf Goliath zu. Der Fanghaken, an einer Winde befestigt, sollte verhindern, dass bei einer missglückten Landung die Sonde durch die kinetische Energie wieder zurück ins Weltall geschleudert werden würde. Doch was war das? Der Haken durchschlug die Oberfläche wie ein Löffel ein hartgekochtes Ei und drang tief in Goliath ein. Von der Wucht des Einschlags mitgezogen durchbrach die Sonde ebenfalls die Schale. Kurz darauf brach die Verbindung zu David ab und nur das Bild von Goliath auf den Überwachungsschirmen blieb erhalten.

Und dieser Goliath war auf direktem Kollisionskurs mit der Mutter Erde.

 

Commander Waters verfolgte das Geschehen um die Sonde mit vorgetragener Genugtuung. Hab ich es nicht gleich gesagt, dass es völlige Zeitverschwendung ist, rief er laut in die Runde Er sah fordernd in den Überwachungsraum in dem Männer und Frauen hinter den Bildschirmen das Geschehen beobachteten. Marne Belcam die zuständige Wissenschaftlerin der NASA atmete tief durch. Neben ihrer Tastatur lag ein grauer Stressball mit dem Logo der Agentur. Sie nahm ihn und drückte ihn fest und lang in ihrer Hand.

 

Ich habe nur um eine Stunde gebeten, antwortete Marne verzweifelt. Eine Stunde zur Analyse aus was das Ding besteht. Vielleicht wäre es danach möglich, seine Herkunft zu ermitteln.

Sie vermied es tunlichst, den Asteroiden bei seinem Namen zu nennen. Vergessen Sie's, ich habe Ihnen ein halbe Stunde eingeräumt, das muss reichen. Und davon sind, der Commander feixte, bereits fünf Minuten abgelaufen. Wir sind bereits im Anflug Kindchen. Und tatsächlich hatten die Navigationssensoren der mit doppelter Sprengkraft bestückten Minuteman-Rakete unter der jungfräulich weißen Raketenspitze den Asteroiden bereits erfasst und ins Visier genommen.

 

Die nächsten 20 Minuten vergingen in gespannter Stille. Der Aufprall der Sonde hatte Goliath, ein im übrigen unförmiges großes Etwas im All in leichte Rotation versetzt, ohne jedoch Richtung oder Geschwindigkeit zu verändern. Wie vor 70 Millionen Jahren raste ein ungefähr zwanzig mal zwanzig Kilometer großes unförmiges Objekt mit hoher Geschwindigkeit durch Zeit und Raum, mit direktem Kollisionskurs auf die Erde. Und zu den katastrophalen Folgen, die ein Einschlag haben würde, war wenig an Phantasie erforderlich. Zumal die Wissenschaftler seinen historischen Vorgänger die Schuld am Aussterben der Dinosaurier bezichtigten. Eine neue Zeitrechnung war damals mit dem Übergang von der Kreide zur Paläogen eingeleitet worden.

Unvorstellbar, was dieses Mal an Zerstörung zu erwarten war.

 

Dann rief Marne, ich hab ein Signal von der Sonde. Unglaublich, unfassbar. Auf dem Asteroiden hat es organische Verbindungen. Das Ding da draußen lebt. Eine murmelnde Welle der Überraschung lief durch den Kontrollraum. Commander schrie Marne. Wir haben exterristisches Leben. Stoppen sie die Rakete!

 

Jetzt werden Sie sehen, wie man das richtig macht, protzte der Commander. Alle hielten den Atem an als die Rakete auf den Asteroiden zuraste. In einer Entfernung von vier Kilometern vom Objekt sollte die Explosion mit der Gewalt von 10 Wasserstoffbomben erfolgen, um den Goliath in handliche Bestandteile zu zerlegen. Doch nichts geschah. Der Atomblitz blieb aus und der Asteroid blieb auf dem Bildschirm und die Rakete verfolgte ihren direktem Kurs auf Goliath.

 

Anstatt eines stürmischen Applaus machte sich eine eigenartige Stille im Kontrollraum breit. Der Commander schwieg betroffen. Ich bekomme weitere Daten schrie Marne Unglaublich, unfassbar. Auf dem Asteroiden hat es organische Verbindungen. Das Ding da draußen lebt!

 

Doch im gleichen Augenblick explodierte die tödliche Ladung, zerriss mit Höllenfeuer Goliath und auch David in ihre atomaren Bestandteile, und obwohl die Explosion weit außerhalb des Weltalls stattfand, war der Lichtblitz auf der erdzugewandten Seite deutlich zu erkennen. Und jeder der dabei gewesen war, erzählte von diesem Augenblick der Rettung der Menschheit im letzten Aufgebenblick noch seinen Kindern und Kindeskindern.

 

Die Daten der Sonde David waren zwar eindeutig aber wenig aufschlussreich. Wir werden nie erfahren, welche Art von Lebewesen auf Goliath gelebt haben, geschweige denn, woher der Asteroid genau kam, beklagte Marne, nur kurze Zeit darauf bei der vorläufigen Abschlussbesprechung.

 

Sie blickten zusammen aus dem Fenster. Der Verkehr war wieder in Gang gekommen. Die Nachricht von der erfolgreichen Zerstörung des Asteroiden verbreitete sich blitzartig und ließ das kurzfristig gestoppte Leben wieder in Gang kommen. Die ganze Welt hatte die Operation mit gebannter Spannung verfolgt. Der Wirtschaftsfluss war unterbrochen, Kriege waren ausgesetzt, das gesellschaftliche Leben war zum erliegen gekommen. Alles lief langsam wieder an.

Ich werde dafür sorgen, dass niemand davon Kenntnis erhält, ergänzte der Commander bestimmt. Marne versuchte zu widersprechen. Der Commander sah die Wissenschaftlerin streng an und seufzte tief. Löschen Sie sofort die Daten! Seien Sie lieber froh, dass wir alle so davon gekommen sind.

 

Ula-Ra, Betreiber eines privaten Fährdienstes zwischen Milchstrasse und Andromedanebel bekam zur gleichen Stunde, wenn dieser Begriff der übergalaktischen Zeitrechnung überhaupt passen würde, Post vom universalen Büro des Ordnungsamts für allgemeine Angelegenheiten.

 

Bereits zum wiederholten Male, konkret zum zweiten Mal so wurde ihm vorgeworfen hätte er auf seiner Verbindung illegal den Inhalt der Bordtoilette ins All entsorgt. Nun war der Flug zwischen Milchstraße und Andromeda eine langwierige Angelegenheit und im Vergleich der fachgerechten Entsorgung von Sondermüll war die ihm in Rechnung gestellten Ordnungswidrigkeit eine Bagatelle. Zudem erhöhten die lizenzierten Entsorgungsunternehmen ständig die Preise, ein weiteres Ärgernis.

 

Nun aber drohte ihm das Amt bei erneuter Wiederholung mit Entzug der Fährlizenz. Das war eine ernste Angelegenheit.

 

Ula-Ra knüllte ärgerlich den Brief zusammen und warf ihn in die Ecke. Mit Grauen erinnerte er sich an den Inhalt des Tanks, halb- und gänzlich verdautes war vereint darin geschwommen. Was wohl passieren würde, wenn dieses Zeug auf fruchtbarem Boden fiele.

 

Ula-Ra schüttelte angewidert seinen massiven Körper. Beim nächsten Mal auf der Strecke würde er sich das Ganze vermutlich doppelt überlegen müssen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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